Chum guet übere!, wünschen sich SchweizerInnen, wenn sie sich an Silvester im Laden oder auf der Straße begegnen. Komm gut rüber, zu Deutsch, rüber ins Neue. Oder sie sagen rütsch guet übere!, was an eine Partie auf glattem Eis assoziiert und den oder die so gesegneten davor bewahren soll, beim Übertritt auszurutschen und gut auf der anderen Seite – der Haaresbreite zum Beispiel – anzukommen. Drüben im Neuen Jahr, das schon nach ein paar Stunden abgestanden riechen wird.
Jedes Jahr das gleiche. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Neues Jahr, neue Chance.
Ich weiß, ich weiß, ich bin viel zu früh. Schon in der zweiten der rauen Nächte verbreite ich hier gute Neujahrswünsche. Andererseits bin ich die nächsten Tage möglicherweise nicht im Netz, da wir für acht Tage verreisen und ob ich in Frankreich Lust zum Bloggen haben werde, weiß ich nicht. Ein kurzer oder längerer Abschied also. Und darum darf ich, auch wenn es erst in ein paar Tagen anfängt!
Happy 2012, was immer kommen mag, u rütsch guet übere!
Mein Neujahrsgeschenk an meine LeserInnen sind diese drei Bildchen hier:
Das Spülbecken aus dem unartigen Atelier, wo ich neulich Bilder mit ausstellen durfte, assoziiert Kreativität. Wage neues, bleib im Fluss und verlasse ausgetretene Pfade!

Die Türe dieser baufälligen Hütte im Schneegestöber lädt uns ein und macht Mut, immer wieder hinter die Fassaden zu blicken, denn vieles ist anders, als es scheint. Das meiste sogar. Vorurteile lohnen sich in der Regel nicht.

Diese beiden tanzenden Korkenzieher fordern dich auf, das Leben immer wieder aus anderen, ungewohnten Blickwinkeln zu betrachten. Spinne hin und wieder, stell dich ab und zu auf den Kopf und zeig dem grauen Alltag eine lange Nase!

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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
Diese Bilder sind ausschließlich und ausnahmsweise zum Eigengebrauch freigegeben. Copyright bei gewünschter andersweitiger Verwendung wie immer bei mir.
Monat: Dezember 2011
Im zerbrochenen Rückspiegel
Die erste der Rauhnächte heute. Immerhin doch ein Grund, mich heute ein wenig feierlich zu fühlen und mich mit den alten Sagen und Mythen auseinanderzusetzen, auch wenn ich Weihnachtsmuffelin bin. Wie wenig ich doch über die alten Geschichten im Grunde weiß! Immerhin etwas, das ich weiß. Vieles ist ahnen, spüren, wahrnehmen. Nein, nicht die Geburt eines suspekten Erlösers, ist es, die mich heute ein klein bisschen froh macht. Vielmehr ist es die Rückkehr des Lichts. Ansonsten sind diese Tage für mich schon lange eher schwierig und ich bin es längst leid, jedes Jahr langen Gesichtern erklären zu müssen, warum das für mich so ist. Wenn ich meine, mich erklären zu müssen, ist das allerdings ganz und gar mein Problem. Es ist nun mal so. Punkt.
Zeit der Rückblicke allerorten. Madame Thisis hat auf ihre ganz eigene Art ihr vergangenes Jahr gewürdigt. Pro Monat schrieb sie einen Artikel. Noch fehlt der Dezember. Auch andere BloggerInnen wie zum Beispiel Donna Cambra halten Rückschau, werten aus, was war, plaudern aus dem Nähkästchen, bereiten sich auf die rauen Nächte und die wilde Jagd vor, putzen aus und räuchern ihre Kammern. Ich lese solche persönlichen Texte sehr gerne, lieber als die überall erscheinenden Jahresrückblicke in den Zeitungen und im weltweiten Spinnennetz. Im Rückblickhalten, was mich selbst betrifft, bin ich allerdings ungeübt. Ebenso, wie ich die Züge eines Strategiespieles geschweige denn die nächsten Schritte meines Lebens nicht vorausdenken kann.
Neulich in Mainz sagte Mister Q. über einen seiner WG-Kumpel: Echt, der Mann kann jeden Menschen, der mal hier in der WG gewohnt hat, einfach in zweidrei prägnanten Sätzen zusammenfassen.
Wie wir doch das Einkochen lieben, dieses nachträgliche Schönen und Lästern des Erlebten. Wir mögen Auswertung, Konzentrat und Verdichtung. Sirup und Melasse, Suppe und Püree. Und wir lieben Schubladen, Ordnung und Abschlüsse.
Mein Fahrradrückspiegel ist zerbeult, verbogen und zerbrochen – und oft überflüssig. Zweifellos sinnvoll. Und ich liebe ihn. Seine Brüche vervielfachen die Rücksicht den Rückblick. Alles erscheint zwar ein bisschen kleiner, aber alles wird auch ein bisschen aus minim anderen Winkeln betrachtbar, da die Scherben sich beim Bruch minim verschoben haben. Verschiedene Blickwinkel haben noch nie geschadet. Außerdem bringen Scherben Glück, sagt der Volksmund. Denen, die es glauben zumindest. Darin sehe ich eine Flasche. Violett ihr Inhalt. Auf den ersten Blick zumindest. Oder türkis, wenn ich der kleinen Scherbe oben glauben soll. Dickflüssiges Innendrin. Mein Jahressirup bitte schön!
Pro Monat bekommt ihr nur ein paar Wörter oder Sätze, mehr nicht, dicht dick eingekochte Wörter allerdings. Ach, erstens meint übrigens den Januar. Zweitens den … na, ihr wisst schon, immer so weiter.
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erstens
Kälte. Traurigkeit. Seiltanz: Zweifel versus Mut. Vorstellungsgespräch mit Perspektiven. Ein bisschen Vorfreude. J.s Geburtstag. Erste Kisten werden gepackt und dabei ein paar Tränen vergossen.
zweitens
Hoffnung und Ungeduld tanzen. Trauer wabert ein bisschen und Vorfreude wächst. Der Neuanfang jenseits der Landesgrenze rückt näher. Kisten, immer mehr Kisten sind voll.
drittens
Die letzten Kisten werden gepackt. Ich arbeite meine Stellennachfolgerin ein und freue mich über sie. Unser großes, erfolgreiches PR-Event, stark von mir mitgeprägt, findet statt. Mein Abschluss in Bern. Noch mehr Tränen und zwei Herzen in mir, die heftig schlagen. Loslassen. Umzug.
viertens
Ankommen auf dem einsamen Gehöft, Stadttussilandei ich. Neuanfang. Übermut. Leere und Fülle. Ruhe. Irgendlink ganz nah. Geborgenheit.
fünftens
Euphorie. Zauber. Raum schaffen. Garten. Dürre. Gießkannen schleppen.
sechstens
Erste Risse im German Dream Of Life. Mein Geburtstag. Herzklopfen. Neue Hoffnungen. Alte und neue Kümmernisse.
siebtens
Blutige Tiefpunkte und sonnige Highlights (Schweden). Trauer und Freude tanzen engumschlungen und scheinen untrennbar.
achtens
Back home from Sweden. Die letzte Nacht vor der Rückkehr schlafen wir direkt am Strand. Neuer Anfang, neue Erfahrungen = neuer Job. Großer Schock, denn das deutsche Schulsystem und die mitgelieferte Mentalität sind mir fremder als gedacht. Theorie und Praxis sind zweierlei. Erste Erkältung.
neuntens
Überforderung. Erschöpfung. Erkältung die zweite. Die Kunstzwerge kommen ein paar Tage zu uns und stellen den Hof auf den Kopf. Wochen später unsere erste gemeinsame Ausstellung. Ich verkaufe zum ersten Mal eigene Bilder.
zehntens
Blaseninfekt. Urlaub in der Schweiz. Kündigung der Arbeit (auf meine Bitte hin). Erleichterung. Leere. Fragen. Viele Fragen und ein paar erste Initiativ-Bewerbungen.
elftens
Arbeitslosen-Papierkram. To Dos ohne Ende. Heimweh. Gute und schlechte Nachrichten. Meine Tante hört auf zu atmen. Wieder viele Fragen. Zwei meiner Manuskripte reanimieren. Noch mehr Fragen. Und noch mehr Bewerbungen.
zwölftens
Fast Forward-Knopf erträumen. Überhaupt träume ich sehr intensiv. Entscheidungen stehen an. Bewerbungen werden geschrieben. Innerer Rückzug. Eine große Entdeckung, die mir beinahe das Leben rettet – auf jeden Fall die Stimmung: Patent Ochsners nächste Platte wird eingespielt und auch diesmal wieder aufs Genialste literarisch und mit Bildern dokumentiert.(((Merci Büne!)))
(((Notiz an mich: Wenn ich das so lese, frage ich mich, warum ich überhaupt fast jeden Tag gebloggt habe, wo sich doch jeder Monat so einfach komprimieren lässt … )))
vergleichen
Ja, so ein paar Reizwörter aus meiner Jugendzeit hab ich gut gehütet und gefüttert. Und die ganzen Jahre mit mir herumgetragen. Wörter, die normalerweise für einen Menschen in meinem Alter längst im Alltag integriert und sogar mit persönlichen Erfahrungen aufgefüllt sind. Und die normalen Menschen nicht weh tun.
Wir gewöhnen uns nämlich an alles, wir sind anpassungsfähig und wir – so las ich es heute im Buch „Der Menschenmacher“ von Cody McFayden – wir alle wollen nur das eine: glücklich sein. Wenn das Glück nicht von selbst kommt, biegen wir uns das Leben so zurecht, dass es erträglich wird und ein klein bisschen nach Glück riecht. Selbst inmitten der allermiesesten Umstände. So sagt es Mr. Jones, der „Böse“, im Finale des Buches, das mir die letzte paar Tage buchstäblich den Atem geraubt hat. Diese Aussage kann ich, obwohl sie von Mr. Jones kommt, unterschreiben. Wir passen uns an. Immer. Wir vergessen und verraten möglicherweise dabei unsere Ideale, die wir hatten, als wir jung waren. Oder wir überschreiben sie einfach, wie wir es ständig mit früheren Dokumenten tun, die wir mit neuen Inhalten füllen.
Immerhin habe ich mir ein paar Reizwörter bewahrt. Vergleichen ist so eins. Und Wettbewerb sein Bruder. Beide verursachen mir Gänsehaut, noch immer, denn es gibt ja immer Menschen, die besser sind als ich. Zumal ich ja in fast allen Belangen Mittelmaß bin. Klar, es gibt da auch schlechtere, schwächere, immer, doch Tatsache ist schlicht und einfach, dass ich mich und andere nicht vergleichen will. Ich will mich nicht messen, will nicht besser und will aber auch nicht schlechter sein. Nein, will ich nicht. Eigentlich. Denn alle haben etwas, das nur sie sind und nur sie können.
Wettbewerb vergiftet das friedliche Nebeneinander, die Vielfalt aller, die Kreativität und Urtümlichkeit in uns drin, weil er durch irgendwelche definierte Vorgaben innerhalb einer Zielgruppe oder einer Gesellschaft die Leistungen der Betroffenen normt und begrenzt. Wie wenn ich beim Pizzateig die Ränder abschneide, die über den Blechrand baumeln. Im Gegensatz zum Pizzateig geht es beim Wettbewerb aber um Menschen. Und die, die nicht in die Norm passen, werden verschlungen, wie ich es mit kleinen Teigstücklein schon mal tue, statt sie an einer Ecke innerhalb des Blechs anzukleben. Persönliche Leistung lässt sich nunmal schwer normen. Wozu auch!
Zugegeben im Bereich von Naturwissenschaften wie Mathematik und Chemie ist Leistungsvergleich noch nachvollziehbar und vertretbar, doch all die menschlichen Variablen zählen da ja sowieso nicht. Doch wenn es um unfassbare und individuelle Lebensbereiche geht, halte ich Vergleiche für heikel. Wettbewerb und Vergleich im großen Bereich Kunst – ob nun bildende oder darstellende Kunst, Musik oder Literatur ist dabei unwesentlich – ist prekär. Machen wir uns doch nichts vor. Heutzutage, wo viele KünstlerInnen – zu viele? – gut bis sehr gut sind, ist es in erster Linie eine Frage von Beziehungen, wer weiterkommt. Dazu braucht es natürlich auch gute Nerven und das Talent sich zu vermarkten.
Seit drei Wochen nun läuft bereits die Ausschreibung zu einem Wettbewerb bei IPA, unserer iPhoneArt-Community. Ein Wettbewerb mit einem Siegespreisgeld von tausend Dollar. Nach langem Hin und Her und acht Tage vor Anmeldeschluss habe ich heute nun doch zehn meiner Bilder angemeldet. Irgendlink hat mir eine Liste mit seinen zwanzig Favoriten aus meiner Galerie überreicht. Er zumindest scheint an mich und meine Kunst zu glauben.(((Danke!)))
Während ich mich selbst durch meine Bilder klicke, stelle ich fest, dass ich nur mit einem Teil seiner Favoriten einverstanden bin. Viele alte Bilder find ich längst doof und lösche sie bloß deshalb nicht, weil diese Galerie für mich eine Art Archiv darstellt (und natürlich auch, wegen der Kommentare da und dort und der Klicks, die dann verloren wären). Seltsamerweise mag ich einige Bilder besonders gerne, die nie jemand kommentiert oder als Favoriten gekennzeichnet hat. Welche Bilder sind nun die wirklich guten, die ich anmelden soll? Jene, die der Mainstream oder mein Liebster mögen – oder jene, die ich selbst am besten finde? Was tun? Mich mit mir selbst vergleichen – ach, ich tue es ja ständig, entgegen meiner oben erwähnten Absicht! Und auch mit andern vergleiche ich mich doch ständig. Seien wir doch ehrlich, ich Doppelmoralapostelin, ich.
Irgendwie schaffe ich es schließlich, meine zehn Favoriten zu finden. Und einzustellen. Nun heißt es warten. Im Januar geht es mit jurieren los. In der ersten Phase bestimmen sämtliche Teilnehmenden die angeblich besten fünfzig Bilder – durch anklicken vermutlich, wie bei den vorherigen Wettbewerben. Diese fünfzig werden im nächsten Schritt von einer kleineren Jury bewertet und das Siegerbild wird – wie gesagt – saftig prämiert.
Was ist es, das mich antreibt, mich auf solche Dinge einzulassen und über Reizwortgrenzen und andere Rationalitäten zu springen? Ist es das Geld? Der Thrill? Die Sehnsucht nach Anerkennung und Durchbruch? Die eine kleine Stimme sagt: Vielleicht kannst du gewinnen! Die andere laute Stimme sagt: Vergiss es! Der Verstand sagt: Das Ergebnis des Vorjurierens ist reine Glückssache. Was so natürlich nicht ganz stimmt, aber ich rede es mir ein. Bist du nämlich innerhalb der Community bekannt, wirst du vermutlich häufiger angeklickt. Wenn du Glück hast, kommst du so also in den Kreis der fünfzig. Wenn nicht, dann nicht. Und wenn ja, was dann?
Catch me, if you can!*

Bild: Screenshot meiner Bilder in der Galerie (hier klicken)
* Titel des zweiten Bildes von links.
Wir Schlampen
Nein, keine Rechtfertigung, wir Schlampen können nicht anders, wir sind so. Die meisten meiner Freundinnen und Freunde sind auf die eine oder andere Art Schlampen. Mich eingeschlossen. Jawohl. Das musste einfach mal gesagt werden. Rechtfertigung nein, wie gesagt, Definition ja gerne – einfach um Missverständnissen vorzubeugen (könnte mir eigentlich konsequenterweise egal sein).
Den Begriff Schlampe, wie wir ihn anwenden, haben Freundin C.(2) und ich bei der Schweizer Bestsellerautorin Milena Moser und ihren Büchern Schlampenbuch, Schlampenyoga und anderen geklaut. Denn, wie gesagt, da gibt es viele andere Verwendungsmöglichkeiten. Wenn ich im Internet surfe, drehen sich alle herkömmlichen Definitionen um das Leben in der Horizontale.
Doch Schlampen gemäß Moser et altri sind kurz gesagt Frauen, denen es am A… vorbei geht, was die netten NachbarInnen denken. Zugegeben, das sind dann schon die höhere Weihen – sprich: schwarzer Schlampengurt – und so weit bin ich leider noch nicht. So fasse ich es allgemeiner: Wir Schlampen tun und lassen, was wir nötig finden. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger. Dafür tun wir gerne, was Spaß macht, wir Schlampen, frei nach dem Motto Übermut ist immer gut. Um dahin zu kommen ist allerdings der dornige Weg der inneren Zensur durch äußere Instanzen zu überwinden. Nicht einfach, das kann ich laut sagen.
Schlampen sind übrigens nicht etwa, um da ein paar gängige Klischees und Vorurteile aus dem Weg zu räumen, per se schlampig, denn jene Dinge, die ihnen wirklich am Herzen liegen, machen sie mit vollem Einsatz, leidenschaftlich und mit Herzblut. Dafür sehen sie das Unkraut Beikraut in den Ritzen zwischen den Platten nicht, es sei denn, um es fotografisch zu ehren. Schlampig sind sie nur in den Augen der anderen, weil sie beispielsweise ausgedienten Dingen neues Leben einhauchen statt es dem Sperrmüll zu übergeben. Das Ignorieren von Sprüchen wie Das macht man nicht!, Du enttäuschst mich aber!, Ich habe von dir mehr erwartet! und anderer Bockmist vom selben Kaliber sind gute Übungen auf dem Weg zur Initiation in die Schlampenzunft. Und zugleich dienen sie der Selbstkontrolle. Bringen solche Aussagen eine Schlampe in Ausbildung aus dem Stand, gibt es noch viel zu tun. Gib aber bloß nicht auf. Das Ziel lohnt sich!
Schlampen im Alltag? Während Nicht-Schlampen die Waschmaschine genau eine Minute nach dem sie fertig geschleudert hat, leeren und die Wäschen aufhängen, trinken Schlampen in aller Ruhe den Kaffee, Tee, Wein oder Likör aus, lesen dazu mitten am Tag ein paar Seiten im Krimi, bloggen und schreiben, statt vor der eigenen Türe zu kehren, und holen die Wäsche später. Trocken wird sie nämlich früher oder später sowieso. Schlampen stehen auch nicht sofort vom Tisch auf, kaum dass der oder die Letzte in der Runde den letzten Bissen in den Mund geschoben hat. Oder gar vorher. Sie bleiben sitzen, denn sie lieben gemütliches Zusammensein. Das Geschirr kann warten. Dies noch: Schlampen mögen Worte wie später, irgendwann und mañana nicht nur des schönen Klanges wegen, dennoch leben sie jetzt.
Eine Schlampe ist niemals Sklavin, sondern Gebieterin ihrer Dinge, ihrer Uhr und der Außenwelt. Ob Haushalt, Büro, Atelier, Garten oder was auch immer, ist dabei einerlei. Eine Schlampe ist eigenmächtig und selbstbestimmt. Ob dies wohl der Grund ist, warum wir Schlampen noch immer diskriminiert, verleumdet, verfolgt und nicht verstanden werden?
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Anmerkungen:
Selbstverständlich gibt es auch männliche Schlampen und Nicht-Schlampen. Alle weiblichen Formen gelten auch für sie.
Halbschlampen gibt es allerdings nicht.
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Freundin C.(2) gewidmet, die bald zum zweiten Mal Mama wird. Es lebe das Schlampentum!
Gollensteinchen
Heute hatte ich seit langem wieder einmal Lust, Bilder zu bearbeiten. Zu äppen, auf gut iphoneisch. Nachdem Irgendlink und ich gestern einige unserer iPhoneArt-Kunstwerke ins unartige Atelier in Z. gebracht hatten, wo heute Open House war, spürte ich es vorhin endlich mal wieder in den Fingern jucken. Die mühsamen Umstände der letzten zweidrei Wochen haben mich irgendwie gelähmt.
Doch die Anwesenheit von Frau Freihändig, die seit Donnerstag und noch bis Montag aus Berlin bei uns zu Besuch ist, hat etwas sehr wohltuendes. Wir drei befinden uns in einer Art Blase, dünkt es mich. Was vorher war, ist unwichtig. Was nachher kommt, zählt nicht. Was zählt ist einzig jetzt. Die Wärme des Holzofens, das gemütliche Zusammenkochen und -essen, Lachen, Schweigen, Bilder und Geschichten teilen – und das tut gut.
Nach dem Besuch der Ausstellung haben wir heute Nachmittag die Verlockung der Sonnenstrahlen angenommen und sind zum Gollenstein gefahren. Steine mag ich ja, wie Stammlesende wissen, und ich mag eben auch Hinkelsteine, wie man unten deutlich (?) sieht … 🙂

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Bild: iDogma –
Fotografiert mit ProCamera, bearbeitet mit Diptic, Segmentix, Blender, Juxtaposer und PS Express
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 7: Sozialstaat Deutschland oder vom deutschen Kind und seinem Bade oder a piece and a kiss of bliss
Wie ich gestern in der letzten Yogastunde des laufenden Kurszyklus so auf meiner Matte liege, begreife ich auf einmal, dass der Lebenssinn wohl weniger in einer bestimmten Aufgabe, die es erstens zu finden, zweitens zu definieren und drittens zu lösen gilt, liegt, als darin, dass ich in mir drin begreife, dass ich Mensch werden soll. Menschlich. Keine Maschine, die bloß tut, was man ihr sagt. Menschlich, mitfühlend, denkend, verstehend, verwoben und vernetzt mit allem, was da ist, Anteil nehmend, authentisch und ja, auch reif, klar, weise, belastbar und bei sich. In Kontakt mit sich selbst. Verbunden in Liebe zu sich selbst. Dies als Ziel, als Lebenssinn zu betrachten, hat, wie ich da in der Stellung des Kindes – Garbhasana genannt – am Boden knie, auf einmal den Geschmack von Erleuchtung. Und auf einmal war mir egal, was jener Mensch neulich zu mir gesagt hat.
Kein wirklich Nahestehender, zum Glück, aber einer, um den ich nicht wirklich drum rum komme, leider. Er meinte unter anderem, ich solle halt mal von meinem hohen Ross runterkommen und halt irgendeine, die erstbeste Arbeit annehmen. Statt dem Staat auf dem Sack zu hocken. Zum einen fragte ich mich hinterher natürlich, warum er so gemein zu mir sein musste, wo er doch nicht die ganze Geschichte kennt, nur einen kleinen Ausschnitt, und selbst diesen nur als Übersetzung. Von meiner Herzsprache in seine. Einer ganz anderen übrigens, die mit meiner kaum Berührungspunkte hat und zu der es keine Wörterbücher gibt. Zum zweiten überlegte ich, ob er möglicherweise mit dieser einen Aussage recht hat. Ob ich auf dem hohen Ross sitze. Ob ich den Bodenkontakt verloren habe, sozusagen. Ob ich überheblich geworden bin, weil ich für mich selbst kämpfe. Doch muss frau tatsächlich ihre Träume und Visionen, ihr Lebenskonzept, ihr Soseinwiesieist den Ansprüchen und Anforderungen der Außenwelt – sprich Arbeitsamt, Gesellschaft, Wirtschaft – bis zum letzten Blutstropfen opfern nur um zu überleben? Ist meine Arbeitslosigkeit ein Grund zur Scham?
Diese unerträgliche Flüchtigkeit des Zuhause-Gefühls. Eine kurze Zeit in diesem Land, an diesem Ort hat es mich besucht. Unerträglich flüchtig. Unfassbar. Verduftet ist es – im doppelten Sinn. Dieser Tage ganz und gar verdunstet. Da ist nur noch pures Heimweh, blankgescheuert wie ein Handschmeichler von da, wo deine Wurzeln sind. Die Momente der gestrigen Erleuchtung – auch sie waren sehr flüchtig.
Wer den Himmel offen gesehen hat, kann hier schwer Wurzeln schlagen, habe ich vor Jahren mal aufgeschrieben. Ein Satz wie ein Kehrreim. Ein Echo, das mich aus dem Hinterhalt einholt. Immer wieder. Unvorbereitet. Den Himmel gesehen. Es wäre leichter, vermute ich, ich hätte ihn nie gesehen, nicht offen. Einfacher wäre es, das Leben hier. Hier in Deutschland. Hier auf der Erde.
Da war ich heute also auf dem Arbeitsamt. Endlich das erste Beratungsgespräch. Netter junger Mann. Pünktlich öffnet er die Türe. Er vertritt bei mir seine Kollegin, die neulich krank war, als ich meinen ersten Termin gehabt hätte. Sie seien alle am Limit. Zu viel Arbeit, zu wenig Leute. Und es würden noch mehr Stellen gestrichen, neue keine mehr bewilligt. Vielleicht schließe sogar diese Amtsstelle hier. Auch die Zentrale in P. werde geschlossen und in das Amt von K. involviert. Soundsoviele Stellen würden gestrichen.
Dann werden Sie vielleicht bald auf diesem Stuhl hier sitzen, sage ich bitter grinsend und deute auf meinen Stuhl. Ein moderner bequemer Stuhl, der so tut als ob. Als ob wir Recht auf artgerechte Haltung hätten.
Wir verstehen uns, Herr H. und ich. Er ist freundlich. Sagt, dass die Mappe mit meinen Unterlagen verschwunden sei. Sagt mehr, als er wohl dürfte. Wie die Dame neulich auf dem Arbeitsamt in P.. Da wäre alles drin gewesen, in der Mappe, mein Lebenslauf und der ganze Karsumpel. Formulare.
Das pure Chaos!, seufzt er. Wir füllen gemeinsam meine Daten in die Maske auf dem Bildschirm seines Rechners, nachdem ich ihm meinen Lebenslauf mündlich in aller Kürze erläutert habe. Er nimmt mich als Mensch wahr und das ist gut.
Später surft er nach Teilzeitstellen für mich. Ich rede von Zeitarbeit, weil ich mich mit dem Gedanken anfreunde, nächstes Jahr in die Schweiz zurückzuwandern. Was ich nicht sage, obwohl es ein Gedanke ist, der, wenn ich ehrlich bin, nie im Bereich des Unmöglichen lag. Und je mehr ich ihn denke, desto lieber wird er mir. Zumal mein Liebster mit dem Gedanken ebenfalls flirtet.
Deutschland – ein Sozialstaat? Ich muss das wohl geträumt haben. Kann mir bitte jemand die Logik dieser Rechenaufgabe hier erklären? Ich müsse, so meinte Herr H., im Härtefall (was er nicht hoffe und worauf er keineswegs dränge, aber das Recht schreibe es eben so vor), eine Stelle zwingend annehmen, selbst wenn ich bis dreißig Prozent weniger Gehalt, als ich Geld von der Arbeitslosenkasse erhalte, bekommen sollte. Wie bitte? Hohes Ross hin oder her – das kann doch nun wirklich nicht sein! Und vor allem kann es nicht funktionieren. Nein, ich nenne hier keine Zahlen. Über Geld redet man nicht. *hüstel-da-mit-klischee-sätzen-auf-kriegsfuß-stehend*
Aaaaber … da müsste ich ja Hartz IV beantragen!, sage ich. Wo bitte ist da die Logik? Wie bitte, dieses Land hat keine gesetzlich vorgegebenen existenzsichernden Minimallöhne in den einzelnen Branchen? Stattdessen zahlt es Sozialgelder in Milliardenhöhe, die nur über menschenunwürdige Wege beantragt werden können. Entschuldigung, ich bin neu hier und noch unbedarft. Das verstehe ich nun wirklich nicht! Da MUSS ja der Staat die Lecks der ach so armen Arbeitsgebenden auffangen! Auf Kosten der Steuerzahlenden.
Und das nennt sich dann sozial? Ähm hallo, wo ist hier bitte der Notausgang?
((Falls ich einen Denkfehler gemacht oder nicht alles wirklich verstanden habe oder mir jemand die irgendwie innewohnende Logik nachvollziehbar und logisch erklären kann, bitte gerne. Es hänge, sagte Herr H., immer davon ab, wer grad das Sagen habe, welche Partei grad obenauf schwimme. Er hüstelte verlegen. Wie erkläre ich einer Schweizerin unser unlogisches System? Ich sehe, wie er sich windet und mir kommt der Verdacht, dass er gewisse Dinge tatsächlich zum ersten Mal überlegt.))
Das deutsche Kind im Bade – ich bin versucht es auszuschütten. Kurzen Prozess mit ihm zu machen. Koffer packen. Fluchtgene.
Aber halt, da sind ja all die tollen Menschen, die ich im Laufe meines Lebens und der letzten neun Monate in diesem Land kennengelernt habe. So viele Menschen, die so ganz anders sind, als diese kleinbürgerlichen Gutbürgerinnen und -bürger, die mir in der letzten Zeit das Leben verdammt ungemütlich machen.
Merke: Es reicht vorerst, nur die Badewanne auszuschütten. Neues Badewasser könnte sicher nicht schaden. Und Kofferpacken reicht auch noch übermorgen.
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Weiterführende Artikel:
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 1: Einkaufen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 2: Wie Löwenzahn
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 3: Der Ausweis
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 4: gesund oder krank? Teil 1
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 5: auswärts essen
Integrationskurs „Alltag in Deutschland“ – Lektion 6: gesund oder krank? Teil 2
Lebenslügen
Ich kann nicht die sein, die ich bin, sagt sie. Nicht hier. Und vielleicht nirgends. Jedenfalls nicht die, die sie wirklich sei. Nicht nach außen jedenfalls. Aus Angst vor Missverständnissen passe sie sich an, spiele ihre Rolle, gibt sie zu. Allerdings sei sie wohl zu wenig gut, um wirklich erfolgreich täuschen zu können. Die anderen vielleicht, sich selbst aber nicht – nicht wirklich, nur oft und nur scheinbar. Diese alles entscheidende Frage, wozu sie eigentlich hier sei – wirklich-wirklich, übergeordnet, sinnstiftend – würgt sie einmal mehr und sitzt ihr im Nacken. Diese Frage aller Fragen hat, wie es aussieht, nur eine Weile geschlafen – oder hat sie sich gar tot gestellt? –, aber weg war sie nie, nicht wirklich (und sie frage sich, sagt die Frau, wie andere diese Frage für sich so gut verdrängen oder so erfolgreich und befriedigend beantworten können) und während sie sich weiterhin nach außen hin adäquat verhält und die Rolle geschickt, so gut es eben geht, spielt, fällt niemandem groß auf, nicht mal ihr selbst, dass sie irgendwie falsch spielt. Eigentlich. Nicht absichtlich, sondern einfach um zu überleben, was in sich eine Paradoxie darstellt, da sie ja nicht weiß, wozu sie eigentlich lebt, wie sie sagt. Mein Fluss staut, ich hinke, ich stolpere. Warum ist ‚einfach leben‘ so schwer?
(by me)
Schnitt.

Das Buch, Unter dem Tagmond der neuseeländischen Autorin Keri Hulme, das Luisa Francia am 25.November 2011 in ihrem Internettagebuch beiläufig erwähnt hat, lässt mich seit Tagen nicht mehr los. Der Titel hatte sich mir beim Lesen des Artikels eingeprägt. Er hat sich mir auf die Schultern gehockt und mich bedrängt, ihm zuzuhören. Schließlich war das Buch gekauft.
Eine verstörende, unbequeme Geschichte, in der Tat, wie es auf dem Umschlag steht. Fertig bin ich noch nicht. Noch ungefähr hundertachtzig Seiten des umfangreichen Buches fehlen. Es zu lesen, tut zuweilen so weh, dass ich weinen muss. Es ist die Geschichte der exzentrischen Künstlerin Kerewin, die eines Tages in ihrem selbstgebauten Wohnturm einen tauben, blonden Jungen findet und tags darauf dessen Pflegevater Joe, einen Maori, kennenlernt. Das Kind sei vor drei Jahren, noch vor Kerewins Ankunft an dieser Küste, nach einem heftigen Sturm wie Strandgut an Land gespült worden. Das gesunkene Schiff wurde nie geborgen. Die Eltern, ebenfalls an Land gespült, waren tot und weltweit nirgends als vermisst gemeldet worden. Eine kleine Spur führt nach England, doch sie versandet. Auch der Pflegevater hat seine Wurzeln zur Herkunftsfamilie verloren, zudem sind seine Frau und sein kleiner Sohn kurz nach dem der Findelsohn Simon in die Familie aufgenommen worden ist, an Grippe gestorben. Kerewin, die unnahbare, höchst sensible, verletzliche und zu Depressionen neigende Künstlerin, hat vor einigen Jahren wegen tiefgehender Probleme ihre Familienbande gekappt und ist als vorläufige Station ihrer Selbstfindung – und offenbar mit genug Geld, um ohne Anstellung leben zu können – hier, im Turm, am einsamen Strand, gelandet.
Die drei zufällig Zusammentreffenden entwickeln eine seltsame, intensive Freundschaft. Die beiden Erwachsenen sind in erster Linie um das Wohl von Simon besorgt, der sich, nicht zuletzt wegen seiner Sprachlosigkeit, sehr unangepasst und unkonform verhält. Dass sein Vater ihn liebt und ihn züchtigt scheint für Kerewin am Anfang normal zu sein, bis sie entdeckt, dass der ansonsten zärtliche und liebevolle Vater seinen Sohn zuweilen bis aufs Blut misshandelt.
Wir teilen als Lesende den Alltag dieser Schicksalsgemeinschaft. Wir lauschen philosophischen Gesprächen von Kerewin und Joe, erfahren Joes Lebensgeschichte und warum Kerewin eine Weile in Japan gelebt und dort Aikido studiert hat, diesen Lebensweg der Versöhnung. Wir sehen Wutausbrüche, wir erleben Versöhnungen. Und schließlich sind wir dabei, als alles überbordet und die Staumauern einreißen.
Die Autorin ist stilistisch in keine Schublade zu stecken. Sie erzählt oft sprung- und bildhaft, Gedankenfetzen werden eingewoben und Dialoge sind nicht immer als solche erkennbar – waren das eben Gedanken oder haben die beiden miteinander geredet? Dann wieder erzählt sie ganz klassisch, was die drei Menschen jetzt in der Hütte aus Kerewins Kindheit erleben, die sie gemeinsam für ein paar Wochen Ferien aufsuchen. Niemals zählt sie auf, niemals erklärt sie zu viel, und immer bin ich als Betroffene mitten drin. Sogar die Wutausbrüche Simons, Joes und Keres sind irgendwie nachvollziehbar.
Was die drei Menschen erleben, hat für mich etwas sehr archetypisches, beinahe gleichnishaftes, ohne aber je moralisch zu sein. Zwingend existentiell die Thematik. Letztlich geht es auch um Lebenslügen. Um Hoffnungslosigkeit ebenso wie um Sehnsüchte. Nach Erlösung. Nach Freispruch. Nach Heilung. Und letztlich ist es eine Liebesgeschichte der ganz und gar anderen Art. Wie sie endet? Darauf bin ich schon sehr gespannt.
*leere Zeile*
Zu viele Farben, zu viele Bilder, Kontraste, Geräusche, Texte. Zu viele Geschichten. Einfach viel zu viele Eindrücke aus allen Richtungen. Zu viel von allem. Reizüberflutung. Alles gleichzeitig und deshalb nicht wirklich aufnehmbar. Dazu viel zu wenig Ruhe innen drin. Stille, warum weiche ich dir aus? Warum lass ich dich nicht ein? Ich sitze da und hätte alle Zeit der Welt für dich und was tue ich stattdessen? Ich surfe, ich lese. Klicke Bilder an, klicke Texte an, schreibe Kommentare da und dort. Gebe meinen Senf dazu. Bin da betroffen, leide dort ein wenig mit und klicke mich weiter. Und bilde mich weiter – ganz beiläufig. Bilde es mir jedenfalls ein.
Es denkt in mir. Laut denkt es in mir. Lauter laute Wörter. Buchstaben, die ich ausspucke, jetzt und hier und ich begreife, dass alles, was mich da draußen stört, schon und immer auch in mir drin ist. Leistung bringen müssen? Kannst du sogar zuhause am Schreibtisch haben! Voilà: Sogar beim Bloggen. Beim Bilder einstellen auch und beim Rückmeldungen geben. Sogar welche zu bekommen ist nicht leistungs(druck)frei. Dank wird erwartet. Glaube ich jedenfalls. Dieser Jahrmarkt der Eitelkeiten hier und jetzt, frei nach William Makepeace Thackeray. Transponiert in die Gegenwart. Eitelkeit ist zeitlos. Doch Eitelkeit nährt ein bisschen. Das Ego immerhin.
Und was nährt den Bauch? Wozu den Antrag auf Wohngeld ausfüllen? Ein bisschen mehr Geld zu haben, ist nicht schlecht, scheint es mir. Entlastung ist willkommen. Entspannung tut gut und Geld regiert die Welt, sagen sie. Sie? Wir. Ich. Ich auch. Auch ich brauche es, das Geld. Die Kohle. Den Schtutz. Auch ich kann ohne es und sie und ihn nicht einkaufen. Auch ich glaube zuweilen, mehr als mir lieb ist, dass Haben die Seele nährt. Stimmt es sogar? Eingewoben in der Materie, wie ich es bin, ist Haben mitverantwortlich für Wohlgefühl. Ich sage nur iPhone. Ich sage nur Auto.
Nein, ich plädiere hier nicht für Kaufen. Nicht für Habenmüssen. Nicht für mehr. Nicht für größer. Nicht für Big Business. Und schon gar nicht für Weihnachten und so Zöix. Nein, ich plädiere nicht für diesen Hype. Ich boykottiere ihn sogar. Wie schon seit vielen Jahren gibt es von mir keinerlei Geschenke, keinen Christbaumklimbim und auch kein Adventsgekränzel. Null Kitsch. Null Sentimentalität. Null Weihnachtsprogramm. Und null Karten. Bestenfalls zur Sonnwende und zum neuen Jahr einen Gruß. Lieber schreibe ich jedoch Briefe, Karten und Mails, wenn ich Lust dazu habe.
Dennoch fühle ich mich virtuell übersättigt. Dauermüde vom Hören, Sehen, Verarbeiten. Immerhin und zum Glück ist das meiste davon, was ich aktuell als stressig empfinde, handgestrickt.
Schnitt.
Und jetzt? Darf frau sowas veröffentlichen? Ein Text mehr, der im virtuellen Netz herum schweben wird. Ein paar Zeilen nur. Worte. Wörter. Leerlauf möglicherweise. Gedanken, wie sie alle denken. So what?
Wenn ich hier einmal einen tollen Text geschrieben habe, muss ich deswegen nicht immer geniale Texte schreiben. Ist mit Bildern nicht anders. Mut zum Unperfekten. Mut zum Prozess. Und ja, es darf auch mal durchschnittlich sein, was wir produzieren, was wir leisten. Unsere Messlatten dürfen ruhig rauf und runter gehen. Ein Stressfaktor weniger, wenn wir uns dies erlauben.
Ein leeres Bild. Ein weißes Blatt Papier. Nackter Baum. Pause. Punkt. Lücke.
Ja!
Schatten
Die letzten Tage haben sich die Bloggerinnen Cambra und Li Ssi (Café Weltenall) – siehe meine Blogrolle – mit ihren Schatten auseinandergesetzt. Und Masken gestaltet.
Inspirierend!
EDIT: Mein Weg des Maskenbaus ist ein virtueller.
Heute setze ich mich virtuell mit meinen Schatten auseinander. Auf dem iPhone. Welten treffen aufeinander. Innen und außen werden eins.
Das eine nicht ohne das andere.
Spiegelung.
Gegenteil.
Kontrast.
Verbindung.
Übergang.

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Bild: iDogma –
Fotografiert mit Hipstamatic, bearbeitet mit Dynamic Light, Grungetastic, Diptic und Blender. Finish mit Pic Grunger
anders
Ein Bild taucht auf. Jeder Mensch sei ein Kreis. Menge, denke ich. Was uns ausmacht, ist die Menge alldessen, was da ist. In uns. Sicht- und unsichtbares. Verstecktes. Jede und jeder eine Menge. Mit den einen überschneiden sich Interessen, Schnittmengen entstehen, größere, kleinere. Bei anderen berühren sich nur die Kreislinien und bei wieder anderen nicht einmal diese.
Dennoch sitzen wir alle im gleichen Boot. Kreise auf dem gleichen Blatt Papier.
Erde. Boot. Papier.
Wir alle, mit Ausnahmen, die es immer geben wird, sind von dem Kreis, den wir selbst darstellen, zumindest so weit überzeugt, als dass wir uns darin auskennen und ihn für richtig halten, im großen Ganzen. Und für wichtig auch. Wir wissen, welche Regeln in diesem Kreis gelten und gehen davon aus, dass die Regeln im Nachbarskreis und in all den anderen Kreisen ähnlich sind. Überraschung! Sind sie nicht. Nicht immer jedenfalls. Eher weniger als mehr. Die anderen Regeln sind zuweilen sogar so was von anders als unsere, dass wir nur den Kopf schütteln würden beim Versuch sie zu verstehen. Was andere als Regeln für ihren Hamsterrad-Kreislauf definiert haben, muss aber deshalb nicht schlechter sein. Doch anders reicht den einen oft schon, um respektlos und grob zu werden. Verbal oder handgreiflich.
Auch die Definition von Notwendigkeiten ist unterschiedlicher als wir ahnen. Was die eine braucht, geht dem anderen am A… vorbei. Wie ich da so gestern mit Freundin A. in einer Konditorei in B. sitze und wir über Göttin, die Welt und die Männer philosophieren, über Befindlichkeiten und Lebenssinn, über Bedürfnisse und Bedürftigkeit – Schuhe kamen im Gespräch übrigens keine vor! – wird mir bewusst, dass das, was ich zum Leben brauche, längst nicht alle anderen brauchen. Solche Gespräche zum Beispiel nähren mich weit mehr als zehn Stücke Torte. Und während andere sich nur wohlfühlen, wenn sie jeden Tag zehn Stunden arbeiten können, brauche ich viel Stille. Während andere den Winter lieben, den Schnee kaum erwarten können, es sie bei solchem Wetter nach draußen zieht und sie glücklich aufatmen, wenn es endlich kühler wird, hänge ich bei solchem Wetter am liebsten auf dem Sofa und träume von Winterschlaf und lauen Sommernächten.
Die Kreise, die wir vorhin gezeichnet haben, die Menschen, die wir sind – wir füllen die einzelnen Kreismengen nun im zweiten Schritt noch dadurch, dass wir weglassen, subtrahieren, was für jede überflüssig ist. Ihr wisst schon: Kreis A braucht dies nicht, während Kreis B ohne dies kaputt gehen würde. Wieder wird es so mit den einen Schnittmengen geben, mit anderen Berührungen und mit noch anderen keinerlei Kontakt. Und doch kreisen wir noch immer auf dem gleichen Blatt Papier.
Was ich zum Beispiel absolut nicht brauche? Weihnachten. Weihnachtsstress. Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsgeschenke. Weihnachtsbesuche.
(Klammer auf: Würde ich diese meine Überflüssigkeiten zum neuen Gesetz erheben, bekäme ich mächtig Probleme. Nein, nicht primär mit den lieben Kinderlein, mehr noch mit den Wirtschafts- und Werbefuzzis allüberall. Die würden wohl ganz anderes weglassen, Pausen vielleicht, Müßiggang. Klammer zu.)
Ein anderer würde nur allzu gerne auf die Farbe rot verzichten, weil sie zuweilen in den Augen weh tut, weh tun kann. Andere wieder können sehr gut ohne Bücher sein, und noch andere brauchen keine Milch. Die einen brauchen Coolness nicht, andere schon. Ähnlich geht es mit Machismo. Mit Zigarren und mit Schokolade. Alle aber können eins nicht weglassen, eins nicht. Ob als Sehnsucht oder gelebt: ein warmes Nest brauchen alle. Eigentlich. Geborgenheit. Wohlwollen. Raum, die und der sein zu können, die und der wir sind. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist so klein nicht und ein paar andere Buchstaben mit viel Gewicht und wenig Aufwand gehören ebenfalls dazu: TOLERANZ.
Der Mensch sei ein Kreis. Nein, nicht Konjunktiv, den kreisen tun wir alle. Und stolpern und wieder aufstehen auch. Weitergehen.