Hach, es gibt ja noch andere, dir schwitzend bloggen und wandern!
Danke, Frau Lakritze.
Monat: Juli 2016
Winke-winke bis im August
Die nächsten Wochen wird dieses Blog hier ruhen, dafür geht es woanders weiter.
Noch einmal schlafen, dann geht es los. Irgendlinks Reise fing schon am Dienstag an. Er ist in der Pfalz Richtung Schweiz losgeradelt und hat untewegs gebloggt.
Gestern Abend bin ich ihm spontan entgegen geradelt und habe ihn auf dem Bözberg getroffen. Hach. Und nun sind wirklichwirklich Ferien!
Heute haben wir gewaschen und gepackt und morgen wandern wir los. Ich habe lautes Herzklopfen. Wie es wohl wird? Kommt ihr mit? Wie gesagt: Hier werde ich, wie gesagt, in dieser Zeit nicht bloggen, dafür drüben auf Flussnoten – im Duett mit Irgendlink – über unser Unterwegssein schreiben. Immer mit dem Liebsten an der eine und dem Zauber der Einfachheit auf der andern Seite voranwandernd, mit dem Rhein als Wegweiser.
Leben, träumen & schreiben
Lebst du noch oder träumst du schon? Irgendlink hat in mir was losgetreten, als er letzte Woche seine neu überarbeitete Roadmap bloggte. Was für eine Karte, was für ein tolles Fährtenbuch, in welchem er seine Abenteuer – die erlebten ebenso wie die zu bestehenden – begeschrieben hat. Seine Leitplanke, um im Ideenfluss der Künste nicht zu ertrinken.
Wo Wunsch ist, kann Wirklichkeit werden. Oder andersrum: Jede Wirklichkeit fing klein an, war zuerst eine kleine Idee, ein Wunsch, ein Traum.
Welche Bücher möchte ich gerne schreiben?, fragte ich mich also, als ich über meine eigene noch ungeschriebene Roapmap nachdachte – und über jene Dinge, die in meinem Fährtenbuch erwähnt werden wollen.
Kaum gedacht, standen auch schon ein paar Ideen Schlange. Nun ja, meine angefangenen, eingeschlafenen, an Keine-Zeit-Haben eingetrockneten Projekte möchte ich fertigstellen, natürlich. Jedenfalls, wenn ich sie bei näherer Betrachtung noch gut finde … Noch lieber jedoch möchte ich ein neues Buch schreiben. Ich habe Lust, mich vom biografischen, essayistischen Schreiben zu entfernen und wieder mehr zusammenhängende Geschichten zu schreiben, längere Geschichten, Romane.
Auf einmal stand die Protagonistin vor mir. Sie gleicht mir ein wenig und ist doch ziemlich anders. In etwas aber gleicht sie mir sehr: Sie ist eine Anti-Heldin, eine Hochsensible, die aneckt mit ihrem Gespür. Aber sie ist dennoch eine, die – ja, das muss sein! – ihren Weg geht und Dinge schafft, die womöglich gegen alle Vernunft sind.
Nun ja, zur Krimiautorin fühlte ich mich bisher nicht berufen, darum wird es wohl keine Leichen in meinem neuen, angedachten Buch geben, aber ein paar Abenteuer natürlich schon. [Keine Ahnung, ob ich jemals von meinen zentralen Themen (Tod, Amok, Suizid) wegkomme.]
»Schreib über jene Themen, die dir unter den Nägeln brennen!«, riet mir ein bekannter Schweizer Autor in einem Schreibseminar. Ich kann ja im Grunde nicht anders, denn alles andere wäre gekünstelt und gebastelt und an den Haaren herbeigezogen. Ich kann ja zum Beispiel auch nicht reimen und etwas damit anfangen auch nicht, wozu also sollte ich es versuchen? Das überlasse ich anderen. Also bleibe ich bei meinen zu meinem Fuß passenden Schustersleisten.
Nicht, dass ich mich nicht weiterentwickeln will. Und das Abenteuer des Lebens besteht ja oft genau darin, Grenzen auszuloten und auszudehnen. Doch noch habe ich meine Schreibgrenzen längst nicht ausgereizt, wozu also sollte ich sie schon jetzt ausdehnen?
Da träume ich lieber zuerst ein wenig von meinen Schreibabenteuern, auf dass sie wirkliche Wirklichkeit werden.
Und schon bald träume ich übrigens im Zelt liegend. Übermorgen geht’s los! Wanderst du mit uns mit am Rhein entlang? > flussnoten.de
Wahrscheinlichkeiten und das Dasein
Dieses menschliche Dasein sei ein Gasthaus, sagte Rumi, ein Sufi-Dichter im 13. Jahrhundert. Alles, was und jeder, der uns begegne, sei unser Gast, der uns weiterführen wolle. Schweres sei also ebenso ein Gast wie Freude (klick zum Original).
Ich zitiere die letzten Zeilen:
Begrüsse und bewirte sie alle!
[…]
begegne ihnen lachend an der Tür
und lade sie zu Dir ein.
Sei dankbar für jeden, der kommt,
denn alle sind zu deiner Führung
geschickt worden aus einer andern Welt.
Ich frage mich, ob es »wirklich« so ist, wie es da heißt, also dass uns – dir, mir – alles, was geschieht, zur Weiterführung und Lehre geschickt sei. Und wo sich diese andere Welt befindet, wer sie regiert und ob es für jede und jeden eine andere ist. Und ich frage mich, ob alles letztlich nur durch unsere Interpretation des Lebens wird, was es wird und wirkt, wie es wirkt.
Eben stolpere ich über mein obiges »wirklich«, was ich gedankenlos meist mit »wahr« gleichsetze.
Huch – Wahrheit. Wo ich doch schon sehr lange ahne, dass es DIE Wahrheit nicht gibt. Einzig vielleicht als Synonym von Liebe. Aber auch das ist eher Ahnung denn Faktum.
Dafür glaube ich an die (kleine, punktuelle) Wahrheit der Wahrnehmung unserer persönlichen Wirklichkeit.
Wirklichkeit: Ist wahr, was wirkt?
Wahrnehmung: Ist wahr, was ich für wahr nehme?
Ich nehme aus den Augenwinkeln immer mal wieder die Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit wahr, eines Tages der Illusion in die Augen schauen zu können. Diese Illusion, für die ich das irdisch-materielle Leben im Großen und Ganzen halte.
Darum ist Leben, mein Leben zumindest, vielleicht & letztlich nur in einer Art Konjunktiv, einer Art Möglichkeitsform lebbar.
Fakt ist*, dass sich alles zu allem irgendwie verhält.
Sich nicht zu verhalten ist nicht möglich.**
[Gibt es also letztlich gar keine Neutralität, keine Gleichgültigkeit?]
Außer wenn man tot ist?
Wahrheit
in Relation zu
Wahrscheinlichkeit
in Relation
zu Wirklichkeit
Das eine nicht ohne das andere?
Alles hängt zusammen?
Müsste es in diesem Fall also doch eine letzte Wahrheit geben? Eine aber, die sich nicht um Religionen und Rechthabereien schert und die uns nicht nach bewertet, ob man an sie glaubt oder nicht? Eine, die einfach existiert, weil sie nicht anders kann, weil sie einfach wahr ist? Eine Wahrheit auch, der es egal ist, ob wir sie erkennen oder nicht.***
Geht aber Wahrheit ohne Gefühl?
Und was ist mit dem Begriff »echt« als mögliches Synonym zu »wahr«?
* Oh, ist es wirklich und wahrhaftig so?
** Sagt eigentlich wer?
*** Höre ich da jemanden sagen: Ja, die Wissenschaft! – Mag sein, nur ist die Wissenschaft ja auch nur ein Forschungsgebiet, das die Wirklichkeit Stück für Stück zu erforschen versucht und nie fertig wird, weil alles viel zu groß und viel zu unfassbar ist für uns Menschen.
Das Ding mit den Codes
Es dauerte lange, bis ich endlich damit anfing, die Welt ein bisschen besser als gar nicht zu verstehen. Länger als bei den meisten, vermute ich. Im Lernen bin ich, was vielleicht erstaunen mag, zuweilen eher langsam. (Schreit das jetzt nach einer Erklärung, weil ich einige von euch murmeln höre, dass sie mich genau gegenteilig einschätzen? Nun denn …)
Ich habe wohl eine schnelle bis sehr schnelle Auffassungsgabe und habe eine sicher ebenso schnelle Wahrnehmungs- und Beobachtunsgabe. Damit ist jedoch ein Inhalt, den ich lernen soll, noch lange nicht decodiert, verstanden und verinnerlicht, was für mich ‚etwas gelernt zu haben‘ heißt.
Eher war es bei mir als Kind und junge Frau so, dass ich meine Umwelt mit all den zu lernenden Dingen − Sachwissen ebenso wie soziales Verhalten − zwar sehr differenziert beobachtete und wahrgenommen hatte, dann aber mit all diesen theoretischen und oft genug abstrakten Inhalten, Beobachtungen und Erkenntnissen nicht weitergekommen bin. Weil ich sie nicht verstand und weil ich nicht wusste, wie ich sie anwenden sollte.
Warum verhielt sich dieser Mensch so, warum sagt jener Mensch das so und so? Was mir sehr lange fehlte, war eine passende Übersetzungsmethode für all diese Dinge zwischen den Zeilen der Zeilen. Ironie zum Beispiel verstand ich sehr lange nicht. Oder jedenfalls nur theoretisch. Darüber lachen oder grinsen konnten ich jedenfalls nicht. Wohl verstand ich die einzelnen Wörter, doch im Kontext, in dem sie standen, um ihren ironische Wirkung zu entfalten, bedeuteten sie mir nichts.
Fast alles auf dieser Welt ist irgendwie codiert, vielleicht von einem Kinderlächeln mal abgesehen. Jede Nation, jede Gesellschaft, jede Gruppe hat ihre Codes. Die meisten Menschen werden sehr früh in ihre spezifischen Codes eingeführt (»Guck, so musst du das machen!«) oder haben zumindest irgendwo in ihrer Werkzeugkiste jene Fähigkeit, die mir fehlt, diese Codes zu entschlüsseln. Manche lernen sie vermutlich einfach durch abschauen und nachahmen. Ich war wohl so um die dreizehn oder vierzehn, als ich langsam anfing, dazuzugehören, weil ich endlich die sozialen Codes zu imitieren gelernt hatte. Sie mir zu eigen machen, gelang mir allerdings nie wirklich. Jedenfalls nur sehr punktuell.
Weil, nun ja, weil ich Codes bis heute misstraue. Alles, was der Anpassung an eine Mehrheit dient, ist mir suspekt, weil es impliziert, dass eine Mehrheit ‚richtig‘ denkt und dass dieses Dazugehören wichtig ist. Doch wozu zum Beispiel soll es gut sein, dass alle die gleiche Art Schuhe und Frisuren tragen oder die gleichen Redewendungen benutzen? Kleidervorschriften für Männlein und Weiblein − wozu sollen die gut sein, (von den Modezaren und Supermodels mal abgesehen)? Auch der Sinn der Krawatte hat sich mir noch nicht erschlossen, ein Code, der sich mir nie, weder vom metaphorischen noch vom ästhetischen Standpunkt aus, zu erkennen gegeben hat. Kurz und gut: Jegliche Angleichung und jegliche Normierung an eine Mehrheit habe ich schlicht und einfach nie als für mich sinnvoll erkannt (obwohl sie vermutlich, zumindest evolutionsbiologisch gesehen, das Überleben der Spezies Mensch gewährleistet hat).
Mir fehlte und fehlt dazu etwas, das ich hier mal Übersetzungstool nenne.
Irgendwann fing ich dennoch an, zu ahnen, wie die Welt in sich selbst zusammenhängt, wenn auch nicht von innen heraus, dazu war ich nie genug innendrin. Über ein Ahnen bin ich vermutlich nie herausgekommen.
Ich schaue also heute in dieses Terrarium hinein, in welchem sich die Menschen tummeln. Ich schaue ihnen zu wie damals, als ich noch Rennmäuse hatte, denen zugeschaut habe. Alphatierchen waren und sind mir übrigens, nicht nur bei Mäusen, suspekt. Es sind die Omegatierchen, die mich interessieren, bei Mäusen ebenso wie bei Menschen. Jene Wesen eben, die die Codes nicht kennen, die − mutig oder naiv oder beides − den Konventionen den Rücken drehen. Die, deren geheime Superkraft darin besteht, sich selbst zu sein, weil sie nicht gut sind in Rollenspiel.
Während ich so über dieses mein (latent schwarzweißes) Denken nachsinne, fällt mir eine Aussage ein, die ich sinngemäß vor einiger Zeit von einer grünen Politikerin gehört habe: »Ich wünsche mir gar nicht, dass alle gleich denken wie ich, ich wünsche mir aber, dass wir alle dazu bereit sind, uns mit der Meinung und den Gedanken der anderen ernsthaft auseinanderzusetzen. Das ist meine Vorstellung von Demokratie.«
Ja, das ist auch meine Vorstellung. Nicht nur von Demokratie, auch von Lebendigsein. Es braucht diese Meinungsdiversität und es braucht die reife Auseinandersetzung mit den Problemen dieser Welt. Dazu braucht es keine Gleichmacherei durch Verhaltenscodes und -konventionen, die unter dem Strich eh immer mehr Menschen (und Mäuse) aus- als einschließt.
Und es braucht wohl auch die Erkenntnis, dass wir von den wenigsten Dingen wirklich etwas verstehen. Dass das meiste Wissen, das wir zu haben glauben, bestenfalls Halbwissen ist. Ich wünsche uns, dass Erkenntnis und Bereitschaft wachsen, uns ernsthaft mit den essentiellen Dingen auseinandersetzen zu wollen.
Eine ernste Auseinandersetzung mit einem Thema ist allerdings mehr als die meisten zu leisten bereit sind und ist mehr als eine kleine Suchmaschinenrecherche mit oberflächlichem Durchlesen der ersten fünf Zeilen der obersten drei Suchergebnisse. Eine ernste Auseinandersetzung bedeutet, sich mehrere Seiten zu einem Thema anzuhören, sich im Sinne des Worte auseinander − innerlich also auf verschiedene Stühle − zu setzen, das Thema aus verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten und sich dabei eine eigene Meinung zu bilden, die sich vielleicht sogar von der ersten, spontan gebildeten, total unterscheidet. Und die zu einem späteren Zeitpunkt – wenn die Dinge möglicheweise anders liegen – durchaus eine andere sein darf.