Das Schöne und das Biest

Womöglich ist es per Werkeinstellung nicht vorgesehen, dass ein Lebewesen nur dem Schönen, dem Lebensfördernden frönt. Umgekehrt ist es kaum erstrebenswert, immer nur auf das Biest, den Schweinehunde, den internen, zu hören. Es muss wohl dieses ewige Hin und Her sein, dieses Auf-dem-Lebensseil-Balancieren, dieses ständige Ringen um das Gleichgewicht, was uns Lebewesen lebendig hält. Balancieren wir nicht mehr, sind wir tot.

Wollen und müssen.
Essen und scheißen.
Tun und lassen.
Helfen und weggucken (wenn ja oder nein und wann und wo?).
Ruhen und arbeiten.
Reiben und entspannen.

Zugegeben, für meinen Geschmack ist da zu viel Schweinehundkram. Zumindest in meinem Fokus. Schwindlig wird mir ob der Einseitigkeit. Ob der Berichterstattung auch, die schwerpunktmäßig über den Zerfall nicht nur berichtet, sondern in zunehmend instrumentalisiert. Und schlecht wird mir auch immer wieder ob all der subtil-manipulativen Methoden, deren wir uns bedienen.

Mir wir schlecht vom Zustand der Welt, wie gesagt, im Großen ebenso wie im Kleinen. Insbesondere vom Zustand der Spezies Mensch (mich eingeschlossen). Mir fehlt in all dem Hässlichen drin, das Gegengewicht, damit wir nicht kollektiv vom Seil fallen. Mir fehlt das Leichte, Schöne, Nährende, Ermutigende. Obwohl ich natürlich auch all die Menschen sehe, die aufstehen. Die Wahres sprechen, die Dinge beim Namen nennen und verändern. Ich bin also nicht ganz und gar hoffnungslos. Noch balancieren wir, noch leben wir.

»Muss ich aufgeben, wegschauen, mich durch ein Wurmloch zurückziehen, um in einer selbst erdachten Blümchenwelt neu in Erscheinung zu treten?«, fragte Irgendlink im Flussnotenblog vor ein paar Tagen angesichts der Zustände dieser Welt.

»Muss ich wegschauen, um überleben zu können, muss ich wegdenken, wegfühlen, weghören, um nicht von all dem Mist überflutet zu werden, den wir Menschen mit uns Menschen anstellen,« frage ich. »Müsste ich nicht vielmehr Kürbisse in diesen Mist setzen? Oder Luthers berühmten Apfelbaum, den man pflanzen sollte, selbst wenn morgen die Welt unterginge?«

Mit Schönheit der Hässlichkeit antworten. So twitterte ich vor Monaten.

Schönheit? Ist das nicht ein bisschen banal? Und ein bisschen unpolitisch, ein bisschen naiv und, ähm, vor allem ein bisschen langweilig und ununterhaltsam? Außerdem: Wer will denn immer nur Sonnenuntergänge und Blümchen? Zumal … gerade KünsterInnen sollten doch etwas aussagen … Stellung beziehen.

Schönheit − was immer sie ist oder nicht ist, aber unpolitisch ist sie zuletzt, denn Politik meint neben den Strukturen und Prozessen einer Bevölkerungsgruppe immer auch die Inhalte zur Führung der Gruppe nach innen sowie die Beziehungen der einzelnen Gruppenmitglieder, der einzelnen Menschen zu- und miteinander: Ohne Schöheit als Leitplanke ist das Wohl einer Gemeinschaft nicht umsetzbar.

Schönheit sei zumindest im Kontext mit Kunst zu banal? Sorry, aber ich kann es nicht mehr hören, dieses Kunstgedönse; und dieses Bewerten, was geht und was nicht, langweilt mich je länger je mehr. Dieses gegenseitige Sich-Messen, dieses Sich-Ausbooten, dieses Sich-Profilieren und Sich-Dekorieren (nun ja, nicht nur in der Kunstszene natürlich).

Ich sehne mich nach aus Lebensfreude und dem Bedürfnis nach Lebendigkeit oder einfach so, aus Lust am Kreieren, Gewachsenem, nach Organischem statt Konstruiertem. Ob von Kunstwerk oder Apfel, ob Kürbis oder Erzählung ist dabei zweitrangig. Ich sehne mich danach, von Kunstwerk, Apfel, Kürbis oder Erzählung berührt zu werden, berührt von deren Unabsichtlichkeit, von ihrem Einfachso, von ihrer Phantasie und ihrem Humor. Ja. Ich wünsche mir auch mehr Ermutigung statt Selbst- oder Einander-Zerfleischung. Und ich wünsche mir mehr Wahrhaftigkeit und weniger Selbstdarstellung. Mehr Teilen und Sich-mit-Freuen und weniger Das-war-meine-Idee. Mehr kreative Hingabe an den Fluss und weniger meist vom Verstand gesteuertes Andere-Überzeugenwollen. Mehr Erzählen, was ist und es auch wirklich so meinen und weniger Interpretieren und Nacherziehen.

(Und damit meine ich wirklich immer auch mich selbst mit.)

So Dekozöix

Wie sie sich dekorieren, die Menschen,
mit einer nacherzählten Geschichte über sich,
die sie in ein gutes Licht stellen soll.
Mit der Erwähnung, wie dicke sie
mit XYZ sind, deren oder dessen Glanz doch bittebittebitteschön ein klitzekleines riesengroßes Bisschen
auf sie abfärben möge.
Mit ein bisschen Farbe und ein bisschen Puder dekorieren sich manche
an jenen Stellen,
die nicht so gefällig sind.
Andere dekorieren sich mit ein bisschen Nichts,
aus Trotz,
und um der Natürlichkeit willen.
Und ja, mit Worten auch, mit
Worten wie bunten Tüchern.

Fassade, so viel Fassade,
Tand,
Selbstdarstellung.

Um nicht, nein bloß nicht!,
sich selbst
so klein,
so menschlich klein,
klein und demütig,
− oder warum nicht einfach ganz einfach? −
verletzbar, so verdammt verletzbar
und angreifbar, auslachbar, unbequem,
sein zu müssen.
Nackt und wahrhaftig.

Substanz, wo versteckst du dich?
Und du, Wahrhaftigkeit? Und du, Essenz?

Ach, die Menschen, wie sie sich aufblasen,
um gesehen zu werden,
entdeckt zu werden,
gelobt, beachtet,
erwähnt und geliked.

Ach, Mensch.