Ich wollte eigentlich nur endlich den letzten etwas äh negativeren Artikel ein bisschen weiter runterrutschen lassen, genau so war das!, schreibt Mietze in ihrem Blog. In ihrem Artikel Sendepause kündigt sie eine solche an. Gute Idee, könnte ich eigentlich auch, eine Schreibpause machen, murmle ich. Aber nicht so. Nicht mit diesem tristen letzten Artikel. Ich muss ebenfalls etwas nachschieben, damit der vorherige nachrutschen kann. Absacken ins Vergessen.
Allerdings kann ich nicht versprechen, dass das, was ich heute schreibe, dieser Sache dient. Vielleicht brauchen die heutigen Dinge wiederum einen Artikel obendrüber.
Über die Macht, die andere über mich haben, will ich schreiben. Seit Tagen denke ich darüber nach. Über all die unausgesprochenen Worte und Blicke, so dass du dich wieder wie ein Kind fühlst und auf einmal die Macht begreifst, die Erwachsene über dich hatten. Und die andere über dich haben. Noch immer. Und die du über andere hast auch. Erkenntnis, deine Schwester heißt Schmerz.
Da war dieses Gespräch in der Frauenrunde vorgestern Abend. Nach dem Ritual tauschen wir uns aus. Längst ist Smalltalk in unserem Kreis Vergangenheit. Eine erzählt ein Erlebnis von früher und wie sie sich in jener Situation abgelehnt gefühlt hatte, kritisiert, unverstanden. Wir alle kennen das. Unsere Gesellschaft ist die Summe wunder, unverstandener Menschen.
Wir alle haben auf die eine oder andere Weise ein angeknackstes Selbstwertgefühl und kompensieren irgendwie dieses Leck. Alle waren und sind wir abgelehnte, Flügelgestutzte Kinder. Wie anders erklärt sich, dass wir uns auf Konkurrenzkämpfe einlassen? Auf dieses ewige Buhlen um Aufmerksamkeit? Auf dieses Streben nach Anerkennung? Alle sehnen wir uns nach alles umfassende Liebe (na ja, vielleicht auch nur fast alle).
Es ist einfacher, andere zu kritisieren, das Unkraut vor fremden Türen zu sehen und den Dreck anderer, als den eigenen. Doch besonders hart ist, für Dinge kritisiert zu werden, die deiner Wahrnehmung nach objektiv nicht zutreffend sind. Und wenn dann noch deine ganz persönliche Art zu sein, wie du bist, kritisiert wird, wird es richtig brutal und Grenzen überschreitend. Und unfair. Es geht nicht mehr um Fakten, nicht mehr um Materie, sondern es geht um dich. Um dein Sosein. Deine Privatsphäre. Deinen Raum. Dein Lebensgefühl. Deine Individualität. Deine Farbe.
Stell dir diese Welt ohne die ganze Vielfalt vor und ohne die Farben der anderen!
Stell dir vor, alle wären gleich!
Stell dir vor, alle würden gleich denken wie du!
Kategorie: Fallmaschen
nullkommanulleins vielleicht
Gestern habe ich damit angefangen, nach meiner neuen Wohnung zu suchen. In der Schweiz. Internet sei Dank. Internet kann fast alles. Internet zeigt mir, wie das neue Wohnhaus, das ich vielleicht schon in ein paar Monaten mit bewohnen werde, von außen aussieht, wie die Wohnung von innen aussieht, wie der Blick aus dem Fenster aussieht. Was die Wohnung kostet. Wo sie ist. Kartenausschnitt. Google Streetview. Satellitenperspektive. Alles lässt sich anschauen. Dank Internet. Nur fühlen geht nicht. Auch Straßen- oder Eisenbahnlärm lässt sich im Internet nicht hören. Nicht das Trampeln von beschuhten Füßen im Treppenhaus. Nicht mal das Rauschen der Limmat. Wie wird es sich dort wohl anfühlen, wo ich bald leben werde?
Halt! Dieser Artikel müsste eigentlich ganz anders anfangen. So:
Es war einmal ein Baum. Schon eine ganze Weile war er da. Immer und immer wieder war er umgepflanzt worden, denn überall hatte er nach einer gewissen Zeit zu wachsen und zu blühen aufgehört. Am besten gediehen war er in Bern, doch selbst dort war er irgendwann stagniert. Das Einzige, das immer weitergewachsen war, war seine Sehnsucht nach dem idealen Boden. Um diesen zu finden, war er immer weiter und weiter gezogen.
Nun steht er in einem fremden Land. Auf dem Land. In der Nähe einer Kleinstadt. Er versucht verzweifelt, Wurzeln zu schlagen. Er versucht, sich hier wohlzufühlen, weil hier, ganz in der Nähe, einer seiner liebsten Mitbäume steht. Die anderen Lieblingsbäume unseres Baumes stehen jedoch ganz weit weg, jenseits der Grenze. Unser kleiner Baum hat darum oft Heimweh. Oft sogar so sehr, dass er es kaum erträgt hier zu sein, obwohl hier sein liebster Lieblingsbaum lebt, mit und neben dem es sich gut leben lässt. Eigentlich.
Unser Baum ist traurig und hat den Kopf hängen lassen. Er denkt oft an all die anderen Bäume auf dieser Welt, die – im Gegensatz zu ihm – keine Wahl haben. Die geflohen sind, um zu überleben und die nun in neuen fremden Ländern Wurzeln schlagen müssen. Bäume, die nicht zurück in ihre Heimat können. Doch er ist auch traurig wegen seiner eigenen Heimatlosigkeit, denn er weiß nicht, wie es ist, wirklich irgendwo zuhause zu sein. Wie es ist, wirklich richtig anzuwachsen. Wie es ist, tiefe Wurzeln zu schlagen. Er sehnt sich danach, das eines Tages zu erleben. Irgendwann. Und zu tun, was sein Ding ist. Zu tun, was das Ding jedes Baumes ist: Wachsen. Blühen. Leben.
Heute weine ich inwändige Tränen, habe ich heute einer lieben Freundin gemailt. Inwändig mit ä. Wie meine Innenwände. Meine Tränen vermischen sich mit dem Sturmwindgewitterregen, der die Außenwände dieses Hauses nässt. Gemeinsam nässen sie die Erde. Und das ist doch immerhin ein klein bisschen mehr als null.
Wie-war-doch-gleich-der-Blogartikeltitel,-den-ich-mir-heute-Morgen-ausgedacht-hatte?
Wir sind wie Computer, sage ich. Alles in unserem Leben braucht das entsprechende Programm, damit wir es öffnen und lesen können. Das Programm, das Liebe öffnet, sind bei mir die Gefühle.
Vergiss nicht, dass die Liebe da ist, selbst, wenn du grad nichts fühlen kannst. Genau wie eine Datei, die du geladen hast, aber nicht öffnen kannst. Die Infos sind auch dann da, wenn das Programm fehlt, sagt Irgendlink. Und die Liebe ist auch immer da.
Hm, was nützt mir eine Datei ohne Programm?, frage ich mich. Aber vermutlich ist es, wie du sagst. Hauptsache sie sind da, diese Dateien – ob nun lesbar oder nicht. Wir sind ja umgeben von unzähligen Dingen, die wir einfach „haben“, ohne sie je zu benutzen.
Wir befinden uns auf einer elsässischen Autobahn, irgendwo zwischen Basel und zuhause, und philosophieren. Endlich allein, nachdem wir unsere Mitfahrgäste am Basler Bahnhof verabschiedet haben. Es wird langsam dunkel, die Sonne malt rosa und orange Kleckse in die Wolken, die wie feuchte Wäsche am Horizont hängen. Feucht ist auch die Luft, feucht und frisch das neue Jahr. Mal regnet es, mal nicht. Aprilwetter am zweiten Januar. Tauwetter, das uns die Heimreise über die Berge des französischen Jura erleichtert hat. In St. Lupicin, wo wir sechs Tage Gäste in meiner ehemaligen Lebensgemeinschaft gewesen sind, lag Schnee. Tauender Schnee um genau zu sein.
Die Welt war weiß, in die wir für ein paar Tage eingetaucht waren, nachdem wir uns am Dienstagmorgen im Aargau von Freundin L. (1) verabschiedet hatten. Weiß und nass war die anschließende Woche gewesen, wenn ich von den anderthalb Sonnentagen absehe. Vermutlich unwesentlich, wer weiß das schon so genau, denn die Umgebung war so oder so zauberhaft. Wie froh ich bin, das J. mindestens einmal diesen unglaublichen Sternenhimmel bewundern konnte, wie es ihn nur in Gegenden gibt, die nicht zu nahe bei einer Stadt sind! „Unser“ Bach, die Lizon, war zum Fluss geworden, rauschte in einer Intensität, die ich noch nie so gehört hatte, obwohl ich seit meinem Wegzug vor fünfzehn Jahren oft und zu jeder Jahreszeit hier gewesen war.
Wir waren zehn-zwölf Leute, die sich zwischen den Jahren hier eingefunden hatten. Freundin M. (1) mit den ältesten drei Kindern, ihr Partner S., und ein paar zugewandte Orte wie wir beide, genossen die Stille des Platzes und das Zusammensein. Kochen, essen, abwaschen, Holz hacken, aufräumen, Böden kehren, einkaufen … alles wurde geteilt, der Dreck ebenso wie die Kosten.
Mir selbst ging es nicht sehr gut. Die Probleme und Sorgen des Alltags konnte ich – wie so oft – nicht einfach ausblenden. Zusammenfassend nur dies: ich lebe noch. Und es besteht Hoffnung.
Am ersten Tag des neuen Jahres haben wir einen Ort entdeckt, ganz in der Nähe meines früheren Zuhauses, der mir schlicht die Sprache verschlagen hat. Irgendlink und ich hatten einen Geocache gefunden und waren anschließend auf einem Wanderweg gelandet, der früher eine Eisenbahnlinie gewesen sein muss. Entlang der tosenden Lizon fanden wir einen kleinen Urwald voller moosbewachsener Bäume und Luft, die ihren Namen wirklich verdient. Ein kleines grünes Paradies. Meine Augen sogen das Grün auf und das schwere Herz wurde weich und ein klein bisschen leichter.

Am Ufer der Lizon

Am Stausee von Cuttura
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Wohl wahr: Liebe und all das, was das Leben lebenswert macht, sind auch da, wenn der jeweilige Indikator oder das entsprechende Programm grad nicht zu Verfügung stehen.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Copyright by Sofasophia
Im zerbrochenen Rückspiegel
Die erste der Rauhnächte heute. Immerhin doch ein Grund, mich heute ein wenig feierlich zu fühlen und mich mit den alten Sagen und Mythen auseinanderzusetzen, auch wenn ich Weihnachtsmuffelin bin. Wie wenig ich doch über die alten Geschichten im Grunde weiß! Immerhin etwas, das ich weiß. Vieles ist ahnen, spüren, wahrnehmen. Nein, nicht die Geburt eines suspekten Erlösers, ist es, die mich heute ein klein bisschen froh macht. Vielmehr ist es die Rückkehr des Lichts. Ansonsten sind diese Tage für mich schon lange eher schwierig und ich bin es längst leid, jedes Jahr langen Gesichtern erklären zu müssen, warum das für mich so ist. Wenn ich meine, mich erklären zu müssen, ist das allerdings ganz und gar mein Problem. Es ist nun mal so. Punkt.
Zeit der Rückblicke allerorten. Madame Thisis hat auf ihre ganz eigene Art ihr vergangenes Jahr gewürdigt. Pro Monat schrieb sie einen Artikel. Noch fehlt der Dezember. Auch andere BloggerInnen wie zum Beispiel Donna Cambra halten Rückschau, werten aus, was war, plaudern aus dem Nähkästchen, bereiten sich auf die rauen Nächte und die wilde Jagd vor, putzen aus und räuchern ihre Kammern. Ich lese solche persönlichen Texte sehr gerne, lieber als die überall erscheinenden Jahresrückblicke in den Zeitungen und im weltweiten Spinnennetz. Im Rückblickhalten, was mich selbst betrifft, bin ich allerdings ungeübt. Ebenso, wie ich die Züge eines Strategiespieles geschweige denn die nächsten Schritte meines Lebens nicht vorausdenken kann.
Neulich in Mainz sagte Mister Q. über einen seiner WG-Kumpel: Echt, der Mann kann jeden Menschen, der mal hier in der WG gewohnt hat, einfach in zweidrei prägnanten Sätzen zusammenfassen.
Wie wir doch das Einkochen lieben, dieses nachträgliche Schönen und Lästern des Erlebten. Wir mögen Auswertung, Konzentrat und Verdichtung. Sirup und Melasse, Suppe und Püree. Und wir lieben Schubladen, Ordnung und Abschlüsse.
Mein Fahrradrückspiegel ist zerbeult, verbogen und zerbrochen – und oft überflüssig. Zweifellos sinnvoll. Und ich liebe ihn. Seine Brüche vervielfachen die Rücksicht den Rückblick. Alles erscheint zwar ein bisschen kleiner, aber alles wird auch ein bisschen aus minim anderen Winkeln betrachtbar, da die Scherben sich beim Bruch minim verschoben haben. Verschiedene Blickwinkel haben noch nie geschadet. Außerdem bringen Scherben Glück, sagt der Volksmund. Denen, die es glauben zumindest. Darin sehe ich eine Flasche. Violett ihr Inhalt. Auf den ersten Blick zumindest. Oder türkis, wenn ich der kleinen Scherbe oben glauben soll. Dickflüssiges Innendrin. Mein Jahressirup bitte schön!
Pro Monat bekommt ihr nur ein paar Wörter oder Sätze, mehr nicht, dicht dick eingekochte Wörter allerdings. Ach, erstens meint übrigens den Januar. Zweitens den … na, ihr wisst schon, immer so weiter.
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erstens
Kälte. Traurigkeit. Seiltanz: Zweifel versus Mut. Vorstellungsgespräch mit Perspektiven. Ein bisschen Vorfreude. J.s Geburtstag. Erste Kisten werden gepackt und dabei ein paar Tränen vergossen.
zweitens
Hoffnung und Ungeduld tanzen. Trauer wabert ein bisschen und Vorfreude wächst. Der Neuanfang jenseits der Landesgrenze rückt näher. Kisten, immer mehr Kisten sind voll.
drittens
Die letzten Kisten werden gepackt. Ich arbeite meine Stellennachfolgerin ein und freue mich über sie. Unser großes, erfolgreiches PR-Event, stark von mir mitgeprägt, findet statt. Mein Abschluss in Bern. Noch mehr Tränen und zwei Herzen in mir, die heftig schlagen. Loslassen. Umzug.
viertens
Ankommen auf dem einsamen Gehöft, Stadttussilandei ich. Neuanfang. Übermut. Leere und Fülle. Ruhe. Irgendlink ganz nah. Geborgenheit.
fünftens
Euphorie. Zauber. Raum schaffen. Garten. Dürre. Gießkannen schleppen.
sechstens
Erste Risse im German Dream Of Life. Mein Geburtstag. Herzklopfen. Neue Hoffnungen. Alte und neue Kümmernisse.
siebtens
Blutige Tiefpunkte und sonnige Highlights (Schweden). Trauer und Freude tanzen engumschlungen und scheinen untrennbar.
achtens
Back home from Sweden. Die letzte Nacht vor der Rückkehr schlafen wir direkt am Strand. Neuer Anfang, neue Erfahrungen = neuer Job. Großer Schock, denn das deutsche Schulsystem und die mitgelieferte Mentalität sind mir fremder als gedacht. Theorie und Praxis sind zweierlei. Erste Erkältung.
neuntens
Überforderung. Erschöpfung. Erkältung die zweite. Die Kunstzwerge kommen ein paar Tage zu uns und stellen den Hof auf den Kopf. Wochen später unsere erste gemeinsame Ausstellung. Ich verkaufe zum ersten Mal eigene Bilder.
zehntens
Blaseninfekt. Urlaub in der Schweiz. Kündigung der Arbeit (auf meine Bitte hin). Erleichterung. Leere. Fragen. Viele Fragen und ein paar erste Initiativ-Bewerbungen.
elftens
Arbeitslosen-Papierkram. To Dos ohne Ende. Heimweh. Gute und schlechte Nachrichten. Meine Tante hört auf zu atmen. Wieder viele Fragen. Zwei meiner Manuskripte reanimieren. Noch mehr Fragen. Und noch mehr Bewerbungen.
zwölftens
Fast Forward-Knopf erträumen. Überhaupt träume ich sehr intensiv. Entscheidungen stehen an. Bewerbungen werden geschrieben. Innerer Rückzug. Eine große Entdeckung, die mir beinahe das Leben rettet – auf jeden Fall die Stimmung: Patent Ochsners nächste Platte wird eingespielt und auch diesmal wieder aufs Genialste literarisch und mit Bildern dokumentiert.(((Merci Büne!)))
(((Notiz an mich: Wenn ich das so lese, frage ich mich, warum ich überhaupt fast jeden Tag gebloggt habe, wo sich doch jeder Monat so einfach komprimieren lässt … )))
vergleichen
Ja, so ein paar Reizwörter aus meiner Jugendzeit hab ich gut gehütet und gefüttert. Und die ganzen Jahre mit mir herumgetragen. Wörter, die normalerweise für einen Menschen in meinem Alter längst im Alltag integriert und sogar mit persönlichen Erfahrungen aufgefüllt sind. Und die normalen Menschen nicht weh tun.
Wir gewöhnen uns nämlich an alles, wir sind anpassungsfähig und wir – so las ich es heute im Buch „Der Menschenmacher“ von Cody McFayden – wir alle wollen nur das eine: glücklich sein. Wenn das Glück nicht von selbst kommt, biegen wir uns das Leben so zurecht, dass es erträglich wird und ein klein bisschen nach Glück riecht. Selbst inmitten der allermiesesten Umstände. So sagt es Mr. Jones, der „Böse“, im Finale des Buches, das mir die letzte paar Tage buchstäblich den Atem geraubt hat. Diese Aussage kann ich, obwohl sie von Mr. Jones kommt, unterschreiben. Wir passen uns an. Immer. Wir vergessen und verraten möglicherweise dabei unsere Ideale, die wir hatten, als wir jung waren. Oder wir überschreiben sie einfach, wie wir es ständig mit früheren Dokumenten tun, die wir mit neuen Inhalten füllen.
Immerhin habe ich mir ein paar Reizwörter bewahrt. Vergleichen ist so eins. Und Wettbewerb sein Bruder. Beide verursachen mir Gänsehaut, noch immer, denn es gibt ja immer Menschen, die besser sind als ich. Zumal ich ja in fast allen Belangen Mittelmaß bin. Klar, es gibt da auch schlechtere, schwächere, immer, doch Tatsache ist schlicht und einfach, dass ich mich und andere nicht vergleichen will. Ich will mich nicht messen, will nicht besser und will aber auch nicht schlechter sein. Nein, will ich nicht. Eigentlich. Denn alle haben etwas, das nur sie sind und nur sie können.
Wettbewerb vergiftet das friedliche Nebeneinander, die Vielfalt aller, die Kreativität und Urtümlichkeit in uns drin, weil er durch irgendwelche definierte Vorgaben innerhalb einer Zielgruppe oder einer Gesellschaft die Leistungen der Betroffenen normt und begrenzt. Wie wenn ich beim Pizzateig die Ränder abschneide, die über den Blechrand baumeln. Im Gegensatz zum Pizzateig geht es beim Wettbewerb aber um Menschen. Und die, die nicht in die Norm passen, werden verschlungen, wie ich es mit kleinen Teigstücklein schon mal tue, statt sie an einer Ecke innerhalb des Blechs anzukleben. Persönliche Leistung lässt sich nunmal schwer normen. Wozu auch!
Zugegeben im Bereich von Naturwissenschaften wie Mathematik und Chemie ist Leistungsvergleich noch nachvollziehbar und vertretbar, doch all die menschlichen Variablen zählen da ja sowieso nicht. Doch wenn es um unfassbare und individuelle Lebensbereiche geht, halte ich Vergleiche für heikel. Wettbewerb und Vergleich im großen Bereich Kunst – ob nun bildende oder darstellende Kunst, Musik oder Literatur ist dabei unwesentlich – ist prekär. Machen wir uns doch nichts vor. Heutzutage, wo viele KünstlerInnen – zu viele? – gut bis sehr gut sind, ist es in erster Linie eine Frage von Beziehungen, wer weiterkommt. Dazu braucht es natürlich auch gute Nerven und das Talent sich zu vermarkten.
Seit drei Wochen nun läuft bereits die Ausschreibung zu einem Wettbewerb bei IPA, unserer iPhoneArt-Community. Ein Wettbewerb mit einem Siegespreisgeld von tausend Dollar. Nach langem Hin und Her und acht Tage vor Anmeldeschluss habe ich heute nun doch zehn meiner Bilder angemeldet. Irgendlink hat mir eine Liste mit seinen zwanzig Favoriten aus meiner Galerie überreicht. Er zumindest scheint an mich und meine Kunst zu glauben.(((Danke!)))
Während ich mich selbst durch meine Bilder klicke, stelle ich fest, dass ich nur mit einem Teil seiner Favoriten einverstanden bin. Viele alte Bilder find ich längst doof und lösche sie bloß deshalb nicht, weil diese Galerie für mich eine Art Archiv darstellt (und natürlich auch, wegen der Kommentare da und dort und der Klicks, die dann verloren wären). Seltsamerweise mag ich einige Bilder besonders gerne, die nie jemand kommentiert oder als Favoriten gekennzeichnet hat. Welche Bilder sind nun die wirklich guten, die ich anmelden soll? Jene, die der Mainstream oder mein Liebster mögen – oder jene, die ich selbst am besten finde? Was tun? Mich mit mir selbst vergleichen – ach, ich tue es ja ständig, entgegen meiner oben erwähnten Absicht! Und auch mit andern vergleiche ich mich doch ständig. Seien wir doch ehrlich, ich Doppelmoralapostelin, ich.
Irgendwie schaffe ich es schließlich, meine zehn Favoriten zu finden. Und einzustellen. Nun heißt es warten. Im Januar geht es mit jurieren los. In der ersten Phase bestimmen sämtliche Teilnehmenden die angeblich besten fünfzig Bilder – durch anklicken vermutlich, wie bei den vorherigen Wettbewerben. Diese fünfzig werden im nächsten Schritt von einer kleineren Jury bewertet und das Siegerbild wird – wie gesagt – saftig prämiert.
Was ist es, das mich antreibt, mich auf solche Dinge einzulassen und über Reizwortgrenzen und andere Rationalitäten zu springen? Ist es das Geld? Der Thrill? Die Sehnsucht nach Anerkennung und Durchbruch? Die eine kleine Stimme sagt: Vielleicht kannst du gewinnen! Die andere laute Stimme sagt: Vergiss es! Der Verstand sagt: Das Ergebnis des Vorjurierens ist reine Glückssache. Was so natürlich nicht ganz stimmt, aber ich rede es mir ein. Bist du nämlich innerhalb der Community bekannt, wirst du vermutlich häufiger angeklickt. Wenn du Glück hast, kommst du so also in den Kreis der fünfzig. Wenn nicht, dann nicht. Und wenn ja, was dann?
Catch me, if you can!*

Bild: Screenshot meiner Bilder in der Galerie (hier klicken)
* Titel des zweiten Bildes von links.
Lebenslügen
Ich kann nicht die sein, die ich bin, sagt sie. Nicht hier. Und vielleicht nirgends. Jedenfalls nicht die, die sie wirklich sei. Nicht nach außen jedenfalls. Aus Angst vor Missverständnissen passe sie sich an, spiele ihre Rolle, gibt sie zu. Allerdings sei sie wohl zu wenig gut, um wirklich erfolgreich täuschen zu können. Die anderen vielleicht, sich selbst aber nicht – nicht wirklich, nur oft und nur scheinbar. Diese alles entscheidende Frage, wozu sie eigentlich hier sei – wirklich-wirklich, übergeordnet, sinnstiftend – würgt sie einmal mehr und sitzt ihr im Nacken. Diese Frage aller Fragen hat, wie es aussieht, nur eine Weile geschlafen – oder hat sie sich gar tot gestellt? –, aber weg war sie nie, nicht wirklich (und sie frage sich, sagt die Frau, wie andere diese Frage für sich so gut verdrängen oder so erfolgreich und befriedigend beantworten können) und während sie sich weiterhin nach außen hin adäquat verhält und die Rolle geschickt, so gut es eben geht, spielt, fällt niemandem groß auf, nicht mal ihr selbst, dass sie irgendwie falsch spielt. Eigentlich. Nicht absichtlich, sondern einfach um zu überleben, was in sich eine Paradoxie darstellt, da sie ja nicht weiß, wozu sie eigentlich lebt, wie sie sagt. Mein Fluss staut, ich hinke, ich stolpere. Warum ist ‚einfach leben‘ so schwer?
(by me)
Schnitt.

Das Buch, Unter dem Tagmond der neuseeländischen Autorin Keri Hulme, das Luisa Francia am 25.November 2011 in ihrem Internettagebuch beiläufig erwähnt hat, lässt mich seit Tagen nicht mehr los. Der Titel hatte sich mir beim Lesen des Artikels eingeprägt. Er hat sich mir auf die Schultern gehockt und mich bedrängt, ihm zuzuhören. Schließlich war das Buch gekauft.
Eine verstörende, unbequeme Geschichte, in der Tat, wie es auf dem Umschlag steht. Fertig bin ich noch nicht. Noch ungefähr hundertachtzig Seiten des umfangreichen Buches fehlen. Es zu lesen, tut zuweilen so weh, dass ich weinen muss. Es ist die Geschichte der exzentrischen Künstlerin Kerewin, die eines Tages in ihrem selbstgebauten Wohnturm einen tauben, blonden Jungen findet und tags darauf dessen Pflegevater Joe, einen Maori, kennenlernt. Das Kind sei vor drei Jahren, noch vor Kerewins Ankunft an dieser Küste, nach einem heftigen Sturm wie Strandgut an Land gespült worden. Das gesunkene Schiff wurde nie geborgen. Die Eltern, ebenfalls an Land gespült, waren tot und weltweit nirgends als vermisst gemeldet worden. Eine kleine Spur führt nach England, doch sie versandet. Auch der Pflegevater hat seine Wurzeln zur Herkunftsfamilie verloren, zudem sind seine Frau und sein kleiner Sohn kurz nach dem der Findelsohn Simon in die Familie aufgenommen worden ist, an Grippe gestorben. Kerewin, die unnahbare, höchst sensible, verletzliche und zu Depressionen neigende Künstlerin, hat vor einigen Jahren wegen tiefgehender Probleme ihre Familienbande gekappt und ist als vorläufige Station ihrer Selbstfindung – und offenbar mit genug Geld, um ohne Anstellung leben zu können – hier, im Turm, am einsamen Strand, gelandet.
Die drei zufällig Zusammentreffenden entwickeln eine seltsame, intensive Freundschaft. Die beiden Erwachsenen sind in erster Linie um das Wohl von Simon besorgt, der sich, nicht zuletzt wegen seiner Sprachlosigkeit, sehr unangepasst und unkonform verhält. Dass sein Vater ihn liebt und ihn züchtigt scheint für Kerewin am Anfang normal zu sein, bis sie entdeckt, dass der ansonsten zärtliche und liebevolle Vater seinen Sohn zuweilen bis aufs Blut misshandelt.
Wir teilen als Lesende den Alltag dieser Schicksalsgemeinschaft. Wir lauschen philosophischen Gesprächen von Kerewin und Joe, erfahren Joes Lebensgeschichte und warum Kerewin eine Weile in Japan gelebt und dort Aikido studiert hat, diesen Lebensweg der Versöhnung. Wir sehen Wutausbrüche, wir erleben Versöhnungen. Und schließlich sind wir dabei, als alles überbordet und die Staumauern einreißen.
Die Autorin ist stilistisch in keine Schublade zu stecken. Sie erzählt oft sprung- und bildhaft, Gedankenfetzen werden eingewoben und Dialoge sind nicht immer als solche erkennbar – waren das eben Gedanken oder haben die beiden miteinander geredet? Dann wieder erzählt sie ganz klassisch, was die drei Menschen jetzt in der Hütte aus Kerewins Kindheit erleben, die sie gemeinsam für ein paar Wochen Ferien aufsuchen. Niemals zählt sie auf, niemals erklärt sie zu viel, und immer bin ich als Betroffene mitten drin. Sogar die Wutausbrüche Simons, Joes und Keres sind irgendwie nachvollziehbar.
Was die drei Menschen erleben, hat für mich etwas sehr archetypisches, beinahe gleichnishaftes, ohne aber je moralisch zu sein. Zwingend existentiell die Thematik. Letztlich geht es auch um Lebenslügen. Um Hoffnungslosigkeit ebenso wie um Sehnsüchte. Nach Erlösung. Nach Freispruch. Nach Heilung. Und letztlich ist es eine Liebesgeschichte der ganz und gar anderen Art. Wie sie endet? Darauf bin ich schon sehr gespannt.
heimat-los
Sie sind ihre Heimat los geworden, die Ausgewanderten. Kein leichtes Los. Sie haben ihre Heimat, so sie denn eine hatten, losgelassen. Oder wollen genau das nicht. Oder üben es noch. Oder sind kleben geblieben – irgendwo zwischen den Grenzen, die nur im Kopf bestehen. Und jetzt sind sie da, wo irgendetwas besser sein muss. Irgendetwas muss hier besser sein, sonst wären sie dort geblieben, wo sie vorher waren. Ob Flüchtlinge oder Liebende – wer auswandert, nimmt das Los auf sich, Heimat gegen kaum Bekanntes zu tauschen. Ein nicht immer ganz freiwilliger Tausch von Bekanntem gegen Ahnungen. Von Vertrautem gegen Erwartungen. Unscharfe Ränder des Bildes im Herz. Farben, die changieren, unklar sind sie zuweilen, dann wieder, je nach Blickwinkel, so scharf, dass sie blenden und blinzeln lassen. Blinzeln, um gleich wieder hinzuschauen. Wahrnehmen gegen Widerstände. So viel Gegenteiliges, so viel Vergleich.
Ob das Gewählte besser ist, zeigt sich erst, wenn Zeit vergangen ist. Wenn gelebt wurde. Wenn die kleinen Wurzeln in der neuen Erde ausschlagen und neue Verästelungen bilden. Wenn die tägliche Bahn der Sonne allmählich vertraut ist. Wenn das heurige Laub zusammengerecht ist. Wenn die alten Blätter neuen Knospen Platz geschaffen haben. Leere Äste an leeren Bäumen künden von Heimweh. Und doch sind es auch die Bäume, die Heimweh heilen. Sie fragen nicht nach Nationalitäten. Dafür schenken sie Gelassenheit, wenn du sie lässt. Und sie machen Mut, dem neuen Boden zu vertrauen.
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Wie wir da, es ist Freitagabend spät, tanzend durch den Raum und die Zeit schweben, bin ich überall zuhause. Nicht mehr heimatlos. Zufällig bin ich in der Schweiz und die Stimmen um mich herum klingen vertraut. Die Musik auch. Eine Sprache, die nicht übersetzt werden muss. Alles vertraut.
Am Samstagnachmittag am Zürichsee, bei J.s Cousin und dessen Familie, unterhalten wir uns in drei Sprachen, ich zumindest. Mit dem fünf Wochen alten Little-D. plaudere ich Schweizerdeutsch und er versteht. Seine weisen Augen ruhen in meinen und erzählen von drüben. Von früher. Von bald. Erzählen von Ewigkeit und Jetzt. Mit C. und J. reden wir hochdeutsch, zuweilen auch französisch, C.s Muttersprache. Als schließlich spontan in der Schweiz wohnende, französische Freunde an der Türe klingeln und an den Kaffeetisch mit eingeladen werden, babeln wir dreisprachig, da Mösiö C. noch nicht so gut deutsch kann. Nur Little-D. versteht noch alles, scheint mir. Fremdsprachen kennt er keine. Er hört die Worte, die Sprachen der Herzen.
Wenn ich keine Worte finde, weder gesprochene noch unaussprechliche, fühle ich mich fremd. Hier nicht, zum Glück, und auch dort nicht. Nein, nicht fremd, aber heimatlos. Hier wie dort. Ja, sogar dort, in der Schweiz, trotz meines tollen FreundInnennetzes, weil ich dort kein Zuhause mehr habe. Und hier, im neuen Land, weil meine Wurzeln noch nicht verwachsen sind. Es braucht Zeit, sagen die Weisen. Und Geduld. Kein leichtes Los, doch, zumindest in meinem Fall, ein selbstgewähltes.
Und letztlich, auch das sagen die Weisen, ist meine Heimat überall. Hier wie dort. Und sie war und ist schon da. Immer. In mir.
Von Komfortzonen, Glasglocken und Suchtstrukturen
Vergiss das da draußen, das ist nicht das wirkliche Leben!, sagte der neunzehnjährige Gusto zu seinem ebenfalls drogensüchtigen Freund Oleg, als sie an einem Freiluftkonzert vorbeifuhren und den jubelnden, feiernden Menschen notgedrungen zuhören mussten. Unser Leben, das ist das reale Leben!
So ähnlich steht es irgendwo im neuen Buch von Jo Nesbø. Die Larve heißt es – gemeint ist damit jene gespenstische Maske, welche das wahre Gesicht dahinter verschleiert. Nein, dies wird keine Buchbesprechung, da alle Harry-Hole-Fans an diesem Buch eh nicht vorbei kommen. Und solche, die es noch nicht sind, dürfen es werden, denn Nesbø erzählt nicht nur sehr komplexe Geschichten, sondern auch in einer anschaulichen Sprache, die originell und kreativ ist.
Wie oft habe ich wohl schon über Drogensucht gelesen, Erfahrungsberichte ebenso wie Romane. Kaum je ist mir jedoch eine Geschichte so unter die Haut. Wie sehr sich das Leben Süchtiger um das eine dreht. Und das jemand, der Drogen braucht, dafür alles, fast alles, zu tun bereit ist – nein, das hatte ich tatsächlich beinahe vergessen. Ursache und Wirkung. Sucht ist die Wirkung, doch was die Ursache ist, kann niemand für alle beantworten. Leid ist das erste was mir persönlich dazu einfällt, als Oberbegriff, und auch das letzte, der bittere Abgang. Huhn und Ei zugleich.
Süchtig im umfassenderen Sinne sind wir doch alle. Ich habe zwar alte Süchte abgelegt, doch nur um sie durch neue zu ersetzen. Iphonesucht, Schreibsucht, Blogsucht, Lesesucht – um einige zu nennen. Ja, auch Kreativität hat Suchtpotential. Gib dem Körper Glückshormone, schon bist du high. Wir brauchen Botenstoffe. Wenn wir sie nicht selbst produzieren können, holen wir sie von draußen irgendwo.
Warum? Weil das Leben sonst unerträglich ist, sagen die jungen Süchtigen im erwähnten Buch sinngemäß, weil das Leben, das reale Leben Sch… ist.
Weil das Leben sonst grau-in-grau und allzu alltäglich ist, sage ich. Weil das andere mir nicht reicht.
In meiner Glasglocke, in der ich lebe – selbstgewählt ohne TV, Zeitung und kaum Nachrichten – bekomme ich vom Leid da draußen wenig mit. Außer wenn ich Krimis lese oder DVDs schaue. Selbstverar…ung? Guck ich weg? Oder begegne ich nicht, in dem ich bei mir bin, zugleich der ganzen Welt?
Ich gestehe, ich schätze den Luxus meiner kleinen heilen Welt – meistens jedenfalls, wenn mich nicht grad, wie jetzt, das schlechte Gewissen und eine umfassende Ohnmacht überfällt –, denn solange ich mich innerhalb meiner Komfortzone aufhalte, geht es mir gut und das Leben ist erträglich. Einfache Mathematik. Ich genieße diese Zone und verlasse sie nicht gerne. Bin ich möglicherweise komfortzonesüchtig? Unfrei im großen Raum der Freiheit? Oder frei inmitten großer Unfreiheit?
Nein, ich habe zu meiner Rechtfertigung nichts zu sagen. Und ja, vor zwanzig Jahren war ich anders. Und praktisch genussunfähig. Schließlich gibt es immer welche, die leiden, die durch die Hölle gehen, die von andern mutwillig zerstört und umgebracht werden. Wie sollte ich da meine kleine heile Welt genießen können, zumal diese ebefalls eher instabil als stabil war.
Dieses Buch nun hat mich erneut an genau diesen Punkt katapultiert. Was weiß ich wirklich – wirklich! – vom Leben?, dachte ich beim Lesen ständig. Und welches bitteschön ist nun wirklich das wahre, das wirkliche Leben? Wir kennen die Antwort.
Gier und Sucht nach Macht und Reichtum in allen Spielformen so wahr wie die leidenschaftliche Sehnsucht nach Frieden, Heilung und Geborgenheit. Wir alle verfolgen – bewusst oder unbewusst – jenen Weg, der uns am aussichtsreichsten erscheint, um das gefühlte, gedachte, ersehnte, geSUCHTe Ziel zu erreichen. Sogar wenn es Selbstzerstörung heißen sollte.
Bin ich resigniert, frustriert und abgelöscht? Zuweilen schon. Und ganz gewiss bin ich naiv, denn ich glaube noch immer, dass das Leben als Mit- und nicht als Gegeneinander gedacht war, weil nur so Evolution möglich ist. Und dass eigentlich jedes Leben ein Leben in Fülle und Frieden sein könnte. Nicht zuletzt, weil es genug von allem für alle hätte. Hat. Eigentlich.
später mal
Wie Irgendlink und ich heute Nachmittag über die Felder und durch die Wälder wandern, diskutieren wir über Sinn und Unsinn der kostenlosen Updates*, die wir uns meistens nach deren Erscheinen auf unsere iPhones laden. Doch sind diese Ergänzungen wirklich notwendige Verbesserungen? Machen sie uns nicht viel mehr abhängig von Betriebssystem-Aktualisierungen? Habe ich nicht die neueste Betriebssystemversion auf dem Kleinstcomputer – oder das neueste iPhone in der Hand –, laufen die Programme auf einmal unzuverlässig, stürzen häufig ab, speichern die Bilder nicht mehr. Ich muss also im vorgegebenen Takt mitlaufen, damit nicht eines Tages meine Apps überhaupt nicht mehr funktionieren.
Die ewige Glühbirne!, sagt J. plötzlich. Ursprünglich wurde die Glühbirne, erzählt er, für die Ewigkeit gebaut. Eine dieser Prototypen brennt, seit er erfunden und gebaut worden ist. Angeblich. Schon immer. Für immer. Doch was wäre eine Industrie wert, wenn sie ewig haltbare Produkte herstellen würde? Schnelllebig wie der aktuelle Zeitgeist sind auch ihre Produkte. Ein drei Jahre alter Rechner? Vergiss es! Veraltet! Kauf dir einen neuen. Der ist eh besser. Größerer Speicher. Schnellerer Prozessor. Vorwärts. Mehr. Zuckerbrot und Peitsche digital.

Bild 1: iDogma – Unterwegs. Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.

Bild 2: iDogma – Irgendlink in Action (The Making Of A Dandelion Pic oder Wie fotografiere ich im November Löwenzahn?) – Fotografiert und bearbeitet mit Pro HDR, Update vom 11.11.
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Beim Abendessen ist auf einmal der Frosch auf dem Tisch. Der Frosch? Ihr wisst schon, jener Frosch, der sitzenbleibt, während das zu Beginn kühle Wasser, das ihn umgibt, allmählich heißer wird. Tödlich heiß schließlich. Doch er bleibt sitzen, im Gegensatz zu jenem Frosch, der sofort davon springt, wenn wir ihn in eine Schüssel mit bereits tödlich heißem Wasser setzen wollen. Diese viel zitierte Metapher, die für uns Menschen steht, die wir nicht merken, dass uns das Wasser längst bis zum Hals steht – auf einmal war sie da. Würde ich sagen, ich hätte das Froschexperiment leibhaftig ausprobiert oder zumindest beobachtet, wären alle schockiert. Der arme Frosch!, würden sie sagen. Dennoch greifen wir alle auf dieses Bild zurück, als wären wir dabei gewesen.
Wer kann bestätigen, dass der erste der beiden Frösche aus dem Experiment wirklich im heißer werdenden Wasser sitzengeblieben ist?, fragt J. Hat dieses Experiment wirklich je stattgefunden? Wir glauben Dinge, weil sie glaubwürdig klingen. Ob an ewige Glühbirnen oder an dumme Frösche ist dabei egal. Und wenn ich solche Begebenheiten erzähle, wird mir geglaubt, weil ich glaubwürdig bin.
Wir glauben alle so gerne, weil wir glauben wollen. Weil es im Internet steht. Weil es uns erzählt wird. Selbst wenn es hier wie oft nur um die Metapher geht. Das Ei und das Huhn sind gleich alt und gleich jung, denn die Zeit ist eine Spirale und Eva isst noch immer Äpfel, die gar keine sind. So ist Zukunft nichts anderes als noch nicht gelebte Gegenwart. Und Vergangenheit gelebte.
Wir sammeln und heben auf, was immer wir finden können und horten es. Für später, sagen wir. Für die Zukunft. Und wir laden Updates aufs iPhone – für später.
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* mehr zur iPhoneographie unter iDogma
innen
Gestern hatte ich mir nur einen einzigen Satz ins Blog geschrieben und unter privat gepostet: Heute bin ich eine Scherbe … Gestern. Gestern ist Vergangenheit. Scherbe sein ist anstrengend. Doch Scherbe sein ist Realität. Alltägliche. Alles ist Bruchteil. Teil vom Ganzen.
Gestern diese starke Wahrnehmung meiner Dünnhäutigkeit und geringer Belastbarkeit.
Wie als Echo darauf habe ich heute im Spiegel-online über die Hochsensibilität, derer ich mir ja schon seit viereinhalb Jahren bewusst bin, diesen Artikel hier gelesen: www.spiegel.de/panorama/gesellschaft Gut so! Nun hat es also auch der Rest der Welt begriffen: Es gibt die einen und es gibt andere.
Heute? Heute bin ich … Eine Blume vielleicht? Eine Sonnenblume, die sich freut, dass sie nun vierzehn und ein paar Tage mehr Zeit hat, nur der Sonne zuzulächeln und ihren Hals nach deren Licht zu wenden. Ihr Innen nach innen und ihr Außen nach außen drehen. Zurechtrücken, zurecht schütteln. Alles so, wie sie es will, die Blume. Sie hat Ferien.
Innen-innen will ich mir begegnen, nicht mehr nur in diesen lärmigen Außen-Innenräumen hängenbleiben, die mich irgendwie ausdörren und aushöhlen zugleich.
Was ich finden werde? Keine Ahnung. Bis jetzt weiß ich nur eins: Mein Innen-innen hat ganz gewiss keine Regale.