Es gibt Dinge, die kann ich. Es gibt Dinge, die kann ich nicht. Solche auch, die will ich gar nicht können. Und solche gibt’s, die ich gerne könnte, nie können werde oder vielleicht eines Tages ebenfalls kann. Künstlerin ich.
Beim Bilderbearbeiten auf dem iPhone gibt es Techniken, die mir zu kompliziert sind. Wenn Irgendlink auf dem Display seines iPhones herum zaubert, bleibt mir zuweilen die Spucke weg. Er kann Dinge, die ich nicht kann. Und nein, ich muss überhaupt nicht alles können, dennoch will ich nicht aufhören, lernen zu wollen. Zu lernen gehört zu meinem Leben. Zum Leben. Die Bereitschaft neues zu lernen, ist für mich eine der Motivationen, überhaupt zu leben.
Die Welt des Alles und des Nichts. Die Welt der Dinge. Die Welt des Unsichtbaren. Alle nebeneinander. Aufeinander. Gleichzeitig. Alles ist immer gleichzeitig. Während ich hier bin, ist gleichzeitig das Nordkap – zwar woanders, aber da. Für andere sichtbar, für mich nur vermutbar. Weil es auf der Karte abgebildet ist. Weil ich schon Bilder gesehen habe. Weil ich schon fast dort war. Und gleichzeitig wie ich hier bin, ist mein Bruder in der Schweiz. Der Beweis: Seine Mails. Gleichzeitig ist Schweden. Ist Sierra Leone. Ist China. Nordkorea. Und gleichzeitig ist auch mein Traum nach Gutleben für alle. Nach fairem Handel rund um den Globus. Nach Gewaltfreiheit. Nach heiler Natur.
In dieser Gleichzeitigkeit ist ebenfalls jeglicher Schmerz und jegliches Lachen. Verzweiflung genauso wie Ekstase. Und in allem ist jeder Mensch, der im Mittelpunkt seines Lebens steht. Mit all den Dingen, die er kann und die er sich erträumt. Mit allem auch, was er nie können wird.
Der Wunsch von Utopia ist alt. Schon die guten alten Bibelschreiber – ja, männlich, denn das können keine Frauen gewesen sein – haben sich ein Paradies gebaut, um damit die Sündenspirale, die dem Menschen innewohnt, zu begreifen und zu erklären. Das Ding mit der Angst – andern die Hölle heißzumachen – ist ein uralter Trick. Vertröstet werden auf den Himmel war schon immer ein gutes Geschäft. Es hält die Menschen bei Laune, macht sie gefügig, hält sie klein. Macht sie neidisch. Schafft Minderwertigkeitsgefühle und nährt Wunden. Füttert Aggressionen. Entfacht Kriege und kurbelt die Wirtschaft an.
Was ich sagen will? Da ist dieses Programm, das ich vor fünf Tagen auf den Rechner geladen habe. Es ist ziemlich schlau, beschäftigt sich im Hintergrund mit den unsichtbaren und sichtbaren Dingen, die auf meiner Festplatte herumlungern und schafft, wenn ich es darum bitte, für Ordnung und mehr Platz. Es listet mir die schon lange nicht mehr verwendeten Programme auf und rät mir, das eine oder andere zu deaktivieren oder gar rauszuschmeißen. Ein paar solcher Schmarotzer, die nur Platz brauchen, habe ich bereits rausgeworfen. Nichts leichter als das.
Auch defragmentieren kann das Ding, was so viel bedeutet, dass das Ding, wenn ich es dazu auffordere, alle Dateien auf der Festplatte ordnet, gleiches zu gleichem stellt, legt, schubladisiert, so dass es wieder Platz auf dem Tisch gibt.
Wie schön es wäre, wenn ich innen drin auch so ein Ding hätte, das für Ordnung sorgt!, denke ich fast jedes Mal, wenn ich die Aufforderung anklicke, doch bitte genau jetzt aufzuräumen. Ein paar meiner ganz persönlichen Programme hätte ich ganz gerne deinstalliert. Deaktivieren ist aber auch schon okay. Meine biologischen Virenschutz- und Malewaresuch-Programme geben zwar hin und wieder rote Lichtsignale ab, doch ich ignoriere die Warnungen weitestgehend und bringe mich mehr schlecht als recht durch die Tage, die mit allerlei selbst auferlegten Pflichten gefüllt sind – sein sollten. Ich sage nur Bewerbungen. Manchmal bin ich ob der Fülle der Pflichten derart gelähmt, dass nichts mehr geht.
In früheren Artikeln habe ich bereits laut darüber nachgedacht, wie viel persönliches ich hier preisgeben soll und darf. Da gibt es – bei euch und bei mir – verschiedene Ansätze und zuweilen halte ich mich sehr bedeckt. Dann wieder zeige ich ziemlich viel von mir. Meistens befindet die Tagesform darüber, wie engmaschig mein Filter ist.
Die virtuelle Welt ist so anders nicht als die richtige, will heißen als die Welt der Dinge und der Dichte, dachte ich heute Abend auf dem Heimweg vom Einkaufen. Und auch Autofahren ist wie Leben. Und Schreiben ebenfalls. Ich fahre durch den Regen. Es ist dunkel … ich sehe die Straße kaum. Den Rand ahne ich bloß. Noch weniger als kaum sehe ich, wenn mir ein anderes Auto – am liebsten ohne abzublenden – entgegen fährt. Ich fahre auf gut Glück. Ich lebe auf gut Glück.
Voyeurin bin ich, wenn ich andere Geschichten lese. Exhibitionistin bin ich, wenn ich mich sichtbar mache. Sind wir denn nicht alle irgendwie ähnlich unterwegs? Tut es uns nicht irgendwie gut, wenn wir bei anderen lesen, dass sie ähnliche Probleme haben? Freuen wir uns nicht alle ein bisschen mit, wenn eine es geschafft hat, den gewünschten Job zu bekommen, ein Problem endlich zu lösen oder eine schwere Prüfung abzulegen? Diese unsichtbare Welt, die Welt der Virtualität, ist so lebendig wie all jene, die sie bewohnen.
Du und du und du und … ich …

(((Zurzeit bearbeite ich fast ausschließlich Porträts von J. und von mir. Die wenigsten sind zum Zeigen bestimmt. Eins heißt zum Beispiel „How to monsterize myself“. Möglicherweise kein unwichtiger Prozess, der da in mir abgeht. Mich neu zusammenzusetzen, wie neulich schon erwähnt – vermutlich ist es das, was mich dieser Tage beschäftigt …)))
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Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit verschiedenen iPhone-Apps (integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone ausgeführt).