Als ich vorgestern Abend C. per Mail den spontanen Vorschlag gemacht hatte, ihren Geburtstag mit ihr zu verbringen, hatte ich nicht ahnen können, dass sie für ihren Geburtstag, gestern, mit einer Freundin eine kleine Wanderung im Kiental geplant hatte. Und noch weniger ahnte ich, dass diese Freundin ganz kurzfristig aus gesundheitlichen Gründen absagen musste. Doch wusste ich um meine Sehnsucht nach den Bergen, die ich schon fast zwei Jahre nicht mehr gestillt hatte. Diese unstillbare Sehnsucht gilt insbesondere den Bergen des Berner Oberlandes. Nein, ich war keine Lückenbüßerin, denn C. wäre auch alleine gegangen. Mein Vorschlag passte dennoch perfekt, haben wir uns doch fast drei Jahre nicht mehr gesehen (siehe mein Blog).
Als nun gestern Vormittag C., die ich für mich gerne Wahl- oder Adoptiv-Mutter nenne, anrief und nachfragte, ob mein Vorschlag noch gälte, musste ich nicht lange überlegen. Schon kurz darauf setzte ich mich ins Auto, überlebte ein paar lästige Staus und tauchte auf einmal, Thun hinter mich lassend, in die Märchenwelt des Oberlandes ein. Magie pur.
Versuche ich zu beschreiben, wie ich mich fühle, wenn ich in die Gegend der wilden, reine Bergbäche eintauche, in diese Welt der satten Wiesen, die so grün sind, dass die Augen sich erst daran gewöhnen müssen, leises Glockengebimmel im Ohr, will es einfach nicht gelingen. Diese Farben, Gerüche, das Licht – all das, was das Schweizer Klischee nährt … Nein, Worte sind so unzulänglich. Auch lässt sich nicht beschreiben, was das alles mit mir macht. Dieses freie Atmen. Dieses Glück.
Von Reichenbach aus, wo wir uns treffen um mit nur einem Auto weiterzufahren, gelangen wir über eine schmale, kurvenreiche Straße nach Kiental. C. ohne ihre Hündin Shanta zu sehen, die vor ein paar Wochen altershalber gestorben ist, tut weh. Doch zu wissen, dass Shanta ein schönes Hundeleben gelebt hat, tröstet.
Wie oft wir diese Wege hier miteinander gelaufen sind!, sagt C. . Ihre Hand zeichnet einen großen Kreis.
Und ich? Ich war ewig nicht mehr hier. Schade eigentlich. Das letzte Mal? Da war doch dieses Openair, 2006, wo meine Lieblingsband sogar gespielt hat. Ich glaube, das war das letzte Mal. Aber nicht das letzte Mal, hoffe ich.
Wir fahren hinter Traktoren her, die von jungen Burschen gesteuert werden. Bergheuet. Emd, der zweite Schnitt. Heublumenduft. Alles Handarbeit. Mit Sense und Heurechen. Die Hänge zu steil für Motormäher. Es riecht, wie es nur im Sommer in den Bergen riechen kann. Ich romantisiere. Ich schöne mir die Welt zurecht, kann nicht, will nicht glauben, dass sich diese jungen Kerle und Mädels weit weg in die Stadt wünschen. Den Geruch von Bergwiesen, Schweiß und Stall, der ihnen anhaftet, für immer abgewaschen.
Nein, auch ich könnte hier wohl nicht immer leben. Nicht wegen der Umgebung, eher wegen den Menschen oder ihren vermeintlichen Erwartungen an mich. Dennoch mag ich sie, die OberländerInnen, ich mag ihren singenden Dialekt, der sich vom stadtbernischen doch sehr unterscheidet. Eher schon nähert er sich dem noch knorrigeren der WalliserInnen an. Die Landschaft, in der wir aufwachsen und leben, formt uns. Unser Denken, unsere Sprache, unsere Gefühle. Berge prägen. Täler prägen. Auch wenn es nicht meins ist, fühlt es sich so richtig richtig und existentiell an, dieses Bauern- und Landleben, dass sich auf den ersten Blick auf Melken, Käsen und Heuen beschränkt, auf Vieh- und auf Forstwirtschaft. Erinnerungen an meine Landdienste im Oberland – ich muss 17 oder 18 Jahre alt gewesen sein – tauchen auf. Wie ich täglich die Eier aus dem Stall holte, im Kuhstall half, die Kälber fütterte, die Kinder betreute. Jahre später, mit einem jungen Bauern liiert, als Hebamme bei einer Kalberete mit dabei, einer Zwillingsgeburt, bei der das erste Kalb tot zur Welt kam und wir, es war mitten in der Nacht, mit vereinten Kräften das zweite lebendig herausziehen konnten. Blut an den Händen. Das wackelige Kalb, die leckende Mutterkuh. Bilder flitzen in Sekundeschnelle vorbei. Später, mit meinem damaligen Partner H. auf B.s Alp. Ein paar Tage, an denen wir fast ausschließlich von Käse, Milch und Brot lebten. Und uns nichts fehlte. Wie anders könnten wir leben …
Im kleinen Dorfladen kaufen wir Ziegenkäse und Brot. Wie wir der Kien, diesem unbeschreiblichen, wilden Bergfluss, der durch graues Schiefergestein fließt, entlang wandern, später picknicken und weiter bergan steigen, wird mein Herz ganz still. Eine Stille, die mich noch bis heute begleitet. Dieser Stille verdanke ich es, dass ich meinen Plan, spontan noch Freundin M. oder eine andere meiner Berner Freundinnen zu besuchen – es zumindest zu versuchen –, nicht umgesetzt habe. Nur auf dem Berner Friedhof war ich noch. Frieden tanken.



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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).