Ja und Nein

Da war heute diese Szene im Büro meiner Kolleginnen. Tratsch über erlebte mangelnde Fairness. Darüber, dass Langjährigtreuen und ihren Stimmen keinen Raum beigemessen wurde beim Wissenstransfer von Alt zu Neu. Ihre Wut und ihre Frustration überträgt sich auf mich. Das, was da gelaufen ist, das darf man nicht. Und nein, ich kann nichts dafür. Wie für vieles nicht. Und wie für das Meiste, das da und dort schiefläuft. Zumal das hier längst Geschichte ist. Aber nicht vergeben und nicht vergessen. Nicht gut.

Ja, auch ich leide zuweilen an Ungleichgewichten an meiner Arbeitsstelle, Heute bringe ich sie endlich zur Sprache. Nicht bei ihnen, sondern dort, wo sie hingehören: beim Scheff. Ich rede Klartext. Ziehe Grenzen. Markiere meine Belastbarkeit.

Nein, ich mag das nicht. Möchte das nicht tun müssen. Aber wenn ich es nicht tue, wenn ich nicht NEIN und STOPP rufe, wird irgendwann alles auf meinem Schreibtisch landen; auch solches, das da nichts verloren hat.

Manchmal, ja ich gestehe es, manchmal beneide ich ja jene, die viel verdienen. Aber nicht wirklich, denn viel verdienen hat einen Preis. Viel Geld bedeutet auch viel Arbeit und wenig Zeit für sich. Es bedeutet noch mehr Verantwortung für die Mitwelt und es bedeutet höhere Steuern.

Sogar Freundinnen verstehen nicht, wie man mit so wenig Geld, wie ich es verdiene, leben kann. Und sich dabei (meistens) wohl zu fühlen. Nichts wirklich vermissen. Eine meiner Arbeitskolleginnen jammerte heute Morgen, dass sie doch geschieden sei und darum mindestens so und so viel Prozent arbeiten müsse, um durchzukommen. Oke. Sie lebt wohl anders als ich. Hat höhere Ansprüche und zahlt eben dafür den Preis, so viel zu arbeiten.

Zugegeben, Mangelgefühle, sogar Ängste, überkommen mich schon zuweilen. Was wäre, wenn … Und Altersvorsorge ist ein Fremdwort für mich. Und ja, hätte ich mehr, könnte ich mehr teilen. Und ich könnte mir ein besseres Auto kaufen, als ich es mit dem letzten Reservebatzen demnächst tun werde (gebraucht natürlich). Aber, so fragen ein paar Stimmen in mir drin, aber müsste ich denn dieses Geld, statt des Autokaufs, nicht besser spenden?

Solche Gedanken – sich nichts gönnen zu können – kenne ich ebenfalls gut. Ich bin Seite an Seite mit ihnen aufgewachsen.

Mangelgefühle sind es meinen Beobachtungen zufolge, die unser Sozialverhalten am nachhaltigsten prägen. Diese Angst zu kurz zu kommen ist es, die Menschen – behaupte ich mal – zu RassistInnen macht. Diese Angst, nicht gesehen worden zu sein (siehe Artikel von gestern). Diese Angst vor dem Abstieg, vor dem Wenig, vor dem Immer-weniger, vor der Not. Wenig macht Angst. Leere auch.

Ich kenne es, dieses Wenig. Es gab immer wieder Zeiten in meinem Leben, in denen ich buchstäblich kein Geld mehr hatte. Eine bewusste Entscheidung, die ich irgendwann Mitte zwanzig getroffen hatte, war diese: Mein Reichtum soll Zeit sein und irgendwie ging es immer. Dennoch bin ich noch immer nicht frei von dieser Angst vor dem Nichts.

Nicht alle haben diese Einfachheit, wie ich sie lebe, selbst gewählt. Manche sind in sie hineingeboren (ich im Grunde ja auch) und mangels Chancen und Bildungsmöglichkeiten darin hängengeblieben, manche sind am Leben zerbrochen, manche durch äußere Umstände hineingeraten. Und viele haben keine mentalen Werkzeuge und keine sozialen Kompetenzen, um mit ihrem Status-Quo adäquat umgehen zu können. Adäquat? Kann man das? Klingt geradezu zynisch.

Es ist der Umgang, den wir wählen können. Wie gehen wir mit dem um, was wir haben? Mit dem Material, das uns zur Verfügung steht. Immer wieder muss ich mich das fragen, auch wenn ich mir diese Frage schon so oft – und immer wieder ein bisschen anders und neu – beantwortet habe. Hader? Wut? Schuldzuweisung an andere?

Ich übe. Ich übe den Weg des JA-Sagens. Nicht da, wo ein Nein hingehört, aber da, wo ich Umstände nicht ändern kann. Und wo das Ja mehr nährt als das Nein.

Ein Bild dazu gibt’s hier → klicken.

Sehen und gesehen werden − aber richtig

Über Bildung nachdenken heißt
über die Menschen und die Welt von Morgen nachdenken

Frau Mützenfalterin über die Poetischen Quellen:

„Und so beginnt auch Ordine mit einer Kritik des nützlichkeitsorientierten Denkens an den Universitäten. Er bedauert, dass seine Studenten, wenn er sie zu Beginn ihres Studiums fragt, was sie denn eigentlich erwarten, was sie erreichen wollen mit ihrem Studium, mehrheitlich antworten: Na einen Abschluss machen, um eine gut bezahlte Arbeit zu finden.

Statt eines Abschlusses als Ziel des Studiums, wünscht sich Ordine, die jungen Menschen sollten lernen, „ein besserer Mensch zu werden“. Sich im wahrsten Sinne des Wortes zu bilden. Denken zu lernen, insbesondere kritisches Denken zu lernen.

Sein Büchlein verkaufte sich bereits im Jahr des Erscheinens 65.000 mal allein in Italien. Inzwischen ist es nicht nur in Italien, sondern auch in Frankreich und Spanien ein Bestseller. Resonanz bei den für die Bildung verantwortlichen Politikern habe es hingegen nicht gegeben, bedauert Ordine, die italienischen Politiker schrieben lieber selbst Bücher, als die von anderen Leuten zu lesen.

Im weiteren Verlauf erklärt Ordine, dass die Sprache der Wirtschaft im Bildungswesen fehl am Platz ist. Warum das so ist, erklärte Abraham Flexner schon 1939. Sehr verkürzt wiedergegeben, indem er die Bedingungen und vor allem die Bedeutung für Grundlagenforschung beschreibt, ohne die keine bahnbrechende Erfindung möglich wäre.

Neugier ist die Basis von Kreativität, der Möglichkeit Neues zu entdecken, Fragen zu stellen, Dinge vielleicht zufällig zu finden.

Ordine zitiert Ionesco: Nutzlosigkeit ist für uns unerlässlich. Der moderne Mensch erscheint nicht nur Ordine als Gefangener des Notwendigen. Umso wichtiger sei Kunst, predigt Ordine. Kunst befreit, fördert eigenes, kritisches Denken, indem sie das reibungslose Funktionieren verhindert, behindert.

Nützlichkeit darf nicht ausschließlich wirtschaftlich und monetär definiert werden. Nützlich ist vielmehr alles, was dem Geist Nahrung gibt; Musik, Kunst, Literatur, Philosophie.“ (Zitat Ende)

Weiterlesen: muetzenfalterin.wordpress.com

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Bildung meint den ganzen Menschen

Frau Rebis schaut zurück auf 20 Tage Radreise und gibt Einblick in ihr Leben als Lehrerin:

„Und dann stehe ich am Ziel und werde mir all dessen plötzlich bewusst. Dass ich diesen für mich schier nicht zu bewältigenden Weg tatsächlich geschafft habe. Ich fühle mich wie ein Schulkind, das statt der 4minus die 4plus geschafft hat, erstmals, und keiner merkt’s. Denn da sind immer die mit den unangestrengten 1en, um es mit einem Schulbild zu vergleichen.

Und noch etwas wird mir bewusst: Dass ich mich anstrengen kann, dass ich einen Willen auf ein Ziel zu haben kann, ohne dass es verbissen und quälend wird. Dass ich an meine Grenzen gehen kann, ohne mich selbst zu zerstören. Dass es lohnt, seine Kräfte in selbst gesuchte, selbst gesteckte Ziele hineinzugeben, weil diese die einzig wichtigen sind.

Das alles möchte ich meinen Schülern unbedingt mit auf ihre Wege geben. Nur fühle ich mich dazu manchmal kaum ermächtigt, habe ich doch von Anstrengung und Mühe genau genommen keine Ahnung. In der Schule und ähnlich kopflastigen Bereichen, bei den Dingen, die in unserer Gesellschaft permanent mit Notenbewertung versehen werden, bin ich mein Leben lang ohne Mühe in der 1,0-Region herumgehopst. Dort hatte ich keine Gelegenheit, mich in Anstrengung, Ausdauer und Durchhaltevermögen auszuprobieren. Viele meiner „Leistungen“ bekam ich ohne Investition geschenkt. Ich habe mir die 1,0 nicht verdienen, nicht erarbeiten müssen. Sie war immer einfach so da. Darum fühle ich mich – unter anderem – auf spezielle Art lebensfremd. Beneidet von außen. Nicht wirklich beneidenswert aus der Innensicht. […]

Hier, wo durch eine Leistungs- und Bewertungswelt täglich Kinder vor sich hinleiden, wo die Außenbewertung durch Noten nur mittels eines urinneren Wertesystems aufgehoben werden kann, wo junge Menschen bei genau diesem Wachsen und Reifen eine helfende Stimme brauchen – hier gehöre ich hin.

Lange musste ich suchen, um dies herauszufinden.

Hier ist so viel Bedürfnis nach Gesehenwerden. Je länger ich in der Schule arbeite, desto mehr spüre ich, dass dies vielleicht unsere wichtigste Aufgabe ist – den Kindern in die Augen sehen und sagen: Du bist gut, so wie du bist.
Im Laufe der Jahre hat sich dabei mein Fokus geweitet. Anfangs stach mir vor allem das Weh der Kinder hervor, die von unserer Schulform überfordert sind. Mehr und mehr nehme ich Kinder wahr, deren Abweichung von der als „normal“ definierten Mitte in anderer Form auftritt. Viele dieser Kinder leiden mehr oder weniger still. Alle diese brauchen verstehende Blicke, eine haltende Hand, ein Geländer, um ihren Weg weitergehen zu können. Sie alle brauchen ein Ich sehe dich. Dafür, glaube ich, bin ich in diesem Beruf gelandet. Im für mich richtigsten und schönsten Beruf der Welt. Wie gut das.

Abgeschweift bin ich. Alles hat ja immer mit allem zu tun. Darum geriet der Bogen so weit. Zurückkehrend also zu meiner „Sportleistung“. Plötzlich, in Hof auf der Straße, meldet sich das kleine Kind in mir. Mit seiner Sehnsucht, dass da jemand sagt: Das hast du gut gemacht. Ich sehe dich.

Und dieses gut, so sehnt es sich in mir, möge bitte nicht bewertend, nicht leistungsbezogen gemeint sein, nicht auf meine Höhenmeter bezogen, nicht auf meinen Mut diese anzugehen, noch nicht mal auf die Tatsache, dass ich diese „Leistung“ ohne Hadern, ohne Groll, ohne mentale Erschöpfung in Demut „vollbracht“ habe. Sondern für mein blankes, pures, nacktes Ich-Sein. Dafür, dass ich bin.
Du bist gut, so wie du bist.

Dieser Jemand muss ich mir wohl selbst sein. Das werde ich auch noch lernen, mehr und mehr.

All sowas fließt mir durch den Kopf, während ich durch Hof laufe, um etwas zu essen zu suchen. Und auf den Wangen fließen Tränen …“ (Zitat Ende)

Weiterlesen: gestreift-beruehrt-geteilt.blogspot.ch