Wenn etwas kaputt geht, muss es repariert werden. Richtig? Und wenn etwas kaputt geht, so dass es sich nicht mehr reparieren lässt, muss es ersetzt werden. Eigentlich ganz einfach. Als neulich beim Ausparken aus der Garage mein rechter Außenspiegel zerbrach, habe ich mich deshalb am nächsten Tag an den Laptop gesetzt um im weltweiten Netz nach einem Ersatzspiegel zu fischen. Nach ein paar Mails mit dem Händler meiner Wahl war klar, dass das gebrauchte Teil zu meinem alten Sternchen passen müsste. Zwar hatte ich mich ein wenig über die wiederholt männliche Anrede des Ersatzteilhändlers genervt, ihn gar demonstrativ mit Frau angesprochen, doch schließlich wurden wir uns einig. Ich zahlte die Rechnung und wartete.
Als vor zwei Tagen der Postbote ein überdimensioniertes Paket ablieferte, war meine Freude groß. Nicht nur wegen des Altpapiernachschubs zum Anfeuern. Es ist doch ein wenig unheimlich, mit einem gesprungenen Spiegel zu fahren. Ausgepackt war das Teil schnell, doch dann drehte und wendete ich es erst eine ganze Weile hin und her. Schließlich kratzte ich mich am Kopf.
Ist das nicht ein linker Spiegel oder mein ich das nur?, fragte ich Irgendlink. Auch mein Liebster begutachtete das Teil von allen Seiten, nickte, schüttelte den Kopf und beschloss, in der Garage nachzugucken, ob wir mit unserer Schlussfolgerungen richtig lagen. Lagen wir.
Mann, wie konnte ich nur so doof sein und rechts mit links verwechseln!, murmelte ich und öffnete meine Mails um die Sache in Ordnung zu bringen. Nein, doof war nicht ich, doof waren die andern. Schwarz auf weiß habe ich einen rechten Außenspiegel bestellt. Ha! Männer, rechts und links – waren das sonst nicht eher die Frauen?
Nach dem ich auf meine Mails an den Händler keine Rückmeldung erhielt – außer dass meine Mail im S-P-A-M gelandet sei –, rief ich heute Morgen dort an. Meine Empörung legte sich schnell. Herr S. wand sich und ich rang derweilen um Fassung, um nicht laut loszuprusten.
Sie hätten zeitgleich zwei Bestellungen für zwei Außenspiegel bekommen, sagte der gute Mann. Für einen rechten und für einen linken. Es kam, wie es kommen musste: Die Spiegel – oder waren es die Pakete? – wurden verwechselt. Murphy am Werk! Dem anderen Kunden, der offenbar ein wenig schneller als ich reagiert hatte, vermutlich telefonisch und darum ohne Umwege über den S-P-A-M-Ordner, wurde umgehend ein richtiger, nämlich ein linker Spiegel nachgesandt. Warum dieser Kunde jedoch daraufhin statt nur den rechten, den ich brauche, auch gleich noch den linken retourniert hat, habe ich wirklich nicht verstanden. Ob er zwischenzeitlich auf dem Schrottplatz gefunden hat, was er brauchte?
Nun ist sein Paket auf der Reise. Doch statt zurück an die Firma, hat er es auf deren Wunsch an mich geschickt. Cool, so werde ich schon bald stolze Erhalterin eines noch größeres Paket sein. Jippie, das ist ja wie Weihnachten und Ostern zusammen. Schon bald werde ich drei Außenspiegel haben. Davon habe ich doch schon immer geträumt. Andererseits … was fange ich bloß mit zwei falschen, linken Spiegeln an? Und nur einer ist der richtige, der rechte. Nein, auf meine politische Gesinnung wird das keine Auswirkungen haben, doch ich werde den Verdacht nicht los, dass mir das Leben etwas sagen will. Bloß was?
Kategorie: Fallmaschen
wenn die Worte fehlen
Ich hangle mich von Tag zu Tag. Erfinde ein neues Blog, eins für Bilder nur, einzig um mich zu motivieren, das zu tun, was ich gerne tue. Bilder kreieren. Kreativ sein. Spaß daran haben, neues zu schaffen und das zu wecken, was in mir döst.
Doch eigentlich ist es mir so, als würde ich versuchen, möglichst nirgends anzustoßen, während ich im Dunkeln durch eine mit allem möglichen verstellte Lagerhalle laufe. Deshalb halte ich mich still und bewege mich auf kleinstem Radius. Auf neue Beulen und Wunden habe ich keine Lust. Davon habe ich für ein paar Leben genug.
Repeat. Das Band spult zurück. Ich stehe an der genau gleichen Stelle wie schon so oft. Wie immer? Lebensumbruchphase! Ha! Hört das denn nie auf? Da ist nirgends Ruhe. Das Hamsterrad dreht sich und mir wird täglich bewusst, dass geistiger Stress unterschätzt wird. Dazu kommt, dass ich wieder vermehrt diesen einseitigen Tinnitus habe. Wohl nicht das richtige Wort. Ein lautes Sirren im linken Ohr. So wie ein alter (lauter) PC sirrt ungefähr. Nur dass es im Kopf drin ist. Und nicht ausschaltbar.
Am liebsten würde ich einfach an meinen Manuskripten arbeiten. Gestern war ich im Flow. Kurz nur, eine halbe Stunde Konzentration. Habe den Plot erweitert. Loch im Eis bekommt Fleisch auf die Knochen. Eine neue Figur, das heißt gleich zwei, webe ich ein. Wenn ich so arbeite – so wie gestern –, fließt alles wie von selbst. Doch wann kann ich mir schon erlauben, einfach nur das zu tun, was ich tun will? Und selbst wenn ich mir die Zeit nähme, sperrt sich das Gewissen dagegen. Schmarotzerin du, such Arbeit. Mach dies! Mach das! Wo doch so viel anderes ansteht.
Ich ahne, tief innen, dass ich – wenn ich mein Ding mache – an meine Energie heran kommen würde. Doch wenn ich versuche, zu tun, was die Vernunft gebietet, das aber nicht meins ist, läuft mir meine Energie davon. Ich laufe aus. Ich gehe im Gegenwind, brauche am meisten Energie dafür, nicht hinzufallen.
Als ob ich eine Art Grundeinstellungsfehler bei meiner Hardware hätte. Oder ist es ein Softwarefehler, der sich möglicherweise beheben lässt?
Bleiben wir immer trockene Exsüchtige, wenn wir eines Tages eine Sucht überwunden haben? Werde ich immer Raucherin sein, solange ich lebe – auch wenn ich trocken bin? Bin ich immer passiv oder latent depressiv, auch wenn ich in einer Lebensphase bin, wo das Leben erträglich ist? Gibt es Heilung? Werde ich eines Tages nicht mehr mit Grauen an das Drama in St. denken? Und ohne Verlustgefühle und Schmerzen an Lars? Werden wir uns eines Tages wiedersehen?
Narben bleiben immer, selbst wenn wir sie weg lasern. Phantomschmerz lässt sich nicht wegoperieren. Doch können wir eines Tages mit dem allem leben, ohne dass es uns zerstört?
Lappland in mir
Eigentlich wollte ich ja bloß schnell ein Rezept für schwedische Rosinenbrötchen finden. Weil die so viel gegessen werden in den vier schwedischen Krimis von Åsa Larsson, die ich zurzeit von A-Z lese. Ein Teil meiner Seele schwebt dieser Tage über Lappland. Und wenn ich aus dem Fenster schaue, sieht es heute sogar ein klitzeklein bisschen so wie in den Büchern aus, die ich lese. Weiß. Endlich Schnee. Nein, ich habe ihn weder erbeten noch ersehnt. Schnee und Winter mag ich nicht wirklich. Obwohl ich älter werde und wohl schon deshalb langsam Herbst und Winter – besonders auch in mir drin – akzeptieren sollte. Meine Vernunft gibt allerdings zu, dass es gut ist, dass Schnee liegt. Und gut, dass es noch kälter wird. Gut für die Welt. Für die Erde. Für die Tiere. Für die Pflanzen. Besser als der Nebel, als das Grau der letzten Wochen ist Schnee allemal. Besonders die Stille, die er mitbringt, tut mir gut.
Seit Tagen schon fehlt mir die Lust zum Mailen. Ich mag schon gar nicht mehr mein Mailprogramm öffnen. So viele persönliche Mails warten auf Antwort, dass mein schlechtes Gewissen jeden Tag wächst. Ich tue statt dessen fast nichts anderes, als im weltweiten Netz nach meiner Traumwohnung zu suchen. Natürlich schreibe ich dafür viele Mails, doch geht es dabei einzig um mein neues Zuhause und alles, was damit zusammenhängt. Um einen neuen Lebensabschnitt. Um eine neue Ausgangslage. Latente Ungeduld macht sich breit, je näher der Umzug rückt. Zumal ich noch nicht weiß, wohin. Umziehen sei einer der größten Stressfaktoren, heißt es ja immer mal wieder. Die gleichen Forschungen nennen als weiteren größten Stressfaktor die Arbeitssuche. Zwei für eins? Oder verdoppelt sich der Stress sogar, wenn beides – wie bei mir – parallel läuft? Vermutlich schon. Denn finde mal eine Wohnung ohne Stelle! Oder eine Stelle ohne Wohnung! Puh. Dazu im Winter, wo alles durchsichtig, dünnhäutig und zerbrechlich ist. Die Eisschicht ist dünn. Darunter Schatten. Emotionen. Altlasten. Kälte. Angst.
Wenn ich dieser Tage in der virtuellen Welt spazieren gehe und befreundete Blogs besuche, fällt mir eine Art gemeinsamer Tenor auf. Das tiefe E. Dieser warme Ton, der in mir vibriert und türkisblau schwingt. Melancholie. Tiefe. Umfassende Themen wie Gerechtigkeit tragen viele Kleider. Latente Unzufriedenheit über den Zustand der Welt oder des eigenen Lebens. Wut. Schmerz. Empörung.
J. ist in der Stadt gewesen. Ist vom Berg runter gewandert. Hat im Schneegestöber eingekauft. Und ist im Schneegestöber wieder den Berg hochgestiegen. Schwer der Rucksack. Wir könnten locker ein paar Tage überleben, falls wir eingeschneit werden. Auch Holz ist genug da. Wie wir eine kleine Brotzeit teilten, vorhin, erzählte ich, dass meine Gedanken sich zurzeit kaum bündeln lassen. Sobald ich etwas zusammenhängendes schreiben will, frieren meine Ideen ein. Besonders wenn ich Mails oder einen Blogartikel schreiben will. Da sind lauter einzelne Splitter, die kaum zusammenzugehören scheinen. Eiszapfen gleich hängen sie vor meinen Augenfenstern und sind sich einzig darin ähnlich, dass alle aus dem gleichen Element sind. Nicht im Fluss, dafür tief gefroren. Kein Wunder bei der Kälte draußen. Ich lasse es zu.
Zusammenhangslos stehen meine Gedanken herum. Draußen im Schnee. Sie sind wie die Waypoints eines Multicaches, sage ich zu Irgendlink. (((Wegpunkte, liebe Lesende, sind jene Punkte, deren Koordinaten eine Geocacherin in ihr GPS-Gerät eingibt um – manchmal von Station zu Station wie bei einem Multi – einen versteckten Schatz zu finden.))) Ja, wie Waypoints sind meine Gedanken, sage ich. Wie nur kann ich sie verbinden? Sie scheinen nichts miteinander zu tun zu haben.
Streu Salz!, sagt mein hauseigener Hofnarr.
Salz streuen heißt alte Wege finden und neue Wege gehen. Heißt Buchstaben zu Sätzen formieren. Heißt verdichten. Heißt Gedanken zu Ende denken. Heißt Brücken bauen. Konzentration.
Konzentration wie sie Esters Pflegemutter im Buch „Der schwarze Steg“ von Åsa Larsson beim Malen ihrer Bilder praktiziert. Obwohl sie malend die ganze Welt vergisst, ist sie doch zugleich, während sie dank der Farben ihr Innen nach außen kippt, ganz und gar da. Und ganz und gar ganz. Larssons Beschreibung berührt mich. Ich begreife einmal mehr, dass künstlerischer Ausdruck den Menschen eine Notwendigkeit ist, die die Welt in Bildern fühlen, denken, wahrnehmen – ob ihre Ausdrucksmittel nun bildnerisch sind oder sie sich mit Worten ausdrücken, ist dabei einerlei. Kunst ist notwendig, wendet die Not, hilft aus der Starre heraus.
Rebecka Martinsson, die Protagonistin der Krimiserie, ist in Kiruna, im hohen Norden Schwedens aufgewachsen, hat aber lange Jahre fern der Heimat gelebt. Die Zeit in Stockholm hat sie geprägt. Zurück im Norden ist sie sensibel für die Unterschiede zwischen den Menschen im Norden und im Süden. Ihre verstorbene Großmutter, so überlegt sie, würde ihre Freunde in Stockholm nicht verstehen. Ihre Freunde, deren Hände noch nie ein Beil gehalten haben, die dafür im Fitnesscenter Gewichte stemmen. Händen ohne Schwielen. Können diese Menschen überhaupt arbeiten?
Die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen geistiger und körperlicher Arbeit, zwischen intellektueller und handwerklicher Lebensweise beschäftigen mich schon eine Weile. Es geht in meinem Kopfkino um Daseinsberechtigung. Um Lebenswert. Ich vergleiche. Ich werte meinen Weg ab. Vorwürfe klingen nach: Kunst kann man nicht essen! Regierungen kürzen ihre Gelder immer zuerst im kulturellen Bereich und bei Dienstleistungen. Doch statt entweder-oder will ich sowohl-als auch leben. Wir brauchen einander, Zellen des gleichen Körpers.
Ich will endlich ganz die sein, die ich bin. Das kann nur ich. Und auf meine Weise Rosinenbrötchen backen auch. Vielleicht morgen.
Von Gewohnheiten, Pflichten und anderen Dingen
Es gibt Dinge, die tun wir, weil sie uns Spaß machen. Yoga am Morgen. Tee trinken. Spazieren gehen. Beim zweiten Mal tun wir sie bereits in der Erinnerung daran, dass sie uns das erste Mal gut getan. Beim dritten Mal finden wir vielleicht sogar einen besten Zeitpunkt im Tag oder in der Woche. So werden Dinge zu Gewohnheiten. Der Körper und die Seele erinnern sich. Es ist wie ein Weg im Wald, der mit jedem Mal, den ihn jemand geht, ein bisschen breiter wird. Erinnerungen prägen sich ein.
Vernachlässigen wir Gewohnheiten, wächst der Trampelpfad wieder zu. Doch die Erinnerung geht nicht verloren, sie wird irgendwo abgespeichert. An einem unsichtbaren Platz, der sich nicht in Gigabytes beschreiben lässt. Die Kammer der Erinnerungen.
Wenn du etwas tust, das du vor zehn Jahren das letzte Mal gemacht hast, erinnert sich dein Körper. Das Gedächtnis auch, denn die beiden sind aus dem gleich Stoff gewoben – ebenso das Wissen der Zellen und die Botschaften und Erkenntnissen der Neurotransmitter. Alles drum und dran. Alles immer da. Alles immer wieder neu.
Gewohnheiten sind die Leitplanken unserer Alltagsstraßen. Gewohnheiten rahmen unser Leben ein. Sie sind das Hamsterrad, das uns in Bewegung hält und sie sind die Lügen, die wir übernehmen und glauben, um nicht selbst denken zu müssen. Gewohnheiten sind unsere Geländer, wenn wir den Boden unter den Füßen verloren haben und sie sind der rote Faden, an den wir uns klammern können, wenn sich der Sumpf öffnet und uns in die Tiefe zieht.
Es gibt zweierlei Menschen. Die einen, die selbst reflektieren können und es auch tun. Die Gewissenhaften. Und es gibt jene anderen, die alles, was sie stört, als Nachlässigkeiten oder Fehler oder Schwächen anderer verstehen.
Bist du noch auf der richtigen Seite?, fragte sein Vorgesetzter den Stasi-Hauptmann Gerd Wiesler, der im Laufe der Überwachung des verdächtigen Schriftstellers Georg Dreyman angefangen hatte, Fakten zu vertuschen, die zum Fall des Künstlers geführt hätten. Ohne zu zögern sagte der Hauptmann deutlich ja. Für mich klang es wie:
Ja, endlich bin ich auf der richtigen Seite! Der Film „Das Leben der anderen“ zeigte mir einmal mehr, wie manipulierbar und zerbrechlich wir Menschen sind. Besonders, wenn es um unsere Liebsten geht. Würde ich, um meine Karriere oder gar mein Leben zu retten, andere verraten?
Wir sind immer auf der richtigen Seite, wir alle, immer. Glauben wir jedenfalls. Doch hören wir hin, wenn uns jemand kritisiert? Nehmen wir unsere eigene und die Reflektion anderer ernst oder winken wir ab? Dann zum Beispiel, wenn uns jemand auf Dinge anspricht, die wir tun, obwohl sie uns nicht gut tun.
Wie steht es mit jenen Dingen, die wir tun müssen? Wer sagt uns, was wir tun müssen? Und was ist mit jenen Dingen, die wir sein lassen, obwohl andere sie von uns erwarten? Pflichten. Verpflichtungen. Ein Wort, das für mich sehr ambivalent besetzt ist. Aus Pflichtbewusstsein erledigte Dinge sind für mich weniger wert als aus Begeisterung erledigte. Obwohl in ihnen im ersten Fall mehr Energie, besonders Energie der Selbstüberwindung, steckt. Wert und Energie haben bei mir offenbar nicht die gleiche Maßeinheit zur Grundlage.
Ja, auch über jene Dinge, die wir tun, weil wir sie für sinnvoll halten, gäbe es viel zu erzählen. Ganz nach dem Motto: Sag mir, was dir wichtig für dein Leben ist, was du für sinnvoll hältst, und ich sage dir, wer du bist. In der Tat sagt unsere Prioritätenliste viel über unsere Werte aus.
Mut zu einer Neuüberprüfung dieser innere Werte wünsche ich mir jeden Tag neu. Und die Bereitschaft, meine Werte immer wieder zu überdenken. Und die Werte hinter, über oder unter den Werten, der Boden, auf dem ich stehe.
Murphys Tag
Dabei hatte der Tag so gut angefangen! Neben dem Liebsten erwachen, Yoga üben, danach Ingwertee trinkend mit Freundin T. in der Schweiz telefonieren, die mir bei der Wohnungs- und Arbeitssuche helfen mag. Obwohl wir uns so lange nicht gesehen haben, waren wir uns sofort wieder ganz nahe. Vertrauen und Freundschaft sind noch immer da. Was für ein Geschenk!
Ich gehe in die Stadt, später, sag ich zu J., muss in die Bibliothek, Bücher zurückbringen. Dies und das besorgen. Er meint, dass er doch zur Abwechslung mal wieder einkaufen könne, was ich dankend ablehne. Muss mal wieder raus hier, sage ich. Doch Stunden später denke ich: Hätte ich doch bloß ja gesagt. Am besten geh ich nieee wieder aus dem Haus!
Schon beim Rückwärtsfahren aus der schmalen Garage hapert’s. Mit nur einer Hand steuernd, weil ich mit der anderen am noch eingeschalteten Scheibenwischer rum fingere, habe ich Rechtsdrall. Der Bauch sagt: Du bist ganz schön weit am Rand, pass auf! Der rechte Fuß bleibt sachte aber stur auf dem Gas. Und schon höre ich es knirschen. Der rechte Rückspiegel hat neuestens ein paar Sprünge. Mist! Sieht zwar hübsch aus, ganz ehrlich, aber es hätte nicht sein müssen, nein, wirklich nicht. Ich bewege ihn behelfsmäßig, was aber nicht sehr viel bringt. Erst später, wieder zu Hause, kann ich ihn zufriedenstellend justieren. Ein neuer wird aber sicher gelegentlich fällig werden.
Nach ersten Einkäufen im Zentrum fahre ich zur Bibliothek und stelle mich bei einer frei werdenden Parklücke in Warteposition. Dazu blinke ich schon mal freundlich, damit klar ist, dass ich da rein will. Der Fahrer des roten Autos in der Lücke lässt sich jedoch Zeit.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, murmle ich. Eben da rollt ein weißer Merz von der anderen Spur auf den Parkplatz zu. Er stellt sich ebenfalls in Position und blinkt, wie ich, in Richtung frei werdendem Parkplatz.
Mann, hast du mich denn nicht gesehen?, denke ich zum zweiten Mal. Er kann mich doch nicht nicht gesehen haben, grummle ich. Männer beide, älter beide. Und beide mit teuren Autos. Es kämpft in mir zwischen Das ist doch mein Parkplatz! Ich war zuerst da! und der Erkenntnis, dass mir dieses kindische Machtspiel zu blöd ist (aber sollen Frauen einfach immer, da einsichtiger als Männer, aufgeben?) als in eben diesem Moment Fahrer Nr. 1 aus der Lücke raus fährt und mir nicht nur den Weg versperrt, mich sogar zum Rückwärtsfahren zwingt. Sogleich schlüpft die weiße Luxuskarre in die Lücke. Deppen!
Ich fahre weiter im Kreis, nachdem ich dem ollen Merzfahrer den Stinkefinger gezeigt habe, und hoffe auf einen neuen freien Parkplatz. Da. Ein ganz schmaler! Ich drehe bei, merke aber sofort, dass der Platz so schmal ist, dass ich nicht aussteigen könnte, weshalb ich wieder rückwärtsfahre und auf die nächste Lücke zusteuere, die auch schon bald in Sicht ist.
Aaah, ab- und eintauchen in die Welt der Bücher – ich liebe es! Schließt mich hier ein!, denke ich – nicht das erste Mal. Hier, in der Bibliothek, vergesse ich beinahe, dass ich mich eben mal wieder über doofe (alte) Männer genervt habe. Arxxxlöcher!
Wie ich glücklich, nichts Böses ahnend und mit fünf neuen Büchern zu meinem Sternchen gehe, sehe ich einen mittelalten Polizisten, eine ältere Frau und eine junge Polizistin neben meinem Auto stehen. Offenbar habe ich, wie ich erfahre, das Nachbarauto in der superschmalen Parklücke seitlich gestreift. Etwa fünf Zentimeter rote Farbe zieren die bis dahin langweilig-dunkelgraue Zierleiste des hellgrauen Autos, die nun ihrem Namen endlich Ehre macht. Die Polizei, so erfahre ich weiter, sei von Arbeitern, die meine Fahrerflucht beobachtet hätten, gerufen worden. Big Brother is watching you? Hallo, wo sind wir denn hier? Und wo, bitte, ist die versteckte Kamera?
Vermutlich hätte die Frau nicht mal etwas von dem Malheur gemerkt und ihr Mann hätte die Farbe meines unbemerkten Autokusses bei der nächsten Wäsche mit dem Schwamm abgerieben, wenn die Arbeiterdeppen sich nicht in fremde Angelegenheiten eingemischt hätten! Männer! Deutsche Männer! *grmpf*
So aber beschäftigen wir in den nächsten Tagen eine Autowerkstatt und eine Versicherung. Die müssen ja auch von was leben. Ach, und die Polizei, deine Freundin und Helferin bekommt ebenfalls was zu tun. Ich verkneife mir böse Bemerkungen über die Relativitätstheorie, denn ich will mir keine Anzeige wegen Fahrerflucht einhandeln – zumal ich echt nichts mitbekommen habe von der Streifung.
Hätte ich es merken müssen?, frage ich mich. Wäre es ebenfalls passiert, wenn ich mich nicht wegen des Mercedesfahrers aufgeregt hätte?
Die alte Dame und ich tauschen Adressen und gut ist. Keine Anzeige.
Doch eigentlich logisch, dass das noch nicht alles sein konnte, was sich Freund Feind Murphy heute für mich ausgedacht hat. Beim Einkaufen, kurz darauf, stehen auf einmal zwei zerbrochene Joghurtbecher auf dem Band, die ich netterweise durch intakte ersetzen darf. Beim Wäschewaschen muss ich ein Taschentuch in einer Tasche (wo sonst?) übersehen haben und schließlich bleibt auch der Zettel mit der Adresse der Dame spurlos verschwunden, obwohl ich mein ganzes Auto und alle Taschen gefilzt habe. So muss ich bei der Polizei anrufen und die Adresse verlangen – so was von peinlich!
Echt wahr, Murphy ist ein Monster. *flüstermodusein* Gratis abzugeben! *flüstermodusaus*
machen oder sein
Sie betrachtet sein Abschlusszeugnis. Ihre Augen weiten sich zusehends.
Wow, du hattest ja super Noten! Mit diesem Zeugnis hättest du die Uni geschafft (= damit hättest du es zu etwas bringen können)! Unüberhörbarer Stolz liegt in ihrer Stimme.
Er steht auf und verlässt, nach einem Blick in ihre Richtung, den sie nicht versteht, die Küche. Sie findet ihn im Stall, wo er wütend zwischen den Kühen auf und ab geht und den Rechen schwingt.
Du meinst also, ich hätte einfach den Hof verlassen sollen?! Alles hier aufgeben, alles was mir lieb und wichtig ist, im Stich lassen? Das alles bin ich. Ohne das hier – seine Hand zeichnet einen Bogen durch die Luft – bin ich nichts!, sagt er, die Stimme gepresst. Verletzt.
Eine Szene aus dem Film Der Typ vom Grab nebenan – Mein Bauer, seine Kuh und ich!, den wir uns heute Nacht angeschaut haben. Eine schwedische Komödie. Die männliche Hauptrolle spielt der Hauptdarsteller aus „As it is in Heaven“ und der „Milleniumstrilogie“. Bauer Benny und Akademikerin Desirée – eine Liebe, die nicht gut gehen kann? Ob sie gut gehen wird, sehen wir leider (oder zum Glück) nicht, da der Film klassischerweise beim Happyend aufhört. Trotzdem: Sehenswert, witzig, tiefsinnig, aufschlussreich und sehr gut gespielt.
Du hättest es zu etwas bringen können!, sage ich nach dem Film augenzwinkernd zu J.
Und du erst!, gibt er zurück.
Nachts liege ich wach. Mir fällt eine Geschichte ein, die ich neulich gelesen habe. Vom Fischer, der gemütlich seiner Arbeit nachgeht, bis ihn eines Tages ein Manager, der zufällig in der Gegend auftaucht, auf die Sinnlosigkeit seines Tuns anspricht.
Du hättest etwas machen können aus deinem Leben, sagt er. Du hättest ein Geschäft aufbauen, viel Geld verdienen und zur Seite legen können. Du wärst heute ein freier, reicher Mann und hättest jetzt viel freie Zeit. Du könntest tun und lassen, was du willst!
Was sollte ich denn mit meiner Freizeit schon anfangen?, fragt der Fischer. Der Manager überlegt lange hin und her und auf einmal hellt sich sein Gesicht auf.
Wie wäre es mit fischen?, schlägt er vor.
Aber … das tue ich doch schon die ganze Zeit?, sagt der Fischer. Ob stirnrunzelnd oder grinsend weiß ich leider nicht mehr.
In den Tag hinein schlafen? So von außen betrachtet tun wir das bestimmt. Tja, so bringen wir es wohl zu nichts. Meistens stehen wir ungefähr um halb zehn auf, denn J. arbeitet, wenn er Aufträge hat, meist nachmittags und meine Berufstätigkeit beschränkt sich aktuell auf die Vorbereitung meines Rückumzugs in die Schweiz. Noch ist die richtige Wohnung nicht gefunden. Ob Desirées Freundin recht hat, die behauptete, dass den idealen Mann zu finden so unmöglich sei, wie die Entdeckung der perfekten Wohnung? Bei der einen fehle die Badewanne, die andere habe keinen Kamin im Wohnzimmer und bei der dritten seien die Nachbarn zu laut. Abstriche musst du immer irgendwo machen!, sagt sie zu Desirée, die sich für ihren Bauern geniert, weil der nicht mit Stäbchen essen kann.
Nein, nichts und niemand ist perfekt. Doch passen die einen unperfekten Dinge oder Menschen besser zu andern ebenso unvollkommen als andere. Und so genieße ich es, dass der Mann an meiner Seite ebenfalls zum Volk der Nachteulen gehört. Wir können beide bis spät nachts konzentriert am Rechner arbeiten, was mir morgens vor neun nur in Ausnahme- und Notfällen möglich wäre. Auch brauchen wir beide kein frühes Stück, lieber ein spätes, das allerdings erst Stunden nach ein paar Tassen Tee oder Kaffee eingenommen wird.
Schon in Bern war das so. Ich bin eine Zweimahlzeiten-Person. Außer wenn wir auf Reisen sind, denn auf dem Zeltplatz kann ich nicht allzu lange schlafen. Der Zeltboden unter der Isomatte, den ich beim Schlafen nicht spürte, ist, einmal erwacht, unüberfühlbar hart. Außerdem locken der Tag und all das Neue, das erlebt werden will. Doch selbst auf dem Zeltplatz starten wir beide selten kalt, wir brauchen immer erst ein paar Tassen Heißgetränk.
Gestern bin ich beim virtuellen Zeitunglesen auf einen Link gestoßen, der eine ehemalige Schulkollegin bei einem Fernsehauftritt zeigt. Fünf Jahre, bis zum pädagogischen Fachhochschulabschluss, haben wir zusammen die Schulbank gedrückt. In einer politischen Talkshow erzählt sie von ihrem Alltag in der kantonalen Regierung und über ihre Aufgaben als Direktorin von x und y. Sie sieht keinen Tag älter aus als damals. Sympathisch, schlagfertig, engagiert und sich selbst treu geblieben. Ein Sonnenkind sei sie, wie sie mir vor ein paar Jahren mal geschrieben hat, noch bevor sie vom Stimmvolk in dieses anspruchsvolle Amt gewählt worden ist. Sie scheint es noch immer zu sein. Ja, sie hat es zu „etwas“ gebracht und ich freue mich für sie und darüber, dass so tolle Menschen an solchen Schnittstellen sitzen. Sie wird etwas bewegen.
Und ich? Erfolg haben? Es zu etwas bringen? Woran messe ich mich? Wer oder was ist mein Referenzpunkt? Ehrgeizig war ich nie wirklich. Karrierepläne habe ich nie gemacht. Meine Lebensperspektive reichte selten weiter als ein oder zwei Jahre. An keiner Arbeitsstelle blieb ich länger als drei Jahre. Doch den Menschen, die ich liebhabe, bin ich eine treue Freundin, die nicht nur bei Schönwetter mit lacht, sondern die auch im Regen einen Schirm reicht.
Wenn ich es mir so überlege, habe ich es ja doch zu etwas gebracht: In mir schlägt ein liebendes Herz und ich kenne nicht eben wenige Menschen, die für mich da sind und für die ich da sein darf. Ich habe einen Blick für die Probleme in der Welt und ich erkenne, wer wann was braucht, das ich womöglich tun könnte. Ich spüre ziemlich viel und relativ differenziert. Ich kann in Worte oder in Bilder fassen, was ich wahrnehme und was andere womöglich nicht sehen. So, wie ich die Welt sehe, sieht sie sowieso niemand anders. Nicht so. Und schon deswegen habe ich es zu etwas gebracht – zu mir nämlich.
Doch wer zum Teufel ist eigentlich dieses ES?
Utopia?
Es gibt Dinge, die kann ich. Es gibt Dinge, die kann ich nicht. Solche auch, die will ich gar nicht können. Und solche gibt’s, die ich gerne könnte, nie können werde oder vielleicht eines Tages ebenfalls kann. Künstlerin ich.
Beim Bilderbearbeiten auf dem iPhone gibt es Techniken, die mir zu kompliziert sind. Wenn Irgendlink auf dem Display seines iPhones herum zaubert, bleibt mir zuweilen die Spucke weg. Er kann Dinge, die ich nicht kann. Und nein, ich muss überhaupt nicht alles können, dennoch will ich nicht aufhören, lernen zu wollen. Zu lernen gehört zu meinem Leben. Zum Leben. Die Bereitschaft neues zu lernen, ist für mich eine der Motivationen, überhaupt zu leben.
Die Welt des Alles und des Nichts. Die Welt der Dinge. Die Welt des Unsichtbaren. Alle nebeneinander. Aufeinander. Gleichzeitig. Alles ist immer gleichzeitig. Während ich hier bin, ist gleichzeitig das Nordkap – zwar woanders, aber da. Für andere sichtbar, für mich nur vermutbar. Weil es auf der Karte abgebildet ist. Weil ich schon Bilder gesehen habe. Weil ich schon fast dort war. Und gleichzeitig wie ich hier bin, ist mein Bruder in der Schweiz. Der Beweis: Seine Mails. Gleichzeitig ist Schweden. Ist Sierra Leone. Ist China. Nordkorea. Und gleichzeitig ist auch mein Traum nach Gutleben für alle. Nach fairem Handel rund um den Globus. Nach Gewaltfreiheit. Nach heiler Natur.
In dieser Gleichzeitigkeit ist ebenfalls jeglicher Schmerz und jegliches Lachen. Verzweiflung genauso wie Ekstase. Und in allem ist jeder Mensch, der im Mittelpunkt seines Lebens steht. Mit all den Dingen, die er kann und die er sich erträumt. Mit allem auch, was er nie können wird.
Der Wunsch von Utopia ist alt. Schon die guten alten Bibelschreiber – ja, männlich, denn das können keine Frauen gewesen sein – haben sich ein Paradies gebaut, um damit die Sündenspirale, die dem Menschen innewohnt, zu begreifen und zu erklären. Das Ding mit der Angst – andern die Hölle heißzumachen – ist ein uralter Trick. Vertröstet werden auf den Himmel war schon immer ein gutes Geschäft. Es hält die Menschen bei Laune, macht sie gefügig, hält sie klein. Macht sie neidisch. Schafft Minderwertigkeitsgefühle und nährt Wunden. Füttert Aggressionen. Entfacht Kriege und kurbelt die Wirtschaft an.
Was ich sagen will? Da ist dieses Programm, das ich vor fünf Tagen auf den Rechner geladen habe. Es ist ziemlich schlau, beschäftigt sich im Hintergrund mit den unsichtbaren und sichtbaren Dingen, die auf meiner Festplatte herumlungern und schafft, wenn ich es darum bitte, für Ordnung und mehr Platz. Es listet mir die schon lange nicht mehr verwendeten Programme auf und rät mir, das eine oder andere zu deaktivieren oder gar rauszuschmeißen. Ein paar solcher Schmarotzer, die nur Platz brauchen, habe ich bereits rausgeworfen. Nichts leichter als das.
Auch defragmentieren kann das Ding, was so viel bedeutet, dass das Ding, wenn ich es dazu auffordere, alle Dateien auf der Festplatte ordnet, gleiches zu gleichem stellt, legt, schubladisiert, so dass es wieder Platz auf dem Tisch gibt.
Wie schön es wäre, wenn ich innen drin auch so ein Ding hätte, das für Ordnung sorgt!, denke ich fast jedes Mal, wenn ich die Aufforderung anklicke, doch bitte genau jetzt aufzuräumen. Ein paar meiner ganz persönlichen Programme hätte ich ganz gerne deinstalliert. Deaktivieren ist aber auch schon okay. Meine biologischen Virenschutz- und Malewaresuch-Programme geben zwar hin und wieder rote Lichtsignale ab, doch ich ignoriere die Warnungen weitestgehend und bringe mich mehr schlecht als recht durch die Tage, die mit allerlei selbst auferlegten Pflichten gefüllt sind – sein sollten. Ich sage nur Bewerbungen. Manchmal bin ich ob der Fülle der Pflichten derart gelähmt, dass nichts mehr geht.
In früheren Artikeln habe ich bereits laut darüber nachgedacht, wie viel persönliches ich hier preisgeben soll und darf. Da gibt es – bei euch und bei mir – verschiedene Ansätze und zuweilen halte ich mich sehr bedeckt. Dann wieder zeige ich ziemlich viel von mir. Meistens befindet die Tagesform darüber, wie engmaschig mein Filter ist.
Die virtuelle Welt ist so anders nicht als die richtige, will heißen als die Welt der Dinge und der Dichte, dachte ich heute Abend auf dem Heimweg vom Einkaufen. Und auch Autofahren ist wie Leben. Und Schreiben ebenfalls. Ich fahre durch den Regen. Es ist dunkel … ich sehe die Straße kaum. Den Rand ahne ich bloß. Noch weniger als kaum sehe ich, wenn mir ein anderes Auto – am liebsten ohne abzublenden – entgegen fährt. Ich fahre auf gut Glück. Ich lebe auf gut Glück.
Voyeurin bin ich, wenn ich andere Geschichten lese. Exhibitionistin bin ich, wenn ich mich sichtbar mache. Sind wir denn nicht alle irgendwie ähnlich unterwegs? Tut es uns nicht irgendwie gut, wenn wir bei anderen lesen, dass sie ähnliche Probleme haben? Freuen wir uns nicht alle ein bisschen mit, wenn eine es geschafft hat, den gewünschten Job zu bekommen, ein Problem endlich zu lösen oder eine schwere Prüfung abzulegen? Diese unsichtbare Welt, die Welt der Virtualität, ist so lebendig wie all jene, die sie bewohnen.
Du und du und du und … ich …

(((Zurzeit bearbeite ich fast ausschließlich Porträts von J. und von mir. Die wenigsten sind zum Zeigen bestimmt. Eins heißt zum Beispiel „How to monsterize myself“. Möglicherweise kein unwichtiger Prozess, der da in mir abgeht. Mich neu zusammenzusetzen, wie neulich schon erwähnt – vermutlich ist es das, was mich dieser Tage beschäftigt …)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
unlösbar
Première. So, wie ich jetzt schreibe, habe ich noch nie geschrieben. Auf meinen Knien liegt eine kleine Tastatur in der Größe eines in die Breite gezogenen A5-Blattes. Alles wird möglich. Alles wird einfacher. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit und des ErfinderInnengeistes. Wie ich da an dieser neuen Tastatur sitze, wird mir bewusst, dass jedes Ding, das wir besitzen, neue Wünsche gebärt. J. hat seinem neuen iPhone ein paar Geschenke gemacht – zur Vorbereitung auf das nächste Reiseprojekt. Ich bin nur temporäre Nutznießerin. Via Bluetooth sind Tastatur und iPhone verbunden. Mein Laptop defragmentiert derweilen großräumig und ist darum zurzeit nicht benutzbar. So aber ist es eigentlich ganz praktisch. Handlich. Und gemütlich warm, da ich am Ofen sitze. Ich habe mal wieder s’Weggli u de Batze, wie wir Schweizerinnen sagen. Das gibt es also doch. Oder hat nicht alles scheinbar Ideale irgendwo einen Haken? Und wer definiert Perfektion? Der Haken dieser Schreibtechnik hier, am Ofen, ist der, dass ich immer vornüber schauen muss, den Blick aufs kleine iPhone-Display. Macht aber nichts, da meine Schulter, die rechte, weh tut und dies die einzige einigermaßen schmerzfreie Haltung ist.
Die Wohnungssuche beschäftigt mich sehr. Es geht um mein neues Nest. Meine Insel. Meine Höhle. Wo ist es, mein neues Zuhause? Was brauche ich wirklich und was tut mir gut? Luxusprobleme? Existentiell?
Gestern Abend vor dem Ofen sofasophierten J. und ich angeregt. Über Ideale zuerst, dann hin zur Weltlage und mir wurde dabei mehr als bewusst, dass ich eigentlich nicht primär am Sterben von Menschen leide. Ich leide umso mehr am menschenunwürdigen Leben vieler. Am unfairen Mächteverhältnis auf dieser Welt. Am Machtmissbrauch. An der Tatsache, dass nicht die wirklich Wohlwollenden an den Hebeln der Macht sitzen, sondern die mit dem größten Potential an Druckmitteln wie Geld, Angstmacherei und so.
Wir sind unterwegs durch die Zeit, meinte J. recht pragmatisch, das hat es immer gegeben. Es sei aber immerhin doch schon vieles viel besser geworden. Worauf ich erwiderte, dass ich mir da nicht so sicher sei, was das Wort besser betrifft. Sicher haben wir hier im Westen heute mehr Freiheit und mehr Rechte, aber auf wessen Rücken? Ich kann nicht verdrängen, nicht immer jedenfalls, dass wir nur deshalb so reich sind und es so gut haben, weil wir dafür andere ausgebeutet haben. Nicht ich direkt, aber mein Land. Die Schulden- und Zinspolitik ist es, die ganze Nationen ins Sklaventum schickt.
Wir mit unseren Luxusproblemen!, denk ich und schäme mich, dass ich so wenig belastbar bin.
Wenn ich Tagesschau gucke oder Zeitung lese, identifiziere ich mich immer mit einzelnen Menschen. Ich sehe die Augen der Menschen und leide mit. So sehr, dass mir alles weh tut und ich mich meines Lebens nicht mehr freuen kann. Deshalb meide ich Tagesschau und Zeitung oft. Feige, ja, vielleicht, doch ich will nicht abstumpfen und nicht nicht-mehr-fühlen. Wenn ich doch gelegentlich Medien konsultiere, haut es mich zuweilen fast um. Ich leide jedoch nicht nur mit den einzelnen, da kommt auch das Gefühl von Mitverantwortung oder Mitschuld dazu. Hilflosigkeit, die mich schon oft in Krisen gestürzt hat. Unlösbar – ein Wort, das schwer auf meiner Schulter liegt, wenn ich an die unsäglichen Konflikte auf unserer Welt denke, Fatalistisch seufze ich. Gewissen. Wohlwollendes Leben. Empathie. Wörter tauchen auf.
Wohlwollend sei der Mensch, freundlich und rücksichtsvoll, dachte ich am Sonntagabend auf der Autobahn. Wenn alle so Auto fahren würden wie ich (es zumindest versuche), wäre es friedlicher auf den Straßen, grummle ich vor mich hin. Diese Powergames aber auch! Wozu bloß?
Die meisten verhalten sich nicht absichtlich oder jedenfalls nicht böswillig so mühsam, sagt J, wie wir gestern am Feuer sofasophieren. Hat er wohl recht, aber …
Letztlich geht es bei fast allem um Bewusstsein. Was erkenne ich? Wie reflektiere ich mich in Bezug zu meiner Mitwelt? Auch geht es um die Kompensation von Wunden. Ich nicht, aber du auch. Da bringt uns echt nur Selbsterkenntnis weiter, wohlwollende Reflektion. Ach ja, das wüsste ich alles. Auch wie ich ein richtig guter Mensch sein könnte. Bin ich ja schon, allerdings noch in komprimierter Form. Und mit vielen Wenn und Aber im Rucksack. Bremsklötze.
Fazit: Auch ich bin nicht immer wohlwollend. Auch ich kompensiere. Und bin zuweilen unanständig. Unfreundlich. Ja, alles bin ich auch. Nicht nur alle andern.
viel oder wenig?
Über die Frage, wie viel ich andern Menschen, insbesondere den Bloglesenden, von mir preisgeben will, denke ich beim Bloggen oft nach. In der letzten, entscheidungsreichen Zeit ganz besonders. Dass das andere, wie Frau Freihändig und Frau Li Ssi offenbar auch tun – und ebenfalls gerade jetzt – und sogar in ihren Blogs thematisieren, erstaunt mich eigentlich nicht mal mehr, denn schon so oft habe ich es beobachtet, dieses Phänomen der Gleichzeitigkeit. Themen, die herumzugeistern scheinen und die gleichzeitig von verschiedenen Menschen aus verschiedenen Perspektiven behandelt werden. Im Internet ließe sich dies damit erklären, dass sich die eine oder der andere vom einen oder anderen öffentlichen Text inspirieren lassen hat. Doch wenn wir über all das, was uns im Internet begegnet, schreiben würden, wären wir ja ständig damit beschäftigt, all die Inputs auszuwerten. Das genügt als Erklärung also nicht wirklich. Es muss da schon eine Affinität zum Thema sein, sonst würden wir einen Faden, den andere berührt haben, nicht aufnehmen und weiterspinnen.
Atem holen. Umblättern.
Erzähle ich im Blog eigentlich, was die Lesenden mutmaßlich interessiert oder erzähle ich, was mich beschäftigt? Oder beides? Und wenn ja, wie persönlich will ich sein? Ist dies gar von der Tagesform abhängig? Da ich als neugieriger Mensch selbst lieber persönliche Texte als irgendwelche kopflastigen Artikel lese, schreibe ich auch lieber Texte mit persönlichem Hinter- und Untergrund. Wenn ich in einem persönlichen Text, den ich lesen darf, auch gleich noch philosophische Inspiration bekomme, Hirn- und Herzfutter, freut mich das sehr. Wenn ich gar in einem persönlichen, Hirn und Herz inspirierenden Text ein Thema antreffe, das mich auch grad beschäftigt, freut mich das erst recht. Ein roter Faden, der mit eingesponnen wird und Teil meines neuen Gewebes werden kann.
Persönliches Interesse an einem Thema, Betroffenheit und das Bedürfnis nach Entwicklung sind wohl meine Hauptmotivation nicht nur zu lesen, was andere bloggen, sondern auch selbst Texte mit einem relativ hohen authentischen Erlebniswert sichtbar zu machen.
Neue Seite.
An diesem Artikel hier schreibe ich nun schon seit einer halben Stunde. Unterbrochen wurde ich immer wieder vom mit angehörten Dialog zwischen J. und Siri, seiner neuen Lebensphasenpartnerin. Nein, eifersüchtig bin ich nicht. Nicht auf diesen schwarzen Kasten. Auch nicht auf die Stimme des neuen schwarzen Kastens (siehe gestrigen Artikel). Aber grinsen muss ich doch. Sie scheint sich tatsächlich auf seine Stimme einzustimmen und versteht ihn von Mal zu Mal besser. Oder redet er ihr zuliebe nun deutlicher?
Wir gewöhnen uns langsam aneinander, sagt J.. Ob zu ihr oder zu mir, kann ich nicht ganz einschätzen. Technisches Wunderding. Er geht jetzt mit ihr spazieren *tztztztz*. Nur weil ich mich nicht auf diesen Text hier konzentrieren kann. Und natürlich um mit ihr allein zu sein, wie er sagt.
Sie ist viel einfacher als du, sagt er auch. Und grinst. Aber es ist gut, dass du nicht so einfach wie Siri bist!, fügt er an, bevor er die Türe hinter sich schließt.
Schon wieder umblättern.
Back to topic. Das Phänomen der Gleichzeitigkeit lässt sich, wie gesagt, auf der Ebene von Internet teilweise erklären, nicht aber da, wo kein virtueller Austausch stattfindet. Wenn mir eine Freundin am Telefon etwas erzählt, das mich genau dieser Tage ebenfalls beschäftigt zum Beispiel. Und dies ohne dass wir davor über das besagte Thema X ausgetauscht hätten, wohlverstanden. Da mir genau dies in meinem Leben schon tausendunddreimal passiert ist, bin ich seit dem fünfhundertsiebzehnten Mal nicht mehr überrascht. Aber fasziniert noch immer – jedes Mal neu.
Meiner Wahrnehmung und meinem schamanischen Weltbild nach, entsprechen wir Menschen – was sage ich? alle Lebewesen! – den einzelnen Zellen eines Körpers, die – so verschieden auch alle Zellen sind – im Zellkern so etwas wie eine identische Urinformation haben, welche Aufschluss über den Organismus gibt, dem die Zelle angehört. Nennen wir das doch hier einfach mal Urwissen oder Urkern, was sicherlich nicht ein wissenschaftlich korrekter Name ist. Psychologinnen nennen es vielleicht Kollektives (Unter)Bewusstsein. Eigentlich geht mir der korrekte Name amA vorbei. Wichtig ist mir jedoch das Prinzip, das besagt, dass alle Lebewesen miteinander verbunden sind. Klingt zwar einfach, ist aber eine ziemlich komplexe Geschichte.
Dank dieser Verbindung mit allen und allem ist Entwicklung meines Erachtens überhaupt erst möglich. Verstehen ebenfalls. Und Dinge, Ereignisse, Menschen in Zusammenhänge bringen. Diese Verbindung ist zuweilen ungemütlich, wenn sie mich daran erinnert, dass auch der spießige S. und die langweilige G. Urkernseidank mit mir verwandt sind, doch ist auch es diese Verbindung, die uns im Normalfall zu empathischen Wesen macht, die Mitverantwortung für ihre Mitwelt zu übernehmen befähigt sind. Die Essenz des Urkerns Göttin zu nennen, ist eine Möglichkeit, das Leben zu verstehen. Meine zum Beispiel.
Ob ich ihn diesem Artikel viel persönliches preisgegeben habe, kann ich nicht wirklich einschätzen. Ich ahne jedoch, dass jeder Text in irgendeiner Form eine Selbstdarstellung ist.
Vielleicht ist ja der Urkern daran schuld, das es Internet gibt?
ziemlich abstrakt
Eins der Bilder die Irgendlink beim aktuellen iPhoneArt-Wettbewerb eingereicht hat, ist ohne jegliche photographische Vorlage entstanden. Einzig durch die Arbeit mit verschiedenen Filtern ist ein geniales, abstraktes „Gemälde“ entstanden.
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Zwar habe ich diese Idee selbst noch nicht umgesetzt, doch abstrahiere ich zuweilen konkrete Aufnahmen mit Bildbearbeitungsprogrammen so lange, bis ein ganz und gar neues Bild entsteht.
Als würde ich Schichten abtragen, als würde ich das Bild in seine Einzelteile zerlegen und aus diesen etwas ganz und gar neues zusammensetzen.
So ähnlich funktioniert im Schamanismus ein Heilprozess. Und so ähnlich fühlt sich mein Leben zurzeit an.
Das erste Bild seit sechs Tagen, entstanden aus der Aufnahme eines Stop-Privat!-Schildes:

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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Text: ebenfalls iDogma, via iPhone (WordPressApp) geschrieben und veröffentlicht.