Zugegeben, der Titel ist verwirrend. Jener über diesem Blogartikel ebenso wie der vom neuen Buch von Sibylle Berg, das ich seit gestern lese. Vielen Dank für das Leben.
Wie ich das Buch aus dem Stapel nahm um den Umschlagtext zu lesen, war es mir wie wenn ich in den Bergen oder an einem Fluss bin und einen besonders schönen Stein aufhebe.
Willst du mit mir kommen?, frage ich. Noch bevor ich den ganzen Cover-Text gelesen habe, sagt alles in mir Ja. Und ja, die Entscheidung war goldrichtig. Bis jetzt jedenfalls, denn ich bin erst in der Mitte. Eigentlich hatte ich ja in die Bibliothek gehen und die ausgelesenen Bücher gegen neue tauschen wollen, doch die Öffnungszeiten der Stadtbibliothek B. sind gewöhnungsbedürftig. So musste ich stattdessen in den Buchladen, denn alle Bücher, also fast alle Bücher, die in meinem Gestell stehen, sind ausgelesen. Und kein Buch zu haben, ist für mich kein aushaltbarer Zustand.
Okay, Bücher kaufen ist immer so eine Sache, denn meine Gestelle sind eigentlich berstend voll. Und die Bibliothek gut bestückt. Doch Bücher kaufen ist eben auch immer Kunstförderung. So gesehen gebe ich hin und wieder gerne dreißig Franken für ein Buch aus. Ich gestehe, von Sibylle Berg kannte ich bisher nur den Namen, doch ihr Buch macht Lust auf mehr.
Der Plot ist relativ simpel. Ein zweigeschlechtiger Mensch wird in der DDR des Jahres 1966 geboren und wächst lieblos erzogen in einem Waisenhaus auf. Nichts kann jedoch den jungen Menschen Toto daran hindern, an das Gute am Menschen zu glauben. Mit Neugier und stoischer Langsamkeit entdeckt er/sie die Welt, kann in jungen Jahren von der DDR in die BRD flüchten und sucht dort – in einer Welt, die er erst mal kennen- und verstehen lernen muss – sein Glück. Nein, falsch, er sucht nicht. Er ist. Er ist unterwegs. Da ist eine große Akzeptanz dem gegenüber, was da ist. Obwohl er es kritisch betrachtet, nimmt er alles einfach an. Natürlich friert er, natürlich hungert er zuweilen und natürlich trachtet er danach, sich möglichst ohne Anzuecken den schönen Seiten des Lebens zu nähern, doch wenn etwas nicht so ist, wie es sein könnte, dann ist es halt so. Ja, die Schönheit ist es, die er sucht. Falls er denn sucht, wie gesagt. Das Lied, die Musik, die er in sich trägt, hilft ihm, den Glauben an das Gute beizubehalten.
Bergs Geschichte ist Kulturgeschichte, ist politische Aufklärung, ist Desillusionierung und ist Zeitgeschichte – Deutschland als Bühne, als Metapher für eine Menschheit, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung über seine eigenen Füße gestolpert ist. Gnadenlos und kraftvoll schafft die Autorin Bilder, die unter die Haut gehen.
„Keiner fühlte sich wie die anderen. Die Menschen sind doch immer zu dick, zu dünn, sie sind taub oder blind. Contergan-Opfer, die Eltern geschieden oder Trinker oder zu spießig, sie sind homosexuell oder sexsüchtig oder asexuell, zu groß, zu klein, sie haben Autismus oder Epilepsie, Herzprobleme, Schweiß, einen Buckel, Akne, keiner entspricht der Norm und selbst aus Metall gestanzte Figuren wie Bankangestellte und Versicherungsmitarbeiter, Anwälte und Mitarbeiter diverser Aufsichtsräte leiden unter Blasenschwäche. Als Teil der Welt, die doch allen gleichermaßen gehört, fühlt sich keiner.“
Toto macht sich viele Gedanken über das Unglücklichsein der Menschen. Ganz besonders nicht verstehen kann er, in einem diktatorischen Land in einem diktatorisch geführten Heim aufgewachsen und von Anfang an wegen seines nicht eindeutigen Geschlechtes zum Außenseiter gestempelt, dass diese Menschen im kapitalistischen Westen, die doch alles haben, was das Herz begehrt, nicht glücklich sind.
Wie ich gestern das Buch an der Aare, nach einem erfrischenden Bad, zu lesen angefangen habe, werde ich seltsamerweise Seite um Seite glücklicher. Dankbarer dafür, dass ich – wenngleich auch ich vieles entbehrt und erlitten habe – doch das Glück hatte, in einem Land geboren worden zu sein, das bunt ist. Und das eigenem Denken Raum gibt. Nein, auch die Schweiz ist nicht perfekt. Und nein, auch der Kapitalismus ist nicht das Wahre. Aber hier kann ich mein Leben doch in gewissem Masse selbstbestimmt leben.
Toto als mein neuer Lehrer. Er zeigt mir, so fiktiv er auch ist, dass es vor allem darum geht, mit sich selbst in Frieden zu leben. Mit sich in Kontakt zu sein. Anders als all die Verlorenen, die sich selbst verloren Habenden, die ihm, als er in einer Kneipe als Barkeeper arbeitet, ihre Leben erzählen.
Die in der DDR geborene Autorin, die nun schon viele Jahre in der Schweiz lebt, erzählt, so ahne ich, vieles aus eigener Erfahrung. Sie erzählt von den großen Träumen kleiner Menschen. Von gescheiterten Träumen. Und sie erzählt sogar dort noch liebevoll, wo feine Ironie oder gar böser Zynismus durchschimmern und sie Kritik an bestehenden Systemen übt. Vor allem aber erzählt sie ganz und gar menschlich.
Sibylle Berg: Vielen Dank für das Leben
Toto ist ein Wunder. Ein Waisenkind ohne klares Geschlecht. Zu dick, zu groß, im Suff gezeugt. Der Vater schon vor der Geburt abgehauen, die Mutter bald danach. Und doch bleibt Toto wie unberührt. Im kalten Sommer 1966 geboren, wandelt er durch die DDR, als ob es alles noch gäbe: Güte, Unschuld, Liebe. Warum, fragt er sich, machen die Menschen dieses Leben noch schrecklicher, als es schon ist? Toto geht in den Westen, wo der Kapitalismus zerstört, was der Sozialismus verrotten ließ. Nur zwei Dinge machen ihm Hoffnung – das Wiedersehen mit Kasimir und sein einziges Talent: das Singen. Es führt Toto bis nach Paris. Ein wütender, schriller Roman einer großen Autorin über das Einzige im Leben, was zählt.
(Quelle: http://www.sibylleberg.ch/arbeit/buecher)

Liebe Soso,
danke Dir für die feine Vorstellung des Buches! Sibylle Berg habe ich schon immer gerne gelesen, sie hat einen unglaublich guten Blick auf „Verhältnisse“ und findet eine Sprache dafür, die nie einfach nur verhöhnend ist.
Das gefällt mir sehr: „Bergs Geschichte ist Kulturgeschichte, ist politische Aufklärung, ist Desillusionierung und ist Zeitgeschichte – Deutschland als Bühne, als Metapher für eine Menschheit, die auf der Suche nach Sinn und Bedeutung über seine eigenen Füße gestolpert ist. Gnadenlos und kraftvoll schafft die Autorin Bilder, die unter die Haut gehen.“
mb
ja, gell, sie hat so dieses feine gespür, kritik in worte zu bringen, die nicht einfach herunterreissen, sondern einfach sichtbar machen. das ist wahre schreibkunst für mich.
danke für deine zeilen, liebe mb, und liebe grüsse
soso
Ich habe das Buch vor einigen Wochen sehr gerne gelesen und auch wenn es schon einige Zeit her ist, dass ich es zugeklappt habe, ist Toto auch jetzt noch irgendwie immer bei mir. Ich hatte auch das Glück, ein kleines Interview mit der Autorin machen zu dürfen ,,, 🙂
oh schön, darf ich das lesen? hast du es auf deinem blog?
toto hat was.
bin schon auf seite 291 🙂
Gibt es beides auf meinem Blog zu lesen, würde mich über einen Besuch von dir freuen!
Interview: http://buzzaldrins.wordpress.com/2012/08/12/5-fragen-an-sibylle-berg/
Rezension: http://buzzaldrins.wordpress.com/2012/08/10/vielen-dank-fur-das-leben-sibylle-berg/
Viele Grüße! 🙂
gerne!
danke!!!
herzlich, soso
Liebe Soso,
sehr fein hast du dies geschrieben, so fein, dass ich das Buch am liebsten jetzt aufschlagen würde. Nein, Sibylle Berg habe ich bislang auch noch nicht gelesen, wenn auch schon von iohr gehört, gelesen. Mit sich selbst im Kontakt zu stehen und im Frieden zu´sein, das ist eine Herausforderung dieser Zeit, vielleicht auch schon immer, aber jetzt auf jeden Fall. Üben wir weiter 😉
herzliche Grüße
Frau Blau