In meinem Kalender steht heute Zahnarzt. Vierzehn Uhr. Ein neuer, einer aus dem Telefonbuch (den Zahnarzt, meine ich). Mal schauen. Ist ja nur für die Kontrolle. Wenn er mir nicht passt, geh ich nicht mehr da hin. Die Mädels sind jedenfalls süß, ganze drei an der Zahl, die da herum wuseln und nur für mich da sind. Werde ich eigentlich immer älter oder bloß die Assistentinnen immer jünger? Wie ich so auf dem Zahnarztstuhl sitze, Kopf richtig positioniert und mit Blick vom fünften Stock über die Hügel, sehne ich mich nach meiner Berner Zahnärztin, die immer gesungen hat, wenn sie mich reparierte. Hoffentlich habe ich keine schlimmen Löcher. Während der Zahnarzt zu jedem einzelnen Zahn, den er mit seinem Testpiekser antippt, ein kryptisches Wort sagt, dass Assistentin Nummer eins umgehend im PC notiert – allesamt Wörter, die ich nicht begreife – glaube ich zuerst, dass jeder dieser Zähne kaputt ist. Als er schließlich alle Zähne durch hat, gratuliert er mir. Alles in Ordnung. Da, oben rechts, ein bisschen freier Zahnhals, da unten links eine Füllung, die nächstens repariert werden muss. Aber noch hält sie. Puh, bin ich froh.
Nun noch Dentalhygiene?
Ja, gerne, war ja so abgemacht. Ach, das macht der Chef hier selbst? Zahnstein weg und zum krönenden Abschluss eine Imprägnation.
Nein, das hatte ich nun wirklich noch nie. Obwohl ich in Bern im modernsten Zentrum war. Mein neuer Zahnarzt füllt nun vor meinen Augen eine schäumende fluorhaltige Flüssigkeit in zwei u-förmige Styroporschalen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Zuerst kippt er die eine Schale über meine untere Zahnreihe, dann legt er die zweite Schale auf die erste, allerdings nach oben geöffnet und heißt mich zuzubeißen. Eine Minute Wirkungszeit. Ich japse. Kriege keine Luft mehr. Kann nicht schlucken. Der Schaum schäumt vor sich hin, das einzige was er gut kann. Und ich würge. Verdrehe die Augen. Leide. Er reagiert zum Glück schnell und nimmt das Zöix wieder raus. Nein, das geht so nicht. Ich würge in den Spucknapf und spüle den ekligen Schaum weg.
Das mag ich nicht, sage ich.
Da sei ich die erste. Alle hätten das viel lieber als das frühere Fluor aus der Tube, meint er.
Ich bin eben nicht wie andere, sage ich. Bitte lieber traditionell.
Ganz traditionell, also einfach das Fluor mit einer Bürste einzureiben, sei zu wenig nachhaltig. Die Zähne müssten eine Minute regelrecht im Fluor baden, sagt er, und kippt aus der großen Tube traditionelles, nicht schäumendes Fluor in zwei neue U-Schalen. Nun wird zuerst die obere, danach die untere Reihe eine Minute getunkt. Er hält dazu die Schalen fest, so dass ich den Mund offen lassen und atmen und schlucken kann. So geht es. Auch weil das neue respektive traditionelle Zöix nicht schäumt. Dafür erinnert es mich an das gute alte Schulzahnputzen.
Danke und bis zum nächsten Mal. Noch ganz benommen gehe ich anschließend einkaufen.
Ich mag es, auf dem Heimweg von der Stadt durch das Areal der großen psychiatrischen Klinik zu radeln und mich irgendwo mitten drin auf eine ruhige Bank zu setzen. Hier treffe ich die ganze Welt in klein. Alle hier sind entweder „nicht ganz normal“ oder besuchen jemanden, der hier weilt. Oder sie wandeln, wie ich, irgendwo zwischen den Welten.
Hier denke ich nie, was wohl die anderen von mir denken, weil ich wochentags Zeit für ein Buch, auf der Bank gelesen, habe. Hier kommt die Zeit zum Stillstand. Immer wieder werde ich von PatientInnen gegrüßt. Selbstgespräche führende Menschen sind hier normal. Hinter mir ein spielende Familie. Menschen mit Migrationshintergrund. Die Kinder im Vorschulalter wechseln laufend von ihrer Muttersprache zu Schweizerdeutsch, je nachdem, mit wem sie reden. Ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, fragt, ob es gestattet sei, sich neben mich zu setzen. Ich sage ja und hoffe, dass er nicht reden will. Mein Buch ist grad so spannend. Unmensch ich!
Ich denke an S., die Tochter einer Bekannten, die vor Jahren für ein paar Monate hier war, um ihre Magersucht zu heilen. Heute führt S. – soviel ich weiß – ein „normales“ Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und sich in der Gesellschaft integriert. Wie hilfreich bei ihrem Entwicklungsprozess die Zeit hier gewesen ist, weiß ich nicht. Meine Besuche hatten mich immer sehr deprimiert und ich fragte mich, wie und ob man in solchen Räumen wirklich gesund werden kann. Kurz darauf ist sie abgehauen, nach Thailand. Niemand rechnete damit, sie je wiederzusehen, so mager wie sie war.
Wie viel Selbstbestimmung haben wir tatsächlich? Will ich wirklich diesen Fluorpanzer um meine Zähne?