Da wollte sie eigentlich seit Stunden einen coolen Artikel schreiben. Ein bisschen satirlich sollte er sein und von der schönen, heilen, virtuellen Welt sollte er handeln. Und von Webcommunitys und Herdentierchen, die in jenen Gemeinschaften ihre Ersatzheimat fanden. Und endlich glücklich sein und vor sich hin glitzern konnten. Kurz gesagt wollte sie einen Artikel über Internetsucht und Internetgläubigkeit schreiben. Und es sollte auch ein Resümme zu einem weiteren Artikel* aus der bereits gestern erwähnten „DU“-Ausgabe werden („Digitales Leben – Reportagen aus der Parallelwelt“). Sie legte sich bereits die Worte im Kopf zurecht und sie würde auch darlegen, warum sie nicht bei Facebook dabei ist.
Was aber tut sie stattdessen? Genau! Sie surft. Sie schaut sich dies und das an. Vergisst Zeit und Materie und verschmilzt beinahe mit ihrer Tastatur. Sie lädt neue Bilder in ihre Kunst-Community hoch. Und kaum ist das letzte Bild hochgeladen, und noch nicht mal fertig beschrieben, als auch schon der erste Kommentar eintrifft. Von einem ihrer Lieblingsmitglieder. Die Mailbox bimmelt. Gleich darauf folgt der zweite und der dritte. Ach, diese Gier nach Anerkennung …
Voyerismus und Exhibitionismus brauche es, um sein (Parallel-)Leben im Internet auszubreiten, sagt Kummer im besagten Artikel. Provokativ inszeniert er, wie er – während er auf seinen Sohn wartet – ständig vom Vibrieren seines iPhones an Facebook-Updates erinnert wird. Er karikiert herrlich, was die guten Freunde laufend an Neuigkeiten hochladen. Freunde, die er zum Teil nur vom Namen her kennt, die er dennoch als Freunde geaddet** hat, weil sie entweder ihn zuerst als Freund geaddet haben oder weil sie gemeinsame Freunde haben, die sich wiederum auch gegenseitig geaddet haben. Wer dich addet, den musst du auch adden – das erste Gesetz des digitalen Networking. Natürlich nur, falls du dir einen Gewinn aus der Vernetzung erhoffst. Und wer dir ein „Gefällt mir!“ schickt, dem musst du später auch ein „Gefällt mir!“ schicken.
Schnitt.
Heute Nachmittag habe ich meinen Liebsten, der kurzfristig auf dem Pfälzer Jakobsweg unterwegs ist, als Ausstellungshüterin vertreten. Zweieinhalb Stunden habe ich in einer zur Galerie umfunktionierten Kirche verbracht, mit dem iPhone ein paar Bilder aufgenommen, diese auch gleich mit ein paar tollen Apps bearbeitet und vor Ort in meine bereits erwähnte Internet-Community hochgeladen. Keine schlechte Sache. So ein Ausstellungshüte-Job täte mir eigentlich ganz gut gefallen. Idealerweise natürlich gegen Bezahlung.
Jetzt, wieder daheim am Rechner, surfte ich durch das Universum. Ich besuchte die gemeinsame Galerie der Community, wo kaum eine Minute vergeht, ohne dass ein Bild hochgeladen wird. Ich schrieb eine Reihe von Kommentaren zu Bildern, die mir gefallen. Ab und an ertappe ich mich, dass ich auch mal einen Kommentar zu einem mittelmässigen Bild schreibe, weil mir besagte Person auch einen netten Kommentar geschrieben hat. Oder weil die eine oder andere Person kaum Kommentare bekommt. Oder ich nehme Personen in meine Favoritenliste auf, weil sie mich ebenfalls in ihre Liste aufgenommen haben. Siehe erstes Gesetz des digitalen Networking. Das ist ja auch okay, aber so werden die Grenzen schwammig.
Ich will um der Qualität willen kommentiere nicht einfach bloß, weil ich nett sein will. Irgendlink, der in der Regel weniger Kommentare zu seinen Bildern erhält als ich, obwohl ich seine Bilder besser als meine finde, sagt, wann immer ich eins seiner Bilder kommentiere, dass ich es bloß aus Mitleid getan hätte. Augenzwinkernd sagt er es, natürlich, weil es ja nicht stimmt. Doch es wirft in mir die Frage auf, warum andere meine Bilder kommentieren. Und warum ich die Bilder der anderen kommentiere. Ist ja beim Bloggen nicht anders, ach …
Mitleid ist im Kunstbereich kein guter Ratgeber. Und auch sonst nirgends.
Sonst stehe ich, sonst stehen wir auf einmal ohne Kleider da …
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* Facebook – Tom Kummer
Facebook Revisited – die Fiktion des Realen
Der Borderline-Journalist Tom Kummer löste im Jahr 2000 mit fiktiven Interviews einen Medienskandal aus. Seine Kollegen verwirklichen ihre schillernden Seiten im Internet. Facts & Fiction beim Facebook-Besuch.
** adden: zu einer Liste hinzufügen
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Des Kaisers neue Kleider:
– Märchen
– Wikipedia
Great picture. Like it. Fav!
🙂
thx so much for your comment, dear irgend
😉
ich liebe deine bilder und deine artikel
und das schreibe ich jetzt nur, um nett zu sein – lach und augenzwinker
thx very much for your compliments, dear u.!