Wir sind wie Computer, sage ich. Alles in unserem Leben braucht das entsprechende Programm, damit wir es öffnen und lesen können. Das Programm, das Liebe öffnet, sind bei mir die Gefühle.
Vergiss nicht, dass die Liebe da ist, selbst, wenn du grad nichts fühlen kannst. Genau wie eine Datei, die du geladen hast, aber nicht öffnen kannst. Die Infos sind auch dann da, wenn das Programm fehlt, sagt Irgendlink. Und die Liebe ist auch immer da.
Hm, was nützt mir eine Datei ohne Programm?, frage ich mich. Aber vermutlich ist es, wie du sagst. Hauptsache sie sind da, diese Dateien – ob nun lesbar oder nicht. Wir sind ja umgeben von unzähligen Dingen, die wir einfach „haben“, ohne sie je zu benutzen.
Wir befinden uns auf einer elsässischen Autobahn, irgendwo zwischen Basel und zuhause, und philosophieren. Endlich allein, nachdem wir unsere Mitfahrgäste am Basler Bahnhof verabschiedet haben. Es wird langsam dunkel, die Sonne malt rosa und orange Kleckse in die Wolken, die wie feuchte Wäsche am Horizont hängen. Feucht ist auch die Luft, feucht und frisch das neue Jahr. Mal regnet es, mal nicht. Aprilwetter am zweiten Januar. Tauwetter, das uns die Heimreise über die Berge des französischen Jura erleichtert hat. In St. Lupicin, wo wir sechs Tage Gäste in meiner ehemaligen Lebensgemeinschaft gewesen sind, lag Schnee. Tauender Schnee um genau zu sein.
Die Welt war weiß, in die wir für ein paar Tage eingetaucht waren, nachdem wir uns am Dienstagmorgen im Aargau von Freundin L. (1) verabschiedet hatten. Weiß und nass war die anschließende Woche gewesen, wenn ich von den anderthalb Sonnentagen absehe. Vermutlich unwesentlich, wer weiß das schon so genau, denn die Umgebung war so oder so zauberhaft. Wie froh ich bin, das J. mindestens einmal diesen unglaublichen Sternenhimmel bewundern konnte, wie es ihn nur in Gegenden gibt, die nicht zu nahe bei einer Stadt sind! „Unser“ Bach, die Lizon, war zum Fluss geworden, rauschte in einer Intensität, die ich noch nie so gehört hatte, obwohl ich seit meinem Wegzug vor fünfzehn Jahren oft und zu jeder Jahreszeit hier gewesen war.
Wir waren zehn-zwölf Leute, die sich zwischen den Jahren hier eingefunden hatten. Freundin M. (1) mit den ältesten drei Kindern, ihr Partner S., und ein paar zugewandte Orte wie wir beide, genossen die Stille des Platzes und das Zusammensein. Kochen, essen, abwaschen, Holz hacken, aufräumen, Böden kehren, einkaufen … alles wurde geteilt, der Dreck ebenso wie die Kosten.
Mir selbst ging es nicht sehr gut. Die Probleme und Sorgen des Alltags konnte ich – wie so oft – nicht einfach ausblenden. Zusammenfassend nur dies: ich lebe noch. Und es besteht Hoffnung.
Am ersten Tag des neuen Jahres haben wir einen Ort entdeckt, ganz in der Nähe meines früheren Zuhauses, der mir schlicht die Sprache verschlagen hat. Irgendlink und ich hatten einen Geocache gefunden und waren anschließend auf einem Wanderweg gelandet, der früher eine Eisenbahnlinie gewesen sein muss. Entlang der tosenden Lizon fanden wir einen kleinen Urwald voller moosbewachsener Bäume und Luft, die ihren Namen wirklich verdient. Ein kleines grünes Paradies. Meine Augen sogen das Grün auf und das schwere Herz wurde weich und ein klein bisschen leichter.

Am Ufer der Lizon

Am Stausee von Cuttura
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Wohl wahr: Liebe und all das, was das Leben lebenswert macht, sind auch da, wenn der jeweilige Indikator oder das entsprechende Programm grad nicht zu Verfügung stehen.
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Bilder: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).
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