Der alte Mann

Mit M., meinem früheren WG-Gefährten, auszugehen, macht mir auch heute noch Spaß, kommt nur leider zu selten vor. Zürich liegt leider ziemlich abgelegen. Ab und zu treffen wir uns in der Mitte. Wie letztes Jahr in Brugg. Im Salzhaus gaben sich Pippo Pollina & Konstantin Wecker ein Stelldichein. Tempi passati.

Gestern, vor dem Putzen, überkam mich ein unstillbares Verlangen, in jenes Gefühl eines ganz bestimmten Abends mit M. im Zürcher Volkshaus einzutauchen. Lang ist’s her …  1998 oder so. Ein Verlangen, eine Sehnsucht nach eben jener damals empfundenen Begeisterung, nach genau jenem Genuss überkam mich unversehens. Offenbar lassen sich solche Gefühle konservieren, komprimieren und bei Bedarf wieder hervorholen.

Habe ich in meiner Karriere als Konzertbesucherin je ein leidenschaftlicheres Spiel erlebt? Der alte Mann auf der Bühne: Er war eins mit jedem einzelnen Ton, den er seinem Instrument entlockte. Ein Erlebnis, das mich zu Tränen rührte, mir eine Gänsehaut verursachte , mir unter die Haut ging …  Ein musikalischer Orgasmus, der jede meiner Zellen erschütterte …

Was von jenem Abend zurück geblieben ist? Neben einer Musikkonserve, die ich seit Jahren nicht mehr gehört habe? Die Erinnerung an meinen damaligen Wunsch, eines Tages mein eigenes Ding mit der gleichen Begeisterung, mit der gleichen Leidenschaft wie Giora Feidman zu vollbringen, und dabei – en passant – meine Brötchen zu verdienen.

Siehe da: Die Vision hat überlebt … Während ich Giora Feidman lausche, erwacht sie und räkelt sich ein bisschen. Vielleicht sollte ich dem alten Mann ein bisschen öfters zuhören?

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