Gestern vor einer Woche war es, als ich zu Irgendlink in die Pfalz fuhr. Wie fast immer, wenn ich alleine lange Strecken fahre, lief auch diesmal Musik. Hin und wieder sang ich mit. Ich liebe es, im Auto zu singen. Ich mag es, mich in meiner Schutzhülle aus Blech beinahe anonym – wenn wir vom Autokennzeichen absehen – voranzubewegen. Ganz anders als beim Zugfahren – obwohl ich aus ökologischen Gründen viel besser fände – fühle ich mich im Auto geborgen (und ja, ich weiß um die Illusion dieser Geborgenheit). Wie ich den Melodien und Stimmen meiner Lieblingsbands lauschte, dehnte sich auf einmal eine Erkenntnis wie ein Tintenfleck auf weißem Papier in mir aus. Sie begeisterte mich je länger je mehr ich sie von allen Seiten betrachtete:
Kati, nur so als Beispiel, hat eine wunderbare Stimme. Unvergleichlich. Sie singt ihre eigenen Songs mit einer Leidenschaft, die ansteckt. Sie tut auf ihren CDs etwas, das sie gut kann. Etwas, das so, auf diese Weise, niemand kann außer sie. Und sie kann noch viel anderes. Fein kochen. Lektorieren. Bloggen. Dafür kann sie bestimmte Dinge gar nicht und andere nur halbwegs gut oder durchschnittlich.
Du auch. Ich ebenso. Ein Musiker würde es möglicherweise unerträglich finden, wie mein Autoradio klingt. Ich finde, es klingt gut, doch mein Gehör ist ja auch nur mittelmäßig anspruchsvoll. Eine Starköchin fände vielleicht meinen Gemüselinseneintopf, den ich heute Abend gekocht habe, banal und ein genialer Hausmann meine Bügeleisen-Abstinenz beschämend. Und ganz gewiss fände eine Geografin meine Kenntnisse der Welt ziemlich rudimentär. Und das stimmt auch. Und das darf auch alles so sein!
Die gute Nachricht lautet nämlich: Ich muss überhaupt nicht alles können. Und noch nicht mal alles, was ich kann, muss ich gut können. Aber das, was ich gerne tue, das, was ich am liebsten mache, das sollte ich tun und zwar gut. Ich will natürlich– und darf das auch – alles immer so gut wie möglich machen. Doch gut ist wirklich gut genug. Perfekt gibt es eh kaum und zu perfekt ist eh nur stressig.
Nochmals, denn davon kann ich im Moment nicht genug bekommen: Ich muss nicht alles perfekt können. Ich muss auch nicht alles gut können und ich muss vor allem und überhaupt nicht alles können.
Was ich am liebsten tue? Schreiben. Mich ausdrücken. Worte finden. Und zwar (ja, auch das ging mir während jener Autofahrt vor acht Tagen durch den Kopf) nicht, um der Zuhörenden und LeserInnen willen, sondern weil ich sonst platzen müsste. Weil die Sprache mein Weg ist, das Leben auszuhalten. Halten. Balance halten. Und der Sinnlosigkeit so etwas ähnliches wie einen Sinn entgegenzusetzen, zumindest einen vorläufigen.
Einen oder zwei Tage nach dieser erkenntnisreichen Fahrt sage ich zu Irgendlink:
Ich glaube, die Erde gibt es bloß schon so lange, weil die da oben noch immer nicht den richtigen Mix gefunden haben. Die suchen und forschen nämlich nach dem idealen Mischverhältnis von Talenten. Der eine Mensch kann das, das andere Tier dies und jener Baum kann jenes. Wenn man das alles richtig mischt, könnte es friedlich und gut sein hier auf der Erde. Aber das genau passende Gleichgewicht herauszufinden stelle ich mir verdammt schwer vor. Weil ja immer welche neu dazukommen und andere dafür wegsterben. Und überhaupt. Aber, stell dir vor, sie schaffen es eines Tages! Wie schön es ist, wenn wir dann endlich alle unsere Talente miteinander teilen. Der eine tut das, die andere jenes. Und alle hängen wir miteinander zusammen. So ließe sich leben. Herrlicher Konjunktiv, was wäre ich ohne dich? Wie wäre es, wenn du uns ein bisschen Toleranz beschertest?
Stell dir vor, spinne ich weiter, wenn wir alle Teil dieser ausbalancierten Welt wären, bräuchten wir keine Schlüssel und keine Kripo mehr. Denn wer hätte, wenn alle zufrieden wären, noch Lust und Grund zu klauen oder einzubrechen oder jemanden umzubringen? Die Krimis in den Buchläden und Bibliotheken wären bald schon Klassiker und Zeitzeugen einer Welt, die mehr und mehr in Vergessenheit geraten würde. Nur noch in Büchern nachzulesen. Und niemand würde sagen: Früher war alles besser. Dafür: wie schön wir es doch haben!
Ach, wie liebe ich es, zu spinnen. Das kann ich ziemlich gut.
Heyyyyyyyy! Hier ist’s aber nett geworden.
Dem Perfektionismuszwang entziehen, selbstgenügsam werden? Ja. Das würde schon reichen, dann wäre die Mischung schon wesentlich besser und ausgeglicherner.
ein bisschen frühlingssommersonnenglitzerwasser gegen das dezemberkaltundgrau. 🙂 danke!
sich dem perfektionszwang zu entziehen fällt mir persönlich sehr schwer. darum muss ich hin und wieder per blog und so gegensteuer geben. hin zu mehr ausgeglichenheit, ja, genau.
aaah so sieht dein Blog doch wirklich traumhaft aus – das oder der theme hat mich auch schon interessiert, aber dann hatte ich doch keine Lust auszuprobieren, na mal schauen … macht mich schon an-
und jaaa … genauuu … die Mischung machts und spinnen ist bereichernd, nein ich wieder hole mich jetzt nicht und schreibe den immer wieder gern zitierten Satz von Nam June Paik: when too perfect, dann liebe Gott böse – lach und weg
wenn liebe gott böse weil zu perfekt, muss er ein ziemlicher kleingeist sein. 😉
im ernst: ja, es tut gut, an den eigenen ansprüchen zu schrauben. die autorin von „drüberleben“ fragt: für wenn tue ich das überhaupt?
und ich frag mich das auch immer öfter. wenn für mich, dann ok, wenn nicht – was dann und warum?
danke für theme-kompliment. es ist das neur wp-jahrestheme. 🙂
Der Perfektion entkommt man nur, wenn man keine Zeit hat und „liefern muss“. Also ein Hoch auf die Deadlines. Das neue Theme ist toll – obschon die automatische Trennfunktion fehlerhaft trennt. Perfektionist, der ich nunmal bin. Ob man der Trennmaschine Trennregeln beibringen kann?
das mit den deadlines ist ein zweischneidiges schwert. glücklich, wer es so wie du handhaben und damit einfach abstriche machen kann. leuten wie mir setzt dieses schwert die klinge an den hals und ich fange an, fehler zu machen, die mir sonst nie passieren oder aber, manchmal, selten, wachse ich über mich hinaus.
aber wo du recht hast, hast du recht …
das mit den trennungsfehlern: ich habe es gemerkt und sogar ein paar leerschläge oder zeilenschaltungen eingefügt, um es zu vermeiden. bringt aber nichts, weil ja jeder bildschirm anders breit ist. nun denn, es ist wohl eine betatester-phase und in einem update wird das vielleicht behoben. wenn es denn jemand meldet. aber dazu bin ich vermutlich zu unperfekt und zu faul 😉
ich glaube, da muss man hand an die trennregeln legen und sie der maschine beibringen. meist macht sie es ja richtig.
wie das? gerne nachhilfestunde!
🙂
Sehr schön.
Das sehe ich genau so, auch was das Schreiben betrifft.
Nur einen Mängel würde ich anmerken. Warum sollte es keine Diebe mehr geben, wenn es sicherlich auch Leute gibt, die im Klauen besonders talentiert sind. 😉
willkommen hier und danke für deinen hinweis. hach, toll, ja, klauen als kunst als performance? auf der bühne? im film? warum nicht! aber fang jetzt bitte nicht mit mord an … das dann doch nicht. *augenzwinker-grins*
danke für deine zeilen und auf wiederlesen in diesem theater?!
so wie Du nicht ohne schreiben kannst, kann ich nicht ohne singen – laut – zuhause – manchmal ein paar Zeilen in einer Unterführung, wenn niemand da ist, oder ich einfach übermütig – im Auto, machmal sehe ich mich dann mit den Augen anderer Autofahrer und muss noch mehr grinsen … weils sicher dämlich aussieht – aber es macht glücklich!
du bist auch eine autosängerin? cool. ich glaube auch, dass ich nicht ohne singen sein könnte. wobei mein singen vielleicht mit diesem wort viel zu schick tönt. schicker als es sicher tönt. weisst du was? im auto fühle ich mich unsichtbar. und darum ist es mir noch egaler was anderes denken als sonst. obwohl, sonst ist es mir ja oft leider viel zu wenig egal, zugegeben.
tja, da arbeiten wir dran, gell?! 😉
Ja, das tun wir !
Alles was mit Leidenschaft getan wird, ist schön ! … Das mit der Unterführung geht nur an ganz, ganz guten Rampensautagen! Am Schönsten ist Singen im Auto mit der passenden Begleitung auf dem Beifahrersitz 😉
die passende begleitung? hm … das gibts nur genau zwei menschen, bei denen ich mich das traue.
aber eigentlich: ja, warum nicht. und ja, leidenschaft macht dinge schön und wichtig. und sinnvoll … und so. 🙂
Auch mir gefällt der ‚Neue Look‘! 🙂
Aufzuhören mit dem Perfektionismus fällt mir unwahrscheinlich schwer. Wo andere mit 80% leben können und stolz auf sich sind, brauche ich noch einiges mehr. Wieso sind wir so? Wem wollen wir es beweisen? Die Fragen habe ich mir schon so oft gestellt.
Inzwischen kann ich nicht mal mehr bloggen, weil ich die vermeintlich ‚richtigen Worte‘ nicht finde … 🙁
Aber da habe ich die Hoffnung, dass es wieder wird.
LG, Julie
oh, genau diese phase im blog hatte ich auch schon. irgendwann hat mich das sooo fertig gemacht, dass ich zuerst den kommentar aus gemacht habe, später fast gar nicht mehr gebloggt.
nun habe ich das gleichgewicht wieder gefunden. nur noch bloggen, wenn ich lust und etwas zu sagen habe. ähm. habe ich das? siehst du, der anspruch ist noch immer verdammt hoch. aber doch nicht mehr so selbststress. das hier ist kür, das hier ist freiwillig. wiel ich es will. und wenns jemandem gefällt, schön. wenn nicht, muss er oder sie ja nicht hier mitlesen. 🙂
im beruf bin ich aber schon voll die korinthenkackerin, lieder. ich arbeite dran. vor allem am zwang. und an der frage: wem will ich was beweisen?
gib nicht auf!
Auf keinen Fall!
Das Motto lautet: Never give up! 🙂
😉 yess!
Liebe Fee,ich kann Dir nur ganz herzlich dazu gratulieren dass Du es geschafft hast, das so offen zu schreiben! Ich habe in meinem Umfeld mehrere Personen mit chronischen Krankheiten und habe miterlebt und miterlitten, wie schwer sowas sein kann. Und ich durfte auch erleben, wie befreiend es danach war, weil seit dem je nach Situation offen drüber gesprochen werden kann oder weil auch einfach nichts gesagt werden muss, wenn grade alles wieder besch***** aussieht.Also: Alles Gute und meinen vollen Respekt für diesen Schritt!