Heute erteile ich Friedrich Dürrenmatt, einem meiner liebsten Klassiker, das Wort. Fast sicher bin ich, dass Dürrenmatt, hätte er heute gelebt, ein leidenschaftlicher Blogger gewesen wäre … 🙂
Ergreife die Feder müde
schreibe deine Gedanken nieder
wenn keine Frage nach Stil dich bedrängt.
Es ist heute wieder vieles zu durchdenken,
Felder liegen brach, die einst Früchte trugen.
Das Mögliche ist ungeheuer. Die Sucht
nach Perfektion
zerstört das meiste. Was bleibt
sind Splitter
an denen sinnlos gefeilt wurde.
Beginne, das Sonnensystem zu sehen.
Liebe
auch Pluto. Doch wer
macht sich schon Gedanken über ihn!
Ich aber
spüre sein Kreisen, ahne
die kleine Kugel, die glattgeschliffene.
Alles lässt sich besser schreiben
Darum lass die schlechtere Fassung stehn.
Nur beim Weitergehen kommst du irgendwohin
wohin?
Fern von dir.
Gehe weiter. Lots Weib
erstarrte beim Zurückschauen.
Erstarrt nicht. Korrigiert nicht.
Wagt!
Höre nie auf andere.
Trachte nicht danach, ein gutes Buch zu schreiben
Mache keinen Plan und wenn du ihn machst
Führe ihn nicht aus
Der Plan genügt.
Nichts ist notwendig. Das Spiel
kann jederzeit abgebrochen werden.
Es gibt Sätze, die stark machen
doch brauchen sie nicht nieder-
geschrieben werden.
Löse deine Hand.
Es kommt nie auf die Sätze an. Nur das
Werk allein zählt.
Die Narren kritisieren einen Satz
Wenige sehen das Ganze.
Gott kann dich verlassen
Gody soll dich verlassen.
Friedrich Dürrenmatt
Aus: Heimliche Gedichte, Diogenes Verlag 2007