Musik in Farbe oder die Verpixelung der Welt

Heut Nacht, wie ich geborgen unter dem Sternenhimmel von der Schweiz nach Hause in die Pfalz fahre und dabei, um nicht einzuschlafen, Musik höre, entsteht ein Bild in mir. Der Klangteppich des Songs, der eben läuft, löst sich in einzelne Farbpunkte auf. Wie einzelne Fäden, wenn wir an die orientalischen Teppichknüpfkunst denken. Wie einzelne Pixel, wenn wir an deren virtuelle Analogie denken. Auflösung von Musik in Farben. In Punkte. Auch meine Gedanken lösen sich auf, in Farben, in Muster, in Flächen und Formen. Ungeformte Formen irgendwie. Falls es das gibt. Null und eins sind jene Elemente, aus denen sich alles zusammensetzt Und in das sich alles wieder auflöst. Auflösung in die virtuellen Codes. Auflösung. Ein Wort, das ich mir auf der Zunge zergehen lasse, ohne es laut auszusprechen. Etwas löst sich auf. Lösung. Klarheit.
Das Jetzt von gestern, im aktuellen Moment übergroß und alles dominierend, wird klein. Ich distanziere mich. Ich bewege mich weiter. Schon ist der große Punkt ein kleiner Punkt und Prioritäten verschieben sich.
Meinen Besuch in der Schweiz, der primär der erneuten Prüfung meines inzwischen reparierten Gefährts galt, hatte ich vorgängig mit einigen Besuchen bei Freundinnen vernetzt. Nachdem ich meinen Liebsten in H. zum Zug gebracht hatte, damit er den Pfälzer Jakobsweg pilgern und darüber livebloggen kann, fuhr ich in meinem neuen, entschleunigten Tempo schweizwärts. Irgendwann würde ich ankommen, zum Prüfzentrum bei Biel fahren, die Nachprüfung bestehen und anschließend zu Freundin C. nach Bern fahren. So mein Plan. Irgendwann, um halb eins, als ich kurz vor Haguenau und seiner Autobahneinfahrt mein Sandwich knabberte, guckte ich mir das Formular erstmals genauer an. Oh Schreck, die haben ja das Nachprüfungszeitfenster nur von zehn nach eins bis fünfzehn Uhr auf! Zweieinhalb Stunden reine Fahrzeit würde ich bis Biel mindestens brauchen. Punkt fünfzehn Uhr müsste also zu schaffen sein. Dass es mit meiner Gemütsruhe vorbei war, ist logisch.
Punkt drei Uhr war ich in Biel, mitten in dieser Stadt, die ich eigentlich kaum wirklich kenne. Das Prüfzentrum in Biel-Orpund wurde nun zur berühmten Nadel im Heuhaufen der Straßennetzes. Die ich erst um Viertel nach drei endlich fand. Ich hätte das mit dem knapp zweistündigen Zeitfenster nicht gewusst, sagte ich und stieß damit am Anmeldeschalter auf Verständnis. Immerhin wurde ich zum Chef vorgelassen, doch der winkte ab.
Kommen Sie morgen Nachmittag wieder!,
sagte er.
Morgen? Aber morgen ist doch die Dreißig-Tage-Frist abgelaufen!, sagte ich. Dachte, warum ich aber auch immer alles im letzten Moment machen musste. Dachte, warum ich den Zettel nicht vorher angeschaut hatte. Dachte auch, dass ich doch morgen, Mittwochnachmittag, im Aargau mit Freundin M. abgemacht hatte.
Aber nein, morgen ist doch erst der letztmögliche Tag!, erklärte mir der Chef. Was meiner Logik zwar zuwiderlief, aber immerhin ein Türchen öffnete. Grummelnd verließ ich das Zentrum und fuhr bernwärts. Wie sollte ich das Problem bloß lösen?
Bei Freundin C. und Little-F. rief ich Freundin M. an und wir beschlossen, dass sie morgen mit mir nach Biel an die Prüfung kommen würde und wir anschließend dort gemeinsam ein Seebad oder einen Ausflug genießen würden. So könnte ich am Donnerstagvormittag nochmals C. besuchen und zu ihrer Entlastung, da sie gesundheitlich angeschlagen war, mit Little-Finn einen Spaziergang machen. Nach einem Abend und einer Übernachtung bei Freundin A.
Alles fügte sich zusammen. Bei A., mit der ich  einen gemütlichen weinseligen Abend verbracht hatte, erhielt ich beim Frühstück eine SMS von Freund K., der fragte, ob ich auf dem Rückweg bei ihm vorbeischauen möge. Wieder ein neues Puzzleteilchen. Ein neuer farbiger Punkt. Eine bunte Fläche, die zum Gesamtbild passt.
So vergeht der Tag inmitten eines wunderbar-bunten sozialen Gewebes und mir gelingt es, die einzelnen Begegnungen ganz intensiv zu genießen. Mit M.s moralischer Unterstützung schaffen wir mein Sternchen durch die Nachprüfung und treffen den Bielersee in Vorgewitterstimmung an. Stürmischer Wind, Wolken, Pappelbaumwollbällchen, die herumwirbeln. Wir parken, stürzen uns ins Strandbad und in den See (saukalt) und picknicken anschließend bis zur Sturmwarnung. Jippie, es regnet. Immerhin ganze drei Minuten bis wir im Auto sind. Auch der Sturm legt sich wieder. Nur die Parkbusse hätte nicht sein müssen. Wir hatten im Eifer des Gefechts nämlich schlicht übersehen, dass der Parkplatz kostenpflichtig ist. Hätten wir eigentlich wissen müssen. Na ja.
Später, im Café, hellt es wieder auf und schon bald ist es auch wieder so heiß wie davor. Was für ein Tag! Und schon wieder ein Abschied und bereits bin ich unterwegs zur nächsten Verabredung. K. und ich finden uns gleichzeitig am Treffpunkt ein. Gut getimt, trotz meiner kleinen Verspätung. Er lädt mich zum Essen ein und wir tauschen angeregt aus.
Wäre ich am Mittwoch rechtzeitig in Orpund gewesen, weil ich das Formular seriös gelesen und nicht so gebummelt hätte, hätte ich weder das Bad im See noch die Parkbusse noch den Sturm erlebt. Auf die Busse hätte ich allerdings gerne verzichtet, zugegeben. Und wäre ich wohl, wenn ich – wie ursprünglich geplant – M. im Aargau getroffen hätte, nochmals zu C. gefahren? Wäre ich mit Little-F. im geliebten Bremerwald spazieren gegangen? Und hätte ich mit K. so oder so oder so spontan abgemacht?
Der Fluss von Schicksal, Zufall, Augenblick, wir haben ihn nicht in der Hand. Dominosteinen gleich, löst jede Bewegung eine neue aus. Begegnungen aller Art (= Kunst?) beeinflussen uns Schritt für Schritt. Alltagsalgebra: Wenn so, dann so. Aber auch: Wenn so, wäre dann so? Logische Folgen. Möglichkeiten. Punkte.
Um halb zehn dann überquere ich müde die schweiz-französische Grenze. Heimwärts durchs Elsass rolle ich mit einem übervollem Herzen. Auch materiell bin ich überall beschenkt worden, obwohl ich zu all meinen FreundInnen mit leeren Händen gekommen bin, denn außer mich selbst hatte ich keinerlei Mitbringsel dabei.
Farben. Formen. Klänge. Müdigkeit. Dankbarkeit ist gelb. Aufgelöst in sonnengelb.

Wie das Internet unser Denken verändert

Heute Morgen in der Zeitschrift DU geniale Gedanken über unseren täglichen Umgang mit dem Internet gelesen:

Anthroplogie – Nicholas Carr
Wie das Internet unser Denken verändert
Literaturstudenten, die keine Bücher mehr lesen. Informationsstakkato, das die Kreativität blockiert. Nervenstrukturen, die sich rasch umwandeln: Der Erfolg der digitalen Technik verändert nicht nur unser Leben, sondern auch unser Gehirn. Nicholas Carr zeigt, in welche Richtung.

Hier gucken für Infos zum DU-Heft. Eine Leseprobe aus dem Buch („Wer bin ich, wenn ich online bin …“), woraus der Artikel aus dem DU-Heft zitiert worden ist, gibt es hier.
Ach, und schon bin ich mittendrin, mitten im weltweiten Netz von Links und Hyperworld. Hilfe, ich bin eine Gefangene im Netzwerk unserer Bilder-Community!, habe ich vor drei Tagen zu meinem Liebsten gesagt, spätabends, vor dem Laptop sitzend.
Internet macht zwar Multitasking, aber wir sind dabei – weil sich unser Hirn im Laufe der Zeit verändert – andere Kompetenzen zu verlieren. Urteilsvermögen zum Beispiel. Wir übernehmen auch nur so als Beispiel ungefragt Vorgaben und Strukturen, die das Internet vorgibt. Die vermeintliche Freiheit von Internet ist trügerisch. Wir sind alles Süchtige. Wir lenken uns ab. Wir verlieren Tiefgang und Konzentrationsfähigkeit. Sagt Carr. Und vieles mehr, das sehr lesenswert ist. Und zu denken gibt.