Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.