Johnny und ich

Wie oft ich die neue CD nun schon gehört haben mag? Zehnmal? Könnte hinkommen. Ein paar Lieder bestimmt öfter. Obwohl ich bei der neuen Patent Ochsner-Platte „Johnny“ kein einziges Stück nicht mag – bei früheren Platten gab es immer mal wieder solche, die ich hin und wieder übersprang –, gibt es doch Stücke, die mich noch mehr berühren als andere.

„Sunnedeck“, das so tut als sei es ein Gute-Laune-Lied, was es ohne Zweifel auch ist, hat – wie die meisten Ochnser-Songs – einen doppelten Boden. Ursprünglich sei das Lied als Intermezzo gedacht gewesen, sagt Büne in seinem Interview mit Hitparade.ch. Er nennt es das Gebet eines Menschen, der nicht religiös ist, an einen Menschen, den er sehr lieb hat, nämlich an seine Tochter. Im Lied geht es darum, dass er zu ihr steht, sie festhält, wenn sie fällt, aber auch loslässt, wenn sie Boden unter den Füssen hat. Trivial? Nur auf den ersten Blick. Das Fazit dieses Songs wird sowohl musikalisch als auch in Worten vermittelt: Das andere und das eine, sind oft gar nicht so anders als man meint. Zwischen den beiden Liedstrophen verlassen wir den ursprünglichen Sound und tanzen um die Welt, nach Afrika, durch den Bosporus und via Balkan in die Schweiz zurück. Ein Lied über die Unterschiede, die – wenn wir genau hinschauen – gar nicht mal soo groß sind. Eben: viel, viel kleiner als man meint.

„Wir haben alle unser eigenes Leben und sind unterschiedlich beeinflusst, aber wir haben miteinander zu tun. (…) Wir sollten versuchen, im gemeinsamen Umgang wieder etwas sorgfältiger zu werden“, sagt Büne im bereits erwähnten Interview.

Quelle: Hitparade.ch.

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Jedes der Lieder entfaltet seine einzigartige Aussage erst beim wiederholten Hören. Voller Staunen denke ich, dass es alle diese Lieder vor zwei oder drei Jahren noch nicht gab, nicht mal im Kopf von Büne. Und jetzt sind sie da. Melodien und Texte, die sich verbunden haben und nun eine große Fangemeinde begeistern.
Natürlich klicke ich mich durch Zeitungsinterviews, denn – ich bekenne – ich bin Ochsner-Fan der mindestens zweiten oder anderthalbten Stunde. (Ich fane sonst nicht so schnell und vor allem nicht so ausdauernd für etwas oder für jemanden. Da muss mehr dahinter sein als nur netter Sound.)
Und genau das ist es eben bei den Ochsen, wie die Band liebevoll von ihren Fans genannt wird, das mich begeistert. Das sind Menschen, Profis, Musiker und Musikerinnen, die ihre Musik mit Leidenschaft, Emotion, Herzblut spielen. Patent Ochsner sind einfach authentisch. Sie sind begeistert, sie sind emotional und sie sind uncool. Am alleruncoolsten ist Büne.
Wie ich mich so durch Plattenkritiken klicke, treffe ich immer wieder so Statements wie: Früher waren die Ochsen besser. Früher war es so und so und so. Heute – das ist ja nur …
Natürlich sehe ich daneben schon auch, dass die meisten Stimmen, die sich äussern, die neue Platte toll finden, doch ich gewichte in solchen Momenten die kritischen Stimmen schwerer.
Was für Banausen!, murmle ich, die sehen gar nicht, worum es wirklich geht. Die sehen die Tiefe nicht, nur das oberflächlich Sichtbare. Und sie haben nicht begriffen, dass sich die Band weiterentwickelt hat. Die verstehen nicht, dass – bei ähnlich gebliebener Bild-, Sound- und Songsprache – die Essenz tiefer geworden ist.
Zuweilen wird Büne seine Uncoolness unter die Nase gerieben. Seine Songs seien banale Herzschmerz-Lieder und er strippe seine Seele. Er sei sentimental, altmodisch, kitschig.
Sentiment? – ja, das stimmt. Mann zeigt Gefühl. Mutig, mutig.
Zum Cool-Sein braucht es keinen Mut und für Zynismus erst recht nicht. Auf den Werken anderer herum trampeln kan jeder. Es braucht Mut, zu seinen Gefühlen zu stehen. Zu seinen Prozessen. Zu seinen Schaffenskrisen. Die Arbeit am Lied, von der rohen Idee bis zur fertigen Platte, ist ein Weg. Und der hat sich tausendfach gelohnt.
Darum wohl tut es mir weh, wenn jemand schreibt, dass die Platte Schrott sei – oder verstaubtes Neuaufwärmen. Wer das schreibt, hört nicht richtig hin. Es tut mir deshalb weh, weil ich der Band beim Entstehen der Songs über die Schulter geguckt habe, da Büne vieles mit der Öffentlichkeit in seinem Logbuch geteilt hat. Die Leiden und Freuden. Die intensive Arbeit. Den Krampf. Die Mühe. Viele kritische Einwände finde ich primär respektlos und zweitens undifferenziert. Auch meine Begeisterung ist subjektiv.
Und letztlich ist auch Qualität subjektiv und nicht messbar. Jedenfalls nicht hier, nicht im künstlerischen Raum, wo es keine empirischen Vergleichsmöglichkeiten wie in der Wissenschaft gibt, sondern nur relative, subjektive. Was willst du wirklich als Vergleichsmaßstab heranziehen? Zumal eine der Variablen immer auch der Spiegel der Zeit ist (und komm mir jetzt nicht damit, dass der Zeitgeist bei der Wahrnehmung von Kunst und ihrer Definition unerheblich sei.).
Mir fallen diese blöden Sprüche, wie sie zuweilen an Ausstellungen fallen, wieder ein. Ein paar Menschen stehen vor einem Bild und sagen: Das hätte ich auch gekonnt.
Mag sein, doch sag: warum hast du es denn nicht gemacht? Geh hin und mach dein Ding. Finde deine Sprache.
Kunst ist subjektiv. Kunst ist kontrovers. Kunst scheidet die Geister. Kunst ist alles. Nichts vermutlich auch.
Und Kunst lässt sich nicht abschließend definieren.