Montagsmenschen heißen sie deshalb, weil sie immer montags ins Yoga gehen, doch Montagsmenschen lässt mich auch an Montagspannen denken, an Produktionsfehler, an Ausschuss. Ob Milena Moser diese Assoziation beabsichtigt hat, weiß ich nicht. Fakt ist, dass die drei Yogalehrlinge, die wir in diesem Buch kennenlernen, alle ein klein bisschen anders sind. Ungefähr so anders wie du und ich, und du und du auch. Sie heißen Ted, Marie und Poppy und treffen sich Montag für Montag in der Yogaschule in Nevadas Kurs.

Nein, auch die sechsunddreißigjährige Yogalehrerin Nevada hat es nicht einfach. Sie hat es noch immer nicht geschafft, weder die Sache mit der Erlösung noch das Endlichgutgenug. Und auf einmal kippt sie um. Mitten im Hund fällt sie auf die Schnauze, beißt sich dabei vor Schmerz auf die Zunge und blutet aus dem Mund. Schmerzen, die – wie sich im Laufe der Geschichte herausstellt –, von einer unheilbaren Nervenkrankheit herrühren. Von MS. Lange hat sich Nevada dagegen gewehrt, wissen zu wollen, woran sie leidet. Schließlich, beim dritten oder vierten Arzt, kann sie nicht mehr davonlaufen. In Schüben verlaufe die Krankheit, hört sie, doch das hat sie längst im Internet gelesen. Mit unglaublicher Zähigkeit versucht sie danach, nicht zuletzt dank ihrer letzten ihr noch verbliebenen Yogaklasse, ihren Alltag zusammenzuhalten. Du hast nur zu wenig geübt, betet sie sich vor, ist sie überzeugt. Auf Suche nach Antworten setzt sie sich vertiefter, auch im Unterricht, mit den Sutren des Patanjali auseinander. Diese Weisheiten sind wie Samen, die ganz leise in den Herzen aufgehen. In ihrem eigenen und in denen ihrer Schüler und Schülerinnen.
Ted ist in einer emanzipierten Frauen-WG im Bewusstsein aufgewachsen, das Leben in Freiheit, das sich seine Mutter für sich erträumt hatte, versaut zu haben. Ted, der Lehrer, der verlassene Vater, Ted, der zufällig in eine Yogastunde schlittert und bei Nevada hängen geblieben ist. Ein Ort, der ihm bald sehr wichtig wird, weil er hier nichts muss.
Marie und Poppy kommen schon länger in Nevadas Yogakurse. Beide sind sie auf der Suche nach einem Ort, wo sie sich fallen lassen und zur Ruhe kommen können. Marie, die Ärztin, flüchtet vor ihrem egomanischen Mann. Gion ist Fernsehschauspieler, dessen Serie abgesetzt worden ist und der sich nun, ohne berufliche Erfüllung, in ihrem Leben und in ihrer Wohnung so sehr ausgebreitet hat, dass ich beim Lesen an Efeuranken denken muss. Eines Tages kommt er sogar mit ins Yoga, was Marie zwar nicht recht ist, doch was kann sie schon machen? Immerhin findet der Schauspieler dort ein neues Publikum und mausert sich in Kürze zum neuen Yoga-Star, verrenkt sich für eine TV-Talkshow und beginnt einen Blitzkurs als Yogalehrer. Im Sommer will er sich in Indien mit seiner pubertierenden (Wochenend-)Tochter als liebender Yogi-Vater profilieren, doch zuvor will er sie zu sich in seine Wohnung holen. Weil er sie braucht, wie er sagt. Da platzt Marie der Kragen.
Poppy heißt eigentlich Annamarie und kann eigentlich ziemlich gut schreiben, ist eigentlich ziemlich begabt und ziemlich schlau. Wenn da bloß nicht dieser Hang zum Missgeschick wäre und zu Vergesslichkeit. Obwohl sie sich doch so Mühe gibt. Immer diese Waswollteichdochgleich?, diese Sehnsucht, diese Unruhe, Hast, Getriebenheit, Schussligkeit. Über allem drüber Schuldgefühle, wie eine Wolke, die alles Sonnenlicht schluckt. Ihr Mann hat sie verlassen, die Kinder haben es bei der Stiefmutter besser als bei ihr, denn die ist lieb und zuverlässig. Doch dann trifft Poppy eines Tages, mitten auf ihrer Suche nach Ganzheit und Lebendigkeit, dank Facebook ihre große Liebe wieder. Wolf ist leider inzwischen verheiratet.
Derweilen hat die Frau von Teds bestem Freund Tobias schon wieder eine Fehlgeburt und Emma, Teds Tochter, steht grad ein wenig der Karriere ihrer Mutter im Weg. Ein tolles Angebot in Amerika reicht ihr aus – und die langjährigen erfolglosen Kämpfe Teds um das Mitsorgerecht scheinen vergessen –, um Emma in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu Ted umzutopfen. Ted ist glücklich. Auch Emma entspannt sich allmählich und bald haben es die beiden super miteinander. Nur seine aktuelle Flamme, eine narzisstische Prinzessin wie alle seine Verflossenen, findet es überhaupt nicht toll, Nummer zwei zu sein.
Wie gesagt: Menschen wie du und ich. Verwoben, verwundet, verwirrt … Suchende und Findende.
Jedem Kapitel ist ein passendes Zitat aus den Sutren des Patanjali vorangestellt und die Unterkapitel sind mit den Namen der jeweiligen ProtagonistInnen überschrieben. Der rote Faden zwischen den einzelnen Menschen ist der gemeinsame Yogakurs.
Die große Yogaschule, die Nevada einst mit ihrer Freundin Melanie, inzwischen Lakshmi genannt, ist alles, was Nevada hat. Doch als Nevada immer leistungsschwächer wird und die Krankheit sichtbar Spuren hinterlässt, stellt sich das Team, angeführt von ebendieser Lakshmi, mehr und mehr gegen Nevada. So viel Gehässigkeit, Neid und Falschheit, Pseudospiritualität und Unsolidarität! Nevada, die vor zwanzig Jahren den Kontakt zu ihrer Familie abgebrochen hat, springt über ihren Schatten und gibt Mutter Martha eine neue Chance. Martha ihrerseits hat auch einen Weg zurückgelegt und erkannt, dass sie ihre kleine Tochter in der Kindheit grotesk vernachlässigt hat. Schwester Sierra engagiert sich sehr für Nevada und verhilft ihr zu einer neuen Lebensaufgabe. So ermöglicht die tödliche Krankheit neue Wege und das Aufdröseln verknoteter Beziehungen.
Als ein Mord geschieht und sich eine Unschuldige schuldig bekennt, weiß Nevada, was zu tun ist.
Milena Moser erzählt in diesem Buch die Geschichte von Menschen, die dank der Weisheit und dem tieferen Sinn des Yoga den Mut finden, unerträgliche Zustände auszuhalten oder zu verändern. So kann Ted seine Tochter, als Tina ihn nach ein paar Wochen dazu auffordert, ohne Aufstände seinerseits, nach Amerika ziehen lassen, denn er weiß, dass sie zurückkommt und dass deshalb seine Vaterliebe nicht kaputtgeht. Marie verlässt ihre Ehe und fängt an einem neuen Ort von vorne an. Und Poppy? Nein, mehr darf ich nun wirklich nicht mehr verraten. Lest selbst!
Von Milena Moser habe ich praktisch alle Bücher gelesen, schon früher, als sie noch fast unbekannt war. Und alle habe ich gemocht, doch dieses hier … ach, es ist einfach genial. Liebevoll, weise, frech, überraschend, noch weiser, und vor allem: ERMUTIGEND. Es zeigt: Yoga im Alltag ist möglich. Ohne dieses ganze pseudospirituelle Gelabber der Lehrerinnen in der Yogaschule allerdings, die in der Geschichte nicht wirklich gut wegkommen. Yoga ist nicht tumbes Verrenken der Glieder, sondern unter anderem ein Beweglichwerden des Geistes, ein Atmen mit dem Herzen und ein Weg, das Leben im Frieden mit sich selbst zu leben.
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