#flussnoten19 | Tag 7

29. Juni 2019

Der See blubbert leise neben uns. Es wird langsam hell und am Ufer gegenüber lassen sich die Berge ein gelbrosa Häubchen wachsen. Was für ein Erwachen! Die Welt tut als sei sie ein ganz und gar friedlicher Ort. Wir lassen uns gerne ein wenig täuschen, kochen Wasser, frühstücken ein wenig und packen, denn auch heute wollen wir wieder vor der großen Hitze loswandern.

Eigentlich wollte ich heute Morgen ja kurz schwimmen gehen, aber ich bin noch nicht genug aufgeheizt für den morgenkühlen See und belasse es darum bei einer erfrischenden Katzenwäsche.

So schaffen wir uns bergan, denn der Weg nach Bönigen führt oberhalb der Autobahn durch die Hügel. Am Anfang Wiesen, Höfe, Hüttchen, Wald. Schließlich eine Treppe, die ich Ar**sch**lochtreppe taufe, weil sie mich so richtig fertig macht. Aber so richtig. Es ist nicht die Steigung an sich, denn davon hatten wir schon viele. Aber diese Stufen hier? Echt jetzt, die muss sich Riese ausgedacht haben. Ich wandere tausendmal lieber über unebene Hügel und natürliche Wurzeln als über eine proportional derart unnatürliche Treppe wie diese hier. Sogar Irgendlink stöhnt. Aber irgendwann ist auch die längste Treppe geschafft. Wir gönnen uns eine längere Pause, bevor wir weiter wandern. Auf der übernächsten Pausenbank gibts Frühstück. Dort irgendwo haben wir die höchste Stelle erreicht und der Weg geht wieder langsam abwärts.

Als wir den See erreichen, eine Bank, eine Badestelle, geht es nicht lange und ich nehme mein erstes Bad des Tages. Es wird auch mein letztes sein, aber das weiß ich zum Glück noch nicht.

Kurz darauf erreichen wir Bönigen. Per App habe ich herausgefunden, dass wir mit dem Schiff nach Interlaken Ost fahren können. Eine Viertelstunde vor der Abfahrt treffen wir an der Schiffländte ein und kaufen uns für ein paar Kilometer wanderfrei. Hitzefrei. Nun ja, auch auf dem Schiff ist es heiß, aber hier bläst uns immerhin der Wind um die Ohren. Ich freue mich über diese Fahrt und darüber, dass wir so Interlaken um ein kleines Stück abkürzen können.

Im Gegensatz zu all den Touristinnen und Touristen von der ganzen Welt – insbesondere vom fernen und vom nahen Osten – verbinde ich mit der Gegend hier schwierige Erinnerungen. Neben dem Gewusel und der Hitze ein weiterer Grund, die Stadt baldmöglichst hinter uns zu lassen.

Doch zuerst müssen wir dringend einkaufen – morgen haben die Läden zu. Der Kellner eines Restaurants am Schiffssteg heißt uns den nahen Bahnhof zu unterqueren. Drüben sei ein großes Coop. Wir tun wie geheißen. Auf dem Bahnhofplatz pures Chaos, das von der Verkehrspolizei irgendwie geordnet wird. Wer wann wie über die Straße darf, wird recht willkürlich gehandhabt. Ein Fahrradfahrer will sich an der Polizistin vorbeimogeln, doch sie wirft sich ihm buchstäblich in den Weg, damit wir unbehelligt den Platz überqueren können. Ihr ‚Stopp heißt Stopp!, was ist daran so schwer zu verstehen?’ verfolgt uns noch lange.

Wir haben einen Coop-Gutschein in der Tasche und den zücken wir jetzt. Tagesmenü im Restaurant. Zack. Nachschub kaufen. Zack.

Bald haben wir genug vom Gewusel der Stadt und schaffen uns über das Bödeli, wie Interlaken hier genannt wird, nordwärts, um an das Nordufer des Thunersees gelangen zu können. Am Anfang wandern wir noch treudoof unserer Aare entlang, doch da uns dies so ohne Schatten schon bald zu heiß ist, beschließen wir, Richtung Friedhof Unterseen zu wandern. weil wir uns von einem Friedhof ein bisschen Schatten versprechen und vielleicht einen Brunnen. Bestimmt können wir uns dort ein wenig abkühlen.

Ja. Können wir. Doch wir stellen beim Blick auf die Karte immer wieder fest, dass wir für einmal keinen richtigen Streckenplan zur Hand haben. Es gibt zu viele Möglichkeiten. Außerdem haben wir von der Stadt längt genug, obwohl noch ein ganzes Stück vor uns liegt.

Beim nächsten Brunnen stillen wir einmal mehr unseren Durst, erfrischen uns und waschen Hände, Arme und Gesicht, denn das Wandergesetz Nr. 1 besagt, dass man jedem Brunnen Respekt erweisen soll, indem man von seinem Wasser trinkt.

Dass der Brunnen an einer Postautohaltestelle steht, ist Zufall. Noch ein größerer Zufall ist es, dass genau in jenem Moment, als ich gucken will, wo das Postauto hinfährt, eins anhält und der Fahrer uns die Türen öffnet. Innert einer Sekunde – ein kurzer Blickkontakt genügt – entscheiden wir uns, einzusteigen.

Habkern. Das bin ich doch früher schon mal gewesen. So ganz falsch kann das nicht sein?, sage ich, als wir uns gesetzt haben, wage aber erst, als wir oben angekommen sind, auf die Karte zu schauen. Mit uns steigen ein junges Trekking-Paar und eine junge Französin aus. Das Paar will auf einen Berg und dort biwacken, die junge Frau ein wenig wandern. Und wir? Fast sind wir soweit, dass wir uns in das nächste Postauto setzen wollen und zurück fahren. Wir sind nämlich in die falsche Richtung gefahren, ein ziemliches Stück ’rückwärts’. In Habkern sind wir zwar etwa fünfhundert Höhenmeter höher, aber wieder vor Interlaken und noch lange nicht daran vorbei. Da unten liegt es, das Bödeli.

Wir spazieren durchs geteerte Dorf und überlegen hin und her. So viele Wege, so viele Möglichkeiten. Eine Mountainbikeroute führt da oben nach Beatenberg-Waldegg, sagen die Wegweiser. Ah, und hier, schau!, sagt Irgendlink, entlang der Höhenlinie führt auch ein Wanderweg nach Beatenberg-Waldegg.

Wir entscheiden uns, auf jeden Fall ein Stück in den Wald hineinzuwandern, die Straßen zu verlassen, einen Lagerplatz zu suchen. An einem wilden Bach füllen wir sicherheitshalber alle Flaschen auf, damit wir auch ohne See-Bach-Brunnen den Abend, die Nacht und den Morgen überstehen. Wie gut, dass wir unsere übliche Dose Bier dabei haben.

Wir wandern eine Stunde durch den Wald und ich merke, dass ich so langsam an meine Grenzen komme. Der Tag war unglaublich abwechslungsreich, extrem heiß, super wanderintensiv und dazu voller Eindrücke und Erinnerungen. Ich bin schlicht und einfach kaputt. Fast haben wir den Platz erreicht, an welchem wir später unser Zelt aufbauen werden – was ich aber noch nicht weiß –, als ich glaube, keinen Schritt mehr gehen zu können. Von all den Höhenmetern einmal abgesehen, waren das heute sicher nahezu fünfzehn Kilometer, die wir gewandert sind. Dazu seit Interlaken wegen des Wochenend-Vorrats mit deutlich schwereren Rucksäcken als sonst.

Irgendlink schlägt vor, dass ich hier bleiben und auf ihn warten soll. Er werde voraus gehen und jenen Platz suchen, wo Wander- und Waldweg aufeinander stoßen. Auf der Karte sei dort eine etwas breitere Stelle eingezeichnet und er sei ziemlich sicher, dass wir dort lagern können. Ich schaue mir die Stelle auf dem Handy an und stelle fest, dass es bis dahin nur noch hundert Meter sind. Ein neuer Energieschub erfüllt mich und schließlich sind wir tatsächlich bald auf einem richtig guten Platz. Nicht wirklich hübsch, aber ideal. Die einzige Stelle, die breit genug für das Zelt ist.

Ein Wendeplatz, der vermutlich, wenn wir die Spuren richtig lesen, für Holzfällerarbeiten genutzt wird. Der ganze Boden ist voller Sägespäne. Wir bauen auch heute nur das Innenzelt auf, es ist trotz der 1100 Höhenmeter ziemlich warm. Die leichte abendliche Abkühlung tut gut. Wir kochen, essen Leckeres und schließlich setzen wir uns mit unseren Bechern und der Bierdose auf unsere ganz persönliche Logenplätze und sehen der Sonne dabei zu, wie sie mit ihrem Untergehen das Eiger-Mönch-Jungfrau-Massiv erglühen lässt.

Hehre Gefühle tauchen in mir auf. Demut ob der Größe der Berge. Ein bisschen fließen die Tränchen, denn es ist einfach so schön hier zu sein und ich bin froh über das zufällige Postauto.

Dieses Abendlicht. Dieses Alpenglühen. Und immer dieses wunderschöne alte Volkslied – Luegid vo Bärge is Tal –, das in meinem Herzen kreist.

Ich schlafe gut in dieser Nacht. Tief und fest, totmüde wie ich bin.

Bilder von Tag 7

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 7 unserer Wanderung (Text folgt)


Kartenlink Tag 7

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#flussnoten19 | Tag 6

28. Juni 2019

Unser Nachtlager auf der Wiese ist ruhig, schattig und relativ kühl. Nicht zuletzt, weil wir nur – und hauptsächlich als Mückenschutz – das Innenzelt aufgebaut haben. Wir brechen nach einem winzigen Frühstück zeitig auf, um möglichst viel Morgenkühle zu erwischen. Es ist noch nicht mal sieben Uhr, als wir das erste happige Stück, jenes dem Bach entlang durch den Wald, geschafft haben und unsere langen Schatten fotografieren.

Brienz ist noch sehr ruhig, als wir es seitlich, möglichst nahe an Aare und See, durchqueren. Beim ersten Badesteg, den ich sehe, nicht weit von einer Komposttoilette entfernt, befriedige ich gleich zwei Bedürfnisse, jenes nach einer stinklangweiligen Sitzung zum einen und jenes nach einem erfrischenden Morgenbad zum anderen. Mein erstes Brienzerseebad seit Ewigkeiten!

Was die Weiterwanderung angeht, sind wir hin- und hergerissen. Der Wanderweg, der direkt am See entlang führt, ist am Anfang geteert und führt recht nahe an der Autostraße entlang. Die Alternative wäre ein kleiner Schlenker bergauf, am Südhand des Sees. Wir wägen ab. Der Weg ist zwar in der Wander-App eingezeichnet, nicht aber als eigentlicher Wanderweg ausgeschildert.

Wenn irgendwo ein bestehendes und funktionierendes Wegenetz besteht, wozu soll ich denn auf die Karte gucken?, ist Irgendlinks Devise. Ich mache einfach, was die gelbe Pfeile mir sagen. So wäre er vermutlich, ohne meine Intervention, einfach dem Wanderweg Richtung Iseltwald gefolgt. Bei solchen Gelegenheiten, stelle ich fest, wie unterschiedlich Irgendlink und ich durch die Welt gehen. Was natürlich mit Gewohnheiten zu tun hat, mit Erfahrungen, mit Denkmustern.

Kartenausschnitt des Wegstücks am Hang
Kartenausschnitt des Wegstücks am Hang

Quelle: openstreetmap.ch

Ich habe aber keine Lust, einer weiteren doofen Teerstraße entlang zu laufen und bin dafür gerne bereit ein Stück aufwärts zu wandern. So schlage ich ein Stück auf dem Bergweg Richtung Axalp vor. Meine Methode besteht nämlich darin, dass ich vorher gucke, wo es die waldigsten Wanderwege hat. Meistens geht die Gleichung auf, denn im Wald hat es in der Regel keine Teerstraßen. Kurz gesagt personalisiere ich mir den Wegverlauf zurecht, passe ihn meinen Bedürfnissen an – egal, ob es da nun Wanderwegtafeln hat oder nicht. Das kann gelingen oder in die Hose gehen. (Meistens gelingt es, denn ein bisschen Kartenlesekunst habe ich mir in all den Jahren angeeignet.)

Als wir bei zunehmender Hitze etwa einen Kilometer sehr steil durch den Wald bergauf kraxeln, kommen mir natürlich trotzdem immer mal wieder kleine Zweifel. Vielleicht wäre es ja unten gar nicht so schlimm gewesen? Vielleicht wäre der Berufsverkehr nicht gar so laut gewesen wie wir befürchtet haben? Aber als wir an einer kleinen Wegkreuzung, die ich schon im Voraus als höchsten Punkt markiert habe, anlangen und ausgiebig frühstücken, ist schnell alles wieder gut. Es ist genau so genau richtig. Immer wieder gibt es diese Momente, gerade nach sehr steilen Stücken, nach sehr anstrengenden Etappen, wo wir nach der Mühe einfach nur Glück atmen. Und uns ausruhen. Trinken. Etwas essen. Kraft sammeln.

Auch was die Giessbachfälle betrifft, ist unser kleiner Umweg Richtung Axalp eine weise Entscheidung gewesen, denn wir treffen genau am spektakulärsten Platz auf den gigantischen Wasserfall. Was für ein Naturereignis! Wie damals, als Neunjährige, bin ich hin und weg von der Schönheit und Kraft des Wasserfalls. Es steigen Erinnerungen an meine allerersten Ferien hoch. Ich war neun Jahre alt gewesen, damals, als mein großer Bruder und seine Partnerin die drei kleinen Geschwister ins Auto verfrachtet hatten und mit ihnen ein paar Tage an den Brienzersee zum Zelten gefahren waren. So viele neue Erfahrungen waren das für mich gewesen: Ferien. Zelten. Seebaden. Ausflüge machen. Die Giessbachfälle. Erlebnisse, die sich unauslöschlich in mein Herz geprägt haben!

Von den Giessbachfällen aus gibt es einen sehr gut gehbaren Wanderweg abwärts zum See und von da an ist der Seewanderweg bis Bönigen durchgängig gut zu gehen, will heißen: fast ohne Teer.

Zurück am See finden wir schon bald einen herzigen Badeplatz. Wir sind bereits wieder reif für das nächste Bad, denn erneut ist es über dreißig Grad heiß. Auch die diversen Insekten mögen diesen Platz ganz offensichtlich. Irgendlink wird von Käfern heimgesucht, ich von Schmetterlingen.

Wir wandern weiter und kehren schließlich im Strandbad Iseltwald ein. Die Badi sieht noch genau aus wie damals!, sage ich, wie damals, als ich das erste Mal in einem richtigen See geschwommen bin. Wir essen Pommes, trinken etwas Erfrischendes und überlegen, ob wir auf dem Zeltplatz einchecken sollen. Der Preis ist allerdings eher an der Schmerzgrenze und es ist ja auch erst Nachmittag, also noch früh. So entscheiden wir uns dafür, weiterzuwandern. Durch den Ort Iseltwald, der viel größer ist, als ich ihn in Erinnerung hatte. Wir kaufen ein paar Kleinigkeiten ein – die traditionelle Dose Bier zum Beispiel, die wir uns später genüßlich teilen – und wandern, den Ort und sein Gewusel wieder verlassend, weiter westwärts.

Es könnte schwierig werden, einen Nachtplatz zu finden, stellen wir fest, als wir sehen, dass der Wanderweg durch lose bewohntes Gebiet führt. Rauf, runter, mal waldig und seenah, mal hügeliges Wiesenland …

Irgendlink entdeckt einen kleinen Weg, dem wir direkt abwärts zum See folgen. Ein hübscher Platz. Hier könnte man sicher biwacken, überlegen wir. Zum Platz gehört ein Bootparkplatz, der leer ist. Vielleicht könnten wir die Leute, denen der Platz gehört, fragen, ob wir hier lagern dürfen?, überlegen wir.

Wir genießen den Schatten, dösen ein wenig und erfrischen uns im See, als schließlich das zum Bootplatz gehörige Ruderboot auftaucht. Ein älteres Paar steigt aus. Wir plaudern ein wenig und erfahren, dass es bestimmt kein Problem wäre, hier zu biwacken. Der Platz gehöre zum Haus – da oben –, sie hätten nur die Anlegestelle gemietet, im Haus wohne allerdings zurzeit niemand. Ein Stück weiter sei übrigens ein sehr schöner, öffentlicher Grillplatz, welcher ein bisschen größer und gemütlicher sei als dieser kleine Platz hier.

Wir bedanken uns und überlegen hin und her … Das Risiko bei einem öffentlichen Platz besteht darin, dass vielleicht schon jemand dort ist. Oder noch jemand kommt. Dass ein Camp-Verbot besteht. Dass sich jemand beschwert. Dass sich jemand von uns gestört fühlt.

Wir beschließen, das Risiko zu wagen. Schlimmstenfalls ist der Platz besetzt oder es hat ein Zeltverbot, dann müssen wir halt weiter, sagen wir uns und ziehen die Rucksäcke wieder an.

Wenig später finden wir einen idealen, menschenleeren Grillplatz und beschließen einfach mal abzuwarten, besonders was den Bau unseres Lagers betrifft, falls noch jemand kommen sollte. Es gemütlich anzugehen. Baden. Kleiderwaschen. Kochen und Essen.

Auf dem See wird es langsam ruhiger und die Lichter am anderen Ufer und drüben, in Iseltwald, gehen an. Später schwimmt noch das ältere Paar in der Nähe vorbei und winkt uns zu. Ansonsten werden wir – von den Mückis einmal abgesehen – in Ruhe gelassen. Dank Mückenspray ist das jedoch erträglich.

Wir schlafen unter freiem Himmel, da zum einen der Boden für die Heringe fast zu hart und zu trocken ist und zum anderen: Wozu ein Zelt aufbauen, wo doch der Himmel über uns so wunderbar funkelt?

Mitten in der Nacht, als ich kurz aufwache und mal schnell die Sterne nachzähle, stelle ich fest, dass der See fast keine Geräusche mehr macht. Als ob auch er schlafen würde.

Bilder von Tag 6

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Kartenlink Tag 6

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#flussnoten19 | Tag 5

(Mein schöner Plan, hier täglich ein bisschen mehr von unserer Flussnoten-Fernwanderung zu erzählen, geht nicht ganz auf. Habt Geduld, die Etappenberichte chömmed eifach nadisna, wie man bei uns in der Schweiz so schön sagt.)

27. Juni 2019

Von unserem Nachtlager nicht weit vom Aareschlucht-Eingang wandern wir am fünften Morgen in die kleine Stadt Meiringen hinein, wo wir unsere Vorräte aufstocken.

Im Migroscafé unterhalten wir uns ein wenig mit Einheimischen und stärken uns mit Heißgetränken und Mini-Ragusa [wie nennt man die eigentlich im Plural: Ragusae? Ragusas? Raguse?], bevor wir uns wieder hinaus in die Hitze aufmachen. Heiß ist es nicht zuletzt darum, weil es kaum Bäume und andere Schattenplätze auf dem Weg nach Brienz gibt. Außerdem läuft unser Wanderweg oft gleichzeitig als lokaler Fahrradweg und ist darum größtenteils geteert. Hot, very hot. Nein, es ist nicht wirklich so toll, hier zu wandern, und ich sage eins ums andere Mal, dass das Land unbedingt mehr Bäume braucht. Hier. Und überhaupt. Es braucht unbedingt überall mehr Bäume!, jammere ich. Na ja, nicht nur aus umweltpolitischen und altruistischen Gründen, ich gestehe es.

Als auf einmal fatamorganesk ein Brunnen* vor uns auftaucht, dauert es keine Minute bis Irgendlink nackt darin sitzt. Ich wasche mir die Haare, kühle mich ab, wasche mich, erfrische mich.

Die Erfrischung hält eine Weile, doch schon nach wenigen Kilometern ist es uns bereits wieder viel zu heiß. Noch eine Fata Morgana?, denke ich, als schließlich ein kleiner Baggersee auftaucht. Ein paradiesisch anmutendes Naturschutzgebiet, das wir fast verpassen, weil der offizielle Wanderweg drumherum führt.

Erneut baden wir. Es ist eh Zeit für eine längere Siesta und ein ausgiebiges Picknick. Das hier ist einer dieser Tage, an denen man nicht genug Pausen machen und baden kann.

Später hopsen wir von Schatten zu Schatten und von Bänklein zu Bänklein weiter Richtung Brienzwiler. Wir stranden in einem kleinen Weiler, wo uns der Mitarbeiter eines Kraftwerks nicht nur Wegvarianten nach Brienz erklärt, sondern uns auch gleich noch mit frischen Wasservorräten ausstattet.

Der Wanderwege sind tatsächlich viele. Die meisten allerdings eher geteert als wirklich schön wanderbar, weshalb wir überlegen, allenfalls bei Brienzwiler den Weg durch das Freililchtmusuem Ballenberg auszuprobieren. Immerhin ein richtig schöner Wanderweg mit Wald drumrum. Was uns abschreckt, ist, dass es zum Eingang ziemlich bergan geht und dass wir uns den Eintritt ins Museum nicht leisten können und wollen. Das Museum und damit die Häuser seien über Nacht geschlossen, hatte uns aber unserer Wasser-Engel erzählt, darum sei das Gelände nachts frei zugänglich.

Herz, was willst du mehr? Ich lotse uns bergauf zum Eingang des Geländes. Irgendlink ist skeptisch. Tickt die Schweiz wirklich so? Lassen die uns rein? Ja. Ja, wir dürfen, ohne Eintritt zahlen zu müssen, durch das Gelände wandern. Wir sind pünktlich und die Kassiererin wartet extra, bis wir unser Eis geleckt haben, um uns die Drehtür zu öffnen.

Hurra, wir sind drin! Lange her, seit ich das letzte Mal hier war. Einer der wenigen Ausflüge, die wir als Kinder mit den Eltern gemacht haben? Oder war es eine Schulreise? Und war es damals schon so riesig, dieses Gelände, auf welchem alte Original-Häuser aus der ganzen Schweiz aufgebaut wurden, um die Vielseitigkeit des Landes sichtbar zu machen?

Wir sind beide sehr beeindruckt. Auch von den vielen Rastplätzen, die zum Innehalten einladen. Ob wir hier campieren könnten? Das lassen wir schließlich, denn immerhin ist das Gelände Naturschutzgebiet.

Wo wir wohl hinter Ballenberg unser Nachtlager aufschlagen könnten? Die Gegend ist hier schon viel dichter besiedelt als an den ersten Wandertagen. Viel Land ist zudem Weideland und da können wir nicht einfach so wild zelten. Auf der Karte sehen wir einen Bach, nicht weit entfernt Häuser. Da dürfen wir bestimmt campieren!, überlegen wir.

Leider ist auf der Karte alles ein bisschen einfacher und anders als in Wirklichkeit. Tatsächlich ist der Bach schwer zugänglich, beidseitig von Gebüsch zugewachsen, das Gelände steil und die Wege sind schmal. Und außerdem sind wir auch noch auf der falschen Bachseite, stellen wir fest, als wir auf einer Wiese stranden und der Weg einfach aufhört.

So langsam werde ich ungeduldig. Es ist heiß. Ich habe Hunger. Ich bin müde. Wir parken die Rucksäcke auf einer Wiese und während Irgendlink nach einem besseren Platz sucht, finde ich mit Karten- und Telefonbuch-Apps die Telefonnummern der diesem Platz am nächsten wohnenden Menschen heraus. Ich nehme meinen ganzen Mut – unterfüttert von Tagesmüdigkeit und Hunger – zusammen und rufe eine der gefundenen Nummern an. Ich habe Glück. Die Frau am anderen Ende, jenseits des Baches, hat uns vorhin sogar vorbeiwandern sehen und meint, dass dort, wo wir jetzt seien, der bestmögliche Platz zum Lagern sei. Da dürften wir zelten. Eine Nacht sei kein Problem. Aber einfach nichts liegen lassen. Natürlich nicht, sage ich. Und: Danke!

Das Beste aber ist: Wir dachten, das hier sei eine Sackgasse und wir müssten einen großen Bogen zurück gehen, um auf die Straße zurückzukommen. Ist es aber nicht. Der Weg geht hier weiter. Ein sehr schmaler Weg sei es allerdings, rutschig, nicht ganz ungefährlich. Wenn man ihm folge, komme man direkt runter nach Brienz.

Ich freue mich sehr. Dass ich mich anzurufen getraut habe. Dass wir hochoffiziell hier bleiben können. Dass der Weg weiterführt. Dort, wo er vermeintlich aufhört, geht es in dichten Wald hinein und nach zehn oder zwanzig Metern direkt zum Bach. Eine Badestelle ist schnell gefunden und einmal mehr staune ich, wie schnell sich das Blatt nach einem erfrischenden Bad wendet.

Den Wassersack, am Bach gefüllt, hängen wir an eine Art Dreifuß, den wir aus den Wanderstöcken und einem dritten Stecken basteln. So können wir uns Koch-, Wasch- und Abwaschwasser holen, ohne jedes Mal zum Bach hinunterklettern zu müssen.

Was für ein farbiger, anstrengender, heißer Tag! Wir lassen ihn gemütlich ausklingen.

Bilder von Tag 5

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 5 unserer Wanderung (Text folgt)


Kartenlink Tag 5

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*den Brunnen hatte ich übrigens versehentlich schon am vierten Tag erwähnt, doch unsere Bilder belegen, dass er erst am 5. Tag auftauchte. So viel also zu Fata Morganas.

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#flussnoten19 | Tag 4

26. Juni 2019

Was für ein schönes Schlafen unterm Sternenhimmel und was für ein angenehmes Erwachen im Bachbett! Da bekommt doch der Begriff Himmelbett gleich eine neue Bedeutung.

So langsam bin ich im Wanderleben, im Unterwegsmodus, angekommen. Diesmal habe ich eine ganze Weile gebraucht, mich aus dem Sorgenmachen-Alltagsmodus herauszuschälen, aus diesem Immer-etwas-Tun des Alltagslebens. Diese Lange-Weile hat mich die ersten Tage geradezu nervös gemacht. Da war auf einmal so viel Raum, so viel Leerraum, so viel Nichts und so viel Zeit, die ich mit meiner puren Anwesenheit füllen konnte. Fast hatte es mich überfordert, fast hätte ich gerne meine Nase in ein Buch gesteckt und mich mit Geschichten abgelenkt. Doch genau das will ich auf solchen Wanderungen ganz bewusst nicht. Ich will einfach sein, mich aufs Gegenwärtige einlassen. Auch diese Umstellung braucht Zeit. Hier, im Flussbett liegend, wird mir klar, wie wertvoll diese Möglichkeit und Gelegenheit ist.

Nach einem kleinen Frühstück packen wir unsere Sachen und machen uns auf den Weg. Die Morgenkühle will genutzt werden, denn schon bald wird es wieder heiß, sehr heiß. Nachdem wir den Weiler Boden durchquert haben, entscheiden wir uns für den schmalen Säumerpfad nach Innertkirchen. Ein toller Wanderweg, einer von denen, die ich besonders gerne wandere. Rauf und runter, mal steinig, mal Wiese … nur leider ohne jegliche Sitzgelegenheiten unterwegs. Kurzerhand bauen wir uns vor Innertkirchen selbst eine Bank aus Brettern und Stangen, die herumliegen.

Bis nach Innertkirchen zieht sich ein Stück unbewaldeter Weg. Die Hitze macht uns zu schaffen. Bei jedem kleinen Schattenfleck ruhen wir uns aus, trinken Wasser. Ich ziehe Socken und Schuhe aus und lasse mich trocknen. Verdunsten viel eher, denn als wir uns einmal auf den schattigen Boden vor einem Haus gesetzt haben, hinterlassen wir beim Aufstehen zwei Wasserlachen.

Minimal abgekühlt, aber bald schon wieder so verschwitzt wie zuvor, erreichen wir schließlich den Friedhof Innertkirchen, wo wir unsere Wasserflaschen am Brunnen auffüllen und uns unter einem großen, Schatten spendenden Baum erholen. Die Überwindung, dieses kleine Idyll wieder zu verlassen und im nahen Laden einzukaufen, ist groß. Wir schaffen es dann doch irgendwann. Und wir schaffen es sogar durchs Dorf, der inzwischen begradigten Aare entlang Richtung Aareschlucht, zu wandern. Schon wieder ohne Schatten. Schon wieder sind wir reif für ein Bad. Schließlich finden wir ein paar Felsen, auf denen wir es uns bequem machen, allerdings nur kurz, denn hier hat es viele Bremsen.

Später, in der Aareschlucht, wird es kühl sein, ermutigen wir uns, doch bis zum Eingang müssen wir eine steile Treppe ersteigen. Auf die vielen Touristinnen und Touristen, die das gleiche Tagesziel wie wir haben, bin ich nicht gefasst. Soo viele! Dass die Aareschluch so ein Musst-du-gesehen-haben-Event ist und sogar Eintritt kostet, macht mich ein wenig mürrisch. Ich hatte an die Rheinschlucht gedacht. Die ist einfach. Die kann man einfach so anschauen. Natur eben.

Nun denn, hier waren wir also, und wir mussten auf die andere Seite. Also mittendurch. Auf Holzstegen und durch höhlenartige Gänge. Immerhin schön kühl war es. Und ja, sehr beeindruckend war es auch. Dennoch fühlte ich mich nicht so richtig wohl. Zu viele Menschen. Ich tue mich ja immer ein wenig schwer damit, wenn Natur derart vermarktet wird. Andererseits müssen diese Wege ja auch unterhalten werden.

Auf der anderen Seite angelangt, hängen wir sehr lange müde vor dem Gebäude auf dem Grill- und Spielplatz herum und studieren die Karten. Wo man hier wohl wild zelten könnte? Das Gebiet hier ist, je näher wir dem Brienzersee kommen, desto dichter besiedelt. Zwischen hier und Meiringen kaum freies Land. Und allzuweit wandern mögen wir auch nicht mehr.

Nachdem die Schlucht für diesen Tag geschlossen ist, lassen wir uns schließlich an einer der Grillstellen nieder, die zwischen Aareschlucht und nächster Siedlung in einem kleinen Wald direkt an der Aare angelegt wurden.

Irgendlink füllt den Wassersack in der Aare und hängt ihn in einen der Bäume. Später, als es ruhig und schon fast dunkel ist, gönnen wir uns eine erfrischende Dusche. Das muss so, genauso, nach einem dieser Tage, die sich am besten im und am Wasser überleben lassen.

Bilder von Tag 4

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Kartenlink Tag 4

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#flussnoten19 | Tag 2 und Tag 3

24. Juni 2019

Es geht eigentlich noch so mit Muskelkater, denke ich, als ich mich am nächsten Morgen aus dem Schlafsack schäle. Wie immer habe ich die erste Zeltnacht der Tour nicht so toll geschlafen. Die Umstellung von breitem Bett zu schmaler Matte braucht Zeit, außerdem ist auch das Wanderzelt schmal. Ich male mir aus, wie ich – noch schlafsackwarm – aus dem Zelt krieche und mich unter den nahen Aarewasserfall stelle.

Hm, wie klettert frau gleich wieder aus dem Zelt heraus? Außerdem ist die Wiese, die gestern noch ’nur ein bisschen feucht’ war, heute Morgen ziemlich nass. Unser Glück – oder nennen wir es Irgendlinks Erfahrung – ist es, dass wir das Zelt an der trockensten Stelle auf der ganzen Wiese aufgebaut haben.

Nun ja, aus der Wasserfalldusche wird schließlich nur eine kleine erfrischende Katzenwäsche und nach dem Frühstück wandern wir auch schon bald los. Immer weiter der Aare nach. Kleine Wasserfälle. Furten. Brücken. Pausen machen wir recht häufig, denn noch immer sind wir in der Phase des Umstellung. Und so langsam setzt dann doch noch der Muskelkater ein. Da hatte ich mich also am Morgen zu früh gefreut. Bei jeder Pause ziehe ich schnell die Schuhe aus, bade – wann immer möglich – die Füße, lasse sie und die Socken trocknen. Meine bewährte Blasenprophylaxe. Irgendlink badet seine Füße sogar in einem Wasserbecken, das die Aare über viele Jahre in einen Fels geschliffen hat.

Bei der Alp Handegg rasten wir, essen Eis, kaufen Bergkäse, entscheiden, dass wir genug Vorräte dabei haben, um zum Gelmersee hoch fahren und dort oben übernachten zu können. Den Wanderweg zum Bergstausee haben wir nämlich eine Stunde vorher verpasst.

Die Gelmerseebahn lockt – Irgendlink vor allem – und die erwartete Schönheit der Bergwelt. Über eine lange Hängebrücke klettern wir über die Aare zur Bahnstation. Vielleicht, wenn ich  gewusst hätte wie steil es ist, vielleicht hätte ich gekniffen. Aber zum Überlegen bleibt nicht viel Zeit. Zack, ein Ticket gekauft. Zack, in die Bahn gestiegen. Den schweren Rucksack auf dem Schoß sitzen wir in einer der hinteren Reihen und bekommen von der Fahrt nicht viel mehr als das Kreischen der Mitreisenden und die Enge der Bahn mit. Und das Gewicht des Rucksacks auf dem Schoß.

Immerhin werden wir oben für diese Mühsal großzügig entschädigt: Der See ist wunderschön, still, sauber, klar. Wir wandern über die Staumauer auf die andere Seite, wo es nicht mehr so viele Menschen hat. Wir überlegen, wo wir zelten könnten, spazieren ein wenig herum, schauen da und schauen dort und irgendwann – nach der letzten Bahn – sind wir ganz allein oben am Gelmersee.

Zwischen Felsen, an einem sandigen Plätzchen, bauen wir unser Zelt auf und kochen uns ein feines Abendessen. Es ist sehr schön, sehr still. Eine ruhige Nacht. Trotz Muskelkater schlafe ich tief und erholsam.

Bilder von Tag 2

25. Juni 2019

Wir werden früh wach. Etwas, das mir im Alltag nie so richtig gelingt. Es ist denn auch ein ganz anderes Wachwerden als das Wachwerden im heimischen Schlafzimmer. Eine Klarheit, die so gar nicht Morgenmuffliges an sich hat. Wir kochen unsere Heißgetränke und genießen das Morgenlicht. Die Sonne steigt über die Berge und verglitzert das Wasser. Ich fühle mich leicht und froh. Das Funkloch verunmöglicht Twittereien, was durchaus auch irgendwie schön ist. Ein Blick auf die Uhr bestätigt uns, dass wir die erste Bahn, 9:12, erwischen werden.

Wir sind allein. Die Ersten, die an diesem Tag abwärts fahren. Entsprechend müssen wir die Rucksäcke nicht auf den Knien festhalten und können uns in die allervorderste Reihe setzen. Und ja, die Fahrt ist gruslig. Denn dieses Steil, diese hundertsechs Prozent, ist wirklich steil.

Ich bin schließlich froh, als wir unten ankommen. Hier warten auch bereits einige Menschen auf die Fahrt nach oben.

Wir wandern zurück über die Hängebrücke und von da aus weiter Richtung Guttannen. Der Temperaturunterschied von oben nach unten ist deutlich spürbar und wir sind nun doch auch in der Hitzewelle angekommen. Zum Glück gibt es immer wieder Bäume. Und schließlich, ganz nahe der Aare, ein wunderbarer Kiefernwald (oder vielleicht sind es Tannen). Ich jedenfalls nenne dieses Wäldchen die Guten Tannen von Guttannen, den dorthin sind wir unterwegs.

Wir halten eine lange Siesta und messen fortan jeden Rastplatz an der Qualität dieses einen wunderbaren und letztlich unschlagbaren. In der nahen Aare fülle ich unseren Wasservorrat auf. Später wandern wir in Häppchen weiter. Wandern. Pause. Wandern. Und irgendwann langen wir in Guttannen an. Finden ’Regulas Dorfladen’ (mit Deppenapostroph, aber das kann ich hier nicht wiedergeben, zu viel innerer Widerstand) und decken uns das erste Mal seit Wanderbeginn mit neuen Lebensmitteln ein. (Und mit Bier. Eine Dose für zwei.) Eine große Schale Erdbeeren essen wir direkt auf der Bank vor dem Laden.

Weiter gehts. Weiter der Aare entlang. Der Muskelkater ist nur noch ein Nachhall, eine Art Echo. Schon vor Guttannen ist der Wanderweg identisch mit der Landstraße und entsprechend geteert. Eine ganze Weile gehen wir auf Teer. Und wenn es etwas gibt, das ich beim Wandern wirklichwirklich hasse, dann das: Teer. Meine Füße fangen schnell an zu brennen.

Wir setzen uns auf eine Wiese, twittern ein wenig, dösen ein bisschen, und hoffen, dass wir später einen schönen Platz für die Nacht finden. Ich jammere auf Twitter über die Teerstraße und dass es nun bestimmt immer und immer so weitergeht.

Als wir weiterwandern, entdecken wir, dass der Teerweg nur wenige Meter nach der nächsten Kurve wieder in einen Kiesweg übergeht. So schnell haben sich meine Wünsche noch nie erfüllt!, sage ich.

Über Kuh- und Schafweiden folgen wir auf- und abwärtsgehend dem Verlauf der Aare und schließlich sind wir ihr wieder so nah, dass wir uns entschließen in ihrem Bett zu biwackieren. Für Zeltaufbau ist eh zu wenig Platz.

Wir baden im kühlen Fluss, waschen Kleider, kochen, essen und legen uns schließlich unter dem Sternenhimmel schlafen. Leise Angst, dass der Fluss über Nacht ansteigen könnte, ist da, aber – wie gesagt – nur ganz leise. Eine vollkommene Nacht mit Prachtsternenhimmel. Irgendlink zählt Sternschnuppen, während ich tief und fest schlafe und bei jedem kleinen Erwachen ehrfürchtig nach oben schaue.

Zack. Etwas fällt mir auf die Wange. Ein Tier? Ein Meteorit? Eine Sternschnuppe gar? Keine Ahnung. Jedenfalls blute ich und am Morgen entdecke ich eine kleine Wunde. Tja. Auch das ist Natur.

Bilder von Tag 3

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 2 + 3 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 2 +3

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#flussnoten19 | Tag 0 und Tag 1

22. Juni 2019

Wir haben fertig gepackt. Ich bin, wie oft in solchen Momenten, hibbelig, dünnhäutig, aufgeregt. Nicht nur der bevorstehenden Fernwanderung wegen, eher noch darum, weil ich noch niemanden gefunden habe, der zwei Wochen lang meine Topfpflanzen auf der Terrasse gießt. Ja, okay, Luxusproblem, aber ich liebe sie eben alle, und ich möchte sie darum nicht verdörren lassen. Zumal ich alle selbst gezogen habe oder – im Falle von Yucca, Friedensbaum und Zyperngras – aus winzigen Pflänzchen aufgezogen. Diesmal steht von den drei Frauen, die bisher, wenn ich einige Zeit wegfuhr, meine Pflanzen gepflegt haben, keine zur Verfügung. Meine Schwester, die über zwanzig Kilometer entfernt wohnt, würde zwar zur Not einspringen. So erleichtert ich über ihr Angebot bin, kann ich mich darüber doch nur bedingt freuen, denn der Aufwand wäre ja schon ziemlich groß. Hoffentlich meldet sich der Nachbar noch, dem ich ein Briefchen in den Kasten gelegt habe.

Beim Packen des Wanderrucksacks stelle ich außerdem fest, dass sich meine neue bpa-freie Wasserflasche ja gar nicht außen am Wanderrucksack anhängen lässt. Die Daniela-Düsentrieb-in-mir muss sich also eine Lösung ausdenken.

Irgendlink kommt auf die Idee, altes Gummischlauch-Gummiband zu verwenden. Was ein Superidee ist! Daran befestigte ich schließlich mit Schnur einen Rucksack-Klettversuchluss und fertig ist die Aufhängung. Die sich notabene sehr bewährt hat! In Konjunktion mit dem seitlichen Anzurrband des Rucksacks perfekt und leicht zu handhaben.

Gegen Mittag fahren wir los ohne dass ich von meinem Letzte-Hoffnung-Nachbarn etwas gehört hätte. (Er meldet sich erst am nächsten Tag, da er selbst in den Ferien gewesen ist, und schreibt: Klar gieße ich, kein Problem!)

+++

Endlich im Auto Richtung Berner Oberland. Ich brauche diesmal lange, bis ich vom Aufgeregt-Modus in den Ferien-Modus wechseln kann.

Den ersten Halt legen wir auf ’meinem’ Berner Friedhof ein. Lars’ Gärtlein. Ein lauschiger Platz. Ein trauriger Ort. Erinnerungen.

Erinnerungen bilden – im Nachhinein betrachtet – bei mir den roten Faden unserer Aarewanderung. Oft schwere, schmerzhafte Erinnerungen, die ich mit neuen, leichteren Erfahrungen zu ergänzen versuche. Integration. Altes und Neues zusammenbringen. Miteinander verweben. Dem Leichten erlauben, Schweres zu lichten.

Wie wir ab Bern über Land Richtung Thun weiterfahren, kommt uns spontan die Idee, ein Bad im Gerzensee zu nehmen. Wo wir doch schon fast daran vorbei fahren. (Dass wir zehn Tage später zu Fuß dort hinauf wandern würden, ahnen wir damals nicht.)

Im Gerzensee, der eigentlich ja nur Einheimischen vorbehalten ist und der einer meiner Lieblingsplätze aus meiner Zeit in Bern ist, tauche ich ein bisschen tiefer in den Ferien-Modus ein, wasche den Druck der letzten Wochen und Monate ein wenig ab. Dort, im noch angenehm kühlen Wasser, auf dem Rücken liegend, den Himmel und die Wolken betrachtend, beginne ich, mich einzulassen. Auf das Kommende. Auf das Seiende.

Fast auf die abgemachte Minute genau treffen wir abends bei M. und B. in Steffisburg ein. Die beiden Lieben haben uns angeboten, während wir die Aare erwandern, unser Auto zu hüten. Was für ein gemütlicher Abend mit meinem früheren Flüchtlingszentrum-Arbeitskollegen M. und seiner Partnerin B..

23. Juni 2019

Spontan beschließen die beiden, uns am Sonntagmorgen auf die Grimsel zu fahren, da sie schon lange nicht mehr dort oben gewesen seien. Für uns ist das ein Glücksfall, hätten wir doch mit dem öffentlichen Verkehr viel länger gebraucht, zigmal umsteigen müssen und dafür obendrein noch ziemlich viel Geld ausgegeben. (Leider ist für Menschen mit wenig Geld der öffentliche Verkehr schier unbezahlbar geworden.)

Irgendlink fährt mit uns genau jene Strecke, die wir Tage später wandern würden – wenn auch größtenteils auf anderen Wegen: Am Thunersee dem Nordufer und am Brienzersee auf der Autobahn dem Südufer entlang. Tage später werden wir immer mal wieder sagen: Das hier sind wir alles gefahren!

Ab Brienz nimmt der Sonntagsausflugsverkehr groteske Ausmaße an. Vor allem die Motorradfahrenden fallen negativ auf. Zwar fahren die meisten seriös, doch manche lassen die Motoren aufheulen und ihre Anti-Potenz hörbar machen, fahren aggressiv am Geschwindigkeitslimit, überholen an unübersichtlichen Stellen. Ein Eiertanz. Kurz: Die Passstraße ist sonntagslaut-laut-laut. Und ja, wir sind natürlich auch Teil dieses Lärms.

Die kurvige Straße steigt stetig an, ähnlich dem Druck in meinen Ohren. Und auf einmal sind wir oben. Passhöhe. Fast 2000 m ü. M. Weite. Menschen. Reisebusse. Autos. Motorräder. An vielen Stellen liegt noch Schnee. Im Grimselsee schwimmen Eisschollen.

Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel
Auf der Grimsel: Schwarze Bergspitzen mit Schnee garniert, Weite, blauer Himmel

Nach einem kleinen Rundgang fahren wir wieder zurück bis zu einer Stelle, an der sich gut anhalten lässt und von der aus wir gut den ersten Wanderweg erreichen können.

Abschied. Erste Bilder. Winken. Macht es gut, habt es gut, Danke!

+++

Hier beginnt sie nun, unsere Wanderung. Eigentlich wären wir gerne zur Grimselseestaumauer hochgestiegen, doch die Schneefelder bremsten uns aus. Also abwärts. Zum Rätischbodensee, dem ’zweiten Grimselsee’, hinunter. Bisschen Straße, bisschen Wiese um die Straßenserpentinen abzukürzen. So richtig Wanderweg ist es erst ab Rätischbodensee, den wir auf seiner linken Seiten umwandern. Umwandern wollen.

Ein schöner Weg, den wir da gehen. Überall gurgeln und blubbern kleine Bächlein, die das Schmelzwasser entstehen lässt. Die Luft ist klar, der Himmel blau. Lunge und Seele atmen auf. Die Warnung vor Schneefeldern ignorieren wir nonchalant. So schlimm können die ja wohl nicht sein!, denken wir. Jedenfalls schaffen wir die ersten beiden ohne nennenswerte Probleme. Ich rutsche zweimal aus und lande im Schnee. Wie ein Käfer auf dem Rücken brauche ich Irgendlinks Hilfe beim Aufstehen. Der noch ungewohnte, schwere Rucksack nagelt mich am Boden fest. Dennoch, wirklich schlimm ist das nicht und wir wandern zuversichtlich weiter, weiter, weiter. Schön ist es hier, komm, weiter, weiter, noch mit der Unruhe der letzten Tage im Nacken … noch nicht im eigenen Tempo angekommen. Noch ungewohnt. Noch nicht im Jetzt.

Auf einmal liegt es vor uns, dieses Schneefeld, das wir nicht überqueren können. Zu breit. Zu schräg von oben links nach unten rechts in den See ragend. Eine Rutschbahn, die tödlich enden könnte. Ein falscher Tritt und du versinkst im Schnee oder rutscht ab und gleitest in den See. Nein. Geht nicht. Zu gefährlich. NEIN.

Also zurück auf Anfang. Zum Beginn des Wanderwegs. Alternativen zum nicht eben ungefährlichen Gang über die vielbefahrene Passstraße gibt es keine, aber wir könnten, so überlegen wir, damit wenigstens bis am Montagmorgen warten, denn jetzt fahren einfach zu viele Autos. Und vor allem zu viele Motorräder.

Eine Familie – Mutter-Tochter-Vater –, die ebenfalls am Schneefeld umgedreht ist, winkt uns zu, als sie uns zurückkommen sieht. Die Mutter deutet auf das Familienauto, das sie im einer Bucht am Anfang des Wanderweges geparkt haben. Sie deutet auf uns. Deutet an, dass wir als Mitfahrende willkommen seien. Wir recken die Hände. Signalisieren ein Ja. Mit Ausrufezeichen. Was für ein Glücksfall! Am Ende des Sees, an der Staumauer des Rätischbodensees, bedanken wir uns herzlich bei unserem Fahrer und seiner Familie und wandern zum nahen Wanderweg.

Schon bald finden wir einen schönen Platz für eine längere Pause. Eine immense Müdigkeit – dem ungewohnten Rucksackwandern ebenso geschuldet wie den letzten Tagen und Wochen, die dicht gewesen waren – macht sich in mir breit.

Wir beschließen, zunächst noch ein Stück weiter weg von der Staumauer mit ihrem großen Parkplatz und den Gebäuden zu wandern, aber uns baldmöglichst einen passenden Lagerplatz zu suchen. Es ist bereits etwa sechs Uhr und wir wollen es ja am ersten Tag nicht übertreiben.

Der signalisierte Wanderweg führt theoretisch über die reissende junge Aare, will heißen über eine den reissenden Aarebach querende Brücke, doch diese fehlt. Rechts und links der Aare felsiges Geröll, das ein improvisiertes Übersetzen verunmöglicht. Also bleibt uns nichts anderes übrig, wenn wir nicht erneut den ganzen Weg zurück zur Straße gehen wollen, als einen großen Bogen zu machen, um über Umwege auf den Wanderweg zurückzukehren.

Mehr schliddernd als absteigend gelangen wir eine Ebene tiefer und finden dank Navigationsapp wieder zurück zum Wanderweg. Diesem durch relativ feuchtes, hochalpines Grasland auf und ab folgend, suchen wir nach einem Platz für die Nacht, ein Stück relativ ebenes Land, nicht zu feucht, nicht zu felsig. Etwas abseits vom Weg werden wir schließlich fündig und bauen auf der trockensten und flachsten Stelle einer vom Schmelzwasser feuchten Wiese das kleine Wanderzelt auf.

Wir kochen uns eins der mitgebrachten Fertig-Gerichte – eine Reispfanne – und essen dazu Karottensalat. Wie köstlich es doch schmeckt, wenn man in der freien Natur gekocht hat.

Weil wir in einem der seltenen Funklöcher sind, spazieren wir nach dem Essen noch ein wenig zurück zu ein paar schönen Felsen, die wie Sofas am Wegrand liegen. Abendsonne. Weite. Sonnenuntergang. Und ja, so langsam komme ich an. In den Bergen. In der Natur. Im Hier.

Langsam wird es kühl. Die angekündigte Hitzewelle ist noch nicht auf der Grimsel angekommen. Wir schlüpfen müde in unsere Schlafsäcke und verbringen eine akustisch einzig vom Rauschen des nahen Aarewasserfalls untermalte erste Zeltnacht.

Bilder von Tag 1

Lest gerne auch Irgendlink über Tag 1 unserer Wanderung.


Kartenlink Tag 1

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#flussnoten19 | ein erster kleiner Rückblick

Ihr erinnert euch? Die Aargletscher sind es – diese Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Stetig abwärts fließt die Aare von da aus, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

Auf obiger Grafik sieht man die Wege der Aare gut. Angefangen beim Aargletscher – auf der Grafik unten rechts – hochoben, in der Mitte der Schweiz irgendwo beschreibt sie einen geschwungenen Loop bis ans Ostende des Brienzersees, durchfließt diesen, taucht kurz auf, quert das Bödeli zwischen den Seen, Interlaken genannt, fließt von Südost nach Nordwest durch den Thunersee, verlässt diesen und strebt nordwestwärts Richtung, Bern, Biel, von dort dann nordöstlich Richtung Solothurn, Aarau, Brugg. Schließlich mündet sie bei Koblenz (AG | CH) – bei 312m ü. M. – in den Rhein. Sie überwindet unterwegs einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und legt 291,5 km zurück.

Ganz so weit sind wir nicht gewandert, ’nur’ bis Bern. Bis ins Strandbad Eichholz, das wir vorgestern Mittag erreicht haben. Wir waren fast exakt 11 Tage unterwegs von der Grimsel nach Bern.

Die ersten Tage wanderten wir mehrheitlich auf Bergwegen. Wer sich jetzt das Bild eines stetigen Absteigens macht, da der Fluss ja bis Brienz etwa 1100 Höhenmeter überwindet, täuscht sich. Zwar haben wir diese Höhenmeter tatsächlich unterwegs überwunden, doch für drei Höhenmeter abwärts gab es mindestens wieder einen oder zwei aufwärts und ja, dafür waren unsere Gelenke äußerst dankbar. Abwärts gehen ist im Gebirge nicht nur anstrengender, es ist auch gefährlicher. Insbesondere wenn du einen schweren Rucksack auf dem Rücken trägst.

Die ersten Tage waren darum für mich besonders herausfordernd, da ich nach der langen Fernwanderabstinenz erstmal in mir das Gefühl fürs Rucksackwandern wiederfinden musste.  Rhein (2016) und Reuss (2014) sind ja nun doch schon ein paar Jahre her und Kondition und Fitness sind ja nicht so meine direktesten Nachbarinnen. Beides kommt aber – so lehrt mich die Erfahrung –, wenn ich gehe, wieder. Wenn ich in meinem Tempo gehe. Wenn ich meine Grenzen nicht zu rasant auszudehnen versuche. Wenn ich sorgsam mit mir umgehe. Nicht, dass ich das immer getan hätte. Aber irgendwie kommt das nach und nach wie von selbst. Die Kraft wächst. Der Mut wächst. Die Ausdauer wächst. Und sogar die Muskeln.

Von Brienz bis Bern waren es nicht mehr so viele Höhenmeter, doch da es an den Seen nicht durchgängig gute – will heißen schattige und idealerweise teerfreie – Wanderwege in Seenähe gibt, haben wir oft Wege am Berghang gewählt. Nicht zuletzt wegen der schattenspendenden Bäume.

Von Interlaken aus sind wir sogar spontan mit dem Postauto in die Berge, nach Habkern, gefahren und dort, parallel zum Seeweg, der Höhenkurve entlang Richtung Beatenberg gewandert. Dort war es zum einen ein paar Grad kühler, zum anderen hatten wir eine bessere Weitsicht. Und was für eine! Eiger, Mönch und Jungfrau zum Greifen nah.

Die Strecke Thun-Bern ist mehrheitlich flach. Hier bestand die Herausforderung darin, Wege zu finden, die nicht allzu besonnt und bevölkert sind – wilde Übernachtungplätze waren rar. Mal gingen wir auf der einen, mal auf der anderen Aareseite. So erreichten wir Bern am elften Wandertag – nach ungefähr hundertzwanzig gewanderten Kilometern. Ob und falls ja, wann wir den Rest der Aare erwandern werden, ist offen.

Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.
Screenshot unserer Wanderung auf der App-Karte. Die Kurve sieht aus wie ein Waldsofa im Profil.

Übernachtet haben wir dort, wo es uns gefiel, wo wir Platz gefunden haben. Das wird in der Schweiz an den meisten Orten geduldet oder ist sogar einfach so erlaubt, da die Schweiz wie Schottland und die meisten skandinavischen Länder das Jedermannsrecht kennt. Dieses Recht besagt, dass man auf öffentlichem Grund campieren kann, wenn man sich an die Grundregel hält, den Platz in Ordnung zu verlassen und die Biosphäre nicht zu stören (Infos gibt es > hier). So haben wir es gehalten. Wir haben immer allen Müll mitgenommen und zuweilen auch herumliegenden Abfall miteingepackt. Physische Spuren haben wir hoffentlich keine hinterlassen, vom plattgetretenen Gras da und dort einmal abgesehen.

Über das Leben unter freiem Himmel, über Zeltausrüstung, Schlafsack und Matten gibt es viel Literatur, weshalb ich nur diesen einen Tipp gebe: ausprobieren! Es lohnt sich, ein bisschen mehr Geld für gute und faire Outdoor-Produkte auszugeben statt Billigprodukte zu kaufen, die schnell verschleißen und beispielsweise nicht lange wasserdicht sind.

Ach ja, den Strombedarf für unsere Smartphones – die uns als Notizbücher, Wanderkarten, Photoapparate und Telefone dienten – haben wir größtenteils mit Irgendlinks Solarpanel gedeckt, das er zuweilen am Rucksack angeschnallt mit sich herumtrug. Wir hatten drei volle Powerbanks dabei, die wir ein einziges Mal – bei der Übernachtung im Garten einer Pilgerin, die uns spontan in ihre Welt eingeladen hatte – in eine ’richtige’ Steckdose einstöpseln konnten.

Diesmal haben wir nicht wie andere Male über unsere Fernwanderung gebloggt, sondern vor allem auf Twitter berichtet, kurze spontane Impressionen, Notizen, Flussnoten.

Geplant ist, dass sowohl Irgendlink als auch ich unsere Notizen in einen kleinen Reisebericht verwandeln werden. Für unsere Blogs.

Bleibt uns gewogen, denn ’Fortsetzung folgt’. Demnächst in diesem Theater.

#flussnoten19 | Von der Grimsel aareabwärts

Mich auf die Gegenwart einlassen. Nicht schon beim Wandern in blogbaren Sätzen denken. Anders hingucken.

Ob ich es schaffe?

So ganz tue ich es nicht, denn immerhin gibts auf Twitter den Häschtägg #flussnoten19, wo Irgendlink und ich Gedanken zum Unterwegssein twittern.

Was auffällt: Die Umstellung von ständigem Beschäftigtsein im Alltag in den Fernwanderferienmodus fiel mir diesmal schwerer als auch schon. Alltagssorgen. Gewöhnung an Bücher/Filme/Chats, Politik, Klimakrise etc. – diesmal will ich davon so wenig wie möglich.

Will einfach nur sein. Auftanken. Natur. Manchmal bedeutet das natürlich auch, über die Hitze zu jammern. Oder über Teerstraßen. Einfach wahrnehmen, was ist. (So richtig einfach ist das aber natürlich nicht.)

Hier. Jetzt. Biwacklager im Aareflussbett. Der Morgenkühle wegen in Vollmontur. Klamme Finger. Heiße Tasse. Flussrauschen.

(Es ist Mittwoch, 7:41. Der Upload zickt. Okay, dann halt später.)

Wenn die Berge rufen | #flussnoten19

Die Aare also. Dieser Fluss, an dem ich vor vielen Jahren geboren wurde. Dieser Fluss, in dessen Nähe ich die meiste Zeit meines Leben gelebt habe. (Aufzählungen erspare ich euch. Ich bin so oft umgezogen, dass ich selbst manchmal nicht mehr weiß, in welcher Reihenfolge ich wann und wo gelebt habe.) Sie hat mich geprägt, die Aare. Auch die wenige Jahre, die ich nicht im Dunstkreis der Aare gelebt habe, wohnte ich – fast immer – in der Nähe eines Gewässers, zum Beispiel an der Limmat mit ihrem schönen Zürichsee.

Kurz und gut: Es ist höchste Zeit, endlich herauszufinden, woher mein Heimatfluss überhaupt kommt.

Es sind die Aargletscher – eine Gletschergruppe in den östlichen Berner Alpen am Finsteraarhorn –, welche die Aare gebären, auf ihre lange Reise schicken, ins Tal, in den Rhein, ins Meer. Als Hauptquell nennt Wikipedia den Unteraargletscher auf 1977m ü. M. im Grimselgebiet.

Von da aus fließt die Aare stetig abwärts, durch Berge, Schluchten, kleine und große Seen, um schließlich bei Koblenz – bei 312m ü. M. – in den Rhein zu münden. Bis dahin hat sie einen Höhenunterschied von 1665m überwunden und 291,5 km zurückgelegt.

Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt
Karte, die das Einzugsgebiet von Quelle bis Mündung in den Rhein zeigt

Von Friedrich-Karl Mohr | CC BY-SA 3.0 de | Quelle: commons.wikimedia.org

So weit werden wir es in den zwei Wochen, die wir uns freigeschaufelt haben, allerdings nicht schaffen. Nicht im gebirgigen Auf-und-Ab, nicht mit den 15kg-schwerem Wanderrucksäcken mit Zelt-Matte-Schlafsack auf den Rücken. Auch geht es ja nicht um sportliche Leistung, es geht um Entschleunigung, um Ruhefinden, um Kraftschöpfen.

Manche Aarewege bin ich bereits früher in meinen Leben schon geradelt – allein, mit andern, mit Irgendlink. Andere Teilstücke sind uns von gemeinsamen Wanderungen bekannt. Doch jenen Abschnitt ganz oben im Berner Oberland haben wir beide bisher weder erwandert noch erradelt. Darum werden wir – wie vor drei Jahren beim Rhein – bei der Quelle anfangen. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln fahren wir auf den Grimselpass, da dort irgendwo die Aare, inmitten von Bergseen, ihr Dasein als Fluss anfängt.

>> Karte Grimsel <<<

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Die ersten Wandertage sehen dann ungefähr so aus:
>>> Karte <<<

[googlemaps https://www.google.com/maps/embed?pb=!1m25!1m12!1m3!1d175259.74878618063!2d8.054490034953101!3d46.65770042045961!2m3!1f0!2f0!3f0!3m2!1i1024!2i768!4f13.1!4m10!3e2!4m3!3m2!1d46.5728261!2d8.331545!4m4!2s46.74310%2C+8.05306!3m2!1d46.7431!2d8.05306!5e0!3m2!1sde!2sch!4v1560783722308!5m2!1sde!2sch&w=600&h=450]Ich freue mich total.

Ob wir bloggen oder twittern werden, wird von der Tageslaune abhängen, vom Netz, von der Befindlichkeit. Vielleicht werden wir auf Twitter sogar unseren Rheinwander- und Rheinradelhashag #Flussnoten wachküssen. Und vielleicht sogar das gleichnamige Blog?

Die Tageslaune wird es zeigen.

Von Bergen, Übergängen und warum Schönheit so gut tut

Bereits sechs Tage ist es her, dass ich Irgendlink am Bodensee von seiner #UmsLand Bayern-Tour abgeholt habe. Nach acht Tourtagen hatte er ungefähr einen Viertel der von ihm angedachten Bayernumradelung geschafft und das geplante Zwischenziel, Lindau, erreicht. Nach einem Bad im Bodensee – natürlich dort, wo wir damals auf unserer Flussnoten-Wanderung den Bodensee erreicht hatten – fuhren wir mit dem Rad im Kofferraum gemeinsam zu mir nach Hause.

Zu meinen Bildern gilt folgendes:
Für Sehbeeinträchtigte und Blinde: Alle Bilder haben Bildbeschreibungen, die vorgelesen werden sollten.
Für Sehende: Auf die Bilder klicken, um zur Galerieansicht zu kommen.

Spontan beschlossen wir, am Wochenende das Team Unserwegs zu besuchen. Nach einer viereinhalbjährigen Reisezeit schlagen die beiden nun am Hinterrhein, in den Bündner Bergen, wieder Wurzeln. Noch leben sie in ihrem Reisebus, bevor sie Anfang Oktober ihre neue Wohnung beziehen können. Auf dem Camping Thusis waren wir drei Tage lang ihre Gäste. (An dieser Stelle nochmals herzlichen Dank für alles, liebe Annette und lieber Beat.)

So fuhren wir also am Freitagnachmittag nach Thusis, in die Region Heinzenberg an den Hinterrhein. Unterwegs picknickten wir bei Fläsch und erfreuten uns an den schönen Erinnerungen, die in uns aufstiegen. Damals, vor zwei Jahren auf unserer Flussnoten-Wanderung hatten wir nicht weit von hier, an einem wunderbaren Platz, wild gezeltet. Diesmal bauten wir zwei große gemeinsame Steintürme.

Gegen Abend langten wir in Thusis an und wurden im Schatten des weitgereisten Reisebusses mit Leckereien verwöhnt.

Am Samstag fahren Irgendlink und ich von Thusis aus auf den Glaspass, wandern von dort aus – nach einem Abstecher ins Häärdställi, wo eine überdimensionierte Kugelbahn zum Spielen einlädt – auf den Glaser Grat und wieder zurück zum Auto (unsere GPS-Daten) (Infos | Bilder).

So sieht meine Glückseligkeit aus: Weitsicht, Berge, gute Luft, ein feines Lüftchen, Stille – und, ähm, sagte ich Weitsicht schon? Wir wandern berghoch, rasten, genießen, schauen, hören und sind einfach nur da … Ein Tag wie ein Jahr.

Unterwegs auf dem Abstieg finden wir den ehemaligen Lüschersee, der vor über hundert Jahren entwässert wurde. Bereits beim Lüschersee zickt mein linkes Knie leise. Wie neulich beim Abstieg vom Creux-du-Van. Die Schmerzen entschleunigen mich noch mehr. Ein positiver Effekt immerhin.

Fast schon unten angelangt, kommen wir an der Bruchalp vorbei und fragen nach Alpkäse. Leider nein, keiner mehr da. Wegen der Trockenheit war der Alpabzug dieses Jahr ungewöhnlich früh und der ganze Käse ist schon bei den Molkereien und Einzelverkaufsstellen gelandet. Schade.

Wie wir mit dem Auto zurück nach Thusis fahren, entdeckt Irgendlink am Straßenrand ein Schild, das einen Hofladen verspricht. Jippiee, sagen wir, und schon bald sind wir mit der jungen Bäuerin mitten im Gespräch über das Einmachen von Zucchini und anderen Gartengemüsen. Wir kaufen Bündner Nusstörtchen – ein großer Genuss, darum ein Muss, nicht nur um des Reimes willen – zum abendlichen Dreigangmenü auf dem Campingplatz. Auch Alpkäse finden wir hier, von der vorhin passierten Bruchalp. Über diesen unerwarteten Glücksfall freuen wir uns auf dem Rückweg wie kleine Kinder.

Am Sonntag kommt das Team Unserwegs mit uns mit in die Höhe. An der Ruine Hohen Rätien vorbei soll es gehen, Richtung Traversinersteg zur Via Mala-Schlucht. (Details/Infos) Schon nach nicht einmal fünfhundert Metern merke ich, dass ich das nicht schaffen werde. Am Samstag hatte mein Knie nur beim Abwärtslaufen geschmerzt, jetzt zickte es auch beim geradeaus gehen. Nicht lustig das. Ich entscheide mich, umzukehren und den anderen an einen definierten Ort entgegen zu fahren.

Gesagt getan. Nach einem kleinen Spaziergang, der meine Entscheidung bestätigt, setze ich mich ins Auto und suche eine schöne Waldlichtung, wo ich die anderen erwarte. Mit einem guten Buch vergeht die Zeit wie im Flug. Vom Treffpunkt aus fahren wir gemeinsam zum Via Mala-Zentrum, dem Herz der Sehenswürdigkeiten des Hinterrheins.

Der Weg am Hinterrhein entlang war schon sehr früh in der menschlichen Geschichte ein Handelsweg und verband den Süden mit dem Norden. Die Via Mala – der böse, der schlechte Weg – forderte viele Todesopfer, denn hier ist das Rheintal am engsten, ein Durchkommen auf engen Pfaden war zuweilen lebensgefährlich und noch heute ist die Schlucht ein Nadelör, und noch immer auch ein Ort des Staunens. Wie klein wir doch sind, wir Menschen!, sagen wir zueinander, wie wir über Treppenstufen in die enge Schlucht hinuntersteigen. Selbst Friedrich Nietzsche soll hier wortlos gestaunt haben, stattdessen schrieb er: «Ich schreibe nichts von der ungeheuren Grossartigkeit der Via Mala: mir ist es, als ob ich die Schweiz noch gar nicht gekannt hätte. Bis zu 300 Meter hohe Felswände ragen, teils nur wenige Meter voneinander, in den Himmel. Sprudelnd, rauschend, zieht das Wasser in schönsten Blau- und Türkistönen durch die Schlucht.»

Gestern Vormittag machten wir uns nach dem Brunch auf den Rückweg in die Deutschschweiz (Rückweg-Link). Allerdings wollten wir zuerst, nicht zuletzt um die unvermeidliche Rückkehr hinauszuzögern, noch ein wenig Kultur tanken. So fuhren wir ein weiteres Mal durch die Via Mala, diese enge Schlucht, südwärts. Nach Zillis. In die Kirche.

Wer mich kennt, weiß, dass ich es nicht so mit Kirchen habe. Doch diesmal war die kulturelle Neugier größer gewesen als die Abneigung. Die St. Martinskirche in Zillis ist bekannt für ihre uralten Dachgemälde. Im Gemeindehaus Zillis sehen wir uns eine kleine Ausstellung und eine spannende Multimediaschau über die berühmte Kirchendecke an. In der Diaschau wird Dionysius Areopagita zitiert und ich erlaube mir, ihn deshalb auch hier zu zitieren: »Das Gute stammt aus der einen und universellen Tatsache, das Böse aber aus vielen und partialen Defekten. […] Wenn nun das Gute dem Bösen entgegengesetzt ist, so sind die Ursachen ds Bösen viele. Die schöpferischen Faktoren des Bösen sind nicht Prinzipien und positive Kräte, sondern Ohnmacht, Schwäche, unsymmetrische Vermischung der unähnlichen Dinge.«

Neugierig geworden spazierten wir zur Kirche. Was soll ich sagen? Es hat sich gelohnt. In vielen Einzelbildern sahen wir über uns das mittelalterliche Weltbild, Mystik inklusive, abgebildet. Nicht sehr detailreich, schlicht, aber gekonnt und ausdrucksstark. Ja, ich war wirklich tief beeindruckt.

Wir fuhren nordwärts nach Reichenau, wo Hinter- und Vorderrhein aufeinander treffen und wo wir damals auf unserer Tour gepicknickt hatten. Wieder tauchten wir in schöne Erinnerungen ein und beschlossen, später, vor dem Taminser Dorfladen rastend, dass wir der alten Zeiten willen über den Oberalppass zurück nach Hause fahren wollten. An den Orten vorbei, an denen wir vor zwei Jahren vorbei gewandert sind.

Guck dort! Schau, da sind wir doch damals …! Unterwegs halten wir irgendwo am Vorderrhein an und bauen wieder. Ja, was wohl? Steintürme natürlich. Weils so schön ist. Und entschleunigt. Und gut tut.

Später landeten wir über Hunderte von Kurven auf dem Oberalppass, wo damals unsere Wanderung ihren Anfang genommen hatte. Wir schauten uns die Wegweiser an und verstanden nicht, wie wir damals den falschen Weg hatten gehen können. Eigentlich hatten wir ja den Wanderweg zum Tomasee nehmen wollen, zur Rheinquelle, stattdessen waren wir den Bergwanderweg, der über den Pazzolastock zum Tomasee führt, gewandert. Was im Grunde ein Glücksfall gewesen war.

 

Irgendwann gegen Abend sind wir gut, zufrieden, müde, glücklich, sonnensatt und hungrig wieder zuhause angelangt. Und dankbar, ja, das auch, das vor allem.