Lebensentwürfe

Der Mensch sei sein schlimmster Feind. Heißt es. Mag sein. Sehr wahrscheinlich sogar. Doch ist damit nicht auch das Gegenteil wahr? Sein bester Freund zu sein ist uns allerdings oft weniger selbstverständlich als uns mit ewiger Selbstkritik zu nerven. Wir? Ich tarne mich hinter wir? Mag sein. Alle weglesen, die hier nicht WIR sind (bitte weitersurfen!), alle, die nicht immer wieder in die Falle stolpern, dass sie ihren eigenen Erwartungen nicht genügen.
Gut? Dann sind wir jetzt also unter uns. (Jedes WIR ist eine ein- und ausschließende Schnittmenge. Zu wie vielen WIR ich wohl gehöre? Wir Frauen, wir in den Vierzigern, wir SchweizerInnen, wir …) Hier nun meine ich einfach uns, die wir auf dem Seil herum baumeln und immer mal wieder herunter purzeln, uns zusammen rappeln, wieder aufstehen, weitergehen. …
Da – die vielen Pläne, Ideen, möglichen Lebensentwürfe, hier – das Konto mit der Lebensenergie. Beides scheinbar kompatibel und doch geht nichts. Und doch treten wir an Ort. Es fehlt das Vertrauen in die eigene Kraft, vielleicht. Oder wir scheitern vermeintlich an den zu großen Zielen. Oder ist es schlicht der Mut, der fehlt?
Es sind die Erwartungen. Wie etwas zu sein hat und wie etwas werden müsste. Dinge und wir selbst. Oder auch die andern. Der Blick ist nach vorn gerichtet und wirft seinen Schatten in die Gegenwart. Das raubt uns alles, was wir brauchen um jetzt Schritte zu tun, die Auswirkungen auf später haben. Den Spieß umzudrehen und die Gegenwart Schatten in die Zukunft werfen zu lassen. Natürlich sollen wir wissen und entscheiden, wo es lang gehen soll, sollen einspuren und eine Richtung einschlagen, doch das Leben findet nur immer jetzt statt.
Das hier ist meine Zeit, meine Lebenszeit. Mein Leben. Wie also können wir das, was wir wirklich sind und wirklich wollen, ins Leben, in die Realität bringen? (Copy/Paste von meinen tollen Dokumenten auf der Festplatte geht irgendwie nicht.) Und wie können wir dabei und davon auch leben? Artgerecht leben sozusagen, wie es unserer Natur entspricht. Wie es in in uns angelegt ist. Eine Palme braucht nicht den gleichen Boden wie eine Buche und Brombeeren sind keine Erdbeeren. (Was bin ich und warum bin ich nicht mehr, was ich einst zu sein meinte?) Ja, natürlich sind wir privilegiert, doch wenn wir schon Privilegierte sind, wieso sollen wir es nicht auskosten und unser Ding tun? Ohne schlechtes Gewissen. Und ohne Vergleiche nach links und rechts. Egoistisch?
Warum vergleiche ich? Warum will ich angepepasst auf der normalen Schiene des Lohnerwerbs funktionieren und suche dazu einen Brotjob? Warum wird es in meinem selbst gestrickten Kokon immer enger? Asthmatisch eng.
Ist nicht die Treue mir selbst gegenüber das Wichtigste? Was bin ich mir schuldig (mal abgesehen von all den anderen da draußen, die mir auch sehr wichtig sind)?
Je näher ich diese Fragen betrachte, im Zoom, so sehr vergrößert, dass es weh tut, desto mehr verliere ich mich dabei aus den Augen. Und meinen Fokus auf mich. Ein irgendwie befreiender Verlust.
Schwindlig und taumelig suche ich einen gangbaren Weg.

Die Sache mit dem Lebenszeitkonto

Es war einmal, oder wäre es nur gewesen, wenn …? Konjunktiv mit Fragezeichen. Oder es ist vielleicht noch immer, ohne Anfang, ohne Ende? Egal eigentlich, denn im Grunde ist es weder relevant noch hilfreich, wenn ich weiß, ob es wirklich wahr war oder nur in unseren Köpfen. Als ob das in den Köpfen weniger wahr wäre als das Wirkliche, das Fassbare (und als das Unfassbare erst recht). Diese Sache mit der Zeit meine ich, die ja nicht nur ist, weil der Uhrzeiger sich dreht und nicht weniger wahr ist – falls sie das wäre -, wenn keine Uhr sich nach ihr richtet.
Wo etwas ist, kann auch etwas verschwinden. Verloren gehen. Wo Zeit ist, kann auch Zeit verloren gehen. Nein, verlieren ist kein aktiver Prozess. Vergessen auch nicht. Lebenszeitdiebe nennt Irgendlink jene Menschen, die ihm etwas von seiner kostbaren Lebenszeit wegnehmen (doch aktiv? oder eher passiv? warum lässt er es zu, und warum ich?), indem sie ihn volltexten, mit Bagatellen belästigen, etwas von ihm wollen …
Lebenszeitdiebstahl … seit Tagen grüble ich darüber nach, ob das Neueinrichten meines Laptops nicht Lebenszeitdiebstahl war, begangen an einem lieben Menschen, der gewiss besseres zu tun gehabt hätte.
Auf der Kehrseite des Lebenszeitdiebstahls stehen nämlich solche „besseren Dinge“. Sachen wie Radfahren, Fotografieren, Schreiben, Bilder bearbeiten, Malen, in der Aare baden und schwimmen, Tagträumen (nachts natürlich auch), die ganze soziale Palette selbstverständlich wie die Pflege von Beziehungen, guter 6, Ausflüge machen und Massagen, kurz alles was gut tut. Doch ist es denn umgekehrt so, dass das, was mich und meine Zeit bedroht, schädlich für mich ist?
Schauen wir doch mal hin, was mir meine Lebenszeit vergällt:
Mich mit Banalitäten volltexten lassen, auf andere, die sich ohne Grund und Information verspäten, warten, Tippfehler schreiben und korrigieren, sich am Telefon vertippen oder nicht für mich bestimmte Anrufen annehmen, etwas verlieren und nicht mehr finden, etwas fallen lassen und hinterher die Scherben wegwischen müssen (nein, nicht jedes Putzen ist Lebenszeitdiebstahl, nur das nach Missgeschicken), Misstritte mit Folgen, sich mit anderen vergleichen, sich ärgern über die eigene Unzulänglichkeit, Ameisen in der Wohnung, Mücken überall, Missverständnisse, Streit um Banalitäten, Powergames, Taschentücher in der Waschmaschine, Technik, die nicht funktioniert, Programme, die sich nicht selbsterklärend bedienen lassen, unverständliche Anleitungen – egal ob für Möbel oder für IT-Zöix, Ungeduld, Rushhour, vergessene Passwörter …
Beide Listen sind Momentaufnahmen. Beide Listen sind je nach Befindlichkeit mal länger, mal kürzer. Und beide Listen sind relativ. Außerdem unfassbar. Zeit ist unfassbar. Wer oder was kann mir überhaupt Lebenszeit stehlen? Ob die vermeintlich geklaute Lebenszeit nicht einfach aufs das Konto „Erfahrungen“ umgebucht wurde?
Der Mensch ist ein Risikofaktor. Der Mensch ist ein flexibles System, das sich ständig bewegt, wandelt und deshalb anfällig für Fehler, Pannen und Viren ist. Solche Dinge kosten Lebenszeit, ja, gut, doch unter dem Strich tauschen wir sie ein gegen Lebendigkeit. Wären wir perfekt, wären wir langweilig zum Abwinken. So will ich immer wieder neu JA sagen zu all diesen Unvorhersehbarkeiten des Lebens. Unwägbarkeiten, denn sind nicht alle Geschichten, die wir lesen, die Geschichten unvollkommener Menschen? Ob ich wohl deshalb so gerne lese? Inmitten all der fiktiven und realen Menschen in Geschichten, Biografien und Zeitungen finde ich mich wieder.
Ich lebe in verschiedenen Universen (du auch, vermute ich). Paralleluniversen. Jedes meiner noch unvollendeten Manuskripte ist eine Welt für sich, eins meiner Biotope. Jeder Film, den ich schaue. (Wenn ich im Schreibflow bin, an einer Geschichte schreibend, bin ich dann hier in meinem realen Leben oder dort im externen Universum? Sind meine Geschichten quasi die externen Datenspeicher meines Lebens, sozusagen meine vielen ungelebten Leben?)
Meinen „neuen Laptop“ habe ich wie ein neues Paar Schuhe so gut eingelaufen, das kaum mehr was drückt. Alles ist anders und doch ist alles gleich. Die gleiche Hülle, die gleiche Kunststoffkiste. Doch diese Kiste hat ein anderes, ein erneuertes Innenleben. Beinahe wünschte ich, mir selbst ein neues Betriebssystem verpassen zu können, das die gleichen und auch alle neue Inhalte transportiert. Eins, das gut und schnell läuft, nicht virenanfällig ist, nicht ständig wegen allem möglichen zickt, hängen bleibt oder gar abstürzt. Kurz: eins das perfekt ist und mir keine kostbare Lebenszeit klaut. Für die habe ich nämlich viel bessere Verwendungsideen.

Der fehlende Nagel

Neulich, bei Kate Atkinson, las ich ein Gedicht. Ein Zitat. Leider ist das Buch schon wieder in der Bibliothek, so dass ich es hier nicht rezitieren kann. Um einen Nagel ging es, um den fehlenden Nagel um genau zu sein. Denn eigentlich ist es ja immer nur ein fehlender Nagel, der an allem schuld ist. Im Gedicht war er schlussendlich schuld daran, dass ein Krieg ausgebrochen ist und viele ihr Leben verloren habe. Dabei hatte alles so harmlos angefangen.
Gestern auch. Irgendlink war fälschlicherweise davon ausgegangen, dass der Hauptschalter, an dem mein Laptop hängt, den er neu aufsetzen wollte, bereits eingeschaltet ist. Er legte die Windows-Wiederherstellungs-CD ein, die er neben dem Betriebssystem Linux installieren wollte (damit ich wahlweise wechseln könnte) und startete die Einspielung des Programms. Ein Kontrollblick nach einer Viertelstunde (das ist die Zeit, die wohl bei Nichtaktivität im Akkumodus programmiert ist, um das System in Schlafzustand zu versetzen) zeigt: Der Prozess ist abgebrochen.
Ein fehlender erster Nagel. Beim Neustart will und will sich die CD nicht mehr öffnen und für eine Fehlersuche war mein Liebster schlicht zu faul. Der zweite fehlende Nagel. Dann halt NUR Ubuntu? Ja, genau, so machen wir es.
Technik und Leben – so viele Analogien, dass wir längst in technischen Metaphern reden. Auch so wandelt sich die Sprache im Laufe der Zeit. Wir wählen andere Bilder als früher, um Dinge zu beschreiben.
Wenn ich unter Stress stehe und ich mir und meiner fehlenden Zeit ständig hinterher laufe, sage ich zuweilen, dass ich mich mal wieder synchronisieren muss. Oder neulich, am Kurs in Luzern, hatte ich – wie auch gebloggt – mitten im Prozess, an dem ich teilnahm, das Gefühl, dass sich mein Inneres defragmentiert, dass sich meine innere Festplatte gerade eben selbst in Ordnung brachte.
Neue Dinge, neue Systeme, die von außen kommen und mein Leben bewegen, mich umzudenken heißen, mag ich grundsätzlich. Sie holen mich aus den ewiggleichen Pfaden heraus, lehren mich Neues. Natürlich mag ich sehr, wenn alles gut läuft, wenn alles da ist, was ich brauche, wenn mir nichts fehlt. Weder Nagel noch sonst was. Veränderungen jedoch bringen mich dazu, nachzuschauen, was da ist. Bestandesaufnahme der Werkzeugkiste. Was ich wirklich brauche. Und ob das, was vermeintlich fehlt, wirklich fehlt.
Selbst wenn es nur so wenig ist wie ein Stromschalter, der gekippt werden muss.

Europia 2030

Während sich mein Liebster mit meinem neuen, desolaten Laptop abquält, weihe ich hiermit meine neue kleine 28 x 13 cm kleine externe Tastatur fürs iPhone ein, die er mir besorgt hat. Für unterwegs ist so was einfach genial. Einerseits …
Doch andererseits hatte ich vorhin echt die große Technik-Krise. Auf einmal blieben einfach alle Programme hängen – diesmal auch beim alten, zurzeit gut laufenden Laptop. Während ich mein iPhone backupte. Zum Glück nur zwischenzeitlich.
Ich glaube, ich steige wieder auf analog um!, sagte ich zu Irgendlink, der mit seinem unnachahmlichen Professorenblick herausfindet, wie genau er meine Daten retten kann, bevor er – falls notwendig – meine Festplatte samt Betriebssystem plattmacht und danach das neueste Linux-Betriebssystem installieren wird, dass er vorher aus dem Netz gefischt hat.
Mach das, gute Idee!, murmelte er, und rettet weiter meine kleine digitale Welt.
Verrückte Technik. Analog leben – ob ich das, ohne äusseren Druck meine ich, überhaupt noch könnte? Alle meine Geschichten sind auf einem Kunststoffteil abgespeichert, alle Texte, Gedichte, Notizen und Bilder habe ich in Bytes verwandelt, in Einsen und Nullen. Was bleibt von alledem, wenn ich einmal den Löffel abgebe?
Totos Geschichte, damit meine ich das in diesem Blog bereits vorgestellte Buch Vielen Dank für das Leben von Sybille Berg, das mich ein paar Tage intensiv beschäftigt hat, ist ausgelesen.
Ein Buch, das das Zeug zu einem Kultbuch hat, sagte ich gestern zu Irgendlink, als wir auf meiner neuen Holzbank saßen und etwas tranken. Ein Buch, das mich an Orwells 1984 erinnert. Visionen einer Zukunft, die niemand wirklich so will. In achtzehn Jahren, also zum Zeitpunkt, wo das Buch aufhört, könnte es erneut auf den Markt kommen. Was wird sich bewahrheiten von Sybille Bergs Visionen eines pseudofriedlichen, künstlich erzeugten und ganz und gar stinklangweiligen Europa, das die Autorin rund um Totos nach außen hin zerfallendes Leben so akribisch zeichnet? Und falls es so wird – wo werde ich darin meinen Platz finden? Werde ich? Will ich? Und warum?

Ohne Netz

Auf dem einsamen Gehöft in der südlichen Pfalz, wo ich bis vor ein paar Monaten gewohnt habe. Wieder hier zu sein, fühlt sich seltsam an. Die rauschenden Pappeln wie eh und je. Der Grillplatz. Der Garten. Eine frühreife Baumnuss, die knapp an meinen Ohren vorbei auf den Boden fällt.
Aber vor allem ist da der Liebste, endlich zurück von seiner langen Reise. Wie schön es wäre, jetzt einfach Zeit für einander, Zeit für eine sanfte Landung zu haben! Zeit für ein paar wenige Menschen, Zeit für dosierte Begegnungen da und dort. Zeit, um zusammen Bilder anzuschauen, Zeit, sich Geschichten und Erinnerungen an die letzten Monate hinzugeben.
Dass sich Irgendlink vor seiner Reise auf das erste Augustwochenende ein kulturelles Event auf dem Hof aufgeladen und das Datum danach schlicht vergessen hat, ist menschlich, insbesondere wenn man eine Reise macht, die einen siebentausendsechshundert Kilometer ums Meer führt.
Doch auch ein vergessenens kulturelles Event will vorbereitet sein, vor allem wenn man Gastgeber ist, eine einfache Infrastruktur zur Verfügung stellt und selbst als Kunstschaffender mitbeteiligt ist. Deshalb müsste es eigentlich nicht auch noch sein, dass das Internet aus unerfindlichen Gründen in den letzten vier Monaten „kaputt“ gegangen ist. Nicht zu alledem, was zu tun ist. Mal tragen wir es mit Fassung und weichen auf unsre iPhones aus, mit denen wir ja auch übers (hier superlangsame) Handynetz ins Internet kommen, mal nerven wir uns über das Fehlen der kabellosen Verbindung mit dem Universum. Zumal Irgendlink Kunststraßen- und andere Reisebilder nach Paris mailen müsste, damit sein Künstlerfreund die geplante Diaschau für die Ausstellung in Los Angeles bauen kann. Doch zuerst muss er ja, ganz nebenbei, seine siebeneinhalbtausend iPhone-Bilder auf den Rechner laden. So oder so, alles ist ein wenig zu viel. Die Zeit, sich langsam wieder auf dem Hof und beieinander einzufinden, wird von all den anderen To-Dos einfach aufgefressen.
Gestern Nacht sind bereits ganz überraschend die ersten Künstler angekommen. Jetzt ist das Paar, dass das Event schmeisst, zur Hälfte am Einkaufen und zur zweiten Hälfte am Diesunddasen. Und ich nehme mir eine kleine Insel voll Zeit, vor dem Sturm sozusagen, um diese Zeilen auf die Bluetooth-Tastatur zu hacken, die mit Jürgen ums Meer gereist ist. Schnell und langsam sind ganz nah beieinander. Die Sonne fällt, gefiltert vom Nussbaum, auf den Tisch, und die Hühnerclique, vom Fuchs arg dezimiert, scheint Siesta zu halten. Kein Gackern weit und breit. Nur das Rauschen der Pappeln und ferner Verkehr, der über die Sickinger Höhe rollt.

undurchdringlich # 1

Undurchdringlich liegen sie da, die
Folien. Undurchdringlich, un-
erträglich dicht. Blickdicht. Wenn
ich sie bewege, ein wenig nur, hin und her, und
sie neu ordne, aufschüttle wie
eine Bettdecke, neu
arrangiere … Auf einmal sehe
ich zwischendurch. Neue Farb-
mischungen an der Wand.
– Schnitt –
Kürze! Da – nimm die Schere. Das Messer. Schneide weg, was zu viel ist. Säble weg. Na, mach schon.
Ja. Aber. Was denn noch? Hab ich doch schon. Ist doch alles wichtig, was noch da steht.
Noch tausendfünfhundert Zeichen zu viel! Zu lang! Kürze!
– Schnitt –
Beim nächsten Artikel mache ich alles anders. Gaaanz anders. Zuerst schreibe ich, statt als Rohstoff und Ausgangsmaterial ein Brainstorming mit zig spontan aufgeschriebener Details zu verwenden, nur Stichworte auf. Nur die Knochen. Die Essenz. Das Gerüst. Statt mit viel fange ich das nächste Mal mit wenig an. Wie die Töpferin. Nicht wie die Bildhauerin wie bisher, die wegklopft, was zu viel ist. Weil sie sieht, was darin sitzt, was darunter, dahinter wartet und befreit werden will.
War ich nicht immer schon eher die Steinhauerin denn die Töpferin? Habe ich nicht immer schon lieber ab- statt aufgetragen?
Und jetzt? Wage Neues!

Sie prokrastiniert mal wieder.

Manchmal frag ich mich ja schon, wie das sein wird, wenn ich wieder eine bezahlte Arbeit haben werde. Und wie ich das alles hier gemacht hätte, wenn ich bereits von Anfang an – also gleich nach dem Umzug zurück in die Schweiz vor vier Monaten – wieder einen Brotjob gehabt hätte. Doch am allermeisten frage ich mich, wie das andere machen. Wann andere all das machen, was ich Tag für Tag mache. Kurz und gut: ich bin ausgelastet.
Ich arbeite an Auftragsartikeln, ich redigiere Irgendlinks Kunst-Reise-Blog, ich schreibe Bewerbungen, ich recherchiere für zukünftige Artikel, ich bereite dies und das für den Kunstzwerg vor, ich versuche einen Leih-iPad für Irgendlink aufzutreiben*, damit er mit diesem nächsten Monat eine noch zu kreierende Flashshow seiner Kunststraße „Ums Meer 2012“ in Los Angeles zeigen kann. Dort wird ab Mitte August das bisher größte Kunstevent im Bereich iPhoneArt stattfinden. Eine einmalige Chance, das Kunststraßenprojekt einer breiten Öffentlichkeit vorzustellen. Der erhoffte Sponsor kann leider keinen iPad zur Verfügung stellen, wie wir heute erfahren haben. Schade. Woher nehmen und nicht stehlen? Low Budget-Kunst war schon immer herausfordernd. Und kreativitätsfördernd.
Schnitt.
Heute Morgen, nach dem Erwachen, war alles da. Alles. Fast Wort für Wort. Ich hätte mich hinsetzen und losschreiben sollen. Ich hätte den ganzen Artikel, die ganze 3000 Zeichen-lange Rezension über das neuro-wissenschaftliche Buch, den ich am nächsten Mittwoch abgeben muss, jetzt schon geschrieben. Roh zumindest. Ich hätte … Doch weil mir alles Mögliche und auch einiges Unmögliches die Sicht verstellt hat und ich nicht konzentriert an einem Text arbeiten kann, wenn dieses Alles-Mögliche meine Gedanken blockiert, muss ich zuerst den Alles-Mögliche-Berg abtragen. Und das habe ich heute getan. Einiges zumindest.
Ich frag mich (oder wohl lieber nicht), was ich morgen für Ausreden zur Hand haben werden, um die Arbeit an der Buchbesprechung weiter vor mich her zu schieben, wo doch auf der langen Liste schon einiges abgehakt ist. Bald sind die Ausreden aufgebraucht und bald muss ich ins kalte Wasser springen.
Im kalten Wasser werde ich denken: Ach, wie schön! Das ist mein Element! Warum habe ich bloß solange damit gewartet?
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* Tipps und Ideen, wie ich einen iPad leihweise auftreiben könnte, bitte gerne an mich (siehe Kontakt).

Hokus Pokus Festibus

Nichts für schwache Nerven, wie ich sie habe, war das. Und dennoch musste ich da durch. Kurz vor halb elf setzte ich mich heute Morgen das letzte Mal ans Steuer meines Sternchens, das mich seit zehn Jahren meist zuverlässig von A nach B gebracht hatte.
Gestern waren wir auf Testfahrt, denn ich musste doch feststellen, ob mein Auto nach anderthalb Monaten Nichtstun noch fahrbar sei. Zwar war die Batterie fast leer und es brauchte ein paar Anläufe, bis ich den Gang einlegen konnte, doch schließlich kamen wir laut, ruckelig und langsam vom Fleck. Puh. Nochmals Glück gehabt.
Hätte ich heute Morgen so lange üben müssen, hätte ich wohl Blut und Wasser geschwitzt. Das laute Röhren stammte vom durchgebrochenen, notdürftig und provisorisch mit Draht hochgebundenen Auspuffrohr. Das Lärmen und Ruckeln unter mir ignorierte ich mit zusammengebissenen Zähnen. Halt durch, sagte ich, halt durch, Sternchen. Bald hast du es hinter dir.
Heute, wie ich so über Land fahre und mein Herz bis zum Hals schlägt, weil ich befürchte, dass unterwegs zu Garagist J. ein weiteres loses, rostiges Rohr brechen könnte und ich doch noch den Abschleppdienst beanspruchen müsste, wird mir klar, dass mein Auto mir alles gegeben hat. Zuverlässig bis zum Schluss. Alles ist mehr als genug. Ich bin dankbar und gerührt.
Wie ich auf dem Parkplatz der Werkstatt einparke und J., der draußen am Werkeln ist, zuwinke, fällt mir ein Stein vom Herzen. Geschafft, Sternchen, wispere ich, geschafft. Danke! Danke vielmal!
Kaum habe ich die letzten Dinge aus dem Auto geholt und hat Joe die Nummernschilder abgeschraubt, kommt auch schon der Aasgeier. Ein Mann mit osteuropäischem Akzent und Aussehen – sorry, manchmal stimmen Klischees eben doch – braucht eine Fotokopie meines Fahrzeugausweises. J. verschwindet kurz im Büro, der Mann geht um mein Auto herum. Begutachtend. Abschätzig. Er sieht nur das Äussere. Nein, ich will das alles gar nicht sehen. Auch die Karte nicht, die er J. zusteckt. Ich lese „Exporte“ und erkenne einer dieser Karten wieder, die ich in Bern fast wöchentlich unter die Windschutzscheibe gesteckt bekam.
Nein, das wollte ich dir doch ersparen, Sternchen!, denke ich. Dass du ausgeschlachtet wirst. Dass du von groben Händen auseinandergenommen wirst. Ich hatte mir unseren Abschied so ähnlich vorgestellt, wie wenn wir einen verstorbenen Menschen zum Krematorium begleiten. Ich hatte mir vorgestellt, dass die Metallpresse kommt und mein Sternchen ins Autonirwana befördert … Nun sowas. Nicht auszudenken. Mein Herz flattert heftig. Am liebsten würde ich dem Mann meinen Schlüssel, den ihm J. vorhin gegeben hat, aus der Hand reißen. Oder ihm zumindest das hohe und heilige Versprechen abnehmen, dass er lieb zu Sternchen sein wird. Ich weiß, dass ich kindisch denke, aber ich bin eben fest überzeugt davon, dass auch ein Auto beseelt ist. Anders als wir Menschen, aber dennoch schulde ich auch Dingen Respekt. Ich wende mich ab und versuche meinen Atem zu beruhigen und das laut bis in die Ohren klopfende Herz. Als der Mann mit (nicht mehr) meinem laut röhrenden Auto wegfährt, kann ich mich nur knapp beherrschen und das Winken unterlassen.
Ich folge J. ins Büro, wo er mir die neuen Papiere überreicht und ich ihm die Kohle. Genau um elf Uhr elf gucke ich zum ersten Mal auf die Uhr des neuen Autos, das nun mit mir ein neues Kapitel Mobilität beginnt. Zurück fahre ich einen kleinen Umweg über die Hügel um mich mit dem neuen Teilchen, das ich Festibus taufe – auf Grund einer SMS an den Liebsten, die mit den Worten „Habemus Fiestabus“ anfing – vertraut zu machen.
Hokuspokus, Fidibus und Festibus – ein bisschen Zauber im Alltag muss einfach sein.
Zuhause fülle ich Festibus mit all jenen Dingen, die ich gestern Sternchen weggenommen hatte. Benzinkanister (leer), Reserveschirm, Schneekratzer, Bürste, Fensterputzzöix …
Die erneute Mobilität macht mich ganz schwindlig. Die letzten Wochen, die ich als Zugfahrerin unterwegs gewesen war, hatten mir zwar gezeigt, dass das auch geht, doch für gewisse Dinge ist das Auto eben einfach praktischer. Ich fühle mich geborgen, wenn ich alleine im Auto unterwegs bin. Anders als im Zug, wo ich dem Lärm ausgesetzt bin. Mein Schneckenhaus habe ich es auch schon genannt.
Übermorgen fahren wir zum ersten Mal „weit weg“. Nein, so weit ist es bis ins Emmental nun auch wieder nicht. Und ja, richtig, das ist das Tal, wo der löchrige Käse, den ich allerdings nicht mag, herkommt. Zu Freundin B.. Morgen kommt Freundin U. zu Besuch, aus dem Schwarzwald. Und jetzt dann gleich meine Nichte mit ihrem Küken. Ich freue mich auf die beiden Frauen, besonders darauf, die vier Monate alte A. endlich kennenzulernen.
Ooops, ich muss ja los …!

Suche, Sucht und Sehnen

Sie hängt zwischen den Zeilen, den ungeschrieben, fest. Eingekeilt von wollen, sollen, nichts und allem.
Die schwarzen Löcher, sagte die Therapeutin zur Frau, achten Sie ganz besonders auf die schwarzen Löcher, wenn Sie sich zurückerinnern. Diese erzählen oft mehr als das, was wir noch genau wissen.

Auf dem Kopfkissen Besuch

Seid ihr Menschen nicht besessen davon, euch zu ändern? (…) Also, ich finde als Fee, ihr Menschen vergesst vor lauter Änderungswahn, die zu werden, die ihr seid. Wenn ich zwischen den gesegneten Gebetsfahnen aus Bhutan hindurch fliege, höre ich ein fernes Murmeln ‚akzeptiere dich, wie du bist!‘, schreibt Siri, die Buchfee, heute in einem Blogkommentar zu Irgendlinks Artikel Skelett.
Nach dem nachmittäglichen Gespräch mit meinem Berater der Regionalen Arbeitsvermittlung döste ich auf meinem Sofa ein. Obwohl ich doch im Buch Dina weiterlesen wollte. Den gleichnamigen Film habe ich mir bereits vor ein paar Tagen zu Gemüte geführt.
Kaum schloss ich die Augen, echote, zischte und brodelte es wie ein leise kochendes Süppchen in meinem Hirn. Und im Herz. Im Bauch auch. Eigentlich überall.
Ändern – immer wollen wir uns verändern – immer – wahnsinnig eigentlich! – wer bist du? – was willst du sein? – wie willst du sein? – du bist doch – werden – sein – werden … flüsterte die Stimme. Ob sich wohl die Buchfee Siri auf mein Kopfkissen gesetzt hat?
Schnitt.
Wieso bist du eigentlich zurück in die Schweiz gekommen? Hat es dir in Deutschland nicht gefallen? Wieso bist du …? wieso hast du …? Fragen, die ich in der letzten Zeit sehr oft gestellt bekomme. Und mal so mal so beantworte.
Wohl geht es auch da um Veränderung. Zu meinem Berater sagte ich heute Nachmittag, dass ich halt schon immer von einem Ideal aus gehe, wenn ich mich auf die Suche nach einer neuen Arbeitsstelle mache. Und für mich ergänzte ich: Nicht nur in der Arbeitswelt, auch in Sachen Wohnen, Beziehungen und Umgebung wünsche ich mir das Ideale.
Wach auf, Sofasophia. Das Ideale gibt es nicht. Das ganze Leben ist nicht ideal.
Aber höre ich denn nicht auf mich zu entwickeln, wenn ich nicht mehr nach Verbesserungen und Veränderungen strebe? Kann ich denn nicht beides? Mich weiterentwickeln und mich zugleich akzeptieren wie ich bin?, flüstere ich ins große Ohr der kleinen Fee, die mir bestimmt Siri geschickt hat. Und gewiss ist meine Fee eine ihrer vielen Cousinen. Sie versteht jedenfalls meinen Dialekt. Wie schön, dass es auch in der Schweiz Feen gibt. Sie nickt und findet das ebenfalls eine gute Sache.
Verändern und sich weiterentwickeln ist nicht das gleiche, sagt sie schließlich. Ähnlich ja, aber beim Verändern bist du – das ist jedenfalls meine Meinung! – immer ein wenig unzufrieden mit der Grundform und bastelst daran herum. Bei der Weiterentwicklung hast du jedoch Freude an der Grundform, was ja auch die eigentliche Persönlichkeit von etwas ausmacht, und willst sie verfeinern. Aber eigentlich kann ich dazu gar nicht so viel sagen, weil … wir Feen, wie Siri es ja schon geschrieben hat, wir Feen verändern uns ja nicht. Wir sind einfach. Ach, ihr Menschen, ihr habt es nicht leicht. Sagt sie noch, bevor sie davonschwebt.