undurchdringlich # 2

Verrückt, wie das Leben grad so wirbelt. Verrückt, den Gedanken zu denken, dass Irgendlinks Reise heute Abend (oder morgen Vormittag) zu Ende ist. Diese Reise, die ihn und mich, unsere Leben und auch die Leben anderer, über vier Monate (mit)bestimmt hat. Fertig. Schluss. Aus. Und wir ab morgen wieder zusammen. Zumindest für ein paar Tage.
Wenn wir das Leben als Kreis begreifen, ist ein Ende kein Ende. Und noch nicht mal ein neuer Anfang. Es sei denn, ich stelle mir den Kreis als Ding mit Schwellen und Absätzen vor. Ende und Anfang? Kontinuum wohl eher. Raum im Raum auch. Oder kein Raum.
Ähnlich verstehe ich die Bilderserie, die ich seit vorgestern am appen bin. Angefangen hat alles mit dem Schnappschuss meiner ersten beiden reifen Tomaten. Die Lust darauf, Bilder mit verschiedenen Apps – Programme für ein Smartphone – zu bearbeiten, zu äppen auf neudeutsch, was ich letztes Jahr geradezu süchtig betrieben habe, scheint also doch nicht verschwunden zu sein. Doch unter den Schmerzen der vermeintlichen Sehnenscheidenentzündung (vom Umzug und Putzen), die sich über viele Wochen nicht heilen ließ (bis ich entdeckte, dass es ein Tennisarm ist, den ich mit gezielten Dehnungsübungen innert weniger Wochen selbst heilen konnte) – unter besagten Schmerzen jedenfalls war jede nicht zwingend notwendige Arbeit am iPhone und am Laptop schon zu viel. Was sich auf meine Schreiblust und auf meine Applust sehr unmittelbar ausgewirkt hat. Und nicht eben toll war. Es wuchs die Erkenntnis, dass ich das Schreiben brauche (ja, und auch das Bloggen, wie es aussieht).
Bevor ich mich nun auf den Weg Richtung Emmental und Bern aufmache, um meine wieder genesene Freundin B. zu besuchen und am Abend meine SchreibfreundInnen zu treffen, will ich hier mal wieder ein bisschen Farbe reinbringen.
Das Ursprungsbild und ein paar Zwischenschritte … (groß werden die Pix durch draufklicken …)
             

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt). Zum Teil mehrmals verwendete Apps: Hipstamatic, Photowizard, Blender, Decim8, ToonCamera, TurboCollage.

undurchdringlich # 1

Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!

Nadelöhre

Ja, ich weiß, über Nadelöhre wurde schon viel geschrieben. Auch hier in meinem Blog. Darüber was mit mir geschieht, wenn verschiedene äußere Umstände sich (wie Folien auf dem guten alten Hellraumprojektor – uf bärndütsch Prokischriiber –) auf- und übereinander legen. Gelegt werden. Vom Leben. Umstände, auf die ich keinen Einfluss habe, jedenfalls nicht zeitlich, nicht direkt. Dennoch sind sie logische Konsequenzen davon, dass ich mich irgendwann auf irgendetwas eingelassen habe. Dass ich irgendwann den einen statt den anderen Weg gegangen bin. Dass ich eine Wahl getroffen habe.
Die eine Folie, sie liegt irgendwo in der Mitte, zeigt mich, wie ich dieser Tage an einem Artikel – es ist eine Buchbesprechung – schreibe, den ich am Mittwoch abgeben soll. Dass sie da liegt, hat damit zu tun, dass ich so bin wie ich bin. Anders gesagt, sie liegt da, weil ich vor fünf Jahren ein Beinah-Burnout und deswegen meinen damaligen Job geschmissen hatte. Bei den Recherchen über meine Krankheitssymptome fand ich heraus, dass ich nicht krank sondern einfach ein wenig anders bin. Einfach nur hochsensibel. Und dass es noch andere auf diese Art Anders-Seiende gibt. Und dass darüber zurzeit intensiv geforscht wird. Nachdem ich darüber einen kleinen Artikel verfasst und diesen mit der Bitte aufklärend über dieses „Phänomen“ zu berichten an ein paar Zeitschriften geschickt hatte, erhielt ich von einer tollen Zeitschrift den Auftrag, doch selbst einen ausführlichen Artikel darüber zu schreiben. Seit damals bin ich mit an Bord dieses Teams und genieße es, durch das Schreiben nicht nur das Schreiben selbst zu trainieren, sondern mich, gegen Bezahlung, mit äußerst spannenden Themen auseinandersetzen zu können. Wie aktuell über das neuerscheinende Buch eines amerikanischen Hirnforschers, der einige wirklich bahnbrechende Zusammenhänge erkannt hat.
Eine weitere Folie – sie liegt ganz oben – zeigt mich und Irgendlink, wie wir uns vor über drei Jahren kennen- und lieben gelernt haben. Wie wir das eine oder andere Projekt realisiert, die eine und andere Ausstellung auf die Beine gestellt und schließlich im letzten Winter das „Ums Meer 2012“-Projekt ausgetüftelt haben. Mein Part war es, die Fäden des steigenden Heißluftballons irgendwie in der Hand zu behalten, so dass dieser zwar hoch steigen, aber nicht davon treiben kann. Lange, sehr lange Fäden – bis zu den Shetlands reichen sie und bis nach Bergen. Nun rolle ich sie langsam wieder auf, damit sie am nächsten Mittwoch, wenn Irgendlink und ich uns endlich wieder sehen werden, ganz eingerollt sind. Fäden halten heißt und hieß, da und dort Türen zu öffnen, ein ziemlich buntes Blog zu pflegen, Bilder hochzuladen, Newsletters und Pressemitteilungen zu verschicken … Ein Job, der nach einer gewissen Einarbeitungszeit zu Alltag geworden ist und täglich zwischen einer halben bis zwei Stunden Zeit erfordert. Ein Job, den ich mit Leib und Seele mache. Ein Job aber auch, der nach viel Herzblut verlangt.
Auf einer ebenfalls ziemlich weit oben liegenden Folie sehe ich mir zu, wie ich an meinen eigenen Schreibprojekten arbeite. Meine vier recht unterschiedlichen Romanmanuskripte, denen eigentlich nur noch der letzte Schliff fehlt. Nein, nicht nur. Vor allem fehlt ihnen mein Mut. Die Verlagssuche zu wagen, ist ein großer Schritt. Noch zu groß. Zumal mir die Frage im Weg steht, wer denn bitteschön tiefgründige Romane über Suizid, Amok, Missbrauch und andere menschliche Abgründe lesen mag. Immer wieder höre ich das Echo eines Satzes von Hansjörg Sch.. In einem Schreibseminar bei diesem Schweizer Bestseller-Autor fiel der Satz: Wenn ihr ein Thema habt, über das ihr schreiben „müsst“, dann tut es. Sich für Themen verbiegen, funktioniert nicht. Fakt ist: Freundinnen und Freunde glauben mehr an meine Texte als ich.
Eine weitere Folie zeigt mich auf der Suche nach meinem Platz im Leben. Arbeitsstellen hatte ich schon ziemlich viele. Und ich habe – dank meiner vielseitigen Talente und meiner verschiedenen Ausbildungen – auch schon einiges gesehen und unter dem Strich waren alle Stellen irgendwie super. Aber eben: nach einiger Zeit musste ich weiterziehen. Immer auf der Suche nach dem Wahren. Hoffend, DEN Job zu finden, der mich bis in alle Ecken meines Seins befriedigt. Okay, den gäbe es ja, das wäre nämlich eine Mischform der bereits erwähnten Folien, allerdings gegen Bares. Mindestens so viel, dass ich davon leben kann. Und nicht jeden Rappen fünfmal drehen muss. Auf dieser Folie sieht man mich, wie ich zurzeit mal sehr optimistisch, mal eher skeptisch Zeitungen und Internet nach passenden Stellen absuche. Manchmal bin ich für eine Stelle über-, dann wieder unterqualifiziert. Oft schreibe ich auch einfach tolle Firmen an, die mich interessieren. Bis jetzt erfolglos.
Auf anderen Folien sehe ich mich mit Freundinnen und Freunden zusammen, sehe wie ich dies und jenes unternehme, sehe wie ich mal zweifle, mal Mut schöpfe, sehe mich gehen und stehen, sehe mich innehalten und neu anfangen, sehe mich straucheln, sehe mich fallen, sehe mich wieder aufstehen.
All diese Folien, dicht auf dicht, liegen auf der gläsernen Scheibe, angestrahlt und auf die weiße Wand projiziert. Mittendrin, irgendwo ein kleines weißes Loch. Das Nadelöhr. Ich schlüpfe hindurch, auf die andere Seite des Haarrisses.

Sie prokrastiniert mal wieder.

Manchmal frag ich mich ja schon, wie das sein wird, wenn ich wieder eine bezahlte Arbeit haben werde. Und wie ich das alles hier gemacht hätte, wenn ich bereits von Anfang an – also gleich nach dem Umzug zurück in die Schweiz vor vier Monaten – wieder einen Brotjob gehabt hätte. Doch am allermeisten frage ich mich, wie das andere machen. Wann andere all das machen, was ich Tag für Tag mache. Kurz und gut: ich bin ausgelastet.
Ich arbeite an Auftragsartikeln, ich redigiere Irgendlinks Kunst-Reise-Blog, ich schreibe Bewerbungen, ich recherchiere für zukünftige Artikel, ich bereite dies und das für den Kunstzwerg vor, ich versuche einen Leih-iPad für Irgendlink aufzutreiben*, damit er mit diesem nächsten Monat eine noch zu kreierende Flashshow seiner Kunststraße „Ums Meer 2012“ in Los Angeles zeigen kann. Dort wird ab Mitte August das bisher größte Kunstevent im Bereich iPhoneArt stattfinden. Eine einmalige Chance, das Kunststraßenprojekt einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Der erhoffte Sponsor kann leider keinen iPad zur Verfügung stellen, wie wir heute erfahren haben. Schade. Woher nehmen und nicht stehlen? Low Budget-Kunst war schon immer herausfordernd. Und kreativitätsfördernd.
Schnitt.
Heute Morgen, nach dem Erwachen, war alles da. Alles. Fast Wort für Wort. Ich hätte mich hinsetzen und losschreiben sollen. Ich hätte den ganzen Artikel, die ganze 3000 Zeichen-lange Rezension über das neuro-wissenschaftliche Buch, den ich am nächsten Mittwoch abgeben muss, jetzt schon geschrieben. Roh zumindest. Ich hätte … Doch weil mir alles Mögliche und auch einiges Unmögliches die Sicht verstellt hat und ich nicht konzentriert an einem Text arbeiten kann, wenn dieses Alles-Mögliche meine Gedanken blockiert, muss ich zuerst den Alles-Mögliche-Berg abtragen. Und das habe ich heute getan. Einiges zumindest.
Ich frag mich (oder wohl lieber nicht), was ich morgen für Ausreden zur Hand haben werden, um die Arbeit an der Buchbesprechung weiter vor mich her zu schieben, wo doch auf der langen Liste schon einiges abgehakt ist. Bald sind die Ausreden aufgebraucht und bald muss ich ins kalte Wasser springen.
Im kalten Wasser werde ich denken: Ach, wie schön! Das ist mein Element! Warum habe ich bloß solange damit gewartet?
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* Tipps und Ideen, wie ich einen iPad leihweise auftreiben könnte, bitte gerne an mich (siehe Kontakt).

Alles ist schon da.

Überraschung! Wir müssen nicht mehr länger suchen, jagen, kaufen, laufen, rennen und kämpfen, denn alles-alles ist schon da. Stattdessen können wir endlich hegen, pflegen, fürsorgen und Raum schaffen – für all das, was schon da ist. So denke ich, als ich gestern Nachmittag mit Baby-A. im Arm meiner Nichte I., der Mama des kleinen Wundern auf meinem Schoss, gegenüber sitze. Ich bin verzaubert, wie immer, wenn ich ein neues Menschenkind kennenlerne.
Alles ist da. Noch klein, aber da. Ihre wissenden Augen in meinen. Ein Blick, der standhält und mich hineinzieht. Hinein in die Ewigkeit, hinein an Orte, die ich längst vergessen habe. Orte, denen die Kleine noch viel näher ist als wir. Wie ein Bambusrohr, das in kürzester Zeit in Teleskopmanier wächst, wächst auch diese kleine Menschenkind heran und hat nun bereits ein paar Kompetenzen mehr drauf als schreien, trinken und die Windeln zu füllen als vor vier Monaten. Bereits hält es den Kopf mit der eigene Muskulatur, die vor zwei Monaten dazu noch nicht in der Lage gewesen war. Bereits kann es sich vom Rücken auf den Bauch drehen, bereits dies und bereits das. Und bald noch mehr. Bald stehen, bald gehen, bald tanzen, bald trotzen. Alles schon da. Auch das Wissen, wie wachsen geht.
Je nach Nährboden auf dem ein Samen fällt, entfaltet sich der eine und andere mehr oder weniger. Oder gar nicht. Je nachdem, ob da Raum und Platz sind, und Grenzen und Kanäle.
Für mich selbst bin ich es, die diese Räume und Zäune definiert. Heute. Früher waren es andere, früher ließ ich mir den Raum und die Erde unter meinen Füssen von anderen zuteilen. Tue ich es heute wirklich selbst? Ich könne verkümmerte oder noch nicht gekeimte Saat reanimieren und ich könne – so jedenfalls behaupten die Autoren* des Buches, das ich rezensieren werde und deshalb zurzeit lese – auch bereits Gewachsenes durch gezielte Übung formen, als Form der neuronal inspirierten Therapie. Die Gehirnforschung hat, so lese ich mit wachsendem Interesse, neurologische Zusammenhänge zwischen Emotionen und Hirnaktivitäten entdeckt und erforscht aktuell Wege, wie emotionale Stabilität und Gesundheit erreichbar sind. Ein Ausweg aus der Depression?
Alles ist schon da! Sagte ich doch. Nur sind uns eben oft die Zugänge, Schlüssel und Zusammenhänge nicht bekannt.
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* Titel und Autoren darf ich leider noch nicht nennen, da das Buch noch nicht veröffentlicht ist.

Hokus Pokus Festibus

Nichts für schwache Nerven, wie ich sie habe, war das. Und dennoch musste ich da durch. Kurz vor halb elf setzte ich mich heute Morgen das letzte Mal ans Steuer meines Sternchens, das mich seit zehn Jahren meist zuverlässig von A nach B gebracht hatte.
Gestern waren wir auf Testfahrt, denn ich musste doch feststellen, ob mein Auto nach anderthalb Monaten Nichtstun noch fahrbar sei. Zwar war die Batterie fast leer und es brauchte ein paar Anläufe, bis ich den Gang einlegen konnte, doch schließlich kamen wir laut, ruckelig und langsam vom Fleck. Puh. Nochmals Glück gehabt.
Hätte ich heute Morgen so lange üben müssen, hätte ich wohl Blut und Wasser geschwitzt. Das laute Röhren stammte vom durchgebrochenen, notdürftig und provisorisch mit Draht hochgebundenen Auspuffrohr. Das Lärmen und Ruckeln unter mir ignorierte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Halt durch, sagte ich, halt durch, Sternchen. Bald hast du es hinter dir.
Heute, wie ich so über Land fahre und mein Herz bis zum Hals schlägt, weil ich befürchte, dass unterwegs zu Garagist J. ein weiteres loses, rostiges Rohr brechen könnte und ich doch noch den Abschleppdienst beanspruchen müsste, wird mir klar, dass mein Auto mir alles gegeben hat. Zuverlässig bis zum Schluss. Alles ist mehr als genug. Ich bin dankbar und gerührt.
Wie ich auf dem Parkplatz der Werkstatt einparke und J., der draußen am Werkeln ist, zuwinke, fällt mir ein Stein vom Herzen. Geschafft, Sternchen, wispere ich, geschafft. Danke! Danke vielmal!
Kaum habe ich die letzten Dinge aus dem Auto geholt und hat Joe die Nummernschilder abgeschraubt, kommt auch schon der Aasgeier. Ein Mann mit osteuropäischem Akzent und Aussehen – sorry, manchmal stimmen Klischees eben doch – braucht eine Fotokopie meines Fahrzeugausweises. J. verschwindet kurz im Büro, der Mann geht um mein Auto herum. Begutachtend. Abschätzig. Er sieht nur das Äussere. Nein, ich will das alles gar nicht sehen. Auch die Karte nicht, die er J. zusteckt. Ich lese „Exporte“ und erkenne einer dieser Karten wieder, die ich in Bern fast wöchentlich unter die Windschutzscheibe gesteckt bekam.
Nein, das wollte ich dir doch ersparen, Sternchen!, denke ich. Dass du ausgeschlachtet wirst. Dass du von groben Händen auseinandergenommen wirst. Ich hatte mir unseren Abschied so ähnlich vorgestellt, wie wenn wir einen verstorbenen Menschen zum Krematorium begleiten. Ich hatte mir vorgestellt, dass die Metallpresse kommt und mein Sternchen ins Autonirwana befördert … Nun sowas. Nicht auszudenken. Mein Herz flattert heftig. Am liebsten würde ich dem Mann meinen Schlüssel, den ihm J. vorhin gegeben hat, aus der Hand reißen. Oder ihm zumindest das hohe und heilige Versprechen abnehmen, dass er lieb zu Sternchen sein wird. Ich weiß, dass ich kindisch denke, aber ich bin eben fest überzeugt davon, dass auch ein Auto beseelt ist. Anders als wir Menschen, aber dennoch schulde ich auch Dingen Respekt. Ich wende mich ab und versuche meinen Atem zu beruhigen und das laut bis in die Ohren klopfende Herz. Als der Mann mit (nicht mehr) meinem laut röhrenden Auto wegfährt, kann ich mich nur knapp beherrschen und das Winken unterlassen.
Ich folge J. ins Büro, wo er mir die neuen Papiere überreicht und ich ihm die Kohle. Genau um elf Uhr elf gucke ich zum ersten Mal auf die Uhr des neuen Autos, das nun mit mir ein neues Kapitel Mobilität beginnt. Zurück fahre ich einen kleinen Umweg über die Hügel um mich mit dem neuen Teilchen, das ich Festibus taufe – auf Grund einer SMS an den Liebsten, die mit den Worten „Habemus Fiestabus“ anfing – vertraut zu machen.
Hokuspokus, Fidibus und Festibus – ein bisschen Zauber im Alltag muss einfach sein.
Zuhause fülle ich Festibus mit all jenen Dingen, die ich gestern Sternchen weggenommen hatte. Benzinkanister (leer), Reserveschirm, Schneekratzer, Bürste, Fensterputzzöix …
Die erneute Mobilität macht mich ganz schwindlig. Die letzten Wochen, die ich als Zugfahrerin unterwegs gewesen war, hatten mir zwar gezeigt, dass das auch geht, doch für gewisse Dinge ist das Auto eben einfach praktischer. Ich fühle mich geborgen, wenn ich alleine im Auto unterwegs bin. Anders als im Zug, wo ich dem Lärm ausgesetzt bin. Mein Schneckenhaus habe ich es auch schon genannt.
Übermorgen fahren wir zum ersten Mal „weit weg“. Nein, so weit ist es bis ins Emmental nun auch wieder nicht. Und ja, richtig, das ist das Tal, wo der löchrige Käse, den ich allerdings nicht mag, herkommt. Zu Freundin B.. Morgen kommt Freundin U. zu Besuch, aus dem Schwarzwald. Und jetzt dann gleich meine Nichte mit ihrem Küken. Ich freue mich auf die beiden Frauen, besonders darauf, die vier Monate alte A. endlich kennenzulernen.
Ooops, ich muss ja los …!

Autos, Bücher, Brötchen und Kohle

Ich renne mir hinterher. Mir und meinen ZuTun-Dingen. Und ausgerechnet dann wird es endlich Hochsommer, zumindest für einzwei Tage. Hochsommer, den ich auskosten sollte.
Seit drei Tagen will ich Mails schreiben. Seit drei Tagen will ich über den Sinn des Lebens und so Sachen bloggen. Von Hamburg erzählen. Und seit drei Tagen will ich endlich alle Lieblingsblogs nachlesen.
Doch da ist die ganz materielle Welt, die sich in den Vordergrund drängt. Mein Sternchen* ein weiteres Mal reparieren zu lassen, übersteigt meine Schmerzgrenze – zumal ich nicht weiß, wie lange die nächste auf sich warten lassen würde. Damit herumzufahren ist eine Mutprobe. Ich weiß nicht, wann das nächste Rostrohr bricht – und ob ich das nächste Mal auch wieder das Glück haben würde, vor einer Garage** zu stehen, wenn es passiert. Ach, und zu allem habe ich mich verliebt. In ein günstiges Fiesta-Teilchen, das mir Garagist ** J., Freundin L.s Schwager, zu einem fairen Preis verkaufen würde – seine jüngere Schwester hatten wir im Urlaub gemietet. Doch weil Garagist J. bald Urlaub hat und ich gerne baldmöglichst, aber bis spätestens Ende Monat, wieder mobil wäre, drängt die Zeit. Wenn ich genau hingucke, erkenne ich, dass die Entscheidung längst gefallen ist.
Dennoch – einmal mehr begreife ich, dass ich die Sache mit der Materie weit weniger gut packe als jene mit den Buchstaben. Buchstaben sind mein Ding. Vom fast vierhundert Seiten dicken Sachbuch, dass ich bis 1. August rezensiert haben soll, hab ich zwar gerade mal vierzig Seiten gelesen, habe also auch hier einen gewissen Druck. (Nein, ich jammere nicht. Das ist bezahlte Arbeit. Lieblingsarbeit sogar.)
Doch jetzt ruf ich aber erst mal Freundin T. an, denn Beziehungen sind wichtiger als Autos, Bücher, Brötchen und Kohle.
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*Mein japanisches Auto mit seinem englischen Namen, wie Stammlesenden wissen, ist so langsam in die Jahre gekommen.
** auf deutsch-deutsch heißt dieser Beruf wohl Autowerkstattbetreiber oder so, aber sagt selbst: das schweizerische Garagist ist doch einfach schöner. Und Garage für Autowerkstatt kann ich mir auch nicht abgewöhnen. Dafür sage ich noch immer parken statt parkieren, seit ich zurück in der Schweiz bin und ernte dafür amüsierte Schweizer Blicke …

Nach oben

Schon mehr als drei Stunden auf. Und das an einem Sonntag! Wach bin ich sogar noch länger; genoss die Stille des Morgens, bedauerte leise den bevorstehenden Abschied vom Liebsten, schnupperte seinen Duft und beschloss, nicht nervös zu werden. Na ja, so richtig hat das leider nicht geklappt mit der Nicht-Nervosität – dafür alles andere. Ich sitze bereits im Bereich A40 und warte aufs Einboarden.
Die kurzen Schreckensmomente vorhin sind bereits Vergangenheit, die Irgendlinks Frage folgten, der mich im Mietauto zum Hamburger Flughafen fuhr. Die Frage nämlich, ob ich das Ticket griffbereit hätte.
Ticket? Ooops, nö! Also echt! Dabei hab ich so clever gepackt.
Mach dir keine Sorgen. Entweder du guckst nachher nach, wenn wir ankommen oder du checkst ohne ein. In Santiago, vor anderthalb Jahren, hat das problemlos funktioniert.
Okay,
sag ich und entspanne mich.
Die Schlange am Schalter 8 ist lang, sehr lang sogar. Ich bin verwirrt. Hier wird zuerst am Automaten eingecheckt, doch das funktioniert ohne mein E-Ticket nicht, das irgendwo in meinem großen Rucksack schlummert. Ohne Boardingpass kann ich jedoch mein Gepäck nicht einchecken. Was nun? Muss ich mitten in der Halle nun meinen Rucksack auspacken und das Ticket suchen, wie es vor zehn Tagen eine junge Frau auf dem Zürcher Flughafen vorgemacht hat? Die nette Dame am Automaten weiß Rat und schleust Irgendlink und mich an der Schlange vorbei vor die guten alten traditionellen Schalter.
Hier nehmen wir Abschied, denn Flughafenparking ist teuer. Snieff.
Am Schalter werde ich sehr nett mit Boardingpass ausgestattet und zum Sperrgut-Band weitergeleitet. Mein nicht so ganz stromlinienförmiger Großrucksack wird dort geröngt und für gut befunden. Puh! Ein Kilo leichter als vor zehn Tagen ist er auch, obwohl noch mehr Bücher drin sind.
Bei der Handgepäckkontrolle werde ich „rot“ angezeigt, weiß der Geier wieso, und so werde ich zusätzlich mit dem Handröntggerät ausgetestet. Sogar in den Hosenbund grabscht die Dame ohne meine Frage nach dem Grund der Suche zu beantwortet. Die Frau vor mir muss sogar die Schuhe ausziehen. Ein beklemmendes Gefühl, obwohl sie natürlich nichts findet. Was auch?
Wie ich so zum Gate spaziere, schnell den Liebsten anrufe und nichts mehr tun kann, als abzuwarten, fällt die Anspannung und Nervosität von mir ab. Müdigkeit macht sich breit. Vor der Scheibe Sonne und Wolken. Der SWISS-Flug landet und spuckt Menschen aus.
Wo bin ich? Verwirrt schaue ich mich um. Ein bisschen wie nach dem Kino, wenn ich wieder auf der Straße stehe.
Einboarden jetzt!

Weiter, weiter, weiter …

Nein, Abschiede mag ich nicht und nein, früh aufstehen auch nicht, doch beides ist morgen unumgänglich. Wenn ich denn meinen Flug ab Hamburg nicht verpassen will. Na ja, lieber würde ich mit Irgendlink weiter urlauben und auch dieser meinte heute, dass er nicht wirklich große Lust auf weiterradeln habe. Wären da nicht die Vorgaben. Zeitliche Limiten, die unsere nächsten zwei Wochen diktieren. Bei mir ist es der Abgabetermin für einen Artikel, bei Irgendlink das Kunstevent „Raus aufs Land“, das die Mainzer Kunstzwerge am ersten Augustweekend auf „seinem“ einsamen Gehöft veranstalten.
Freiwillige Verbindlichkeiten, wenn man so will. Das macht es einfacher. Auch dass wir uns diesmal schon balder wiedersehen werden. Insch’allah.
Der heutige äußerst erfolgreiche Geocache-Spaziergang durch den Itzehoer Klosterforst neben dem wunderschönen Waldfriedhof war jedenfalls ein krönender Abschied unserer zehn viel zu kurzen Urlaubstage. Sonne satt und ein herrlicher Mischwald – so richtig nach meinem Geschmack.
Eine Collage mit Bildern findet sich auf pixartix_dAS bilderblog.
Irgendlink sammelt Bilder:
20120714-223543.jpg
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Helgoland, wir kommen (aber nie wieder)

Ist Helgoland eine Reise wert? Dass wir dort den Journalisten F. und seine Reisegefährtin F., die in Ostfriesland im Urlaub sind, nach langer Zeit endlich einmal wiedergetroffen haben, rechtfertigt die Reise. Und Kellnerin A. ebenfalls, die mit ihrem derb-feinen Humor gute Laune verbreitet. Ja, sie auch.
Einen weiteren Pluspunkt lieferte die ganz unerwartet aufgetauchte Sonne. Wir haben unsere Akkus aufgetankt, bevor unsere Freunde aus Cuxhaven angekommen sind. Köstliche kleine Siesta auf einer Hafenbank, umso köstlicher als die Sonne sich in unsern Breiten in den letzten Tage ziemlich rar gemacht hat.
Das Schiff, das perversfrüh – schon viertel nach neun – in Büsum auslief, hieß zwar Funny Girl, doch der Fun hielt sich in Grenzen. Vor dem Klo ein junger Typ, die Zeitung lesend, mit Tellerchen, auf denen er Geld sammelt. Was war zuerst da, der leere Teller oder das schmuddlige Klo? Oder vielleicht gar die Zeitung?
Menschen über sechzig machen die Mehrheit. Vereinzelt Familien mit lauten Kindern. Ein paar wenige nur in unserm Alter. Weil die Zubringerboote-Gewerkschaft nach dem Ausbau des Hafens brotlos geworden wäre, wurde der alte Brauch beibehalten, dass die Fahrgäste der großen Schiffe mit Booten abgeholt werden. Je etwa zwanzig Leute werden dazu dicht an dicht in eine wacklige, motorisierte Nussschale gequetscht. Wind in den Haaren. Ein klitzekleiner Hauch von Abenteuer. Doch sobald ich die Frau vis-à-vis angucke, kann ich nur hoffen, dass es ihr besser geht, als es wirkt.
Die Insel? Hm. Wäre sie leer, wäre sie schön – richtig schön, mit Ziegen und Schafen drauf. So aber gleicht sie einer Filmkulisse. Touri-Shops Tür an Tür. Alles zollfrei, weil Helgoland – so erklärt uns Journalist F. – eine Art eigenes Land ist. Die steuerbefreiten Einkünfte sichern der Insel das Überleben. Und nur schon mit zwei bis drei Stangen Zigaretten ist ein nicht eben billiges Fährticket amortisiert. Ware, nebenbei gesagt, die mit dem Schiff zuerst auf die Insel gebracht werden muss, dort verkauft und auf dem nahen oder fernen Festland konsumiert wird.
Jene TouristInnen, denen eine Inselumrundung zu anstrengend ist, werden – in Dosen verpackt, sage ich zu Irgendlink – um die Insel gefahren. Eine Art schienenloser Elektrozug treibt die auf den Straßen Flanierenden auf die Gehwege. Spielzeugwelt.
Uns ist diese Unterwelt zu künstlich und zu hektisch. Wir lassen uns von einer grauhäutig-griesgrämigen Liftfahrerin billig ins Oberland befördern. Hier wohnen die InsulanerInnen, hier führt der Rundwanderweg ungefähr drei Kilometer um die Insel. Die berühmte lange Anna, jener hohe, schmale Fels am Ende der Insel, der als Insel-Wahrzeichen herhalten muss, habe ich leider verpaßt, weil uns ein Blick auf die Uhr daran erinnerte, dass das Schiff bald zurückfahren würde.
Heute habe ich kaum jemanden gesehen, der seinen Job wirklich begeistert tat, seufze ich beim Abendessen zuhause, in unserm Appartment auf dem Bauernhof. Der Schiffskäptn leierte seine Informationen so schnell, automatisch und unartikuliert ins Mikrophon, dass ich kaum etwas mitbekam. Die Ein- und Aussteigehelfer am Beiboot? Na ja, die machten ihren Job zwar auch mechanisch, immerhin so sensibel, dass sie bei besonders ängstlichen Reisenden souverän ermutigende Tipps gaben.
Einzig Kellnerin A. war voll bei der Sache. So eine Kellnerin habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Ohne Notizblock bediente sie uns souverän und humorvoll. Eine Wohltat.
Ist Helgoland denn nun keine Reise wert? Ach, wenn der Liebste dabei ist, ist es fast überall schön … 🙂