Ausgesperrt und wieder drin

Mein Schutzengel ist aus Fleisch und Blut. Dass ich jetzt wieder an meinem Schreibtisch sitze, ist der Beweis. Dass ich nicht mehr draußen vor dem Haus stehen, mir nicht mehr die Hände und Füße abfrieren muss und die Nasenspitze. So ganz ohne Jacke, ohne Schuhe, ohne Schirm.

Heute und morgen sind Waschtage. Ich nehme oft, wenn ich die Wäsche aus der Waschküche hole, den kleinen Komposteimer mit nach unten, um ihn in die grüne Tonne zu kippen. Bei dieser Gelegenheit leere ich meistens auch gleich noch den Briefkasten.

Soweit so gut.

In der Milisekunde, bevor die Tür hinter mir ins Schloss fällt, realisiere ich, dass ich den Briefkastenschlüssel, sprich: meinen Schlüsselbund, nicht eingesteckt habe. Mist-Mist-Mist. Liebe Grüße von meiner ADHS. Sie will auch mal wieder zuschlagen. Nichtsdestotrotz kippe ich den Inhalt des kleinen Eimers in die Tonne.

Als erstes klingle ich bei der Nachbarin unter mir, die nachmittags oft frei hat, denn sie arbeitet Teilzeit im Kindergarten auf der anderen Straßenseite. Ich warte. Es passiert nichts. Als nächstes klingele ich bei der Nachbarin unten links, das ist die mit dem Engelfimmel. Aber die Engel sind heute offensichtlich ausgeflogen.

Deshalb kommt die junge Nachbarin über mir, die erst neu eingezogen ist, in den Genuss meiner Klingelattacke, doch auch sie ist nicht zuhause. Ebenso reagiert das ältere Paar oben links nicht auf mein Läuten. Last but not least kommt die letzte Nachbarin, die mir vis-à-vis wohnt, dran. Sie arbeitet Schicht, weshalb ich mir gewünscht habe, nicht bei ihr klingeln zu müssen. Außerdem hat sie mich schon am häufigsten gerettet, wenn ich den Schlüssel verschusselt habe, was ADHS-bedingt öfter mal vorkommt. Doch auch sie ist nicht da. Oder schläft tief und fest, es sei ihr gegönnt.

Zwischendurch suche ich mir einen kleinen Ast. Damit versuche ich den Umschlag mit dem Schlüssel, den ich per Magnet und Klebstreifen in mein Briefkastenfach gehängt habe, auf dem Schlitz zu angeln. Es gelingt mir immerhin, den Umschlag von der Rückwand loszulösen, doch ich bekomme ihn nicht zu fassen. Meine Finger sind zu kurz und der Schlitz zu schmal.

Da die Nachbarin unter mir nicht da ist, überlege ich, könnte sie ja im Kindergarten sein, oder? Falls ja, würde sie mir bestimmt kurz ihren Schlüssel ausleihen, nicht wahr?

Also tappe ich frierend und in Hausschlappen über die regennasse Straße, es regnet zum Glück nur wenig. Als ich die Treppe zum Kindergarten hochsteige, sitzt auf der Pausenbank unter dem Vordach eine Frau, die ich nach zwei Nachdenk-Sekunden schließlich wiedererkenne – und sie mich.

Es ist L., die Putzperle des Wohnhauses, das ich bis vor anderthalb Jahren  bewohnt habe. Sie putzt unter anderem Gebäude, die der Gemeinde gehören, so auch den Kindergarten. Gerade raucht sie vor dem Putzen eine Zigarette. Wir freuen uns sehr über dieses unerwartete Wiedersehen. Wie toll ist das denn? Ich erzähle ihr mein Dilemma und wir überlegen, mit welchen Werkzeugen ich den Umschlag wohl aus dem Briefkasten ziehen könnte. Ich bekomme eine Schere, einen Schraubenzieher und – tadaaa! – eine Müllauflesezange ausgeliehen. Kurz entschlossen kommt sie mit rüber, zu meinem Briefkasten, und zusammen fischen wir den Umschlag samt Schlüsseln aus dem Schlitz. Juhuu!

Ich lade sie ein, bald auf eine Tasse Kaffee oder Tee zu mir zu kommen. Schon in der alten Wohnung tranken wir das eine oder andere Mal zusammen Heißgetränke. Ich mag sie sehr. Früher hat sie manchmal meine Pflanzen gegossen, wenn ich in den Ferien war, doch dann hatte sie eine Weile Rückenprobleme und ich verzichtete darum auf ihre Hilfe.

Beide haben wir uns über das Wiedersehen gefreut. Ich finde es total verrückt, dass sie es ist, die mir geholfen hat. Und dass wir uns nach anderthalb Jahren unter diesen Umständen wiedergesehen haben.

Im Briefkasten ein Spendenaufruf der Heilsarmee, die jährliche Weihnachtssammlung. Auf den Bildern Menschen ohne Dach überm Kopf. Ich werde etwas spenden. Wie dankbar ich doch für meine Wohnung und die Wärme des Heizkörpers neben mir bin!

 

Über dem Nebelmeer …

Neulich sind wir von der Ampferenhöchi im Fricktal auf den Chaisacherturm hochgewandert. Im Tal lag dicker Nebel, selbst auf der Höchi war er noch dick, doch er lichtete sich allmählich, je höher wir wanderten. Schon unterhalb des Turms genossen wir eine Weitsicht wie selten. Ganz oben auf dem Tum durften wir einen wunderschönen Sonnenuntergang betrachten … was für ein Geschenk.

Bildbeschreibung für Sehbeeinträchtigte und Blinde:
Die ersten und letzten Bilder zeigen Waldbäume im Nebel. Die weiteren Bilder zeigen einen hellblauen Himmel mit fluffigen Wolken. Auf vielen Bildern ist das Nebelmeer von oben zu sehen, außerdem die Sonne zwischen den Wolken, den Weg, den wir gehen, Tau auf Gras. Und immer wieder eine weite Aussicht übers Land. Der Weitblick reichte diesmal Richtung Süden bis zu den Alpenketten in der Ferne. Einzelne Hügel ragen wie Inseln aus dem Nebelmeer. (Da es sehr viele im Grunde ähnliche Naturaufnahmen sind, verzichte ich für diesmal ausnahmsweise auf eine detaillierte Bildbeschreibung.)

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Das Copyright ist bei mir.