nullkommanulleins vielleicht

Gestern habe ich damit angefangen, nach meiner neuen Wohnung zu suchen. In der Schweiz. Internet sei Dank. Internet kann fast alles. Internet zeigt mir, wie das neue Wohnhaus, das ich vielleicht schon in ein paar Monaten mit bewohnen werde, von außen aussieht, wie die Wohnung von innen aussieht, wie der Blick aus dem Fenster aussieht. Was die Wohnung kostet. Wo sie ist. Kartenausschnitt. Google Streetview. Satellitenperspektive. Alles lässt sich anschauen. Dank Internet. Nur fühlen geht nicht. Auch Straßen- oder Eisenbahnlärm lässt sich im Internet nicht hören. Nicht das Trampeln von beschuhten Füßen im Treppenhaus. Nicht mal das Rauschen der Limmat. Wie wird es sich dort wohl anfühlen, wo ich bald leben werde?
Halt! Dieser Artikel müsste eigentlich ganz anders anfangen. So:
Es war einmal ein Baum. Schon eine ganze Weile war er da. Immer und immer wieder war er umgepflanzt worden, denn überall hatte er nach einer gewissen Zeit zu wachsen und zu blühen aufgehört. Am besten gediehen war er in Bern, doch selbst dort war er irgendwann stagniert. Das Einzige, das immer weitergewachsen war, war seine Sehnsucht nach dem idealen Boden. Um diesen zu finden, war er immer weiter und weiter gezogen.
Nun steht er in einem fremden Land. Auf dem Land. In der Nähe einer Kleinstadt. Er versucht verzweifelt, Wurzeln zu schlagen. Er versucht, sich hier wohlzufühlen, weil hier, ganz in der Nähe, einer seiner liebsten Mitbäume steht. Die anderen Lieblingsbäume unseres Baumes stehen jedoch ganz weit weg, jenseits der Grenze. Unser kleiner Baum hat darum oft Heimweh. Oft sogar so sehr, dass er es kaum erträgt hier zu sein, obwohl hier sein liebster Lieblingsbaum lebt, mit und neben dem es sich gut leben lässt. Eigentlich.
Unser Baum ist traurig und hat den Kopf hängen lassen. Er denkt oft an all die anderen Bäume auf dieser Welt, die – im Gegensatz zu ihm – keine Wahl haben. Die geflohen sind, um zu überleben und die nun in neuen fremden Ländern Wurzeln schlagen müssen. Bäume, die nicht zurück in ihre Heimat können. Doch er ist auch traurig wegen seiner eigenen Heimatlosigkeit, denn er weiß nicht, wie es ist, wirklich irgendwo zuhause zu sein. Wie es ist, wirklich richtig anzuwachsen. Wie es ist, tiefe Wurzeln zu schlagen. Er sehnt sich danach, das eines Tages zu erleben. Irgendwann. Und zu tun, was sein Ding ist. Zu tun, was das Ding jedes Baumes ist: Wachsen. Blühen. Leben.
Heute weine ich inwändige Tränen, habe ich heute einer lieben Freundin gemailt. Inwändig mit ä. Wie meine Innenwände. Meine Tränen vermischen sich mit dem Sturmwindgewitterregen, der die Außenwände dieses Hauses nässt. Gemeinsam nässen sie die Erde. Und das ist doch immerhin ein klein bisschen mehr als null.