Im Flugmodus

Zweieinhalb Tage sind vergangen, sagt der Kalender. Ich muss nachzählen. Manche Tage dehnen sich aus. Zeitlöcher.

Luftlöchern ähnlich, die ich allerdings weit weniger mag. Dieses leise Fallen, einem Schweben gleich, etwas unfassbares, etwas ungefähres. Auflösung in etwas, das mein Verstand zu definieren sich weigert. Fallen aus etwas konkretem, das wir gemeinhin Alltag nennen.

Fallen in etwas Weiches. Etwas wie eine Blase. Etwas wie Zuckerwatte ohne Zucker. Nicht klebrig, nein.
Ach, so komme ich nicht weiter.
Nicht so jedenfalls wie das Flugzeug, in dem ich sitze. In dem ich vielleicht genau jetzt über Halle an der Saale hingefliege (winke, winke Emil!).

Zielgerichtet waren die zweieinhalb Tage im luftleeren Raum jedenfalls nicht. Oder bestenfalls so: Das einzige Ziel, das ich hatte, war es, mich dem Moment hinzugeben.

In fünfzig Minuten ungefähr werden wir landen. Ein volles Flugzeug. Auf den letzten Platz besetzt. So voll, dass der Chef de Cabine um Rücksicht bat. Schnelles Verlassen des Ganges. Rücksicht. Dafür liebe ich mein Land: Nehmen Sie Rücksicht aufeinander.
Dieses Gefühl, dieses Lebensgefühl brauche ich um mich wohlzufühlen.

Wie wir drei Frauen heute Nachmittag zum Bahnhof Stendal fuhren und der Abschied nahte, resümmierten wir. Einzigartig diese Erfahrung dreier bis dato erst virtuell mehr oder weniger vertrauter Frauen, sich über alle möglichen Themen so lange, so ausgewogen, so gleichberechtigt, so aufrichtig und wahrhaftig miteinander zu sprechen. Ohne sich profilieren zu müssen. Ohne Schönen.

So etwas wünsche ich mir für unsere Politiker, fasste es die Mützenfalterin zusammen.

Mit Zug, U-Bahn und Flughafen-Shuttle näherte ich mich Berlin-Tegel.

Auf einmal ging gar nichts mehr. Stau auf der Kreuzung fünfhundert Meter vor dem Flughafen. Abwarten. Langsam aufkeimende Nervosität hinter mir. Die Busfahrerin sagt, dass sie die Türen nicht öffnen kann so mitten auf der Kreuzung. Zu gefährlich. Ich mache ein Bild aus dem stehenden Bus. Langsam kann die Fahrerin ein paar Meter aufschließen und neben einer gestrichelten Fläche halten. Sie lässt die, die wollen, aussteigen.

Ich beschließe, rauszugehen. Einfach weil ich Teil dieser Gruppe sein will, die zu Fuß zum Flughafen geht.

Mitten auf der Kreuzung stehen zwei Rettungsfahrzeuge. Wahllos darum gruppiert unzählige Taxis, Shuttlebusse von Hotels und Privatfahrzeuge. Die Ampel zeigt grün. Der Menschenstrom quillt über die Straße auf den Gehweg und strömt zum Flughafen.

Rollkoffergeschepper und Zielstrebigkeit. Ein Gefühl von Schicksalsgemeinschaft ist es, das mich immer wieder grinsen lässt.

Ich gebe meine Reisetasche auf und setze mich in ein Café. Freies Wlan, juhu!

Handys sind feine Reisegefährtinnen irgendwie. So vergeht die Zeit wie im Flug. Ähm, ja. Wie im Flug stimmt genau. Schreibend fliege ich jetzt durch die Nacht. Unter uns Bayern, rechts der Schwarzwald.

Und nun döse ich. Das kleine handgemachte Schweizer Sandwich hat köstlich geschmeckt, das Schweizer Schokolade-Stück werde ich dem Liebsten aufs Kopfkissen legen.

Sinkflug. Zwanzig Minuten bis Zürich.

Ich sag es ja, dir Zeit vergeht manchmal wie im Flug.

Zürich-Flughafen. Freundlich werde ich von der Bordcrew schweizerdeutsch verabschiedet. Wohltuende Laute. Heimatgefühle.

Der Zug kommt gleich und nun fahre ich auch schon heimwärts durch die Nacht.

Sein

Über Menschen und ihre Geschichten Erkenntnisse über das Leben zu gewinnen, Dinge zu verstehen, Zusammenhänge endlich zu sehen, ist mir die liebste Art des Lernens.

Mit Frauen am Tisch zu sitzen, zuzuhören, selbst zu erzählen, zu essen, das nahe Kloster und den wunderbaren Klosterkräuter- und Gemüsegarten zu genießen, gemeinsam durch eine Kleinstadt namens Tangermünde und an der Elbe entlang zu spazieren, ist eins. Dies mit Frauen zu tun, die ich bisher nur von ihren Blogs und aus unzähligen Mails kannte, ist etwas anders. Irgendwie surreal. Irgendwie verrückt. Die virutelle Welt ist auf einmal ganz real geworten.

Wir – die Mützenfalterin, Kerstin und ich – sitzen in Kerstins Wohnzimmer, das Kaminfeuer brennt, und trinken ein Glas Rotwein.


Ich bin ganz da. Ich höre. Ich fühle. Ich rieche. Ich spüre. Ich teile. Ich bin ganz offen. Auf einmal sehe ich uns von außen zu. Sehe dieses Wunder der Gemeinschaft. Staune. Bin einfach nur dankbar, hier so ganz und gar ich sein können zu können und zu dürfen. Als würden wir uns schon ewig kennen, kommt es mir zuweilen vor.

Nach einer Kopfwehnacht mit einer Migräneattacke am Samstagmorgen hatte ich kurz mit dem Liebsten telefoniert. Er meinte mit weisem Augenzwinkern, das ich vor mir sah ohne es zu sehen, dass mein Kopfweh um 10 Uhr vorüber sei.

Sich selbsterfüllende Prophezeiung? Voraussicht? Orakel oder Wahrsagung? Egal. Es hat gewirkt. Im Laufe des Tages haben sich schließlich auch die letzten Reste des tagelangen, wetterwechsel-hormon-aufregungsvorfreude- und vollmondbedingten Kopfwehs gänzlich verkrümmelt.

Wunderbar tief habe ich heute Nacht geschlafen, geborgen und wohlig in Kerstins Bett. Wir haben, da wir nur zu dritt waren, gestern schon das Kloster verlassen, das zwar sehr gemütlich war, für Kerstin aber natürlich ein Hin und Her zwischen Zuhause und uns bedeutet hatte. Ihr Partner hatte uns das Feld geräumt. Alles hat gepasst. Im Nachhinein muss ich sogar den gemeinsam erlittenen Kopf- und Zahnschmerzen etwas positives abgewinnen. Gemeinsames Leiden schafft eine neue Ebene des Verstehens. Nein, Schmerz adelt nicht, Leid noch weniger – so meine ich es nicht. (Ach, ihr wisst schon.)

Nur zu dritt? Das „nur“ bezieht sich auf Ulli, die mit Grippe im Bett liegt und leider nicht hierher fahren konnte. Sie war dennoch in unserer Mitte, wie es auch viele andere Menschen, unsere Partner und auch mal andere Bloggende waren.

Konkurrenzlose, liebevolle Verbundenheit.

Immer wieder sprechen wir über unsere Ideale, darüber wie die Welt sein sollte, könnte. Wie es sich besser leben ließe. Wir venetzen Vergangenes mit Gegenwärtigem, Erlebtes, Erfahrenes verorten wir in der Zeitachse und erkennen Parallelen.

Spannend ist dieses Treffen auch aus kultureller Hinsicht: Eine Ossi, eine Wessi und eine Schweizerin, alle praktisch gleich alt. Alle drei in unterschiedlichen gesellschaftlichen Kontexten groß geworden. Vieles, was ich nicht verstehen kann und es dennoch verstehe. Zumindest annähernd.

Ich freue mich nun auf einen sonnigen Sonntag und auf all das, was wir gemeinsam noch erleben werden.

Wie es wohl dann sein wird, heute Abend, wenn ich mich in mein Schweizer Bett fallen lassen werde? Das ist aber noch gaaanz weit weg. Die Zeit dehnt sich aus und fast ist es mir, als wäre ich schon ganz lange hier.

Ich wünsche uns allen hier und dort und euch allen, die das hier lesen, einen wunderbaren Sonntag, allein und/oder mit andern.

Auf das Leben!