anders

Ein Bild taucht auf. Jeder Mensch sei ein Kreis. Menge, denke ich. Was uns ausmacht, ist die Menge alldessen, was da ist. In uns. Sicht- und unsichtbares. Verstecktes. Jede und jeder eine Menge. Mit den einen überschneiden sich Interessen, Schnittmengen entstehen, größere, kleinere. Bei anderen berühren sich nur die Kreislinien und bei wieder anderen nicht einmal diese.
Dennoch sitzen wir alle im gleichen Boot. Kreise auf dem gleichen Blatt Papier.
Erde. Boot. Papier.
Wir alle, mit Ausnahmen, die es immer geben wird, sind von dem Kreis, den wir selbst darstellen, zumindest so weit überzeugt, als dass wir uns darin auskennen und ihn für richtig halten, im großen Ganzen. Und für wichtig auch. Wir wissen, welche Regeln in diesem Kreis gelten und gehen davon aus, dass die Regeln im Nachbarskreis und in all den anderen Kreisen ähnlich sind. Überraschung! Sind sie nicht. Nicht immer jedenfalls. Eher weniger als mehr. Die anderen Regeln sind zuweilen sogar so was von anders als unsere, dass wir nur den Kopf schütteln würden beim Versuch sie zu verstehen. Was andere als Regeln für ihren Hamsterrad-Kreislauf definiert haben, muss aber deshalb nicht schlechter sein. Doch anders reicht den einen oft schon, um respektlos und grob zu werden. Verbal oder handgreiflich.
Auch die Definition von Notwendigkeiten ist unterschiedlicher als wir ahnen. Was die eine braucht, geht dem anderen am A… vorbei. Wie ich da so gestern mit Freundin A. in einer Konditorei in B. sitze und wir über Göttin, die Welt und die Männer philosophieren, über Befindlichkeiten und Lebenssinn, über Bedürfnisse und Bedürftigkeit – Schuhe kamen im Gespräch übrigens keine vor! – wird mir bewusst, dass das, was ich zum Leben brauche, längst nicht alle anderen brauchen. Solche Gespräche zum Beispiel nähren mich weit mehr als zehn Stücke Torte. Und während andere sich nur wohlfühlen, wenn sie jeden Tag zehn Stunden arbeiten können, brauche ich viel Stille. Während andere den Winter lieben, den Schnee kaum erwarten können, es sie bei solchem Wetter nach draußen zieht und sie glücklich aufatmen, wenn es endlich kühler wird, hänge ich bei solchem Wetter am liebsten auf dem Sofa und träume von Winterschlaf und lauen Sommernächten.
Die Kreise, die wir vorhin gezeichnet haben, die Menschen, die wir sind – wir füllen die einzelnen Kreismengen nun im zweiten Schritt noch dadurch, dass wir weglassen, subtrahieren, was für jede überflüssig ist. Ihr wisst schon: Kreis A braucht dies nicht, während Kreis B ohne dies kaputt gehen würde. Wieder wird es so mit den einen Schnittmengen geben, mit anderen Berührungen und mit noch anderen keinerlei Kontakt. Und doch kreisen wir noch immer auf dem gleichen Blatt Papier.
Was ich zum Beispiel absolut nicht brauche? Weihnachten. Weihnachtsstress. Weihnachtsbeleuchtung. Weihnachtsgeschenke. Weihnachtsbesuche.
(Klammer auf: Würde ich diese meine Überflüssigkeiten zum neuen Gesetz erheben, bekäme ich mächtig Probleme. Nein, nicht primär mit den lieben Kinderlein, mehr noch mit den Wirtschafts- und Werbefuzzis allüberall. Die würden wohl ganz anderes weglassen, Pausen vielleicht, Müßiggang. Klammer zu.)
Ein anderer würde nur allzu gerne auf die Farbe rot verzichten, weil sie zuweilen in den Augen weh tut, weh tun kann. Andere wieder können sehr gut ohne Bücher sein, und noch andere brauchen keine Milch. Die einen brauchen Coolness nicht, andere schon. Ähnlich geht es mit Machismo. Mit Zigarren und mit Schokolade. Alle aber können eins nicht weglassen, eins nicht. Ob als Sehnsucht oder gelebt: ein warmes Nest brauchen alle. Eigentlich. Geborgenheit. Wohlwollen. Raum, die und der sein zu können, die und der wir sind. Dieser kleinste gemeinsame Nenner ist so klein nicht und ein paar andere Buchstaben mit viel Gewicht und wenig Aufwand gehören ebenfalls dazu: TOLERANZ.
Der Mensch sei ein Kreis. Nein, nicht Konjunktiv, den kreisen tun wir alle. Und stolpern und wieder aufstehen auch. Weitergehen.

0 Kommentare zu „anders“

  1. Für mich ist das hier ein Appell unsere Gemeinsamkeiten trotz unserer Unterschiede. Und dass wir allein deshalb eigentlich immer, wirklich immer, Berührungspunkte finden können sollten. Sehr schön. Danke, liebe D. …

  2. grundsätzlich finde ich schon, dass wir immer berührungspunkte finden können sollten, versuchen sollten, dass … aaaber … manchmal geht es nicht. in solchen fällen gilt es, toleranz zu üben und zu begreifen, dass wir mit der einen und dem anderen nur indirekt verbunden sein können. es gibt ja auch bei mir, in all meinem toleranzbestreben grenzen. menschen mit so gegenteiligen lebenseinstellungen zu meinen, mit denen ich überhaupt keine affinitäten habe, mit denen muss ich nicht um jeden preis aus dem gleichen glas trinken. am gleichen tisch sitzen muss genügen. und im gleichen boot paddeln wir ja eh … 🙂

    1. Ja, beim normalen Menschen, der nicht andere quält oder schädigt, kann die Toleranz eben dieser Berührungspunkt sein. Ich hab‘ zu Toleranz übrigens noch eine andere Meinung, die glaube ich nicht von jedem akzeptiert werden kann. Ich finde zuviel Toleranz gefährlich. Das kann ich aber nicht in einem Satz nochmal erklären … Das würde zuweit führen. Püüüh.

      1. genau, seh ich auch so. ich meine nicht grenzenlose toleranz und habe auch klare grenzen: wo menschen andern mit vorsatz schaden, hört sie bei mir auf, die toleranz. aber hier, im obigen artikel spreche ich von normalen menschen mit normalen zeitweiligen vorurteilen, von vernuft, von gesundem menschenverstand und empathie – diese toleranz meine ich hier. was auch immer normal ist. 🙂 hach, wie leicht so ein wort missverstanden werden kann. danke für den ergänzenden input!

  3. Toleranz ist immer die Toleranz gegenüber Andersdenkenden, hat Rosa Luxemburg gesagt und so einleuchtend das klingt, es ist schwer umzusetzen, schwer sich immer wieder daran zu erinnern. Und Toleranz endet da, wo Verletzungen stattfinden, wo es nicht mehr um unterschiedliche Positionen, sondern um Machtansprüche geht. Toleranz ist verdammt schwierig.
    Was mir besonders gefällt an diesem Beitrag (außer dem schönen Bild mit den Kreisen), ist das, was in der Klammer steht. Wenn ich so Werbung höre wie „Weihnachten wird unterm Baum entschieden“ wird mir schlecht. Andererseits mit meinen Kindern über den Weihnachtsmarkt gehen, vom Nikolaus zum Mitsingen gebeten werden, das ist schön, aber das geht immer mehr verloren und unter, und ich weiß, dass ich jetzt ein neues Fass aufmache, deshalb hör ich auch auf…

    1. danke für deinen gedankenanstoß, liebe mützenfalterin. toleranz ist eine unerfüllbare herausforderung, die irgendwie auch mit zivilcourage korrespondiert. was mich oft im ganzen kontext von toleranz so traurig macht, ist, dass genau die menschen intolerant sind, die mir toleranz abverlangen.
      das neue fass? wenn es zeit ist, bitte öffnen!!! 🙂

  4. wieso ist toleranz eine unerfüllbare herausforderung? ist es nicht eher eine herausforderung, der wir uns täglich stellen dürfen. schön, wenn es gelingt! gelingt es nicht, dann heißt es eben: weiterüben…

  5. unerfüllbar sage ich deshalb, weil toleranz und die in ihr mitgelieferte herausforderung in sich ein paradox ist. 100%ig-konsequente toleranz würde eben ALLES erdulden (von da kommt ja das wort toleranz, von erdulden). und alles heißt eben alles, wirklich alles.
    in dieser konsequenz kann und mag kaum jemand tolerant sein. das will ich auch nicht. die herausforderung, weit und tolerant zu sein, ist eben für mich genau deshalb unerfüllbar – weil ich sie letztlich SO nicht erfüllen will. kannst du jetzt nachvollziehen, wie ich es meinte? natürlich übe ich da weite, wo es für mich geht. das heißt, im bereich der von mir gesteckten grenzen – und die kann ich ja übungsweise auch immer ein wenig ausdehnen, aufpassend, mir dabei selbst treu zu bleiben. auch das teil des paradoxon.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert