In den falschen Schuhen

Wieso nur habe ich nicht die Sandalen angezogen? Kaum saß ich im Zug, wäre ich am liebsten wieder ausgestiegen und nochmals nach Hause geradelt um die Turnschuhe umzutauschen. Schon auf dem Rad zum Bahnhof hatte ich begriffen, dass der Tag heißer als angesagt werden würde. Und ich, der Wetterprognose blind vertrauend, würde dahin schmelzen. Die Jeans konnte ich zum Glück hochkrempeln, doch barfuß gehen war hier keine wirkliche Alternative. Ich war mit den falschen Schuhen unterwegs.
Mit Freundin R. durch die Aarauer Altstadt bummelnd und uns in den Aareauen tummelnd, nutzte ich jede noch so kleine Wanderpause, um meine neuen Turnschuhe, die eigentlich bequem sind, kurz auszuziehen und die heißen Füße zu lüften. Im Gegensatz zu den alten, sind die neuen aus synthetischem Material. Atmungsaktiv angeblich. Tja. In den alten, ledernen Tretern, die ich schon ein paar Mal beinahe entsorgt habe, hatte ich nie gelitten. Na ja, fast nie. Einmal, bei Regen in Nordnorwegen schon, denn wasserdicht sind sie nicht hundertprozentig. Das Feuer ist schuld, dass mein rechter Lieblingsschuh an meinem letzten Abend mit Irgendlink auf dem einsamen Gehöft, vor dreizehn Wochen war es, kaputt gegangen ist. Und die kalten Füße. Mit der halb abgelösten Sohle ist laufen und gehen nicht mehr möglich.
Schnitt.
Nachmittag. Gewitterwolken am Himmel. Erste schwere Regentropfen platzen auf dem heißen Teer. Riechen nach Kindheit. Ich betrete diesen klitzekleinen Laden, an dem ich immer, wenn ich in die Stadt fahre, vorbeikomme. So klein ist er, dass vor dem Ladentisch höchstens zwei Personen bequem Platz finden. Hinter dem Ladentisch knapp eine. Rechts ein kleines Kabäuschen. Ein laufender PC. Grüner Hintergrund auf dem Bildschirm. Darauf ein paar digitale Kartenstapel. Patience? Ein Mann sitzt auf einem Stuhl davor. Er bemerkt mich erst, als ich laut Hallo sage, denn die Ladentüre stand offen. Mühsam schält er sich aus der Nische, wischt den Klimbim-Antifliegenvorhang beiseite und betritt den Ladenraum. Ob es für meinen Turnschuh noch Hoffnung gebe, frage ich. Der kleine Mann betrachtet den Schuh fachmännisch. Ja, kann man leimen!, sagt er. Sein italienischer Akzent zaubert mich weit weg und ich bin versucht, italienisch zu antworten, tue es doch nicht, frage nach dem Zeitrahmen und dem Preis. Morgen, sagt er, fünf Franken. Ich glaube, meinen Ohren nicht zu trauen. So wenig? Nein, das sage ich natürlich nicht. Morgen. Super. Während er den Schuh in eine Art Ofen stellt, verabschiede ich mich glücklich. Ob es auch für mein altes Auto Hoffnung gibt? Vielleicht lässt sich der kaputte Auspuff ja auch irgendwie leimen?, fabuliere ich auf dem Weg zur Post. Ganz billig und ganz gut. Und ich bin überzeugt, dass der kleine Mann meinem Schuh neues Leben einhauchen wird. Ein Schuh, der einfach passt.
Schnitt.
Im Zeitlupentempo vergehen die Tage. Und doch viel zu schnell, gemessen an der Liste, die ich bis zum Urlaubsbeginn noch abtragen will. Die Vorfreude auf mein Wiedersehen mit dem Liebsten ist riesig. Und auch auf den Flug nach Hamburg. Weil ich doch so gerne fliege. Allerdings nicht oft. Das Wiedersehen! Endlich, endlich. Er werde mich auf dem Flughafen abholen, schrieb er mir heute. Mit einem Mietauto, das er heute gebucht habe. Ein sehr günstiges Angebot. Wir werden beide blank sein nach diesem Urlaub – er nach seiner Reise sowieso. Aber das ist es wert. Und irgendwie geht es immer weiter. Katzen landen immer auf den Füßen. Wir auch. Wofür gibst du am liebsten Geld aus? Wer hat das gleich gefragt? War das in einem Buch, in einem Zeitungsartikel, in einem Gespräch? Für Bücher, hatte ich ohne zu zögern geantwortet, und fürs Reisen. Ab in andere Welten, sozusagen.
Ich sitze draußen, lese Zeitung, genieße den Regen, die Abkühlung und den Feierabend. Meine kleine Welt. Ein Schuh, der passt. Genau jetzt will ich genau hier sein.

Gody, wer immer du bist …

Heute erteile ich Friedrich Dürrenmatt, einem meiner liebsten Klassiker, das Wort. Fast sicher bin ich, dass Dürrenmatt, hätte er heute gelebt, ein leidenschaftlicher Blogger gewesen wäre … 🙂

Ergreife die Feder müde
schreibe deine Gedanken nieder
wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.

Es ist heute wieder vieles zu durchdenken,
Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.
Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
nach Perfektion
zerstört das meiste. Was bleibt
sind Splitter
an denen sinnlos gefeilt wurde.
Beginne, das Sonnensystem zu sehen.
Liebe
auch Pluto. Doch wer
macht sich schon Gedanken über ihn!
Ich aber
spüre sein Kreisen, ahne
die kleine Kugel, die glattgeschliffene.
Alles lässt sich besser schreiben
Darum lass die schlechtere Fassung stehn.
Nur beim Weitergehen kommst du irgendwohin
wohin?
Fern von dir.
Gehe weiter. Lots Weib
erstarrte beim Zurückschauen.
Erstarrt nicht. Korrigiert nicht.
Wagt!
Höre nie auf andere.
Trachte nicht danach, ein gutes Buch zu schreiben
Mache keinen Plan und wenn du ihn machst
Führe ihn nicht aus
Der Plan genügt.
Nichts ist notwendig. Das Spiel
kann jederzeit abgebrochen werden.
Es gibt Sätze, die stark machen
doch brauchen sie nicht nieder-
geschrieben werden.
Löse deine Hand.
Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das
Werk allein zählt.
Die Narren kritisieren einen Satz
Wenige sehen das Ganze.
Gott kann dich verlassen
Gody soll dich verlassen.

Friedrich Dürrenmatt
Aus: Heimliche Gedichte, Diogenes Verlag 2007

Johnny und ich

Wie oft ich die neue CD nun schon gehört haben mag? Zehnmal? Könnte hinkommen. Ein paar Lieder bestimmt öfter. Obwohl ich bei der neuen Patent Ochsner-Platte „Johnny“ kein einziges Stück nicht mag – bei früheren Platten gab es immer mal wieder solche, die ich hin und wieder übersprang –, gibt es doch Stücke, die mich noch mehr berühren als andere.

„Sunnedeck“, das so tut als sei es ein Gute-Laune-Lied, was es ohne Zweifel auch ist, hat – wie die meisten Ochnser-Songs – einen doppelten Boden. Ursprünglich sei das Lied als Intermezzo gedacht gewesen, sagt Büne in seinem Interview mit Hitparade.ch. Er nennt es das Gebet eines Menschen, der nicht religiös ist, an einen Menschen, den er sehr lieb hat, nämlich an seine Tochter. Im Lied geht es darum, dass er zu ihr steht, sie festhält, wenn sie fällt, aber auch loslässt, wenn sie Boden unter den Füssen hat. Trivial? Nur auf den ersten Blick. Das Fazit dieses Songs wird sowohl musikalisch als auch in Worten vermittelt: Das andere und das eine, sind oft gar nicht so anders als man meint. Zwischen den beiden Liedstrophen verlassen wir den ursprünglichen Sound und tanzen um die Welt, nach Afrika, durch den Bosporus und via Balkan in die Schweiz zurück. Ein Lied über die Unterschiede, die – wenn wir genau hinschauen – gar nicht mal soo groß sind. Eben: viel, viel kleiner als man meint.

„Wir haben alle unser eigenes Leben und sind unterschiedlich beeinflusst, aber wir haben miteinander zu tun. (…) Wir sollten versuchen, im gemeinsamen Umgang wieder etwas sorgfältiger zu werden“, sagt Büne im bereits erwähnten Interview.

Quelle: Hitparade.ch.

……

Jedes der Lieder entfaltet seine einzigartige Aussage erst beim wiederholten Hören. Voller Staunen denke ich, dass es alle diese Lieder vor zwei oder drei Jahren noch nicht gab, nicht mal im Kopf von Büne. Und jetzt sind sie da. Melodien und Texte, die sich verbunden haben und nun eine große Fangemeinde begeistern.
Natürlich klicke ich mich durch Zeitungsinterviews, denn – ich bekenne – ich bin Ochsner-Fan der mindestens zweiten oder anderthalbten Stunde. (Ich fane sonst nicht so schnell und vor allem nicht so ausdauernd für etwas oder für jemanden. Da muss mehr dahinter sein als nur netter Sound.)
Und genau das ist es eben bei den Ochsen, wie die Band liebevoll von ihren Fans genannt wird, das mich begeistert. Das sind Menschen, Profis, Musiker und Musikerinnen, die ihre Musik mit Leidenschaft, Emotion, Herzblut spielen. Patent Ochsner sind einfach authentisch. Sie sind begeistert, sie sind emotional und sie sind uncool. Am alleruncoolsten ist Büne.
Wie ich mich so durch Plattenkritiken klicke, treffe ich immer wieder so Statements wie: Früher waren die Ochsen besser. Früher war es so und so und so. Heute – das ist ja nur …
Natürlich sehe ich daneben schon auch, dass die meisten Stimmen, die sich äussern, die neue Platte toll finden, doch ich gewichte in solchen Momenten die kritischen Stimmen schwerer.
Was für Banausen!, murmle ich, die sehen gar nicht, worum es wirklich geht. Die sehen die Tiefe nicht, nur das oberflächlich Sichtbare. Und sie haben nicht begriffen, dass sich die Band weiterentwickelt hat. Die verstehen nicht, dass – bei ähnlich gebliebener Bild-, Sound- und Songsprache – die Essenz tiefer geworden ist.
Zuweilen wird Büne seine Uncoolness unter die Nase gerieben. Seine Songs seien banale Herzschmerz-Lieder und er strippe seine Seele. Er sei sentimental, altmodisch, kitschig.
Sentiment? – ja, das stimmt. Mann zeigt Gefühl. Mutig, mutig.
Zum Cool-Sein braucht es keinen Mut und für Zynismus erst recht nicht. Auf den Werken anderer herum trampeln kan jeder. Es braucht Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen. Zu seinen Prozessen. Zu seinen Schaffenskrisen. Die Arbeit am Lied, von der rohen Idee bis zur fertigen Platte, ist ein Weg. Und der hat sich tausendfach gelohnt.
Darum wohl tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass die Platte Schrott sei – oder verstaubtes Neuaufwärmen. Wer das schreibt, hört nicht richtig hin. Es tut mir deshalb weh, weil ich der Band beim Entstehen der Songs über die Schulter geguckt habe, da Büne vieles mit der Öffentlichkeit in seinem Logbuch geteilt hat. Die Leiden und Freuden. Die intensive Arbeit. Den Krampf. Die Mühe. Viele kritische Einwände finde ich primär respektlos und zweitens undifferenziert. Auch meine Begeisterung ist subjektiv.
Und letztlich ist auch Qualität subjektiv und nicht messbar. Jedenfalls nicht hier, nicht im künstlerischen Raum, wo es keine empirischen Vergleichsmöglichkeiten wie in der Wissenschaft gibt, sondern nur relative, subjektive. Was willst du wirklich als Vergleichsmaßstab heranziehen? Zumal eine der Variablen immer auch der Spiegel der Zeit ist (und komm mir jetzt nicht damit, dass der Zeitgeist bei der Wahrnehmung von Kunst und ihrer Definition unerheblich sei.).
Mir fallen diese blöden Sprüche, wie sie zuweilen an Ausstellungen fallen, wieder ein. Ein paar Menschen stehen vor einem Bild und sagen: Das hätte ich auch gekonnt.
Mag sein, doch sag: warum hast du es denn nicht gemacht? Geh hin und mach dein Ding. Finde deine Sprache.
Kunst ist subjektiv. Kunst ist kontrovers. Kunst scheidet die Geister. Kunst ist alles. Nichts vermutlich auch.
Und Kunst lässt sich nicht abschließend definieren.

festgeklebt

Als hätte jemand meine Mundwinkel hochgeklebt! Das Lächeln klebt schon seit  Stunden fest. Seit ich den Briefkasten geleert habe, um genau zu sein.
Mitten zwischen anderen Briefen, Zeitungen, dem neuen Telefonbuch, Werbung und der neuen Spuren-Nummer mit meiner Buchbesprechung von Cambras neuem (Blog-)Buch liegt er. Hat er mir nicht eben zugeblinzelt? Ich grinse zurück.
Johnny, heißersehnter Johnny, endlich bist du da! Wie lange habe ich auf dich gewartet! Ich habe mitgefiebert, seit du gezeugt, ufpäppelet u ghämpfelet worden bist. Dein Papa, der große Johnny – aka Büne Huber  – hat ja fast täglich in seinem Logbuch drüber berichtet, wie du langsam Gestalt annimmst. Die Freuden und Leiden einer Schwangerschaft quasi.
Ab morgen wirst du in den Läden erhältlich sein, doch schon heute darf ich dich hören. Ach Johnny, du übertriffst meine kühnsten Hoffnungen! Schon beim ersten Mal bin ich hin und weg von dir. Du wickelst mich um den Finger wie es sonst nur einer kann.
Wortwitz, Melancholie, Herzschmerz, Übermut und geniale musikalische Arrangements, überraschende Instrumentewahl, Vielfalt, Oppulenz … ach, ich finde noch gar keine Worte, dich zu beschreiben. Du wirst die nächsten Tage in der Endlosschlaufe liegen und mir dennoch nicht verleiden.
Das Lächeln klebt fest. Bünes beigelegte Autogrammkarte und der schöne, von Hand angeschriebene Briefumschlag machen mich durch die Wohnung tanzen. Bei so viel genialem Sound kein Wunder.
Mein Glück verdanke ich einem mittelmässigen Poem (machen wir uns nichts vor!), das ich vor drei Jahren auf der Patent Ochsner-Gästebuchseite als Wettbewerbsbeitrag hinterlegt habe – im Rahmen einer kleinen CD-Verlosung. Wie ich in den Kreis der SiegerInnen gekommen bin, habe ich vergessen. Egal.

Gibt Lächeln Muskelkater?

Die Montagsmenschen

Montagsmenschen heißen sie deshalb, weil sie immer montags ins Yoga gehen, doch Montagsmenschen lässt mich auch an Montagspannen denken, an Produktionsfehler, an Ausschuss. Ob Milena Moser diese Assoziation beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Fakt ist, dass die drei Yogalehrlinge, die wir in diesem Buch kennenlernen, alle ein klein bisschen anders sind. Ungefähr so anders wie du und ich, und du und du auch. Sie heißen Ted, Marie und Poppy und treffen sich Montag für Montag in der Yogaschule in Nevadas Kurs.

Nein, auch die sechsunddreißigjährige Yogalehrerin Nevada hat es nicht einfach. Sie hat es noch immer nicht geschafft, weder die Sache mit der Erlösung noch das Endlichgutgenug. Und auf einmal kippt sie um. Mitten im Hund fällt sie auf die Schnauze, beißt sich dabei vor Schmerz auf die Zunge und blutet aus dem Mund. Schmerzen, die – wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt –, von einer unheilbaren Nervenkrankheit herrühren. Von MS. Lange hat sich Nevada dagegen gewehrt, wissen zu wollen, woran sie leidet. Schließlich, beim dritten oder vierten Arzt, kann sie nicht mehr davonlaufen. In Schüben verlaufe die Krankheit, hört sie, doch das hat sie längst im Internet gelesen. Mit unglaublicher Zähigkeit versucht sie danach, nicht zuletzt dank ihrer letzten ihr noch verbliebenen Yogaklasse, ihren Alltag zusammenzuhalten. Du hast nur zu wenig geübt, betet sie sich vor, ist sie überzeugt. Auf Suche nach Antworten setzt sie sich vertiefter, auch im Unterricht, mit den Sutren des Patanjali auseinander. Diese Weisheiten sind wie Samen, die ganz leise in den Herzen aufgehen. In ihrem eigenen und in denen ihrer Schüler und Schülerinnen.
Ted ist in einer emanzipierten Frauen-WG im Bewusstsein aufgewachsen, das Leben in Freiheit, das sich seine Mutter für sich erträumt hatte, versaut zu haben. Ted, der Lehrer, der verlassene Vater, Ted, der zufällig in eine Yogastunde schlittert und bei Nevada hängen geblieben ist. Ein Ort, der ihm bald sehr wichtig wird, weil er hier nichts muss.
Marie und Poppy kommen schon länger in Nevadas Yogakurse. Beide sind sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich fallen lassen und zur Ruhe kommen können. Marie, die Ärztin, flüchtet vor ihrem egomanischen Mann. Gion ist Fernsehschauspieler, dessen Serie abgesetzt worden ist und der sich nun, ohne berufliche Erfüllung, in ihrem Leben und in ihrer Wohnung so sehr ausgebreitet hat, dass ich beim Lesen an Efeuranken denken muss. Eines Tages kommt er sogar mit ins Yoga, was Marie zwar nicht recht ist, doch was kann sie schon machen? Immerhin findet der Schauspieler dort ein neues Publikum und mausert sich in Kürze zum neuen Yoga-Star, verrenkt sich für eine TV-Talkshow und beginnt einen Blitzkurs als Yogalehrer. Im Sommer will er sich in Indien mit seiner pubertierenden (Wochenend-)Tochter als liebender Yogi-Vater profilieren, doch zuvor will er sie zu sich in seine Wohnung holen. Weil er sie braucht, wie er sagt. Da platzt Marie der Kragen.
Poppy heißt eigentlich Annamarie und kann eigentlich ziemlich gut schreiben, ist eigentlich ziemlich begabt und ziemlich schlau. Wenn da bloß nicht dieser Hang zum Missgeschick wäre und zu Vergesslichkeit. Obwohl sie sich doch so Mühe gibt. Immer diese Waswollteichdochgleich?, diese Sehnsucht, diese Unruhe, Hast, Getriebenheit, Schussligkeit. Über allem drüber Schuldgefühle, wie eine Wolke, die alles Sonnenlicht schluckt. Ihr Mann hat sie verlassen, die Kinder haben es bei der Stiefmutter besser als bei ihr, denn die ist lieb und zuverlässig. Doch dann trifft Poppy eines Tages, mitten auf ihrer Suche nach Ganzheit und Lebendigkeit, dank Facebook ihre große Liebe wieder. Wolf ist leider inzwischen verheiratet.
Derweilen hat die Frau von Teds bestem Freund Tobias schon wieder eine Fehlgeburt und Emma, Teds Tochter, steht grad ein wenig der Karriere ihrer Mutter im Weg. Ein tolles Angebot in Amerika reicht ihr aus – und die langjährigen erfolglosen Kämpfe Teds um das Mitsorgerecht scheinen vergessen –, um Emma in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Ted umzutopfen. Ted ist glücklich. Auch Emma entspannt sich allmählich und bald haben es die beiden super miteinander. Nur seine aktuelle Flamme, eine narzisstische Prinzessin wie alle seine Verflossenen, findet es überhaupt nicht toll, Nummer zwei zu sein.
Wie gesagt: Menschen wie du und ich. Verwoben, verwundet, verwirrt … Suchende und Findende.
Jedem Kapitel ist ein passendes Zitat aus den Sutren des Patanjali vorangestellt und die Unterkapitel sind mit den Namen der jeweiligen ProtagonistInnen überschrieben. Der rote Faden zwischen den einzelnen Menschen ist der gemeinsame Yogakurs.
Die große Yogaschule, die Nevada einst mit ihrer Freundin Melanie, inzwischen Lakshmi genannt, ist alles, was Nevada hat. Doch als Nevada immer leistungsschwächer wird und die Krankheit sichtbar Spuren hinterlässt, stellt sich das Team, angeführt von ebendieser Lakshmi, mehr und mehr gegen Nevada. So viel Gehässigkeit, Neid und Falschheit, Pseudospiritualität und Unsolidarität! Nevada, die vor zwanzig Jahren den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, springt über ihren Schatten und gibt Mutter Martha eine neue Chance. Martha ihrerseits hat auch einen Weg zurückgelegt und erkannt, dass sie ihre kleine Tochter in der Kindheit grotesk vernachlässigt hat. Schwester Sierra engagiert sich sehr für Nevada und verhilft ihr zu einer neuen Lebensaufgabe. So ermöglicht die tödliche Krankheit neue Wege und das Aufdröseln verknoteter Beziehungen.
Als ein Mord geschieht und sich eine Unschuldige schuldig bekennt, weiß Nevada, was zu tun ist.
Milena Moser erzählt in diesem Buch die Geschichte von Menschen, die dank der Weisheit und dem tieferen Sinn des Yoga den Mut finden, unerträgliche Zustände auszuhalten oder zu verändern. So kann Ted seine Tochter, als Tina ihn nach ein paar Wochen dazu auffordert, ohne Aufstände seinerseits, nach Amerika ziehen lassen, denn er weiß, dass sie zurückkommt und dass deshalb seine Vaterliebe nicht kaputtgeht. Marie verlässt ihre Ehe und fängt an einem neuen Ort von vorne an. Und Poppy? Nein, mehr darf ich nun wirklich nicht mehr verraten. Lest selbst!
Von Milena Moser habe ich praktisch alle Bücher gelesen, schon früher, als sie noch fast unbekannt war. Und alle habe ich gemocht, doch dieses hier … ach, es ist einfach genial. Liebevoll, weise, frech, überraschend, noch weiser, und vor allem: ERMUTIGEND. Es zeigt: Yoga im Alltag ist möglich. Ohne dieses ganze pseudospirituelle Gelabber der Lehrerinnen in der Yogaschule allerdings, die in der Geschichte nicht wirklich gut wegkommen. Yoga ist nicht tumbes Verrenken der Glieder, sondern unter anderem ein Beweglichwerden des Geistes, ein Atmen mit dem Herzen und ein Weg, das Leben im Frieden mit sich selbst zu leben.
Mehr über Milena Moser: hier klicken.
Mehr über die Montagsmenschen: hier klicken.

Ist Bloggen Literatur?

Liebe Bloggerinnen, lieber Blogger, liebe Webtagebuch-AutorInnen
Ich recherchiere für einen Artikel über das Bloggen. Unten findet ihr den Link zu einem PDF mit einigen Fragen, die ich euch zu beantworten bitte. Ich versende die Umfrage auch privat an ein paar mir bekannte BloggerInnen und danke euch allen schon im Voraus herzlich dafür, wenn ihr mir alle oder einige der folgenden Fragen kurz in eigenen Worten beantwortest.
Gerne zitiere ich euch in meinem Artikel, den ich für Federwelt, eine tolle Zeitschrift für Schreibende, verfassen darf.
Ich werde für alle Zitierten Belegexemplare der Nummer mit meinem Artikel drin organisieren! 🙂
Hier nun zum Link (PDF)

Zucker, Zitronen und Artischocken

In weniger als zwei Wochen erscheint endlich endlich das langersehne neue Album meiner Lieblingsberner Rockband Patent Ochsner – Johnny, Rimini Flashdown II. Die Voraus-Single habe ich so oft gehört, dass ich schon jedes Wort mitsingen kann.
Hört selbst:
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=Q0j1ENpiqwA&feature]
Leider wird es nichts mit dem Gurten Open-Air, auf das ich seit Monaten hingefiebert hatte, weil da die Ochsen am Samstag spielen. Als ich Tickets kaufen wollte, war alles schon ausverkauft  wer hätte das gedacht! Zum Trost fahre ich in jenen Tagen an die Nordsee. Nach Norddeutschland. Vielleicht fliege ich auch, denn der Flug ist nur ein Tröpfchen teuerer als der Zug. In einem Monat bin ich dort, mit dem Liebsten. Jippiiie!
Auch im Lied hier gehts um Liebe, natürlich, wie oft bei Büne Huber. Die Essenz des Liedes sei hier auch meinen deutschen Leserinnen und Lesern verraten:

Der Wahnsinn am ganzen  dass SIE zuweilen doch recht bittersüss sei und nicht immer ganz einfach, aber ER  ja, zugegeben, auch nicht und überhaupt  der Wahnsinn am ganzen aber ist: Ich will dich gar nicht anders als du bist.

Suche, Sucht und Sehnen

Sie hängt zwischen den Zeilen, den ungeschrieben, fest. Eingekeilt von wollen, sollen, nichts und allem.
Die schwarzen Löcher, sagte die Therapeutin zur Frau, achten Sie ganz besonders auf die schwarzen Löcher, wenn Sie sich zurückerinnern. Diese erzählen oft mehr als das, was wir noch genau wissen.

Vom Durst

Gedankennetze. Wirr. Nicht nachvollziehbar. Traumfetzengleichnissen gleich. Ähnlich wenigstens.
Kind auf Schaukel. Mama, schau, was ich kann! Guck her und klatsch in die Hände.
Oder nein, schau besser nicht hin. Ich bin unsichtbar.
Weniger schnell alles mit allen teilen. Wieder mehr hinter der geschlossenen Türe brüten, wie es der Schriftsteller Stephen King in seinem autobiografischen Buch über das Leben und das Schreiben geraten hat (übrigens das einzige Buch von ihm, das ich je gelesen habe, dafür mit viel Gewinn).
Dass ich in meinem Blog die Kommentarfunktion ausgeschaltet habe, ist ein Kompromiss. Die Türe ist halb offen, sozusagen. Und sie ist auch halb zu.
Schreiben will ich weiterhin. Mal für hier, mal für nicht-hier. Ich will  an meinem Schreibbrunnen sitzen und vom Wasser trinken, das in den Tiefen und aus den Tiefen fließt. Damit das Rohr nicht rostig wird, soll meine Schreibe hin und wieder aus allen Rohren fließen dürfen. Je nachdem mal über- und mal unterirdisch.
Heute diesen Satz aufgeschnappt:

Was hinter und was vor uns liegt, ist nebensächlich, verglichen mit dem, was in uns liegt.

Zitat: Ralph Waldo Emerson.
Schreiben, bis das Wasser wieder klar ist. Und dann erst recht.
Denn das weiße Blatt schreit nach Worten. Wie schon Mani Matter wusste. Durstig ist es …