bloß Stärke

Heute zitiere ich die Gräfin, wie der 500beinige Glumm seine Liebste nennt. Er zitiert sie oft auf seinem Blog. Dies hier ist somit ein Re-Zitat, sozusagen, gefunden am 16. August auf http://500beine.myblog.de/

Eine kleine Menschenlese

Wo sind eigentlich all die Memmen hin, die Weinerlichen, die ihre Gefühle zeigen, die Susen, wo sind die geblieben? Wohin man auch blickt – überall bloß Stärke.

– Die Gräfin –

Nicht ohne meinen Vater

Totale. Eine Bohrmaschine, eingespannt in ein Gestell, das eine präzise Bohrung erlaubt. Zoom. Nun sehen wir, wie der drehende Bohrer sich durch ein Stück Holz windet und Holzspäne und Holzstaub auf einer winzigen Hand hinterlässt, die das Holzstück festhält. Obwohl es natürlich mit Schraubzwingen festgemacht ist, aber man kann ja nie wissen. Die linke Hand – Kameraschwenk – liegt auf dem Hebel, der die Bohrmaschine, wie schon sein Name verrät, rauf und runter hebeln kann. Das kleine Mädchen, das zur kleinen Hand gehört, steht auf einem Schemel.
Wenn das die Mutter wüsste!, sagt sie leise zu ihrem Vater, der nebendran steht und ihr zuschaut.
Aber wenn sie doch will!, sagt dieser oft zu seiner Frau. Sie hat so geschickte Hände.

Er auch. Den ganzen Hausumbau hat er selbst gemacht. Alle Reparaturen. Fast nichts, wozu er Hilfe holen muss. Höchstens, damit es schneller voran geht. Aber da ist ja noch einer der Brüder. Zwar wäre der Vater lieber Lehrer als Handwerker geworden, doch die Zeiten waren schlecht. Vor dem zweiten Weltkrieg wurde jeder Rappen gebraucht. Jede zupackende Hand im Stall und auf dem Feld. Statt Wände hätte er dennoch lieber Bilder gemalt. Hat er auch, ein paar wenige, und gar nicht mal so schlecht. Erst später, als er pensioniert wurde, konnte er sich seinem Lebenstraum, der Ahnenforschung und der Geschichte seiner Heimat, widmen, in alten Büchern lesen, für Stammbäume, die weit zurück reichen recherchieren und sie erstellen. Sogar in amerikanischen Zeitungen wurde er erwähnt, weil er Ausgewanderten ihre Wurzeln zurück zu schenken vermocht hatte. Wenn er jedoch mit seiner jüngsten Tochter in der Werkstatt stand und kleine Möbelstücke, die sie sich für die Puppenstube oder später fürs Teeniezimmer ausgedacht und auf Papier gekritzelt hatte, mit ihr zusammen umsetzte, war er immer ganz bei der Sache.
Schnitt.
Am Anfang war die Idee. Das ist sie immer. Immer am Anfang. Denn ohne sie geht gar nichts. Kaum war ich hier eingezogen, nistete sie sich bei mir ein. Zwang mich zu Skizzen. Wollte gehört und gesehen. Gab nicht auf. Erinnerte mich daran, dass ich sie umsetzen sollte. Dass ich das kann.

Schnitt.
Im Baumarkt atme ich tief die Gerüche von Gummi, Farbe, Metall und Holz ein, als würde ich nach Hause kommen. StammleserInnen kennen sie längst, meine diesbezügliche Vorliebe. Ich schweife ähnlich narkotisiert durch die Reihe von Baumärkten wie andere Frauen vermutlich durch Modeboutiquen. Grüße da und dort ein paar Wichtel und Zwerge, die  freundlich zurückgrüßen, und sehe mir dies und das an.

Bevor ich das Holz auswähle und es millimetergenau zuschneiden lasse, lese ich Beschläge aus, Scharniere und Winkeleisen. Und Schrauben? Nein, davon habe ich bestimmt genug. Ich entscheide ich mich für Massivholz, schreibe die Masse aufs Bestellformular und suche, während der Schreiner die Bretter zuschneidet, nach Pinsel und Lasur. Das Teil wird draußen stehen, zwar überdacht doch Sonne und Regenspritzern dennoch ausgesetzt. Es soll gut geschützt werden.
Zuhause angekommen schleppe ich meine Beute zum Gartensitzplatz. Wie heiß es ist! Ich setze mich kurz hin, freue mich auf die Arbeit, stehe bald wieder auf und hole Werkzeugkiste und Akkubohrer. Suche Schrauben und Unterlagscheiben. Schrauben? Uff. So kurze in der richtigen Dicke gibt’s gar nicht mal so viele. Ich zähle sie ab und begreife, dass ich wohl genau genug habe. Genau genug!
Bereits läuft der Film in meinem Kopf. Er heißt „Schritt für Schritt zur Gartenbank mit Innenleben“. Zuerst die beiden Deckel – einer davon wird die auf- und zuklappbare Lehne – mit Scharnieren verbinden. Die beiden Scharniere unten bereits an- und wieder wegschrauben, damit nachher die Schlussmontage leichter von der Hand gehen kann. Nun die schmalen Seitenteile mit Winkeleisen vorbereiten und mit je einer Rück- respektive Vorderseite verschrauben. Weil es mir draußen zu heiß ist, mache ich alles drinnen am großen Tisch. Wo habe ich bloß den Akkubohrer hingelegt?
Nun trage ich die teilmontierten Teile auf den Sitzplatz und verbinde sie (Bild eins,oben links). Die Vorbohrungen habe ich so präzise ausgeführt, dass die Schlussmontage problemlos gelingt. Als ich die letzte Schraube festdrehe, pocht mein Herz laut. (Bilder zwei, oben rechts).
Geschafft. Ich fülle die Kiste mit all dem Krempel, der bisher unter einer schützenden Tischdecke dennoch verstaubte, (Bild drei, unten links) klappe den einen Deckel herunter (Bild vier, unten rechts), den andern, die Lehne, lasse ich offen und setze mich hin. Weihe meine neue Bank ein und fühle mich reich.

Lange bleibe ich dort sitzen, noch lange nach dem Essen, bis ich kaum mehr sehen kann, was ich da überhaupt lese. Nicci Frenchs Psychothriller „In seiner Hand“ ist eins dieser Bücher, die man kaum mehr aus der Hand legen kann.
Wird Abbie es schaffen, ihren Entführer zu finden, bevor er sie – nach ihrer Flucht – umbringen kann. Und das, obwohl ihr niemand glaubt, dass sie wirklich entführt worden ist.

__________________________________________________
Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Mama, Mama, er hat überhaupt nicht gebohrt

In meinem Kalender steht heute Zahnarzt. Vierzehn Uhr. Ein neuer, einer aus dem Telefonbuch (den Zahnarzt, meine ich). Mal schauen. Ist ja nur für die Kontrolle. Wenn er mir nicht passt, geh ich nicht mehr da hin. Die Mädels sind jedenfalls süß, ganze drei an der Zahl, die da herum wuseln und nur für mich da sind. Werde ich eigentlich immer älter oder bloß die Assistentinnen immer jünger? Wie ich so auf dem Zahnarztstuhl sitze, Kopf richtig positioniert und mit Blick vom fünften Stock über die Hügel, sehne ich mich nach meiner Berner Zahnärztin, die immer gesungen hat, wenn sie mich reparierte. Hoffentlich habe ich keine schlimmen Löcher. Während der Zahnarzt zu jedem einzelnen Zahn, den er mit seinem Testpiekser antippt, ein kryptisches Wort sagt, dass Assistentin Nummer eins umgehend im PC notiert – allesamt Wörter, die ich nicht begreife – glaube ich zuerst, dass jeder dieser Zähne kaputt ist. Als er schließlich alle Zähne durch hat, gratuliert er mir. Alles in Ordnung. Da, oben rechts, ein bisschen freier Zahnhals, da unten links eine Füllung, die nächstens repariert werden muss. Aber noch hält sie. Puh, bin ich froh.
Nun noch Dentalhygiene?
Ja, gerne, war ja so abgemacht. Ach, das macht der Chef hier selbst? Zahnstein weg und zum krönenden Abschluss eine Imprägnation.
Nein, das hatte ich nun wirklich noch nie. Obwohl ich in Bern im modernsten Zentrum war. Mein neuer Zahnarzt füllt nun vor meinen Augen eine schäumende fluorhaltige Flüssigkeit in zwei u-förmige Styroporschalen und bittet mich, den Mund zu öffnen. Zuerst kippt er die eine Schale über meine untere Zahnreihe, dann legt er die zweite Schale auf die erste, allerdings nach oben geöffnet und heißt mich zuzubeißen. Eine Minute Wirkungszeit. Ich japse. Kriege keine Luft mehr. Kann nicht schlucken. Der Schaum schäumt vor sich hin, das einzige was er gut kann. Und ich würge. Verdrehe die Augen. Leide. Er reagiert zum Glück schnell und nimmt das Zöix wieder raus. Nein, das geht so nicht. Ich würge in den Spucknapf und spüle den ekligen Schaum weg.
Das mag ich nicht, sage ich.
Da sei ich die erste. Alle hätten das viel lieber als das frühere Fluor aus der Tube, meint er.
Ich bin eben nicht wie andere, sage ich. Bitte lieber traditionell.
Ganz traditionell, also einfach das Fluor mit einer Bürste einzureiben, sei zu wenig nachhaltig. Die Zähne müssten eine Minute regelrecht im Fluor baden, sagt er, und kippt aus der großen Tube traditionelles, nicht schäumendes Fluor in zwei neue U-Schalen. Nun wird zuerst die obere, danach die untere Reihe eine Minute getunkt. Er hält dazu die Schalen fest, so dass ich den Mund offen lassen und atmen und schlucken kann. So geht es. Auch weil das neue respektive traditionelle Zöix nicht schäumt. Dafür erinnert es mich an das gute alte Schulzahnputzen.
Danke und bis zum nächsten Mal. Noch ganz benommen gehe ich anschließend einkaufen.
Ich mag es, auf dem Heimweg von der Stadt durch das Areal der großen psychiatrischen Klinik zu radeln und mich irgendwo mitten drin auf eine ruhige Bank zu setzen. Hier treffe ich die ganze Welt in klein. Alle hier sind entweder „nicht ganz normal“ oder besuchen jemanden, der hier weilt. Oder sie wandeln, wie ich, irgendwo zwischen den Welten.
Hier denke ich nie, was wohl die anderen von mir denken, weil ich wochentags Zeit für ein Buch, auf der Bank gelesen, habe. Hier kommt die Zeit zum Stillstand. Immer wieder werde ich von PatientInnen gegrüßt. Selbstgespräche führende Menschen sind hier normal. Hinter mir ein spielende Familie. Menschen mit Migrationshintergrund. Die Kinder im Vorschulalter wechseln laufend von ihrer Muttersprache zu Schweizerdeutsch, je nachdem, mit wem sie reden. Ein alter Mann, der nicht mehr gut zu Fuß ist, fragt, ob es gestattet sei, sich neben mich zu setzen. Ich sage ja und hoffe, dass er nicht reden will. Mein Buch ist grad so spannend. Unmensch ich!
Ich denke an S., die Tochter einer Bekannten, die vor Jahren für ein paar Monate hier war, um ihre Magersucht zu heilen. Heute führt S. – soviel ich weiß – ein „normales“ Leben, hat eine Ausbildung abgeschlossen und sich in der Gesellschaft integriert. Wie hilfreich bei ihrem Entwicklungsprozess die Zeit hier gewesen ist, weiß ich nicht. Meine Besuche hatten mich immer sehr deprimiert und ich fragte mich, wie und ob man in solchen Räumen wirklich gesund werden kann. Kurz darauf ist sie abgehauen, nach Thailand. Niemand rechnete damit, sie je wiederzusehen, so mager wie sie war.
Wie viel Selbstbestimmung haben wir tatsächlich? Will ich wirklich diesen Fluorpanzer um meine Zähne?

Im Kiental oder die vielen Herzen in meiner Brust

Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.


__________________________________________________
Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

alles verhält sich irgendwie …

Bloggen? Hm. Ja, schon, nur wo anfangen? Nun, es ist ja nicht so, dass ich Gedanken und Gefühle nicht irgendwie in Worte fassen könnte, eher ist es ein aktuelles Unvermögen, das Gewirr in mir sichten zu können. Denn obwohl doch jetzt endlich so etwas ähnliches wie Alltag in mein Leben einkehrt, jetzt, wo ich nicht mehr in ein mich täglich herausforderndes Projekt eingebunden bin (Ums Meer 2012, Irgendlink), ist nicht automatisch alles klar, einfach und übersichtlich.
Ich fühle mich wie pensioniert, sagte ich deshalb heute Morgen zum Liebsten. Nicht, dass ich nichts zu tun hätte, ganz und gar nicht, doch jetzt „muss ich wieder das tun, was ich will“, sozusagen. Veränderte Prioritäten. Zumindest, bis wieder ein Brotjob am Horizont auftaucht, der einen Gutteil meiner Lebenszeit auftunken wird. So habe ich beschlossen, mich endlich um meine Buchmanuskripte zu kümmern. Sie zu lesen, als seien sie von jemand anderem geschrieben worden, als wäre ich die Lektorin. Ob das geht?
Mit den Recherchen für das nächste Schreibprojekt werde ich am Montag anfangen. Über eine Tagung gilt es zu schreiben, die nächsten Samstag stattfindet. Intergrale Politik heißt der Bogen über dem Ganzen. Politik – ein Wort, das mich immer wieder heiß und kalt erwischt. So oft ich auch behaupten mag, dass ich nicht wirklich politisch sei, so oft muss ich mir eingestehen, dass das nicht geht. Wie ich auch nicht keine Meinung zu etwas haben kann. Denn alles ist eine Art Standpunkt, auch die Neutralität. Sage ich als Schweizerin, mit Neutralität im Blut sozusagen. Wie wir auch nicht nicht fühlen und nicht keine Befindlichkeit haben können. Alles verhält sich zum Rest irgendwie.
Über gelebte, lebbare Anarchie grüble ich neuerdings wieder vermehrt nach. Ist Anarchie jene neue Weltordnung ohne Herrschaft, wie ich sie mir früher so oft gewünscht habe? Diesen oft genug irgendwie inszeniert wirkenden, nicht ganz überzeugend wirkenden Widerstand gegen alles Etablierte, alles Strukturierte stelle ich heute oft in Frage. Nicht aber den guten Willen, der dahinter steckt, fühlte ich mich doch vor zehn, zwanzig Jahren ziemlich anarchistisch. Also nichts gegen authentischen Widerstand, gegen Zivilcourage, aufrichtiges Umdenken, Sehnsucht nach einer lebbaren, anderen, neuen Welt für alle. Die will ich auch, nur habe ich wohl aufgehört, daran zu glauben, dass es einen einzigen gangbaren Weg für alle gibt, eine einzige polititsche Form. So wie ich längst aufgehört habe, an eine einzige Wahrheit zu glauben.
Letztlich paddle ich mit allen Querköpfen, mit allen Bös- und Gutmenschen im gleichen Schiff. In einem Schiff mit unzähligen Lecks. Und da sind Myriaden von Riffs im offenen Meer. Wie gemeinsames Paddeln gehen könnte, hat sich Cambra in ihrem Blog vorgestellt. Vielfalt und Selbstbestimmung statt Einfalt und Vergleich. Ich halte es auch gerne mit Luisa Francia, die in ihrem Internettagebuch und in ihren Büchern immer wieder die Ressourcen Eigenmacht und Mitverantwortung betont. Jene Eigenmacht und jene Mitverantwortung, die sowohl mein eigenes Wohl als auch das Wohl aller im Sinn haben. Ohne kleingedruckte Fallen. Und ohne falsche Sentimentalität.

Rückblick

Entschleunigung ist angesagt … Darum habe ich die letzten zwei Tage mit Sein und Sichten verbracht. Und ab und zu ein wenig geappt.
Die Bilder stammen vom Kunstzwerg-Spaziergang vom letzten Sonntag und zeigen LandArt-Kunstwerke von Karl Rudi Domidian aka Hundefänger. Ich habe im letzten Artikel davon erzählt.
Die beiden sehr unterschiedlichen Werke haben doch eines gemeinsam (außer dem Material natürlich): Sie sind Hohl- und Schutzräume. Während das eine kuppelförmig nach außen hin abgeschlossen ist, mutet das andere wie ein Boot an, das kieloben gestrandet ist und sich als Höhle eignet (in die Irgendlink geschlüpft ist).

__________________________________________________
Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Noch immer ohne Netz

Als wäre ich heute Nacht in diesem großen Kinohaus gewesen, weißt du, jenes in Saarbrücken, wo es von unten bis oben einen Kinosaal neben dem anderen hat, sagte ich heute Morgen nach dem Erwachen zu Irgendlink. Als wäre ich die ganze Nacht von Raum zu Raum gegangen und hätte mir da und dort ein paar Filmsequenzen angeschaut. Bilder zogen vorüber, Dialoge … Und immer ging ich weiter und weiter.
Ja, ruhelos waren die Träume und dennoch fühle ich mich wohlig erholt und gut gelaunt. Wir haben wieder im „richtigen Bett“ geschlafen, im irgendlinkschen, nicht im (schwieger)elterlichen Wohnwagen, in den wir während des Festivals ausgewichen waren, da Irgendlink seine Wohnung „untervermietet“ hatte.
Ruhe auf dem Hof. Keine Gitarrenklänge mehr, die drei Tage wie ein Klangteppich alles untermalt hatten – Stimmen, Lachen, sphärische Musik, Geschirrgeschepper und auch das Schlagen der Axt auf den Spaltstock. Auf dass das Grillfeuer niemals ausgehe.
Ruhe in mir, trotz der Bilderflut, so dass sich all die vielen bunten Eindrücke auf dieser neu aufgeschlagenen leeren Buchseite in mir verteilen und sich eine Nische suchen können.
Schon wie wir gestern – nur noch eine kleine ungefähr zehnköpfige Gruppe – mit dem LandArtisten Hundefänger im den Wald spazieren, um seine Kunstwerke, die er aus herumliegendem Holz gebaut hat, zu betrachten, stelle ich verwundert fest, dass der dem Event vorausgegangene innere Stress auf einmal von mir abgefallen ist. Auf dem Rückweg mache ich mit vier anderen noch einen kleinen Schlenker zu einem LandArt-Kunstwerk vom letzten Jahr. Wir steigen in eine Schlucht hinunter, vier Stadtmenschen und ich. Zumindest zwei sind kaum je in der Natur und im Wald. Wie wir auf dem Rückweg darüber reden und ich ihnen dabei zuschaue, wie sie relativ mühsam auf den rutschigen Wegen in der Schlucht unterwegs sind, wird mir bewusst, dass sogar das eine Ressource ist: sich im Wald zurecht finden. Etwas für mich Selbstverständliches ist für andere überhaupt nicht selbstverständlich. Ja, gut, ich weiß, das ist nicht neu. Doch ich vergesse zuweilen, dass das, was ich kann, eben nicht einfach Allgemeingut ist. Wie oft bewundere ich andere dafür, dass sie dies und das können, sich dies und das trauen. Würde ich jedoch in ihre Haut schlüpfen, wüsste ich, dass das alles ganz einfach ihr Ding ist.
Eigentlich war das ganze 9. Mainzer Kunstzwergfestival wie ein bunter Teppich. Als Jan am Samstagabend seine Musik mit uns teilte, ich sass mit geschlossenen Augen im Raum, hatte ich den Eindruck, dass jeder Klang, den er mit seinen technischen Hilfsmitteln und Instrumenten erzeugte, eine Farbspur ist. Ein Farbtropfen, der ins Wasser fällt und sich mit den anderen Tropfen vermischt. Und er sei der Alchemist, der zur richtigen Zeit am richtigen Ort den richtigen Hebel bewegte und so quasi die Töne, ihre Essenzen, miteinander vermischte. Die Töne flossen ineinander, legten sich umeinander und trugen mich mit sich fort.
Irgendwie ähnlich floss alles miteinander ineinander, was war. Auch all die vielen Gespräche. Am meisten Spuren haben wohl die politisch und philosophisch gefärbten Gespräche hinterlassen, die ich mit dem Performancer Dr. Treznok und seiner Assistentin Friederike geführt habe. Um die „postnatale Abtreibung behinderter Neugeborener“ ging es dabei vor allem, denen ja angeblich nur ein Leben voller Leid bevorstehe, wenn man dem Australier Peter Singer glauben will (dies hier mal als Stichwort/Notiz. Ich habe vor, mich damit später (vielleicht auch im Blog) eingehend zu beschäftigen).
Wie wir beide gestern, nachdem alle abgereist sind und alles mehr oder weniger wieder an seinem Platz stand oder lag, miteinander am Feuer sassen und vom übrig gegebliebenen Nudelsalat schmausten, war sie auf einmal da, die Ruhe.
Verrückt: Heute Abend schon werde ich wieder in die Schweiz zurückfahre. Jetzt aber bin ich hier. Und das ist gut so.
(geschrieben auf dem iPhone, da wir noch immer kein Internet haben)

Ohne Netz

Auf dem einsamen Gehöft in der südlichen Pfalz, wo ich bis vor ein paar Monaten gewohnt habe. Wieder hier zu sein, fühlt sich seltsam an. Die rauschenden Pappeln wie eh und je. Der Grillplatz. Der Garten. Eine frühreife Baumnuss, die knapp an meinen Ohren vorbei auf den Boden fällt.
Aber vor allem ist da der Liebste, endlich zurück von seiner langen Reise. Wie schön es wäre, jetzt einfach Zeit für einander, Zeit für eine sanfte Landung zu haben! Zeit für ein paar wenige Menschen, Zeit für dosierte Begegnungen da und dort. Zeit, um zusammen Bilder anzuschauen, Zeit, sich Geschichten und Erinnerungen an die letzten Monate hinzugeben.
Dass sich Irgendlink vor seiner Reise auf das erste Augustwochenende ein kulturelles Event auf dem Hof aufgeladen und das Datum danach schlicht vergessen hat, ist menschlich, insbesondere wenn man eine Reise macht, die einen siebentausendsechshundert Kilometer ums Meer führt.
Doch auch ein vergessenens kulturelles Event will vorbereitet sein, vor allem wenn man Gastgeber ist, eine einfache Infrastruktur zur Verfügung stellt und selbst als Kunstschaffender mitbeteiligt ist. Deshalb müsste es eigentlich nicht auch noch sein, dass das Internet aus unerfindlichen Gründen in den letzten vier Monaten „kaputt“ gegangen ist. Nicht zu alledem, was zu tun ist. Mal tragen wir es mit Fassung und weichen auf unsre iPhones aus, mit denen wir ja auch übers (hier superlangsame) Handynetz ins Internet kommen, mal nerven wir uns über das Fehlen der kabellosen Verbindung mit dem Universum. Zumal Irgendlink Kunststraßen- und andere Reisebilder nach Paris mailen müsste, damit sein Künstlerfreund die geplante Diaschau für die Ausstellung in Los Angeles bauen kann. Doch zuerst muss er ja, ganz nebenbei, seine siebeneinhalbtausend iPhone-Bilder auf den Rechner laden. So oder so, alles ist ein wenig zu viel. Die Zeit, sich langsam wieder auf dem Hof und beieinander einzufinden, wird von all den anderen To-Dos einfach aufgefressen.
Gestern Nacht sind bereits ganz überraschend die ersten Künstler angekommen. Jetzt ist das Paar, dass das Event schmeisst, zur Hälfte am Einkaufen und zur zweiten Hälfte am Diesunddasen. Und ich nehme mir eine kleine Insel voll Zeit, vor dem Sturm sozusagen, um diese Zeilen auf die Bluetooth-Tastatur zu hacken, die mit Jürgen ums Meer gereist ist. Schnell und langsam sind ganz nah beieinander. Die Sonne fällt, gefiltert vom Nussbaum, auf den Tisch, und die Hühnerclique, vom Fuchs arg dezimiert, scheint Siesta zu halten. Kein Gackern weit und breit. Nur das Rauschen der Pappeln und ferner Verkehr, der über die Sickinger Höhe rollt.