Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.
Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …
Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.
Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?
Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …
Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?
Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.
Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)
Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.
Monat: August 2012
Der fehlende Nagel
Neulich, bei Kate Atkinson, las ich ein Gedicht. Ein Zitat. Leider ist das Buch schon wieder in der Bibliothek, so dass ich es hier nicht rezitieren kann. Um einen Nagel ging es, um den fehlenden Nagel um genau zu sein. Denn eigentlich ist es ja immer nur ein fehlender Nagel, der an allem schuld ist. Im Gedicht war er schlussendlich schuld daran, dass ein Krieg ausgebrochen ist und viele ihr Leben verloren habe. Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Gestern auch. Irgendlink war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Hauptschalter, an dem mein Laptop hängt, den er neu aufsetzen wollte, bereits eingeschaltet ist. Er legte die Windows-Wiederherstellungs-CD ein, die er neben dem Betriebssystem Linux installieren wollte (damit ich wahlweise wechseln könnte) und startete die Einspielung des Programms. Ein Kontrollblick nach einer Viertelstunde (das ist die Zeit, die wohl bei Nichtaktivität im Akkumodus programmiert ist, um das System in Schlafzustand zu versetzen) zeigt: Der Prozess ist abgebrochen.
Ein fehlender erster Nagel. Beim Neustart will und will sich die CD nicht mehr öffnen und für eine Fehlersuche war mein Liebster schlicht zu faul. Der zweite fehlende Nagel. Dann halt NUR Ubuntu? Ja, genau, so machen wir es.
Technik und Leben – so viele Analogien, dass wir längst in technischen Metaphern reden. Auch so wandelt sich die Sprache im Laufe der Zeit. Wir wählen andere Bilder als früher, um Dinge zu beschreiben.
Wenn ich unter Stress stehe und ich mir und meiner fehlenden Zeit ständig hinterher laufe, sage ich zuweilen, dass ich mich mal wieder synchronisieren muss. Oder neulich, am Kurs in Luzern, hatte ich – wie auch gebloggt – mitten im Prozess, an dem ich teilnahm, das Gefühl, dass sich mein Inneres defragmentiert, dass sich meine innere Festplatte gerade eben selbst in Ordnung brachte.
Neue Dinge, neue Systeme, die von außen kommen und mein Leben bewegen, mich umzudenken heißen, mag ich grundsätzlich. Sie holen mich aus den ewiggleichen Pfaden heraus, lehren mich Neues. Natürlich mag ich sehr, wenn alles gut läuft, wenn alles da ist, was ich brauche, wenn mir nichts fehlt. Weder Nagel noch sonst was. Veränderungen jedoch bringen mich dazu, nachzuschauen, was da ist. Bestandesaufnahme der Werkzeugkiste. Was ich wirklich brauche. Und ob das, was vermeintlich fehlt, wirklich fehlt.
Selbst wenn es nur so wenig ist wie ein Stromschalter, der gekippt werden muss.
wie neu geboren
Ubuntu is a girl’s best friend oder bin ich nun Linux? Sicher ist, dass ich jetzt an den Open Sources-Datenautobahn angedockt bin und das Window-Land verlassen habe. Meine neue virtuelle Identität, die ich meinem schlapp gewordenen Laptop verdanke – und dem technischen Geschick meines Liebsten, der mir eine neue interne Festplatte verpasst hat (ähm, meinem Laptop, meine ich natürlich) –, fühlt sich noch sehr gewöhnungsbedürftig an. Doch immerhin bin ich jetzt wieder an Bord, kann wieder mailen, bloggen, Bilder bearbeiten. Kurz: all das tun, was mensch eben so mit seiner freien Zeit anfängt.
Obwohl. Das alles ist eigentlich Nebensache. Hauptsache ist, die kurze Zeit mit Irgendlink so entspannend und inspirierend wie möglich zu verbringen. Und das tun wir.
Die tollen Spaziergänge der letzten Tage und das gestrige Aarebad machen mir bewusst, dass ich mein neues Zuhause und die neue, altbekannte Umgebung erst jetzt, wo ich es mit meinem Liebsten teilen kann, so richtig begreife. Als wäre die Wohnung erst jetzt zum Daheim geworden. Als wäre durch den zusätzlichen Blick das Leben weiter geworden.
Frage nicht …
Frage dich nicht, was die Welt braucht.
Frage dich, was dich lebendig werden lässt und dann geh los und tu das.
Was die Welt braucht, sind Menschen, die lebendig geworden sind.
Howard Thurman (amerik. Philosoph 1899-1981)
Europia 2030
Während sich mein Liebster mit meinem neuen, desolaten Laptop abquält, weihe ich hiermit meine neue kleine 28 x 13 cm kleine externe Tastatur fürs iPhone ein, die er mir besorgt hat. Für unterwegs ist so was einfach genial. Einerseits …
Doch andererseits hatte ich vorhin echt die große Technik-Krise. Auf einmal blieben einfach alle Programme hängen – diesmal auch beim alten, zurzeit gut laufenden Laptop. Während ich mein iPhone backupte. Zum Glück nur zwischenzeitlich.
Ich glaube, ich steige wieder auf analog um!, sagte ich zu Irgendlink, der mit seinem unnachahmlichen Professorenblick herausfindet, wie genau er meine Daten retten kann, bevor er – falls notwendig – meine Festplatte samt Betriebssystem plattmacht und danach das neueste Linux-Betriebssystem installieren wird, dass er vorher aus dem Netz gefischt hat.
Mach das, gute Idee!, murmelte er, und rettet weiter meine kleine digitale Welt.
Verrückte Technik. Analog leben – ob ich das, ohne äusseren Druck meine ich, überhaupt noch könnte? Alle meine Geschichten sind auf einem Kunststoffteil abgespeichert, alle Texte, Gedichte, Notizen und Bilder habe ich in Bytes verwandelt, in Einsen und Nullen. Was bleibt von alledem, wenn ich einmal den Löffel abgebe?
Totos Geschichte, damit meine ich das in diesem Blog bereits vorgestellte Buch Vielen Dank für das Leben von Sybille Berg, das mich ein paar Tage intensiv beschäftigt hat, ist ausgelesen.
Ein Buch, das das Zeug zu einem Kultbuch hat, sagte ich gestern zu Irgendlink, als wir auf meiner neuen Holzbank saßen und etwas tranken. Ein Buch, das mich an Orwells 1984 erinnert. Visionen einer Zukunft, die niemand wirklich so will. In achtzehn Jahren, also zum Zeitpunkt, wo das Buch aufhört, könnte es erneut auf den Markt kommen. Was wird sich bewahrheiten von Sybille Bergs Visionen eines pseudofriedlichen, künstlich erzeugten und ganz und gar stinklangweiligen Europa, das die Autorin rund um Totos nach außen hin zerfallendes Leben so akribisch zeichnet? Und falls es so wird – wo werde ich darin meinen Platz finden? Werde ich? Will ich? Und warum?
Vor mir die Sintflut
Der Scheibenwischer schrabt in höchster Geschwindigkeit über die Scheibe. Gischt spritzt auf, verdeckt mir Weitsicht, egal, ob ich überholt werde oder überhole. Die ganze Welt dampft und nebelt mich ein. Zuweilen ist mir, als hätten meine Räder keinen Bodenkontakt mehr. Aquaplaning. Gefangen in meiner kleinen Blechkiste übe ich mich in Geduld und Entspannung. Meine halbe Konzentration richte ich auf die weißen Streifen, die Rand und Mitte der unsichtbaren Straße definieren, die zweite Hälfte auf die Rücklichter des Autos vor mir. Eine Art Trance stellt sich ein, die Gedanken werden still. Aufs Überleben auf der Straße konzentriert, denke ich wenig. Entscheide nur, obwohl diese Fahrt extrem an meinen Kräften zehrt, dass ich keinen Stopp einlegen werde. Wer weiß, ob ich mich sonst je wieder weiterzufahren traue?
Nun biegt das Auto vor mir ab. Schade. Das wäre ja zu schön gewesen, bis nach Hause diesen Lichtern vor mir folgen zu dürfen. Wo bin ich überhaupt? Noch dreiunddreißig Kilometer bis Basel, sagt die Tafel. Eine Viertelstunde, denke ich, doch heute dauert die Fahrt fünfundzwanzig Minuten. In grauer Dämmerung zurückgelassen, bin ich nun auf mich selbst gestellt und muss neue Anhaltspunkte finden, um schön auf meiner Spur zu bleiben und weder mich noch andere in Gefahr zu bringen. Die Scheinwerferlichter der Autos auf der Gegenfahrbahn brechen sich im Wasserfilm auf meiner Scheibe. Und schon sind sie, für den Bruchteil einer Sekunde, wieder verschwunden. Irrlichter. Weggeschrabt vom Scheibenwischerblatt. Wie schon so oft bin ich dankbar um Autobahnen, schäme mich zugleich ein wenig über diese Erkenntnis, doch Überlandstraßen mit Gegenverkehr, die ich normalerweise gerne fahre, sind bei solch heftigen Regenfällen lebensgefährlich. Was sage ich da? Autofahren IST lebensgefährlich. Die vielen Lichter, die sich im Regen vertausendfachen, sind einfach nur anstrengend und ermüdend. Wir sind einfach zu viele hier. Zu viele.
Ja, ich bin froh um die Autobahn. Und dass ich sie doch noch gefunden habe, spät, aber besser als nie. Aus Freiburg raus muss ich schon wieder irgendetwas falsch gemacht haben. Dabei hat mir M. alles so gut erklärt. Und dabei bin ich doch immer den Autobahnzeichen – blau auf gelben Tafeln – gefolgt. Bin durch zig Dörfer gefahren, zum Glück noch bei mäßigem Regen. Mein iPhone sagt, als ich kurz anhalte, dass meine Richtung die Richtige ist. Ich folge weiter den Wegweisern nach Lörrach und endlich, in der Nähe von Neuenburg (ja, auch das, ebenso wie Freiburg, gibt es nicht nur in der Schweiz), finde ich endlich die Autobahn, die ich erst bei meiner Heimausfahrt wieder verlassen werde. Zwei Drittel der Strecke fahre ich mit höchster Scheibenwischergeschwindigkeit und mit durchschnittlich um die achtzig Stundenkilometern. Was bin ich erschöpft, als ich vor meinem Zuhause einparke.
Schon die Hinreise begann abenteuerlich. Jemand hatte sich in den letzten Tagen offensichtlich an meinem linken Scheibenwischer vergangen und den Bügel verbogen, sodass er jedes Mal hängengeblieben ist und seinen Dienst nicht verrichten konnte. Da ich keine Lust auf Werkzeugsuche hatte, fuhr ich zur Tankstelle, da ich eh tanken musste, und bat bei der dortigen Werkstatt um erste Hilfe. Die mir unkompliziert gewährt wurde. Der nette ältere Mann dort wollte noch nicht einmal Geld für seine Hilfe. (Das nenn ich Kundinnendienst und werde da sicher wieder hin gehen, wenn ich Hilfe brauche.)
Breisgaus Freiburg fand ich gut, doch das DichterInnenquartier, in dem Bloggerin M. lebt, die mich zu sich eingeladen hat, finde ich leider nicht, verfahre mich mehrfach, weil ich die falsche Ausfahrt genommen und bitte sie schließlich, schon sehr desolat, mich abzuholen. Toll, dass sie das macht und toll, wie sich das anfühlt, einer folgen zu dürfen, die weiß, wo es lang geht.
Die Stunden bei M. vergehen wie im Flug. Kostbare Stunden. Lebensgeschichten sind so einzigartig. Ich fühle mich beschenkt, wie ich mich ans Steuer setze. Und ich fühle mich noch immer beschenkt, aber todmüde, als ich zwei Stunden später meine Wohnungstüre öffne.
(Oh je, und jetzt fällt mir mal wieder kein guter Schlusssatz ein … )
Zürich. Zureich.
Was wir uns alles einfallen lassen, um das Leben erträglich zu machen! Ist das Leben vielleicht wie Fleisch, dass ohne Gewürze ungeniessbar ist? Ständig erzeugen wir Geräusche, Lärm, Musik, um die Stille zu übertönen. Damit wir hinterher ruhebedürftig sein und uns Urlaub erlauben dürfen. Wir produzieren Gerüche, Düfte, Gestank, der uns davon überzeugt, dass es woanders besser riecht. Wir essen schnelle, fette Gerichte, um mehr Zeit zu gewinnen, und wir jammern hinterher über Sodbrennen. Wir trinken gegen die Leere an und rauchen gegen die Ewigkeit.
Wir lenken uns ab und dröhnen uns zu, füllen uns ab und zu ab und zu. Bloß um das Leben zu ertragen.
Wohl all jene, die bei sich zuhause sind. Frieden. Leben. Totos Geschichte (siehe gestrigen Artikel), mitten in Zürich gelesen, wo ich eine Pause zwischen zwei Terminen einlege, erschüttert mich immer mehr.
Zürich Stadelhofen. Ich suche alte Spuren. Das Haus, in dem ich vor fünfzehn Jahren für einige Monate gelebt habe. Fast erkenne ich es nicht mehr. Ein moderner Wohnblock mit Lift, ein Haus wie ich es weder vorher noch nachher je bewohnt habe. Eine vorübergehende WG war es gewesen, dazu die wohl unpassendste Kombination, die sich frau vorstellen kann und ich war sehr froh, dass ich nach ein paar Monaten zu Freund M. ziehen konnte. Seine Wohnung in der andern Ecke Zürichs war warm und gemütlich, zuoberst in einem alten Wohnhaus. Der Wohnung, dem Haus und der WG-Kollegin im Seefeld hab ich keine Sekunde nachgetrauert.
Und nun sitze ich hier, am Bahnhof Zürich Stadelhofen, meinem damaligen Stamm-Bahnhof, um gleich für eine Stunde Freund M. zu treffen. Beide sind wir unterwegs von A nach B.
Schnitt.
Im Zug nach Hause. Nachdem ich den unklimatisierten Regionalzug verpasst habe, sitze ich nun im klimatisierten Schnellzug. Zuhause gibts nun nur einen winzigen Boxenstopp vorm Yoga. Puh. Die Hitze!
Wie M. und ich vorhin durch die große Bahnhofhalle schlendern, werden wir magisch von einer langen Menschenschlange vor einem Eventzelt angezogen. Das haben Schlangen wohl so an sich. Wir nähern uns ihrem Kopf, auf der Suche nach einer Antwort: Wofür lohnt es sich – für Menschen allen Alters – den Feierabend mit Schlangestehen zu verbringen? Am Kopf der Schlange eine Drehscheibe. Zehn mögliche Felder. Scheibe drehen und schon gibt’s einen Preis. Eine kleine Tube Zahnpasta oder eine Reisezahnbürste. Oder, Chance 1:10, eine sensationelle neuentwickelte elektronische Zahnbürste. Etwa zehn Personen lang gucken wir zu. Niemand schafft den Hauptgewinn, aber alle haben Spass. Spielen, Glückspielen macht offenbar glücklich, vor allem wenn es dabei um das eigene Wohl geht.
Und nun soll ja niemand behaupten, die schweizerische Bevölkerung sei nicht um ihre Zahngesundheit besorgt … 😉
Danke fürs Leben
Zugegeben, der Titel ist verwirrend. Jener über diesem Blogartikel ebenso wie der vom neuen Buch von Sibylle Berg, das ich seit gestern lese. Vielen Dank für das Leben.
Wie ich das Buch aus dem Stapel nahm um den Umschlagtext zu lesen, war es mir wie wenn ich in den Bergen oder an einem Fluss bin und einen besonders schönen Stein aufhebe.
Willst du mit mir kommen?, frage ich. Noch bevor ich den ganzen Cover-Text gelesen habe, sagt alles in mir Ja. Und ja, die Entscheidung war goldrichtig. Bis jetzt jedenfalls, denn ich bin erst in der Mitte. Eigentlich hatte ich ja in die Bibliothek gehen und die ausgelesenen Bücher gegen neue tauschen wollen, doch die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek B. sind gewöhnungsbedürftig. So musste ich stattdessen in den Buchladen, denn alle Bücher, also fast alle Bücher, die in meinem Gestell stehen, sind ausgelesen. Und kein Buch zu haben, ist für mich kein aushaltbarer Zustand.
Okay, Bücher kaufen ist immer so eine Sache, denn meine Gestelle sind eigentlich berstend voll. Und die Bibliothek gut bestückt. Doch Bücher kaufen ist eben auch immer Kunstförderung. So gesehen gebe ich hin und wieder gerne dreißig Franken für ein Buch aus. Ich gestehe, von Sibylle Berg kannte ich bisher nur den Namen, doch ihr Buch macht Lust auf mehr.
Der Plot ist relativ simpel. Ein zweigeschlechtiger Mensch wird in der DDR des Jahres 1966 geboren und wächst lieblos erzogen in einem Waisenhaus auf. Nichts kann jedoch den jungen Menschen Toto daran hindern, an das Gute am Menschen zu glauben. Mit Neugier und stoischer Langsamkeit entdeckt er/sie die Welt, kann in jungen Jahren von der DDR in die BRD flüchten und sucht dort – in einer Welt, die er erst mal kennen- und verstehen lernen muss – sein Glück. Nein, falsch, er sucht nicht. Er ist. Er ist unterwegs. Da ist eine große Akzeptanz dem gegenüber, was da ist. Obwohl er es kritisch betrachtet, nimmt er alles einfach an. Natürlich friert er, natürlich hungert er zuweilen und natürlich trachtet er danach, sich möglichst ohne Anzuecken den schönen Seiten des Lebens zu nähern, doch wenn etwas nicht so ist, wie es sein könnte, dann ist es halt so. Ja, die Schönheit ist es, die er sucht. Falls er denn sucht, wie gesagt. Das Lied, die Musik, die er in sich trägt, hilft ihm, den Glauben an das Gute beizubehalten.
Bergs Geschichte ist Kulturgeschichte, ist politische Aufklärung, ist Desillusionierung und ist Zeitgeschichte – Deutschland als Bühne, als Metapher für eine Menschheit, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung über seine eigenen Füße gestolpert ist. Gnadenlos und kraftvoll schafft die Autorin Bilder, die unter die Haut gehen.
„Keiner fühlte sich wie die anderen. Die Menschen sind doch immer zu dick, zu dünn, sie sind taub oder blind. Contergan-Opfer, die Eltern geschieden oder Trinker oder zu spießig, sie sind homosexuell oder sexsüchtig oder asexuell, zu groß, zu klein, sie haben Autismus oder Epilepsie, Herzprobleme, Schweiß, einen Buckel, Akne, keiner entspricht der Norm und selbst aus Metall gestanzte Figuren wie Bankangestellte und Versicherungsmitarbeiter, Anwälte und Mitarbeiter diverser Aufsichtsräte leiden unter Blasenschwäche. Als Teil der Welt, die doch allen gleichermaßen gehört, fühlt sich keiner.“
Toto macht sich viele Gedanken über das Unglücklichsein der Menschen. Ganz besonders nicht verstehen kann er, in einem diktatorischen Land in einem diktatorisch geführten Heim aufgewachsen und von Anfang an wegen seines nicht eindeutigen Geschlechtes zum Außenseiter gestempelt, dass diese Menschen im kapitalistischen Westen, die doch alles haben, was das Herz begehrt, nicht glücklich sind.
Wie ich gestern das Buch an der Aare, nach einem erfrischenden Bad, zu lesen angefangen habe, werde ich seltsamerweise Seite um Seite glücklicher. Dankbarer dafür, dass ich – wenngleich auch ich vieles entbehrt und erlitten habe – doch das Glück hatte, in einem Land geboren worden zu sein, das bunt ist. Und das eigenem Denken Raum gibt. Nein, auch die Schweiz ist nicht perfekt. Und nein, auch der Kapitalismus ist nicht das Wahre. Aber hier kann ich mein Leben doch in gewissem Masse selbstbestimmt leben.
Toto als mein neuer Lehrer. Er zeigt mir, so fiktiv er auch ist, dass es vor allem darum geht, mit sich selbst in Frieden zu leben. Mit sich in Kontakt zu sein. Anders als all die Verlorenen, die sich selbst verloren Habenden, die ihm, als er in einer Kneipe als Barkeeper arbeitet, ihre Leben erzählen.
Die in der DDR geborene Autorin, die nun schon viele Jahre in der Schweiz lebt, erzählt, so ahne ich, vieles aus eigener Erfahrung. Sie erzählt von den großen Träumen kleiner Menschen. Von gescheiterten Träumen. Und sie erzählt sogar dort noch liebevoll, wo feine Ironie oder gar böser Zynismus durchschimmern und sie Kritik an bestehenden Systemen übt. Vor allem aber erzählt sie ganz und gar menschlich.
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben
Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.
(Quelle: http://www.sibylleberg.ch/arbeit/buecher)
was es zum Glücklichsein braucht …
Auch App-ProgrammiererInnen brauchen ein bisschen Liebe …

So gesehen, als ich heute die App Local.ch, das Schweizer Telefonbuch, öffnete. Da sage noch einer, die SchweizerInnen seien nicht freundliche Menschen … 🙂
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
nur ein einziger Tag?
Doch, doch es ist erträglich, obwohl ich verblüfft bin, so viele Menschen an einem Samstagmorgen um halb neun an einem Bahnsteig zu sehen. Vor allem so viele gutgelaunte, wache Menschen. Viele mit Wanderschuhen an den Füßen. Ich habe das Glück, die Strecke Olten-Luzern in einem Abteil mit drei andern, sich gegenseitig unbekannten, sprich schweigenden Frauen zu verbringen. Im Viererabteil vis-à-vis eine famille romande (oder sind sie aus Frankreich?). Französisch im Hintergrund kann ich besser ausblenden als schweizerdeutsche Gespräche. Auch die beiden Amerikanerinnen vorhin habe ich in meinem Kopf runter dimmen können. Zugegeben, ganz ohne mithören geht’s nicht.
Was Leute in Zügen so reden? Viele vergessen potentielle Mithörende, andern ist anzumerken, dass sie befangen sind und miteinander anders reden als in den eigenen vier Wänden. So klingen die einen Gespräche, als wären sie eingeübt, wieder andere sind mir fast peinlich intim.
Erstaunlich, dass ich heute ganz freiwillig meinen mp3-Player zuhause gelassen habe. Früher tat ich keinen Schritt aus dem Haus ohne seinen akustischen Schutz. Die Welt da draußen sollte er übertönen, ausblenden, weil es da immer so furchtbar viele Geräusche hat, die meine Filter schnell verstopfen. Heute versuche, schreibend, lesend, dösend bei mir zu bleiben und mich nicht von alledem, was rundherum abgeht, von mir weg spülen zu lassen, nicht zu sehr jedenfalls.
Mein Herz klopft schnell. So früh am Morgen bin ich einfach nicht gerne unter Menschen. Hoffentlich finde ich in Luzern rechtzeitig den richtigen Bus. Um rechtzeitig im Tagungshaus zu sein. Und hoffentlich fühle ich mich dort wohl. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich daraus einen tollen Artikel für meine Zeitschrift weben kann.
Schnitt.
Nachmittagspause. Schon drei Blocks mit dawischen einer Mittagspause haben wir miteinander gearbeitet. Ich fühle mich wohl in der vierzigköpfigen Gruppe. Der letzte Block war besonders intensiv. Wir führten eine Loslassübung durch, in der wir uns eine Stunde lang bei rhythmischer Musik in eine heilsame Trance geatmet hatten – eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich bin angenehm erschöpft und noch ein bisschen schwindlig, fühle mich aber sehr gut. Stillebedürftig. Die andern haben sich an die Tische im Schatten vor dem Haus gesetzt und scherzen. Ich ziehe mich zum hauseigenen Teich zurück und geniesse Wasser, Grün und Stille. Was ist da mit mir passiert? Diese Trance war wirklich ausgesprochen intensiv und fühlte sich wie eine Defragmentierung an. In Momenten wie solchen würde ich mich am liebsten auflösen und, ja, sterben. Loslassen, was ist. Neugeboren werden.
Stirb und werde sei, wie die Kursleiterin, Ethnologin und Forscherin, sagt, die Essenz aller alten Weisheitslehren. Der Stein der Weisen sozusagen. Und die Liebe. Liebe und tu was du willst, zitiert sie Augustinus. Auch Descartes‘ berühmter Satz steht im Raum, allerdings auf Herz- statt auf Kopfhöhe und ich gebe gerne zu, dass mir diese Variante noch besser gefällt: Amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.
Schnitt.
Im Bus. Ich habe mich neben eine ältere Kursteilnehmerin gesetzt. Wir fahre zurück zum Bahnhof, am Vierwaldstättersee vorbei, und ich sage zu L., wie schade es sei, dass ich mein Badezeug nicht dabei hätte. Das Wetter lade ja regelrecht zum Bade, als eine aus den Augen verlorene Freundin mit ihrem Teenie-Sohn in den Bus steigt. Nein, das kann nicht sein, wir sind ja hier nicht in Bern, wir sind in Luzern, denke ich noch. Reibe mir wortwörtlich die Augen. Doch, das ist sie! Wir fallen uns um den Hals und erzählen uns in fünf Minuten das Neueste. Nehmen Abschied, weil die beiden noch abgemacht haben, und ich lasse mich von Regionalzügen, mit nur wenigen Fahrgästen diesmal, gemütlich nach Hause fahren.
War das wirklich erst heute Morgen, frage ich mich, als ich diese Türe hier abgeschlossen habe?
