unlösbar

Première. So, wie ich jetzt schreibe, habe ich noch nie geschrieben. Auf meinen Knien liegt eine kleine Tastatur in der Größe eines in die Breite gezogenen A5-Blattes. Alles wird möglich. Alles wird einfacher. Alles ist nur noch eine Frage der Zeit und des ErfinderInnengeistes. Wie ich da an dieser neuen Tastatur sitze, wird mir bewusst, dass jedes Ding, das wir besitzen, neue Wünsche gebärt. J. hat seinem neuen iPhone ein paar Geschenke gemacht – zur Vorbereitung auf das nächste Reiseprojekt. Ich bin nur temporäre Nutznießerin. Via Bluetooth sind Tastatur und iPhone verbunden. Mein Laptop defragmentiert derweilen großräumig und ist darum zurzeit nicht benutzbar. So aber ist es eigentlich ganz praktisch. Handlich. Und gemütlich warm, da ich am Ofen sitze. Ich habe mal wieder s’Weggli u de Batze, wie wir Schweizerinnen sagen. Das gibt es also doch. Oder hat nicht alles scheinbar Ideale irgendwo einen Haken? Und wer definiert Perfektion? Der Haken dieser Schreibtechnik hier, am Ofen, ist der, dass ich immer vornüber schauen muss, den Blick aufs kleine iPhone-Display. Macht aber nichts, da meine Schulter, die rechte, weh tut und dies die einzige einigermaßen schmerzfreie Haltung ist.
Die Wohnungssuche beschäftigt mich sehr. Es geht um mein neues Nest. Meine Insel. Meine Höhle. Wo ist es, mein neues Zuhause? Was brauche ich wirklich und was tut mir gut? Luxusprobleme? Existentiell?
Gestern Abend vor dem Ofen sofasophierten J. und ich angeregt. Über Ideale zuerst, dann hin zur Weltlage und mir wurde dabei mehr als bewusst, dass ich eigentlich nicht primär am Sterben von Menschen leide. Ich leide umso mehr am menschenunwürdigen Leben vieler. Am unfairen Mächteverhältnis auf dieser Welt. Am Machtmissbrauch. An der Tatsache, dass nicht die wirklich Wohlwollenden an den Hebeln der Macht sitzen, sondern die mit dem größten Potential an Druckmitteln wie Geld, Angstmacherei und so.
Wir sind unterwegs durch die Zeit, meinte J. recht pragmatisch, das hat es immer gegeben. Es sei aber immerhin doch schon vieles viel besser geworden. Worauf ich erwiderte, dass ich mir da nicht so sicher sei, was das Wort besser betrifft. Sicher haben wir hier im Westen heute mehr Freiheit und mehr Rechte, aber auf wessen Rücken? Ich kann nicht verdrängen, nicht immer jedenfalls, dass wir nur deshalb so reich sind und es so gut haben, weil wir dafür andere ausgebeutet haben. Nicht ich direkt, aber mein Land. Die Schulden- und Zinspolitik ist es, die ganze Nationen ins Sklaventum schickt.
Wir mit unseren Luxusproblemen!,
denk ich und schäme mich, dass ich so wenig belastbar bin.
Wenn ich Tagesschau gucke oder Zeitung lese, identifiziere ich mich immer mit einzelnen Menschen. Ich sehe die Augen der Menschen und leide mit. So sehr, dass mir alles weh tut und ich mich meines Lebens nicht mehr freuen kann. Deshalb meide ich Tagesschau und Zeitung oft. Feige, ja, vielleicht, doch ich will nicht abstumpfen und nicht nicht-mehr-fühlen. Wenn ich doch gelegentlich Medien konsultiere, haut es mich zuweilen fast um. Ich leide jedoch nicht nur mit den einzelnen, da kommt auch das Gefühl von Mitverantwortung oder Mitschuld dazu. Hilflosigkeit, die mich schon oft in Krisen gestürzt hat. Unlösbar – ein Wort, das schwer auf meiner Schulter liegt, wenn ich an die unsäglichen Konflikte auf unserer Welt denke, Fatalistisch seufze ich. Gewissen. Wohlwollendes Leben. Empathie. Wörter tauchen auf.
Wohlwollend sei der Mensch, freundlich und rücksichtsvoll, dachte ich am Sonntagabend auf der Autobahn. Wenn alle so Auto fahren würden wie ich (es zumindest versuche), wäre es friedlicher auf den Straßen, grummle ich vor mich hin. Diese Powergames aber auch! Wozu bloß?
Die meisten verhalten sich nicht absichtlich oder jedenfalls nicht böswillig so mühsam, sagt J, wie wir gestern am Feuer sofasophieren. Hat er wohl recht, aber …
Letztlich geht es bei fast allem um Bewusstsein. Was erkenne ich? Wie reflektiere ich mich in Bezug zu meiner Mitwelt? Auch geht es um die Kompensation von Wunden. Ich nicht, aber du auch. Da bringt uns echt nur Selbsterkenntnis weiter, wohlwollende Reflektion. Ach ja, das wüsste ich alles. Auch wie ich ein richtig guter Mensch sein könnte. Bin ich ja schon, allerdings noch in komprimierter Form. Und mit vielen Wenn und Aber im Rucksack. Bremsklötze.
Fazit: Auch ich bin nicht immer wohlwollend. Auch ich kompensiere. Und bin zuweilen unanständig. Unfreundlich. Ja, alles bin ich auch. Nicht nur alle andern.

0 Kommentare zu „unlösbar“

  1. Du schreibst mir so aus dem Herzen. In allen Punkten eigentlich. Selbst bei deiner Faszination über deinen Kompromissversuch mit Tastatur und iPhone und so. Ich fühl mich auch schuldig. Und ich weiß nicht, ob das richtig ist oder falsch. Aber es ist wie es ist.

  2. das verrückte ist, dass diese schuldgefühle in unserem kopf sind. erziehung, prägung und so. niemandem nutzt es etwas, wenn ich mein glück, so es mich besucht, nicht genieße, nur weil jemand anders leidet. nur so als beispiel.
    danke für deine zeilen!
    liebgrüß, d.

  3. Wie so oft kommt es auf das Maß an. Bei manchen Leuten ist die Zickigkeit vorhersehbar, bei anderen eher die mit Staunen festgestellte Ausnahme.

  4. Du denkst jedenfalls darüber nach, Du machst es Dir bewusst, hoffentlich nicht immer, aber zum Glück wenigstens manchmal. Wie Blinkyblanky sagt, es kommt auf das Maß an. Ich jedenfalls versuche, auf der einen Seite nie zu vergessen, dass die Welt noch längst nicht in Ordnung ist, dass ich völlig ungerechtfertigterweise von Dingen profitiere, die ich mir nicht verdient habe, für die andere „bezahlen“ müssen, ohne deswegen den Kopf hängen zu lassen, ohne mir deshalb zu verbieten, mein Leben (mitsamt all dem Luxus) zu genießen. Ich glaube daran, dass jeder Moment, den jeder einzelne von uns liebevoller und zugewandter verbringt, eine kleine Wunde im All heilt, und Kreise zieht, unendlich langsam, kaum wahrnehmbar und doch wirklich.

    1. liebe mützenfalterin
      das ist ja mal ein spannender gedanke. ein sehr berührendes bild. danke! es so zu sehen, also ganz bewusst meine ich, ist ein ansatz, den ich gerne übernehme!

  5. ich kann mich nur muetzenfalterin anschließen, das ist letztlich auch mein weg. schuldig fühle ich mich schon länger nicht mehr. aber mir bewusst sein, wem und was ich meinen kleinen luxus verdanke, das schon.
    hilflos, ja das ist so ein zustand, angesiht all diesem wlend der welt gegenüber. aber er ist auch so fürchterlich lähmend. das will ich nicht mehr. nein, großes kann ich nicht leisten. aber kleines, so ganz im stillen, mit dem blick auf die welt schon! da ich weiß, dass alles mit allem verbunden ist, weiß ich auch, wenn ich mich bemühe mein bestes zu geben und zu teilen, dann ist das eine kleine heilung für diese kaputte welt.
    wusstest du, dass alle töne auf dieser erde sich unendlich ins weltall ausdehen? als ich dies einmal erfuhr, bekam ich ein fürchterlich schlechtes gewissen, weil ich, gerade in den jungen jahren, doch viel gebrüllt habe. seitdem ist es anders. trommle ich zum beispiel am frühen morgen und singe meine wortlosen lieder dazu, dann habe ich das gefühl nicht nur gutes für mich zu tun…

    1. oh, nein, das mit den tönen wusste ich nicht. aber eigentlich überrascht es mich nicht. ich denke schon, dass eben die verbundenheit von allem leben nicht mit dem ende der erdanziehungskraft aufhört 🙂
      weitergesponnen würde es vielleicht bedeuten, dass auch töne von da draußen irgendwo zu uns kommen?
      wie wenig wir eigentlich wissen!

  6. schuld ist eine archaische emotion, uns in die wiege gelegt. sie dient dazu, möglichst ethisch zu handeln. im angemessenen rahmen ist das ja auch gut und wichtig. wenn wir uns aber für alles und jedes schuldig fühlen, macht es krank.
    liebe grüße
    elsa

    1. eine archaische emotion? ihr name lautet empathie würde ich mal vermuten. wahrscheinlich geht es (oder ging es) bei dieser emotion in erster linie um den arterhalt und um den zusammenhalt der sippe.
      spannender input! danke 🙂
      ja, das mit den schuldgefühlen ist eigentlich schon nicht wirklich gesund, ich weiß 🙁

  7. Ehrlichgesagt kenne ich diesen Weltschmerz und muß mich dann erstmal wieder erinnern, daß mein Wirkungsradius eben klein ist, aber dafür durchaus vorhanden. Wenn du nicht gerade ein sehr mächtiger Mensch bist, kannst du als einzelperson trotzdem immer noch in deinem Umfeld gutes tun, und ich bin sicher, daß das auch auffält und von anderen dann auch gemacht wird.

  8. Was’n Bogen – von Klöppeln auf extremkleinen Tastaturen via BlauZahn auf das Apfel-Telephon bis zum Flüchten vor schlechten Nachrichten bis hin zur Erkenntnis, daß wir Menschen hier in Europa doch ganz schöne LuxusProbleme haben – auf Kosten der Benachteiligten auf dieser einen ErdKugel. Seit ein paar Jahren bin auch ich auf einem Weg, einem, der mich lehrt, wie unwichtig materieller Reichtum ab einem bestimmten Punkt ist. Ich bin nun auch in der komfortablen Situation, daß das, was ich besitze, völlig ausreichend ist. Dieser Weg hat mich aber auch gelehrt, dankbar zu sein für die Segnungen, die ich täglich nutzen darf. Das geht los bei der täglichen Dusche. Was ein unbeschreiblicher Luxus, einen Hebel zu betätigen und – ja ! es kommt warmes Wasser! Jedesmal: Kann es uns gut gehn? Und mittlerweile der Luxus, eine Arbeit zu haben, der ich jeden Tag gern nachgehe und die nur 5Minuten zu Fuß von meiner WohnHöhle weg ist. Elementare Punkte, für die ich dem Großen Meister/der Großen Meisterin dankbar bin. Und seit ca. 5Jahren ein mich begleitender Grundsatz des Dr. Mikao Usui :
    Gerade heute, sei nicht ärgerlich.
    Gerade heute sorge dich nicht und sei erfüllt von Dankbarkeit.
    Widme dich aufrichtig deiner Arbeit (an dir selbst) und verdiene dein Brot redlich.
    Gerade heute sei liebevoll zu allen Wesen.
    Wenn wir bei allem, was wir tun dieses beachten könnten., daß wir jegliches technische Gerät, sei es ein Telephon, eine Bohrmaschine oder ein Auto, so benutzen, daß wir damit niemanden belästigen oder gar gefährden, daß wir auf unsere MitMenschen und alle MitWesen achten, ihnen Gutes zuteil werden lassen, befinden wir uns auf dem Weg. Ja , auch Autofahren. Da sehe ich es wie Du. Bin dankbar, daß ich ein Auto habe, nutze es sehr behutsam, daß alles möglichst ohne Streß und Schäden abgeht.
    Und bei allem, was ich tue, weiß ich, daß ich erst auf dem ANFANG dieses Weges bin, werde ihn aber weiter beschreiten und hoffe, auf irgendwann einmal Meisterschaft, vielleicht sogar kurze Augenblicke von Erleuchtung. Das aber liegt wirklich noch gaaaanz weit weg.
    In dem Sinne liebe Grüße vom ollen grauen Wolf.

  9. lieber wolf
    ach, dieses „gerade heute“ berührt mich gerade heute sehr. schön, deine zeilen und schön, dass du dich mit meinen texten beschäftigst.
    auf wiederlesen und sorry die nur kurze antwort, bin schon fast weg.
    liebgrüß, soso

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