Die Zahnspange und andere Kompromisse

Gäbe es den Konjunktiv nicht, müsste ich ihn erfinden, denke ich des Öfteren, wenn ich mir beim Denken zuhöre. Weil ich ständig so vieles tun und so manches lassen möchte, das eben nicht in meiner Kraft liegt. Die Welt retten ebenso wenig wie wirklich ganz und gar das tun und lassen, was ich bin und will.
Kompromisslosigkeit versus Kompromiss. Immer wieder diese Diskrepanz in mir, die mir auf den Schulter hockt.
Ins linke Ohr flüstert sie: Ja, so ist gut, wehr dich! Befreie dich! Mach dein Ding!
Ins linke Ohr: Das kann du so nicht bringen! Du brüskierst und verletzest die anderen!
Ja, zugegeben, die Konsequenzen habe ich mir nicht überlegt. Wie es sein wird, wenn ich nicht mehr um jeden Preis nett bin, kenne ich nicht. Wie es für mich ist und wird ebenso wenig wie es sich für die anderen anfühlt. Da sind drei Menschengruppen: Die, die ich liebhabe und sie mich. Die werden mich eh liebhaben, auch wenn Nettigkeit nicht mehr so weit oben hocken wird. Dann jene, die mich ein wenig kennen – oder nur vom Blog. Wie wichtig sind sie mir? Vielleicht sind sie jene Menschen, die meine Blogstatistik am meisten beeinflussen? Wie viel Rücksicht haben sie verdient? Werde ich sie vergraulen?
Du wirst erst glücklich sein, wenn dich das, was andere über dich denken, nicht mehr kümmert, hat Irgendlink vor Jahren mal theoretisiert. Ohne dieses Glück bereits im ganzen Umfang gefunden zu haben. Auf dem Weg dahin sind wir unterwegs. Er. Ich.
Und die dritte Gruppe? Die, denen ich egal bin oder die mich eh irgendwie doof finden. Die größte Gruppe. Und zugleich die, die mir am egalsten ist. Denen, die mich doof finden, bin entweder zu „so“ oder zu „so“. Und wenn ich jemandem egal bin, kann mir das ja egal sein.
Trotze ich? Und wenn ja, warum und wem gegenüber? Oder ist meine aktuelle Infragestell-Phase von allem möglichen gar ein Veränderungsprozess in Bezug auf meine Standardeinstellungen, wie das die Mützenfalterin in ihrem Blog thematisiert hat? Sie zitiert im Kommentarstrang Foster Wallace:

„Als wäre die grundlegende Sicht eines Menschen auf die Welt und den Sinn seiner Erfahrungen irgendwie automatisch in ihm verdrahtet wie Körper- oder Schuhgröße, oder als würden sie wie die Sprache von der Kultur vorgegeben. Als wäre unsere Konstruktion von Sinn keine Frage der persönlichen und ausdrücklichen Wahl, der bewussten Entscheidung. (…) Ein solches Denken ist meine angeborene Standardeinstellung. Es ist die automatische, unbewusste Haltung, in der ich die langweiligen, frustrierenden und überfüllten Teile des Erwachsenendaseins erlebe, wenn ich auf Autopilot laufe und unbewusst glaube, ich bin der Mittelpunkt der Welt, und meine unmittelbaren Bedürfnisse und Gefühle sollten in der Welt Priorität haben.”

Was klar so nicht ist. Ich bin ausschließlich die Mitte meines eigenen Lebens. Und nicht mal das wirklich. Zum Glück bin ich – sind wir alle – ständig in der Lage uns zu verändern. So jedenfalls sind wir konsturiert. Nicht alles lässt sich sofort ändern und nicht alles gleich gut, zugegeben, doch zumindest das oft genug festgefahrene Denken. Wir können immer aufhören „so“ und anfangen „so“ zu denken. Theoretisch zumindest.

„Es ist immer auch eine Art Herausforderung, egal wo und wie wir geboren werden. Erst wenn wir diese annehmen, gerade hier und jetzt mit dem was ist, und tun, was zu tun ist, kann Entwicklung geschehen und vielleicht auch Zufriedenheit wachsen“

So schrieb Freundin U. neulich in einer Mail. Und die Mützenfalterin schrieb:

„Ich weiß gar nicht, ob Veränderung ein Ziel haben muss, außer sich selbst treu zu bleiben, d.h. die Dinge immer wieder in ein Verhältnis zu setzen und zu hinterfragen.“

Neuanfänge und Veränderungen sind bei mir aktuell hochaktuell. Mehr als sieben Wochen bin ich nun – schon oder erst – wieder in der Schweiz. Meine Heimat. Ich denke oft in Bildern, wenn ich mich in der altvertrauten Landschaft neu orientiere. Ich denke dabei an Weben. Ein erstes Mal, wenn ich einen neuen Weg gehe, sind alle meine Sinne weit offen. Ich nehme auf und integriere, was ich wahrnehme in das neubegonnene Gewebe in meinem Kopf. Ich verankere den neuen Faden mit dem Kamm. Mit jedem Mal, den ich ihn gehe, wird der Weg vertrauter. Gibt mir Heimatgefühl, je besser ich ihn kenne. Was sich ziemlich gut anfühlt. Meistens.
Oft gehe ich nun auch schon von früher bekannte Wege, lange nicht mehr gegangene allerdings. Eine Zeitreise sozusagen.
Bin ich überhaupt je weggewesen?, frage ich mich. Was dazwischen war, schrumpft und verschwindet. Tut wenigstens so. Die alte Heimat fühlt sich an wie ein altes, zuhinterst im Schrank wieder entdecktes Kleidungsstück. Passt noch, ist aber seltsam mich darin im Spiegel zu sehen.
Bin das noch ich? Welche Ich?
Mir treu bleiben ist einfach. Wenn ich in den ausgetretenen Spuren und Standardeinstellungen verharre. Aber ist das Treue zu mir? Was in mir fordert meine Treue?
Mir treu bleiben ist schwer. Denn es gilt herauszufinden, was es ist, dieses „mir“, dem ich Treue versprochen habe.
Passe ich mich mir an? Wachse ich mit? Gönne ich mir neue Schuhe oder quetsche ich mich in die alten?
Schreiben ist – denk ich grad, wie schon oft, wie ich mir über die Schultern schaue, während ich denke und mitschreibe, ein Denkprotokoll quasi niederschreibe – schreiben ist mein seelischer Verdauungsprozess. Aber ich schweife ab.
Der Vergleich, der Wettbewerb ist die Zahnspange unserer Gesellschaft. Erfunden wurde dieses heute so unvermeidliche und sogar stylish gewordene Teil ursprünglich, um Menschen, deren Zähne in einer schlimmen, gesundheitlich problematischen Stellung wuchsen, zu helfen. Heute ist daraus ein Ding geworden, das alle Zähne aller Menschen auf Gleichheit trimmt. Behaupte einer, dass all die vielen jungen Menschen, die Zahnspangen tragen, wirklich ein Problem mit der Zahnstellung haben.
Zahnspangen brauchen wir Schreibenden nicht. Nicht für den Stil jedenfalls. Ich behaupte, dass die Richtlinien, die uns Grammatik, Syntax und Rechtschreibung, geben, reichen. Kreativität braucht kein Raster. Gleichförmigkeit ist langweilig. Lassen wir uns keine Zahnspangen verpassen!
Zum Schluss noch dies, weil es auf dem Zettel neben mir auf dem Tisch steht und geschrieben werden will: Wie viel schön pro Tag brauchen wir um zu leben, um zu überleben?
Und wie viel schön pro Tag ist gesundheitsschädigend?

Kleine und große Worte

Man sollte sich trauen.
Man sollte SICH trauen (vertrauen).
Man sollte sich TRAUEN (getrauen).
Wie echt bin ich?
Bin ich, was ich wirklich bin?
Tue ich, was ich wirklich will – zumindest in meiner Freizeit?
Was ist Freizeit? Wer definiert meine Freiräume?
Was treibt mich – und wohin? Wieso?
Was bremst mich – und empfinde ich es gut oder schwierig?
Wie viel Sicherheit gibt mir das Immergleich meines Alltags?
Wie viele Unstabilität ertrage ich?
Was verunsichert mich und wieso?
Weiß ich nur, was ich nicht will oder auch was ich will?
Du liest hier mit, weil du das willst. Wirklich?
Mehr Fragen als Antworten. Mögliche Antworten greifen nur temporär.
Beim Schreiben einer Geschichte ganz und gar ein allfälliges Publikum vergessen.
Oder mir mich als Geschichtenerzählerin mit Publikum vorstellen und meinen Text an diese Menschen richten.
Was will ich?

Blogito ergo sum stimmt nicht

Ich bin. Ich bin, also bin ich. Ich bin Mensch, also bin ich. Ich denke, also bin ich. Ich fühle also bin ich. Erst recht. Ganz und gar.
Ich blogge, also bin ich? Gute Frage. Denn irgendwo ist mir die Lust abhanden gekommen. Sie ist unterwegs urplötzlich stehen geblieben. Dort draußen irgendwo. Wie ein kleines Kind, das Lust auf dies und das aber nicht auf jenes hat. Bei der Wiese vielleicht. Sitzt nun dort und füttert die Kühe auf dass sie Milch geben. Sitzt dort, genießt die Sonne. Recht hat sie. Ich suche sie und setz mich zu ihr, so mein Plan.
Oder:

  • Ich hänge Bilder auf, also bin ich. Also wohne ich. Gestern habe ich endlich die letzten Bilder aufgehängt. Endlich bin ich hier zuhause.
  • Ich habe Geld auf dem Konto, also bin ich.*
  • Ich lese, also bin ich. Ich lese grad den Geschichtenerzähler des Peruaners und Literatur-Nobelpreisträgers Mario Vargas Llosa. Ein Buch, das mich ins Peru der Achziger und der Fünfziger versetzt. Anderes Land, andere Zeit. Tut gut, sich ab und zu hier wegzubeamen. Danke, FF! 🙂
  • Ich reise, also bin ich. Täglich reise ich mit Irgendlink um die Nordsee, immer ein bisschen weiter.
  • Ich lebe, also bin ich. Dieses Leben da draußen – ich will es wieder mehr am eigenen Leib erfahren. Wahrnehmen, deuten, erkennen, erleiden manchmal, reflektieren.
  • Ich schreibe, also bin ich. Auch ja. Aber noch viel mehr …

Ich blogge, also bin ich? Öhm, dazu müsste ich erst die Lust wiederfinden. Und dann? Vielleicht. Falls nicht, dann nicht.
Mal gucken, ob die Lust Lust drauf hat …
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Halt, verschrei‘s nicht, Sofasophia, das Geld ist noch nicht da!
Jaja, schon gut. Aber bald! Was war das jetzt doch wirklich der pure Horror, zwei Wochen lang, weil sich die Zahlung meiner Arbeitslosenentschädigung täglich verzögert hat. Niemand wusste genau wieso, aber meine Daten sind falsch erfasst worden, nämlich so, dass die Kasse keine Zahlung vornehmen konnte. Falscher Status. Gestern endlich, nach hartnäckigem wiederholtem Anrufen und Mailen hatte ich die richtige Person am Telefon. Die gute Frau informierte mich genau über die Untersuchungen des Falles und fand schließlich den Fehler: Ich habe vom deutschen Arbeitsamt das falsche Übertrittsformular erhalten – aufgrund mangelnder Information und Missverständnissen. So war ich falsch – im Sinne des Formulars aber richtig – angemeldet gewesen. Wie so eine Fehlerbehebung doch glücklich macht!

Sein (Gerundium)

Man muss etwas machen. Man kann nicht nur da sitzen. Er sagt es mit dem vielzitierten Brustton der Überzeugung. Sitzt da. Sitzt einfach nur da und sagt es. Obwohl er klein gewachsen ist und in sich zusammengesunken im Stuhl kauert, wirkt er jetzt groß. Weil er weiss, was zu tun ist. Vielleicht.
Man muss etwas machen. Alles andere ist Zeitvergeudung. Man kann nicht nur schlafen, essen, trinken und Zeitung lesen – oder Bücher. Mit dem Kinn deutet er auf ihre Bücher auf dem Tisch, die für die Bücherei bestimmt sind. Seine Hand fegt durch die Luft. Radiert alles aus, was ihn stört.
Man muss etwas machen, etwas richtiges. Spazieren gehen reicht nicht. Grübeln ist Zeitverschwendung. Man muss hingehen und etwas MACHEN, sag ich. Sitzt noch immer da. Nimmt einen Schluck kalten Kaffee aus der großen Tasse mit dem halb abgesprungenen Henkel. Schüttelt den Kopf.
Man muss etwas tun. Mit den Händen. Arbeiten. Etwas tun, damit die Welt sich weiterdreht. Sein rechter Zeigefinger zeichnet einen Kreis, ohne dass die Hand sich mit dreht. Die Welt bleibt stehen, wenn wir nichts tun. Wir müssen sie bewegen, hörst du.
Sie sitzt da und hört zu. Denkt, dass die Welt alle braucht (gebraucht werden – ha! Will sie das?). Alle. Ich aber, denkt sie, ich sitze nur. Sie wendet ihren Rollstuhl und fährt durch den Flur in ihr Zimmer. Bin ich daseinsberechtigt?, fragt sie sich und schaut zum Spielplatz gegenüber. Mütter und Kinder, die etwas tun. Nicht zum ersten Mal denkt sie darüber nach. Schon vor dem Unfall fragte sie sich oft, wozu sie überhaupt hier sei. Schon früher war sie anders gewesen. Nicht so belastbar wie die anderen. Konzentrieren ging auch früher nicht lange. Und heute?
Sogar Alf ist besser dran, denkt sie. Auch er konnte zwar nicht mehr laufen. Arbeiten schon gar nicht mehr. Seinen Rücken hat er sich in der Fabrik kaputtgeschuftet, doch immerhin war er nicht depressiv. Immerhin konnte er noch sagen, was er dachte. Und er wusste, was er wollte. Immer noch. Die Welt verändern.
Sie starrt aus dem Fenster. Was macht mich glücklich?, fragt sie sich. Nicht: was muss ich machen. Die richtige Frage lautet: Wann bin ich zufrieden und wieso? Und findet mich das Glück auch, wenn ich nie mehr etwas anderes machen kann als …
Ihre Gedanken stocken. Machen? Tun? Ich aber, ich bin nur. Reicht das denn nicht?

Die Sache mit den Blickwinkeln

Eigentlich wüsste ich es ja längst. Der Blickwinkel macht’s. Oder iPhonisch gesprochen ist es der Filter, oder die App, die es macht. Wie gerne würde ich an Bluestagen wie heute einfach einen anderen Filter auf meine Seele legen. Andererseits ist es wohl auch ganz gut so, wie es ist. Und besser zu viel wahrnehmen als gar nichts.
Mit dem Rad an der Aare unterwegs und innehaltend – ein wunderbarer Frühlingstag hat mich aus der Wohnung gelockt – habe ich heute einfach nur dem Rauschen gelauscht. Das Buch blieb im Rucksack.
Drei verschiedene Ausschnitte mit zwei bis drei verschiedenen Linsen. Welches zeigt nun wirklich die Wirklichkeit? Und sind die anderen falsch?

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).

Tradition

Das machen wir bald wieder mal!, sage ich beim Abschied und umarme Freundin T., meine Beinahe-Nachbarin, herzlich. Sie wohnt ja nur fünf Radminuten entfernt. Ein Katzensprung. Das könnte zur Tradition werden, wenn es nach mir geht. Wir lachen.
Ein wunderbarer Spaziergang auf den nahen Hügel, durch die Wälder, an Wiesen vorbei, auf denen alles gelb leuchtet. Sonnentrunkene Löwenzahnblüten dicht an dicht. Wir zwei auf den Spuren des Frühlings. Sonne und kalter Wind, der uns um die Ohren fegt. Überall grün.
Schafe. Bienen. Blüten. Ach, wie habe ich es die letzten Tage vermisst, lustvoll nach draußen gehen zu können. Ich habe den Regen so satt, noch vielmehr die Kälte. Es müsste wärmer sein. Es müsste sonniger sein.
Die Bienen müssten fliegen können, um die Obstbäume, die in Blüte stehen, zu befruchten,
denken wir laut. Sonst haben wir im Juni keine Kirschen und im September keine Äpfel.
Stell dir vor, sie tun es nicht? Nur so als Möglichkeit,
sage ich. Mich schaudert.
Wie abhängig wir von diesen kleinen Tierchen sind, sagt T., und von der Erde. Und wir sägen am Ast, auf dem wir sitzen. Ein altes, ein deswegen nicht weniger wahres Bild.
Über Hingabe an die eigenen Projekte reden wir, als wir den nächsten Hügel hochsteigen. Und darüber, wie alle möglichen Pendel in der Gesellschaft immer von einer Seite auf die andere schlagen. Nie zur Ruhe kommend, nie in der Mitte bleibend. Extreme gab es immer. Früher war es das „Wir“, das über allem stand und dem alles geopfert wurde. Insbesondere die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung. Heute ist es das „Ich zuerst!“ mit fettem Ausrufezeichen.
Selbstverwirklichung – ja, gut, will ich ja auch, bin ich dran. Ich finde, es ist eine wichtige Aufgabe, wirklich die zu werden und zu sein, die ich bin. Mich selbst. Doch welchen Preis bin ich und sind wir bereit dafür zu zahlen? Wie viele Opfer dürfen wir bringen, als einzelne, als Gesellschaft?
Ich sehe so viele Kinder ohne Vorbilder, ohne Orientierung, die auf dem Egotrip ihrer Eltern mitsurfen und alles haben, doch nichts mehr, wofür es sich zu kämpfen lohnt.
Da, guck, die Schafe! Ganz zahm sind sie. Wir füttern sie mit dem fetten, blumenreichen Gras von der andern Seite des Zauns. Denn da, ach wir wissen es alle, ist das Gras immer besser, grüner, saftiger.
(Bilder folgen)

So eine Art Doppelleben

Nein, Doppelleben ist nicht richtig. Dreifachleben? Hm. Auch nicht, denn das alles bin ich. Viele bin ich, um mal wieder Pessoa zu zitieren.
Ich bin die, die Dokumente verschusselt. Meine Anmeldebestätigung der Einwohnergemeinde habe ich seit Tagen nicht mehr gesehen und schulde sie doch, als Kopie, meiner neu-alten Krankenkasse. Vermutlich bleibt mir nichts anderes übrig, als auf der Gemeinde *göttinwiepeinlich* ein Doppel zu verlangen. Schussel ich!
Ich bin die, die heute nach einem kleinen Einkauf und einem kurzen Besuch auf der Post total erschöpft nach Hause kommt und eine Runde schlafen muss. Die Schmerzen haben mich heute, nach eingehender Internetrecherchen über meine Symptome, doch davon überzeugt, dass ich meinen Nacken, meine Schulter, meinen rechten Arm und mein Handgelenk, die seit Wochen schmerzen und einfach nicht bessern wollen, einem Arzt zeigen sollte. Männlich. Den erstbesten habe ich genommen, nachdem die favorisierte Ärtzin ferienabwesend ist. Mal gucken, was er meint. Hoffentlich ist es nichts chronisches. Ich möchte mich einfach gerne mal wieder normal bewegen können. Und das Fieber ist auch nicht so toll.
Ich bin die, die heute endlich einen richtigen und sogar rechten (nicht linken) Autospiegel erhalten hat (Stammlesende erinnern sich vielleicht an Murphys Tag und Nachspiel). Nun muss er nur noch eingebaut werden. Ach Liebster, wieso bist du auch so weit weg? 🙂
Ich bin die, die ihr eigenes Blog und die eigenen Kommentare beinahe vergisst, weil sie sich so sehr in das Blogprojekt Irgendlinks reinkniet.
Ich bin die, die eigentlich Lust auf Gesellschaft hätte, aber nicht wirklich rausgehen mag. Umso froher bin ich, wenn die Leute zu mir kommen. Wie Freund M. (1) morgen mit seiner Liebsten S.. Da freu ich mich schon sehr drauf.
Ich bin die, die jetzt Feierabend macht. Mit Buch ins Bett, wenn schon der Liebste nicht da ist. Auf den Flügeln der Buchstaben und Wörter reise ich mit Rebecca Gablé durch das England des zwölften Jahrhunderts.
Hiobs Brüder.
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Gib laut, Männlein!

Dass Hunde ihr Gebiet markieren müssen, ist hinlänglich bekannt. Dass das Männer ebenfalls tun, nun ja, ist vermutlich ebenfalls durch wissenschaftlichen Studien nachweisbar. Ob oder ob nicht, ist eigentlich egal, Tatsache ist es auf jeden Fall. Spannend für allfällige Nachweise und Studien ist die Beobachtung, von Männern, die aufeinander treffen. Wie es zu und her geht, wenn nur Männer zusammen sind, weiß ich nicht. Jedenfalls nicht aus erster Hand. Doch zu beobachten, wenn Männer, vor allem solche, die sich noch nicht kennen, in befrauten Räumen aufeinander treffen, ist immer wieder faszinierend. Wie Hunde beschnüffeln sie sich. Testfragen gehen hin und her. Reaktionen werden beobachtet. Stimmen werden lauter. Andere leiser, verstummen gar. Analog zu Rüden, die sich vor dem Alphatierchen auf den Rücken legen. Waren früher Muskelkraft und Jagderfolg Hauptkriterien zur Erlangung des Alphastatus unter Männern, entscheiden heute unter anderem Unterhaltungswert, Schlagfertigkeit, berufliche Stellung und Leistung über den Platz in der Hackordnung. Und Lautstärke.
Ein Studienobjekt der Spezies „Lautes Männlein“ wohnt in der Wohnung über mir. Als lärmempfindlicher Mensch habe ich mich gefreut, dass mein Vormieter mir das Haus als leise empohlen hat. Na ja. Da er nur abends hier war und die Wochenenden in der Ostschweiz bei seiner Familie verbrachte, ist er leider keine wirklich zuverlässige Referenz. Und vielleicht schwerhörig.
Mein Nachbar B. ist knapp dreißig, eher jünger, fährt einen weißen, schnittigen Wagen, den er sogar nur bis zum Briefkasten oder was weiß ich braucht. Und er telefoniert gern. Seinen lauten Bass habe ich bereits persönlich angesprochen. Der hämmert nämlich gerne und oft drauf los. Seine Reaktion auf meine freundliche Kritik war ebenfalls freundlich, entschuldigend. Ich werde mich arrangieren müssen. Und ich werde ab und zu etwas sagen. Nur: ob das etwas bringt?
Als Studienobjekt für das Phänomen „Männlein“ (so nennt mein Liebster diese Untergruppe der Spezies Mann) eignet sich mein neuer Nachbar perfekt. Das Markierverhalten lässt sich an ihm hervorragend analysieren. Spricht er am Telefon, redet fast nur er, redet und lacht laut, leicht hysterisch. Dabei geht er meistens durch die Wohnung, so dass ich nirgends vor seiner Stimme sicher bin. Ja, er weiß, wie man sich seinen Raum nimmt. Nicht mal im Schlafzimmer, wenn ich mein Yoga machen will, bin ich vor seiner Stimme sicher. Okay. Tief durchatmen.
Ob ich mit ihm mal über Zimmerlautstärke diskutieren soll? Kann sich ein Mensch von rücksichts- respektive gedankenlos in Richtung aufmerksam verändern? Ja, ich weiß, so Menschen gibt es überall. Darum würde ich oft am liebsten die ganze Welt verändern. Sensibler und aufmerksamer sollten sie sein, meine Mitmenschen, jawohl.
Zurück zum Objekt meiner Studien: „das Männlein“. Markieren war das Wort. Dieses Objekt hier tut es besonders durch Lautstärke, wie gesagt. Durch Laut geben, wie ein Hund. Statt bellen nimm Musik und Stimme. Hört her, ich bin da. Seht her, das ist mein Auto. Was dahinter steckt – bei ihm, bei Männern? Minderwertigkeitskomplexe? Potenzprobleme, wie ein Freund von mir immer behauptet hat?
Ach du, Studienobjekt Mensch, du bist mir je länger je mehr ein großes Rätsel.! Und du, Studienobjekt Mann, erst recht!
(((Warnung: Das hier ist eine Satire. Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie bitte die Packungsbeilage.)))

Von Ausnahmezuständen, Sorgen und so Sachen

Da war ich gestern vier Stunden in der Stadt. Beim Arbeitsamt und einkaufen. Vier Stunden ohne einen einzigen Blick auf die Displays meiner zwei Handys. Vier Stunden ohne Nachrichten vom Meer. Da drüben ist alles in Ordnung, ermutigte ich mich ständig.
Vier Stunden ohne Lebenszeichen von ihm. Und das war umgekehrt auch mein Liebster. Später gestand er mir, dass er sich gesorgt habe.
Um mich?, frage ich, um mich, die ich hier in Sicherheit bin?
Bist du das?, frage er. Warten denn nicht überall Gefahren?
Nein, wirklich in Gefahr habe er sich noch nie gefühlt, meint Irgendlink gleich darauf.
Ich auch nicht, sage ich. Aber. Ja, natürlich. Überall lauert Unvorhergesehenens. Und ja, ich mache mir Sorgen.
Vor zehn Tagen sind unsere vertrauten Gewohnheiten geknackt worden. Alltagsvertrautheit – plötzlich weg. Gemeinsames Aufstehen, ständiger Austausch in Worten oder einfach durch die bloße Anwesenheit – alles weg. Auf bestimmte Zeit zwar nur, aber doch: einfach weg. Nun, temporär, nur über das weltweite Netz und die Telefonleitung verbunden. Und gedankenlesend natürlich. 🙂
Auf einmal ist alles anders. Ich finde mich langsam in meinem neuen Rhythmus ein. Einen, den ich noch nicht so genau kenne. Ähnlich dem alten ist er schon, doch anders. Ein bisschen ist er eine Wiederaufnahme des alten Lebensgefühls von Bern. Vor einem Jahr und davor. Wiederaufnahme? Hm, ist es nicht das, was ich ständig in vielerlei Farben tue? Weil neues so anstrengend ist. Langsam weicht das Fremde auf und wird mit bekannten Farben gemischt. Neue Hausgeräusche werden vertraut. B.s Fernseher oder Bass zum Beispiel.
Diese Verrücktheit meines aktuellen Alltags – die Ver-rücktheit, die Verschobenheit, das Aus-dem-alten-Rhythmus-gefallen-sein – braucht viel Energie. Ausnahmezustände ertrage ich, aber bitte nicht allzu lange. Zu anstrengend sind sie, wie gesagt. Irgendwann, selbst in Ausnahmezuständen drin, muss ich mir eine Struktur schaffen. Eine Routine. Rituale des Alltags. Damit in diesen von mir geschaffenen Gefäßen drin stets das Neue Platz findet und wachsen kann.
Ich gebe den Dingen, die in meinen Umzugskartons liegen, ihren Platz. Das Handtuch muss dort hängen, irgendwie logisch, und der Toaster hier stehen. Details, die aus dem Bauch heraus entschieden werden, meiner inneren Logik gehorchend. Ähnliches geschieht in meinen Innenräumen. Ich horche auf mich. Ich gehorche mir. Ja. Oder wohl eher nein, noch nicht ganz. Doch bin ich dahin unterwegs. Darum habe ich mich heute für eine Probelektion Yoga – hier im Ort – angemeldet.
Schritte gehen. Diese Mischung von Struktur und Freiraum ausbalancieren. Wie Seiltanzen.

to be or not to be

Nicht, dass ich den Anspruch hätte, hier shakespearesches Niveau erlangen zu wollen, keine Angst, doch dieser Titel muss heute einfach sein. Höchstens to blog or not to blog, wäre eine Alternative und vielleicht sogar, heute und hier, eine passende Analogie.
Selbstbeweihräucherung und Exhibitionismus im Internet – ja, davon gibt’s genug. Und ein wenig tun das alle, die sich auf dien eine oder andere Art sichtbar machen. Ob nun in der virtuellen Welt oder in der höchst realen.
Wenn du voran kommen willst, musst du dich trauen. Zeige, was du kannst!, hatte mein Vater vor vielen Jahren einmal gesagt. Ich war noch in der Ausbildung. Und ob er trauen gesagt hat, weiß ich nicht mehr mit Sicherheit. Andere sagen: Stell nicht dein Licht unter den Scheffel. Mach dich nicht klein!, sagen dritte. Leicht gesagt … Mut und Selbstvertrauen waren leider nicht mit in meiner Schoppenflasche. Und was meint vorankommen wirklich? Spitze Ellbogen hatte ich noch nie.
Darum sinne ich seit gestern Abend darüber nach, ob es gut oder doof ist, wenn ich darüber blogge, dass ich den Februar-AppIt meiner iPhoneArt-Community gewonnen habe. Okay, keine supergroße Sache, doch Fakt ist, dass meine Bildserie – aus über hundert Bildern – am meisten Stimmen bekommen hat. So ein AppIt-Wettbewerb findet alle paar Monate statt. Die Aufgabe besteht jeweils darin, das Bild des letzten Gewinners oder der letzten Gewinnerin möglichst originell zu verändern und zu bearbeiten. Diesmal war es ein langweiliger Baum, der es sogar fast geschafft hat, mich zum Nichtmitmachen zu bringen. Doch auf einmal hatte ich total Spaß und war voller neuer Ideen.
Der Preis? Wie gesagt: Die Siegerin oder der Sieger darf das nächste zu bearbeitende Bild beitragen. Nein, wirklich keine große Sache. No money! Dennoch freue ich mich sehr. Zu sehen, dass meine Bilder eine Aussage haben, die ankommt, tut gut.
Doch zurück zur Ausgangsfrage: Darf ich so etwas bloggen? Ist geteilte Freude doppelte Freude oder erwecke ich mit solchen Nachrichten Neid?
Bin ich noch ich – auch ohne Blog? Lasse ich mir gar von all diesen Grübeleien die Flügel stutzen?
Schnitt.
Diese Tage sind voller Bilder. Zum einen sucht Irgendlink für seine Drucksachen und das Werbematerial – nicht zu vergessen auch für seinen Stand an der Messe „Kunst direkt“ in Mainz in fünf Wochen – nach aussagekräftigen Bildern, zum anderen brauche ich ein Bild, das sich zum verrückten und inspirierten Bearbeiten durch andere iPhoneArtistInnen eignet. So saßen wir gestern Nacht vor dem großen Bildschirm und reisten durch Dänemark, Schweden und Norwegen. Auf einmal war es Sommer. Sommer 2010. Beide waren wir damals noch Frischlinge in der iPhoneographie. Die Bilder sind dennoch bezaubernd und das Fernweh räkelt sich erwachend. Da und dort finden wir Bilder, bei denen es uns sofort in den Fingern juckt: Das will ich bearbeiten. Appen.
Zum Beispiel das hier (das rechte Bild gibts groß bei pixartix)
       (einfach aufs Bild klicken!)
Es war ein kalter Tag in Norwegen. Wir fuhren immer nordwärts, heißt eigentlich nordwestlich, Richtung Meer. Kalt meint hier fünfzehn Grad, während in Deutschland und der Schweiz Rekordtemperaturen um die dreißig Grad gemessen wurden. Auf der Suche nach einem Geocache waren wir in einem Dorf gelandet, Selbu, das ein hübsches Heimatmuseum, direkt neben der Kirche, sein Eigen nannte. In welcher notabene grad eine schlotternde Braut ihrem Liebsten das Jawort gab, während wir uns im Heimatmuseum aufwärmten. Einer dieser Tage, die so typisch für unsere Art zu reisen sind. Einfach schauen, wohin es uns verschlägt.
Im Museum eine sehr angenehme Dame, die uns alles erklärt. Auch die kleine Kunstausstellung – eine sehr beeindruckende Rauminstallation, die aus mindestens fünfhundert an der Decke an Fäden aufgehängten Stricknadeln bestand.
So klicken wir uns gestern Abend weiter an die norwegische Küste. Von da aus zum Polarkreis und schließlich zurück durch Schwedisch-Lappland. Mein Herz klopft heftig. Nicht nur vor Fernweh. Ich bin dankbar für all das zusammen mit J. Erlebte. Da keimt Hoffnung, dass das Leben nicht nur nicht gut ist, nicht nur bloß schwer, nicht nur ständig voll neuer Hürden und Widerstände. Nein, das Leben ist auch schön. Oft sogar. Und ich, ich bin.