nur ein einziger Tag?

Doch, doch es ist erträglich, obwohl ich verblüfft bin, so viele Menschen an einem Samstagmorgen um halb neun an einem Bahnsteig zu sehen. Vor allem so viele gutgelaunte, wache Menschen. Viele mit Wanderschuhen an den Füßen. Ich habe das Glück, die Strecke Olten-Luzern in einem Abteil mit drei andern, sich gegenseitig unbekannten, sprich schweigenden Frauen zu verbringen. Im Viererabteil vis-à-vis eine famille romande (oder sind sie aus Frankreich?). Französisch im Hintergrund kann ich besser ausblenden als schweizerdeutsche Gespräche. Auch die beiden Amerikanerinnen vorhin habe ich in meinem Kopf runter dimmen können. Zugegeben, ganz ohne mithören geht’s nicht.
Was Leute in Zügen so reden? Viele vergessen potentielle Mithörende, andern ist anzumerken, dass sie befangen sind und miteinander anders reden als in den eigenen vier Wänden. So klingen die einen Gespräche, als wären sie eingeübt, wieder andere sind mir fast peinlich intim.
Erstaunlich, dass ich heute ganz freiwillig meinen mp3-Player zuhause gelassen habe. Früher tat ich keinen Schritt aus dem Haus ohne seinen akustischen Schutz. Die Welt da draußen sollte er übertönen, ausblenden, weil es da immer so furchtbar viele Geräusche hat, die meine Filter schnell verstopfen. Heute versuche, schreibend, lesend, dösend bei mir zu bleiben und mich nicht von alledem, was rundherum abgeht, von mir weg spülen zu lassen, nicht zu sehr jedenfalls.
Mein Herz klopft schnell. So früh am Morgen bin ich einfach nicht gerne unter Menschen. Hoffentlich finde ich in Luzern rechtzeitig den richtigen Bus. Um rechtzeitig im Tagungshaus zu sein. Und hoffentlich fühle ich mich dort wohl. Und ich hoffe natürlich auch, dass ich daraus einen tollen Artikel für meine Zeitschrift weben kann.
Schnitt.
Nachmittagspause. Schon drei Blocks mit dawischen einer Mittagspause haben wir miteinander gearbeitet. Ich fühle mich wohl in der vierzigköpfigen Gruppe. Der letzte Block war besonders intensiv. Wir führten eine Loslassübung durch, in der wir uns eine Stunde lang bei rhythmischer Musik in eine heilsame Trance geatmet hatten – eine sehr emotionale Angelegenheit. Ich bin angenehm erschöpft und noch ein bisschen schwindlig, fühle mich aber sehr gut. Stillebedürftig. Die andern haben sich an die Tische im Schatten vor dem Haus gesetzt und scherzen. Ich ziehe mich zum hauseigenen Teich zurück und geniesse Wasser, Grün und Stille. Was ist da mit mir passiert? Diese Trance war wirklich ausgesprochen intensiv und fühlte sich wie eine Defragmentierung an. In Momenten wie solchen würde ich mich am liebsten auflösen und, ja, sterben. Loslassen, was ist. Neugeboren werden.
Stirb und werde sei, wie die Kursleiterin, Ethnologin und Forscherin, sagt, die Essenz aller alten Weisheitslehren. Der Stein der Weisen sozusagen. Und die Liebe. Liebe und tu was du willst, zitiert sie Augustinus. Auch Descartes‘ berühmter Satz steht im Raum, allerdings auf Herz- statt auf Kopfhöhe und ich gebe gerne zu, dass mir diese Variante noch besser gefällt: Amo ergo sum – ich liebe, also bin ich.
Schnitt.
Im Bus. Ich habe mich neben eine ältere Kursteilnehmerin gesetzt. Wir fahre zurück zum Bahnhof, am Vierwaldstättersee vorbei, und ich sage zu L., wie schade es sei, dass ich mein Badezeug nicht dabei hätte. Das Wetter lade ja regelrecht zum Bade, als eine aus den Augen verlorene Freundin mit ihrem Teenie-Sohn in den Bus steigt. Nein, das kann nicht sein, wir sind ja hier nicht in Bern, wir sind in Luzern, denke ich noch. Reibe mir wortwörtlich die Augen. Doch, das ist sie! Wir fallen uns um den Hals und erzählen uns in fünf Minuten das Neueste. Nehmen Abschied, weil die beiden noch abgemacht haben, und ich lasse mich von Regionalzügen, mit nur wenigen Fahrgästen diesmal, gemütlich nach Hause fahren.
War das wirklich erst heute Morgen, frage ich mich, als ich diese Türe hier abgeschlossen habe?