Stell dir vor es ist Krieg und keiner geht hin

Noch trocknen die Tränen, während ich das hier schreibe. Ich weine vor Dankbarkeit. Denn es gibt sie doch, die Hoffnung. Eben habe ich diesen Blogartikel des Bloggers denkbonus hier gelesen:
We will never bomb your country

… und diesen Youtube-Film geguckt. Was Internet alles kann! Wozu Menschen in der Lage sind. Auch in der Lage sind. Nicht nur, aber auch.
[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=mYjuUoEivbE]

sinnig

Was Sinn stiftet, ist von Mensch zu Mensch – wem sag ich das? – ganz und gar verschieden. Für den einen ist Reisen sinnstiftend. Für andere Bloggen. Denken. Nichtdenken. Fühlen. Wahrnehmen. Nichtstun. Putzen sogar. Und ja, auch Kisten auspacken, wenn du umgezogen bist. Leben eben.
Gestern habe ich mir auf YouTube einige Filme über das heikle Thema Aktive Freitodbegleitung angeschaut. Seit einer Weile lese ich das Blog von Wolfgang Herrndorf mit. Es sind dies die sehr authentischen Aufzeichnungen eines dem Tod Geweihten. Eines unheilbar kranken Schriftstellers.
Mein Tod gehört mir (oder so ähnlich) war der Titel eines Filmes, auf den ich beim Surfen, angeregt durch das besagte Blog, gestoßen bin. Ein gut gemachter Film, der die Praxis in Deutschland jener in der Schweiz gegenüberstellt. Was in Deutschland verboten ist, ist in der Schweiz unter bestimmten Schutzkriterien möglich. Kritisch tastete sich das deutsche Filmteam an das heikle Thema heran und zeigte aus einer sehr weiten Perspektive, wie wichtig die Würde eines Menschen ist. Und begleitet einen todkranken Mann zum Sterben in die Schweiz.
Ein kontroverses Thema. Ist ein Leben unter Schmerzen denn nicht mehr lebenswert? Nein, um den Lebenswert geht es bei dieser Diskussion nicht. Auch nicht um Lebenssinn, der abhanden gekommen ist, weil sich jemand nicht mehr selbst pflegen kann. Oder weil jemand vor lauter Schmerzen keine Freude mehr erleben kann.
Es geht vielmehr darum, ob jemand ernst genommen wird, wenn er beschlossen hat, dass er nicht mehr leben, sondern sterben will. Es geht um Freiheit und Autonomie. Und darum, den Tod, besonders auch den selbstgewählten Tod, zu enttabuisieren. Ein Thema, das mich seit vielen Jahren beschäftigt, da ich ein paar sehr nahe Menschen durch Suizid verloren habe.
Ein Thema, das – ich gebe es zu – nicht so recht zum Frühling passen will. Zum Frühling, der meine Kraft und meine Lebensenergie weckt.
Vergessen wir nicht: Sterben ist der Anfang von Leben. Und das Ende. Erde ist unter anderem totes Laub. Ist der Anfang von neuem Leben. Ist Kreis. Ist endlos. Grenzenlos.
Sinn? Sinn, ja!

heute blau-grün

Kleines Radtourchen auf den nahen Hügel. Weitsicht ins blaugrüne Land.

__________________________________________________________________
Bild: iDogma –
Fotografiert und bearbeitet mit der Photo-App Pro HDR, montiert mit der App AutoStich. Eine App ist eine ins iPhone integrierte Software. Alle Bearbeitungsschritte wurden auf dem iPhone (Handy mit Photo- und anderen Funktionen) ausgeführt.

heute blau

Durch die Blogosphäre zu spazieren, nach vielen Tagen Abstinenz, kommt mir vor, als besuche ich alte Freundinnen und Freunde bei sich zu Hause. Da philosophiere ich ein wenig mit, dort lese ich über Erlebtes, woanders betrachte ich Bilder. Mal bleibe ich länger hängen und gehe voller wertvoller Impulse weiter.
Ich begreife, dass ich Blogs lese, weil ich mich von den Leben anderer berühren lassen will. Nenn es Voyeurismus.
Aus dem gleichen Grund mag ich Ausstellungen. Bilder ebenfalls aus nur diesem einen Grund. Auch wenn dieser Grund viele Facetten hat und die Frage zu klären wäre (falls sie relevant ist, wirklich relevant) warum ich mich berühren lassen will. Vielleicht, weil ich die Farben anderer Menschen, um ein Bild, das Sherry heute verbloggt hat, aufzugreifen, weil ich also die Farben anderer Menschen mit meinen verweben will. Und wenn ja, warum? Weil ich mich durch die Farben anderer ganzer fühle? Was nun nicht zum (falschen) Schluss führen darf, dass ich mich selbst nicht ganz fühle. Das tue ich. Nicht immer, aber meistens. Aber noch mehr als ganz geht einfach nur mit anderen. So sozial bin ich dann doch. Obwohl ich die Stille dieses Sonntags, ganz allein mit mir, außerordentlich genieße. Froh um das Alleinesein. Jetzt.
Berührung und Berühren, berührt zu werden – für mich existentiell notwendig. Wie Luft und wie Wasser. Herzberührungen physischer Natur zum einen, doch ich brauche auch Berührungen ätherischer Art. Sie sind mir wertvolle Impulse. Sie sind meine Herzschrittmacherinnen. Mich berührt nicht nur die Schönheit dieser Welt – Dinge, Texten, Bilder, Kunstwerken jeglicher Art – sondern auch ihre Hässlichkeit, ihre Dramatik und ihr Schmerz. Bei mir, bei anderen, in der Welt. Berührung berührt mich. Trifft mich. Macht mich betroffen. Löst etwas aus. Erlöst womöglich etwas in mir.
Seit Tagen füllt sich mein Mailbriefkasten ohne dass ich groß etwas dagegen tue. Dabei sind mir Menschen so wichtig. Menschen und ihre Farben, ihre Formen, ihre Art zu denken. Ich lese alle Mails. Mails berühren mich. Ich will antworten. Am liebsten gleich. Selten tue ich es. Später dann doch.
Diskrepanzen. Alleinseinwollen versus Begegnungsbedürfnis.
Wäre ich eine Farbe, wäre ich heute blau. Unvermischtes Grundfarbeblau. Heute.

Das Ende der Schwarzfüße

Jeden Tag wird mein neues Zuhause ein bisschen wohnlicher. Eben habe ich die bereits leeren Umzugkartons plattgemacht, zusammengeschnürt und auf den Estrich (für meine deutschen LeserInnen: Dachboden) geschleppt. Wie viel ich doch schon ausgepackt habe! Bad und Küche sind fertig. Zum Abschluss habe ich den Boden geputzt, Schweizerin ich. Fühlt sich gut an, ohne schwarze Füße zu bekommen, durch die Wohnung zu gehen.
Am Nachmittag haben Freundin L. (1), die spontan vorbeischaute, und ich meinen Sitzplatz vor dem Haus genossen und meinem armen Arm Ruhe und Sonnenwärme gegönnt. Haben dazu über Göttin, die Welt und die Männer geredet. Über das Leben, die Kunst und die Arbeit auch. Und über das, was uns freut und das, was uns beschäftigt.
Heute vor einer Woche, noch auf dem einsamen Gehöft, in der Runde von Freundinnen und Freunden am Feuer sitzend, spekulierten wir, wo Irgendlink in einer Woche – also heute – wohl sein werde. War da von Sedan, das für mich damals einfach ein Wort war, die Rede – oder meine ich das nur? Genau dort ist er nun und hat nach vier Tagen bereits 289 erradelte Kilometer auf dem Tacho.
Schon bald ist er am Meer. Und schon bald in England. Bald in Schottland … Und ich werde bald wieder Zeit haben, andere Blogs zu lesen. Auch werde ich bald dies und jenes tun. Bald!
Ooops. Das Bald, das Morgen zählt nicht. Jetzt zählt nur das Jetzt. Und jetzt leg ich mich mit Buch ins Bett.

Der dritte Tag

Drei hat was. Immer schon. Eine magische Zahl. Im Märchen müssen Probandinnen drei Prüfungen bestehen. Drei Dinge sind es, die den Menschen ausmachen – Geist, Seele und Körper. Und drei Wünsche sind es, die uns zustehen, wenn wir denn das Glück haben, uns etwas wünschen zu dürfen.
Drei Tage sind es erfahrungsgemäß, bist wir uns auf einen neuen Rhythmus einlassen können. In den Lagern, die ich früher mit leitete, war der dritte Tag der große Heimwehtag der Kinder. Drei Tage steigen wir abwärts ins Neuland. Denn Neuland liegt immer tiefer als altes. Unten angekommen, stoßen wir uns ab und kommen wieder hoch. Bauen neue Treppen ins Jetzt.
Heute ist so ein dritter Tag für mich. Drei Tage seit meinem Abschied von Deutschland, vom einsamen Gehöft, vom lieben Nachbarspaar. Und drei Tage ist es auch seit meinem Abschied von Irgendlink. Fast auf die Stunde genau. Obwohl wir uns täglich mehrmals per Skype austauschen, vermisse ich ihn sehr. Seine physische Abwesenheit ist sehr ungewohnt. Ich weiß zum Glück, dass es gut ist, wie es ist. Trotzdem.
Ja. Trotzdem. Trotzdem fühle ich mich nach diesen überaus intensiven, körperlich wie seelisch anstrengenden Wochen wie durch den Fleischwolf gedreht. Noch immer plagt mich eine rechtsseitige Sehnenscheidenentzündung am Arm und in der Schulter. Kein Wunder, dass sie nicht heilen kann, wenn ich die ganze Zeit Umzugskisten auspacke und am Laptop sitze, um Irgendlinks „Ums Meer“-Blog zu redigieren. Ich fühle mich außerdem halbkrank. Schlapp. Ein bisschen fiebrig. Doch das Chaos in meiner neuen Wohnung lässt mir keine Ruhe. Abschalten geht da nicht. Außer nachts. Schlafen kann ich gut. Zum Glück.
Gleich kommt mein Lieblingsbruder zu Besuch und übernachtet hier. Auf dem Bettsofa. Umgeben von noch nicht ausgepackten Kisten.
Neues ist immer zauberhaft. Neues ist jedoch auch immer kräftezehrend. Ich webe an einem neuen Stück Leben. Verwebe neue geografische Fäden in das bekannte Netz, da ich die Gegend hier ja ziemlich gut kenne. Neues trifft also vertrautes, das sich aber in den Jahren meiner Abwesenheit sehr verändert hat. Und neu sind immer auch die Geräusche eines neuen Ortes. Im Haus. Im Quartier. Im Städtchen. Dazu die Nachbarskatze, die mich umwirbt und Streicheleinheiten einfordert.
Gestern die zweistündige Info-Veranstaltung des regionalen Arbeitsvermittlungsamts. Gute Sache. Viel Respekt wird uns Stellensuchenden entgegengebracht. Sehr wohltuend. Sehr menschlich.
Ihr seid Stellensuchende, nicht Arbeitslose. Arbeit habt ihr ja. Nämlich eine neue Stelle zu finden. Stellenlosigkeit kann alle treffen, also schämt euch nicht. Geht aufrecht durchs Leben und schaut hin, was ihr alles könnt. Packt euren Rucksack aus, betrachtet eure Talente und verliert den Mut nicht!, sagte die resolute, aber sehr herzliche Kursleiterin, die uns nicht nur unsere Pflichten nahelegte, sondern auch unsere Rechte aufzeigte.
Am Abend treffe ich die Nachbarin jenseits des Holzstapels. Der Postbote war froh gewesen, dass er mir ihr Paket hatte überreichen dürfen. Sie war froh, dass wir ihr dadurch der Gang zur Post erspart hatten. Und ich war froh darüber, eine sympathische Nachbarin kennenzulernen.
Der dritte Tag. Ich lasse mich sinken. Müde. Am liebsten würde ich mich ins Bett legen und mir die Decke über den Kopf ziehen.
Aber sonst, ja doch, sonst geht es mir eigentlich ganz gut 🙂

Im Rückspiegel …

Dienstagabend. Kurz vor Mitternacht. Nicht mehr dort, noch nicht wirklich da. Ich sitze im Bett. Meine Insel. Ich schnuppere an Irgendlinks Kissen. Sein Geruch treibt mir ein paar Tränen in die Augen. Es riecht so, wie nur er riecht. Ein Abglanz seines Geruchs.
Ich nuckle am Bier, das er kurz vor dem Abschied ins Auto geschmuggelt hat. Gerüht habe ich ihn dabei ertappt.
Die Fahrt verlief – trotz des bis an den Rand vollgestopften Autos – sehr ruhig, beinahe wie von allein. Zu viele Gedanken tummelten sich in meinem Kopf, um die Reise langweilig zu empfinden. Der Abschied beim Birnbaum. Letzte Worte. Ein paar Tränen. Winken bis um die Ecke.
Unser für viele Wochen letzter gemeinsamer Tag. Der Morgen verging mit Restputzen (ich) respektive Fernsehinterview im entsprechenden Studio (J.) und spätem Frühstück viel zu schnell. Irgendlinks zweites Interview, für SWR4, fand auf dem einsamen Gehöft an der Sonne statt. Eine Idylle, die dem Radiomann ganz offensichtlich gefiel. Am Sonntagvormittag läuft die Sendung.
Schließlich letzte Siesta, weil es einfach schön ist, nebeneinander zu erwachen. Letztes Kochen in der Sommerküche. Letzte Mahlzeit. Henkersmahlzeit.
So lange haben wir beide auf diesen neuen Abschnitt hingearbeitet. Auf Irgendlinks Reise „Ums Meer“ ebenso wie auf meine Rückkehr in die Schweiz – und doch … Genau jetzt würde ich am liebsten alles rückgängig
machen. Mich zurück in J.s Umfeld beamen. Zurück in den gemächlichen KünstlerInnenalltag. Zurück in die Spur. Zurück in die Gewohnheiten dieser Alltage. Kleine heile Welt.
Nein, nicht zurück. Jetzt. Vorwärts. Wissen, dass wir uns richtig entschieden haben. Auch wenn Abschied weh tut, so ist er doch Ausdruck von Liebe und Vertrauen.
Das schönste im Leben ist zu lieben, sagte ich vorhin zu ihm ins Telefon. Ja!
——-
(geschrieben am 27.3., eben in der neuen Wohnung angekommen, aufs iPhone getippt, doch mangels Internet nicht senden können …)

das eine und das andere

Ohne Technik könntest du das hier nicht lesen. Ohne Technik könnte ich das hier nicht schreiben. Nach einer Stunde surfen, was es in der Schweiz an Alternativen fürs kabellose Surfen gibt, werde ich wohl reumütig in den Laden des allmächtigen Telekomriesen, unter dessen Fittiche ich mich eingekauft habe, gehen müssen und doch dieses Router-Modem-Teil kaufen, dessen Preis mich gestern leer schlucken lassen hatte. Sämtliche Alternativen sind teurer, komplizierter – sprich zeitaufwändiger – und nicht unbedingt besser.
Die Frage ist: Brauche ich kabellos? Fürs iPhonesurfen ist es natürlich super, da in den hiesigen Abos keine Surfflatrates inklusive sind wie in Deutschland. Und skypen würde über iPhone gehen … und überhaupt: Ja, ich brauche kabellos.
Ich sehs schon, jetzt fang ich bereits an Deutschland zu schönen, wo alles viiiiel billiger war 🙂

Diese Tage

Endlich habe ich wieder Internet-Zugang. Umzüge sind nervenaufreibend und meistens klappen solche Dinge nicht auf Anhieb. Wäre ja zu schön gewesen, denn zurzeit bin ich sehr auf die virtuellen Verbindungen angewiesen bin. Zurzeit, denn Irgendlink hat sich heute Mittag auf den Weg gemacht. Ans Meer. Der Prolog seiner großen Reise sozusagen. In einer knappen Woche von Zweibrücken nach Boulogne-sur-Mer. Und von da aus immer weiter ums Meer. Um die Nordsee (mehr: hier klicken).
Endlich wieder Internet. Nach Unterbrüchen technischer Natur und erst über ein ziemlich kurzes, gelbes Kabel, das mich zu unmittelbarer Nähe zum Telefonanschluss zwingt. Besser als nichts. Mein Kopf summt wie ein Korb voll wilder Wespen. Die letzten Tage klingen nach.
Den gestern Abend verfassten Blogartikel, den ich vor dem Schlafen im iPhone notiert, kann ich erst morgen nachliefern, da mein iPhone, neu mit Schweizer SIM-Karte bestückt, noch nicht aktiviert ist. Swisscom hat heute Pannentag. Auch die Schweiz ist nicht perfekt.
In Gedanken lasse ich die letzten Tage Revue passieren. Da war dieses Gespräch am Sonntagabend. Beim Künstlerpaar B. Über die Definition von Lebenswert haben wir philosophiert. Arbeitstauglich müsse einer sein, um sich das tägliche Brot zu verdienen, zitierte die Dame des Hauses einen alten Mann, der körperlich nicht mehr arbeitsfähig war und daher das Essen verweigert hatte. Für die Generation meiner Eltern war Arbeit zumeist eine körperliche, eine handwerkliche Angelegenheit. Mir fehlt der Respekt für diese Sicht der Dinge keineswegs. Aber. Aber Arbeit ist mehr. Arbeit ist auch, hier zu sitzen und diesen Blogartikel zu schreiben. Zumal mir noch immer fast alle Knochen wehtun. Vor allem der rechte Arm. Eine Sehnenscheidenentzündung, die mich mal mehr, mal weniger plagt. Putzen, womit ich die letzten Tage verbracht habe, ist unbestritten Knochenarbeit. Ja. Und wieder: aber. Großes ABER. Denn auch Kunst ist Knochenarbeit.
Reiseblogkunst ist gar schweißtreibende Knochenarbeit. Geistarbeit auch. Und Herzarbeit sowieso.
Arbeit darf Spaß machen.
Arbeit hat ihren Preis. Und ihren Lohn.
Jede Arbeit (auch Kunstarbeit) soll entlohnt, belohnt, bezahlt werden, denn von unserer Arbeit wollen und sollen wir leben können. Doch wer zahlt Kunst?
Die Sache mit dem Geld. Alle brauchen es. Auch Kunstschaffende. Irgendlinks Kunstprojekt ist nicht nur mit einem Lohnausfall von drei Monaten verbunden, sondern ist auch drei Monate unbezahlte Arbeit. Deshalb haben wir uns im Vorfeld erdreistet, zu Spenden aufzurufen. Aber Spendenaufrufe sind so eine Sache. Und die Reaktionen darauf ebenfalls. So und anders.
Du könntest ja für die Reise zuerst viel arbeiten um Geld zu sparen, war eine. Da wagte eine, laut und deutlich auszusprechen, was andere nur dachten.
Für jemanden, der Kunst, für jemanden, der die Liveblog-Kunstreise Irgendlinks und für jemanden, der das Bloggen NICHT als Arbeit betrachtet, mag dieser Ansatz logisch sein.
Die Welt funktioniert so, dass wir Produkte und Leistungen, die existentiell oder sonst wie wichtig sind, kaufen und verkaufen. Kunst aber ist nicht überlebenswichtig im unmittelbar existentiellen Sinn. Etwa so wichtig, wie ein totes Schwein für eine Vegetarierin, um Irgendlinks Pragmatismus zu zitieren. Jedenfalls für jene, denen Kunst nicht wichtig ist.
Der Wert eines künstlerischen Produktes (ob nun an die Wand hängbares Bild oder virtuelles Reiseblog ist dabei nebensächlich) ist eben nicht in Geldwerte zu fassen. Was sie deswegen nicht weniger kostbar macht.
Das Zauberwort heißt Respekt. Ich träume von einer Welt, wo alle das tun können, was sie am liebsten machen und am besten können, um mit ihren Talenten ihr Brot zu verdienen.
Wie würdest du, wie würde ich, leben, wenn wir diese Möglichkeit hätten?

Letzte Male

Für helles Sehen und klaren Durchblick habe ich gestern gesorgt. Und nebenbei gleich noch alle meine Pforten gereinigt. Fenster und Türen als magische Orte, Putzen als magische Handlung – die Welt neu verstehen, die wir zerstückelt haben und nun neu zusammensetzen. Im Tun, im Gehen intensiv erleben, was gerade jetzt ist.
Seltsamerweise habe ich seit Tagen nicht das geringste Bedürfnis, zu fotografieren. Bilder zu bearbeiten schon gar nicht. Weder die noch vollen, noch die leeren Räume habe ich zu Zwecken der Erinnerung und Dokumentation in Bildern festgehalten. Nur in mir drin. Festhalten geht eh nicht. Erinnern schon.
An Freitagabend und Kollege T.s Bar-Eröffnung (DIE Tapas-Bar in Homburg) werde ich mich erinnern, auch ganz ohne Bilder. An die wunderbaren Salatsaucen, die T. und P. gezaubert haben, an den gemütlichen Abend mit Journalist F., an die Freude des frischgebackenen Wirts über die zahlreichen Gäste.
An gestern Abend werde ich mich als erstes Grillfeuer der Saison erinnern und an die tolle Vegi-Pfanne mit gefüllten Pilzen und anderen Leckereien, die Irgendlink komponiert hat, an Künstler P., der am Nachmittag wie ein Geist aus der Flasche plötzlich da war und Irgendlink zur Hand ging, Feuer und Grillgut unter seine Fittiche nahm. An die Freunde und Freundinnen, die nach und nach eintrudelten um mit uns die Wärme und das Knistern des Feuers zu teilen.
An heute Morgen werden ich mich erinnern als an einen goldenen Morgen mit Hühnergegacker und Vogelgezwischer. Das erste Frühstück der Saison in der Sommerküche. Sonne satt!
Ich werde diesen Ort vermissen. Gut zu wissen, dass ich spätestens in ein paar Monaten wiederkommen werde. Voller Erinnerungen werde ich übermorgen abreisen.
Ach, Erinnerungen! Sie verbergen immer ein Stück Traurigkeit unter ihren Röcken. Die Restspuren, Fingerabdrücke des Losgelassenen, bleiben haften. Hinterlassen Eindrücke in der Seele. Unterscheiden uns von Maschinen. Erinnern ist eminent wichtig um zu lernen und Zusammenhänge verstehen zu können. Und erinnern ist wichtig, damit wir wachsen können. Jede Erinnerung schenkt uns einen Baustein für unsere Entwicklung.
An das erste und an das letzte Mal erinnern wir uns immer am besten. Was dazwischen lag, ist ätherisch. So erinnere ich mich besser an die ersten Tage hier als an all jene mittendrin. Und ich werde mich sehr gerne an diese letzten Tage erinnern. Dankbar bin ich und reich beschenkt.
Noch zwei Nächte hier … seltsamer Countdown.
Das Leben – vielleicht einfach ein großes Rad, das sich dreht und dreht und dreht …