Totale. Eine Bohrmaschine, eingespannt in ein Gestell, das eine präzise Bohrung erlaubt. Zoom. Nun sehen wir, wie der drehende Bohrer sich durch ein Stück Holz windet und Holzspäne und Holzstaub auf einer winzigen Hand hinterlässt, die das Holzstück festhält. Obwohl es natürlich mit Schraubzwingen festgemacht ist, aber man kann ja nie wissen. Die linke Hand – Kameraschwenk – liegt auf dem Hebel, der die Bohrmaschine, wie schon sein Name verrät, rauf und runter hebeln kann. Das kleine Mädchen, das zur kleinen Hand gehört, steht auf einem Schemel.
Wenn das die Mutter wüsste!, sagt sie leise zu ihrem Vater, der nebendran steht und ihr zuschaut.
Aber wenn sie doch will!, sagt dieser oft zu seiner Frau. Sie hat so geschickte Hände.
Er auch. Den ganzen Hausumbau hat er selbst gemacht. Alle Reparaturen. Fast nichts, wozu er Hilfe holen muss. Höchstens, damit es schneller voran geht. Aber da ist ja noch einer der Brüder. Zwar wäre der Vater lieber Lehrer als Handwerker geworden, doch die Zeiten waren schlecht. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde jeder Rappen gebraucht. Jede zupackende Hand im Stall und auf dem Feld. Statt Wände hätte er dennoch lieber Bilder gemalt. Hat er auch, ein paar wenige, und gar nicht mal so schlecht. Erst später, als er pensioniert wurde, konnte er sich seinem Lebenstraum, der Ahnenforschung und der Geschichte seiner Heimat, widmen, in alten Büchern lesen, für Stammbäume, die weit zurück reichen recherchieren und sie erstellen. Sogar in amerikanischen Zeitungen wurde er erwähnt, weil er Ausgewanderten ihre Wurzeln zurück zu schenken vermocht hatte. Wenn er jedoch mit seiner jüngsten Tochter in der Werkstatt stand und kleine Möbelstücke, die sie sich für die Puppenstube oder später fürs Teeniezimmer ausgedacht und auf Papier gekritzelt hatte, mit ihr zusammen umsetzte, war er immer ganz bei der Sache.
Schnitt.
Am Anfang war die Idee. Das ist sie immer. Immer am Anfang. Denn ohne sie geht gar nichts. Kaum war ich hier eingezogen, nistete sie sich bei mir ein. Zwang mich zu Skizzen. Wollte gehört und gesehen. Gab nicht auf. Erinnerte mich daran, dass ich sie umsetzen sollte. Dass ich das kann.

Schnitt.
Im Baumarkt atme ich tief die Gerüche von Gummi, Farbe, Metall und Holz ein, als würde ich nach Hause kommen. StammleserInnen kennen sie längst, meine diesbezügliche Vorliebe. Ich schweife ähnlich narkotisiert durch die Reihe von Baumärkten wie andere Frauen vermutlich durch Modeboutiquen. Grüße da und dort ein paar Wichtel und Zwerge, die freundlich zurückgrüßen, und sehe mir dies und das an.

Bevor ich das Holz auswähle und es millimetergenau zuschneiden lasse, lese ich Beschläge aus, Scharniere und Winkeleisen. Und Schrauben? Nein, davon habe ich bestimmt genug. Ich entscheide ich mich für Massivholz, schreibe die Masse aufs Bestellformular und suche, während der Schreiner die Bretter zuschneidet, nach Pinsel und Lasur. Das Teil wird draußen stehen, zwar überdacht doch Sonne und Regenspritzern dennoch ausgesetzt. Es soll gut geschützt werden.
Zuhause angekommen schleppe ich meine Beute zum Gartensitzplatz. Wie heiß es ist! Ich setze mich kurz hin, freue mich auf die Arbeit, stehe bald wieder auf und hole Werkzeugkiste und Akkubohrer. Suche Schrauben und Unterlagscheiben. Schrauben? Uff. So kurze in der richtigen Dicke gibt’s gar nicht mal so viele. Ich zähle sie ab und begreife, dass ich wohl genau genug habe. Genau genug!
Bereits läuft der Film in meinem Kopf. Er heißt „Schritt für Schritt zur Gartenbank mit Innenleben“. Zuerst die beiden Deckel – einer davon wird die auf- und zuklappbare Lehne – mit Scharnieren verbinden. Die beiden Scharniere unten bereits an- und wieder wegschrauben, damit nachher die Schlussmontage leichter von der Hand gehen kann. Nun die schmalen Seitenteile mit Winkeleisen vorbereiten und mit je einer Rück- respektive Vorderseite verschrauben. Weil es mir draußen zu heiß ist, mache ich alles drinnen am großen Tisch. Wo habe ich bloß den Akkubohrer hingelegt?
Nun trage ich die teilmontierten Teile auf den Sitzplatz und verbinde sie (Bild eins,oben links). Die Vorbohrungen habe ich so präzise ausgeführt, dass die Schlussmontage problemlos gelingt. Als ich die letzte Schraube festdrehe, pocht mein Herz laut. (Bilder zwei, oben rechts).
Geschafft. Ich fülle die Kiste mit all dem Krempel, der bisher unter einer schützenden Tischdecke dennoch verstaubte, (Bild drei, unten links) klappe den einen Deckel herunter (Bild vier, unten rechts), den andern, die Lehne, lasse ich offen und setze mich hin. Weihe meine neue Bank ein und fühle mich reich.

Lange bleibe ich dort sitzen, noch lange nach dem Essen, bis ich kaum mehr sehen kann, was ich da überhaupt lese. Nicci Frenchs Psychothriller „In seiner Hand“ ist eins dieser Bücher, die man kaum mehr aus der Hand legen kann.
Wird Abbie es schaffen, ihren Entführer zu finden, bevor er sie – nach ihrer Flucht – umbringen kann. Und das, obwohl ihr niemand glaubt, dass sie wirklich entführt worden ist.

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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).