Zürich. Zureich.

Was wir uns alles einfallen lassen, um das Leben erträglich zu machen! Ist das Leben vielleicht wie Fleisch, dass ohne Gewürze ungeniessbar ist? Ständig erzeugen wir Geräusche, Lärm, Musik, um die Stille zu übertönen. Damit wir hinterher ruhebedürftig sein und uns Urlaub erlauben dürfen. Wir produzieren Gerüche, Düfte, Gestank, der uns davon überzeugt, dass es woanders besser riecht. Wir essen schnelle, fette Gerichte, um mehr Zeit zu gewinnen, und wir jammern hinterher über Sodbrennen. Wir trinken gegen die Leere an und rauchen gegen die Ewigkeit.
Wir lenken uns ab und dröhnen uns zu, füllen uns ab und zu ab und zu. Bloß um das Leben zu ertragen.
Wohl all jene, die bei sich zuhause sind. Frieden. Leben. Totos Geschichte (siehe gestrigen Artikel), mitten in Zürich gelesen, wo ich eine Pause zwischen zwei Terminen einlege, erschüttert mich immer mehr.
Zürich Stadelhofen. Ich suche alte Spuren. Das Haus, in dem ich vor fünfzehn Jahren für einige Monate gelebt habe. Fast erkenne ich es nicht mehr. Ein moderner Wohnblock mit Lift, ein Haus wie ich es weder vorher noch nachher je bewohnt habe. Eine vorübergehende WG war es gewesen, dazu die wohl unpassendste Kombination, die sich frau vorstellen kann und ich war sehr froh, dass ich nach ein paar Monaten zu Freund M. ziehen konnte. Seine Wohnung in der andern Ecke Zürichs war warm und gemütlich, zuoberst in einem alten Wohnhaus. Der Wohnung, dem Haus und der WG-Kollegin im Seefeld hab ich keine Sekunde nachgetrauert.
Und nun sitze ich hier, am Bahnhof Zürich Stadelhofen, meinem damaligen Stamm-Bahnhof, um gleich für eine Stunde Freund M. zu treffen. Beide sind wir unterwegs von A nach B.
Schnitt.
Im Zug nach Hause. Nachdem ich den unklimatisierten Regionalzug verpasst habe, sitze ich nun im klimatisierten Schnellzug. Zuhause gibts nun nur einen winzigen Boxenstopp vorm Yoga. Puh. Die Hitze!
Wie M. und ich vorhin durch die große Bahnhofhalle schlendern, werden wir magisch von einer langen Menschenschlange vor einem Eventzelt angezogen. Das haben Schlangen wohl so an sich. Wir nähern uns ihrem Kopf, auf der Suche nach einer Antwort: Wofür lohnt es sich – für Menschen allen Alters – den Feierabend mit Schlangestehen zu verbringen? Am Kopf der Schlange eine Drehscheibe. Zehn mögliche Felder. Scheibe drehen und schon gibt’s einen Preis. Eine kleine Tube Zahnpasta oder eine Reisezahnbürste. Oder, Chance 1:10, eine sensationelle neuentwickelte elektronische Zahnbürste. Etwa zehn Personen lang gucken wir zu. Niemand schafft den Hauptgewinn, aber alle haben Spass. Spielen, Glückspielen macht offenbar glücklich, vor allem wenn es dabei um das eigene Wohl geht.
Und nun soll ja niemand behaupten, die schweizerische Bevölkerung sei nicht um ihre Zahngesundheit besorgt … 😉