Dreiundzwanzig

Sollen wir eine weitere Nacht am Hjälmsjön verbringen oder das Zelt abbrechen und für eine letzte Nacht in Schweden nochmals umziehen? Glücklich, wer beim Frühstück nur solch simple Fragen zu lösen hat.
Mein Bedürfnis – vor den nächsten zwei Reisetagen – war jenes nach Sonne, Natur, Relaxen, Sein. Auch Radeln oder Wandern wäre okay, aber einfach keine Hochleistungen. Schließlich ist es der letzte sonnige Tag, sagen die WetterprophetInnen. Auch J.s favorisierte mehr mit Bleiben als mit Weiterziehen. So war der Fall schnell klar.
Da wir auf dem Camping WiFi haben, suchten wir die virtuellen Karten nach einer schönen Route ab, die uns beiden gefallen würde. Mein Herz schlug höher, als ich eine Radstrecke voller Geocaches fand, die genau zum von Irgendlink favorisierten See in der Nähe führte. Wir luden uns die Koordinaten der Caches auf die iPhones und sogar J.s gutes altes GPS kam heute zum Einsatz. Von den sechsundzwanzig auf einer Rundstrecke versteckten Geocaches fanden wir immerhin dreiundzwanzig, in den ersten waren die Koordinaten der Caches für die zweite Tourstrecke versteckt. Clever gemacht! Einen Cache, die Nummer neun, in welchem wohl die Koordinaten für einen weiteren notiert gewesen wäre, fanden wir nicht und zum letzten fehlenden haben wir wohl in einem der Caches die versteckten Koordinaten übersehen. Doch das Resultat – dreiundzwanzig an einem Tag – kann sich sehen lassen. Ich bin ein bisschen stolz auf uns 🙂
Auf unserer Tour machten wir schließlich auch den geplanten Badeabstecher nach Åsljunga, denn der dortige See war es ja gewesen, der uns überhaupt zu dieser Tour animiert hatte. Am Badeplatz zunächst nur zehn pubertierende Jungs die Coolheit und Kräfte aneinander maßen.
Erstaunlich dann am Abend, die Erkenntnis, dass wir auch heute wieder über zwanzig Kilometer geradelt waren. Dreiundzwanzig, um genau zu sein – wie die Anzahl Caches.
Morgen und übermorgen reisen wir südwärts. Ich hoffe, das Wetter wendet erst in Richtung Regem, wenn das Zelt trocken im Auto verstaut sein wird. Insch’allah.
Morgen Abend werden wir vielleicht wieder – wie letztes Jahr – in der Lüneburger Heide campen. Wer weiß? Wir nehmen es, wie es kommt.
Nach Hause fahren, hm. Jedes Mal, wenn ich eine Weile weg von zuhause bin, ist innerlich das Daheim auf einmal kaum mehr abrufbar und unendlich weit weg. Diesmal ist es besonders speziell, weil ich in meinem neuen Daheim, im neuen Land, noch nicht ganz angewachsen bin und noch immer viel Neues auf mich zukommt.
Wieso reisen wir Menschen überhaupt weg? Und wieso gerne so weit, denn in Deutschland und in der Schweiz ist es doch auch schön? Ähnlich schön wie hier, außer, dass es dort enger ist und einem immer Leute über den Weg laufen. Sicher ein Grund, der bei mir für Schweden spricht, ist die Weite.
Abstand schafft Abstand. Und ab und zu tut es eben auch richtig gut, alte Gewohnheiten und Alltage gegen neue einzutauschen und sich dabei ein klein bisschen neu zu erfinden.

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Bild 1 und 2: Screenshots meiner GPS-App: Der blaue Pfeil ist unser Standort (Bild 1). Die Stecknadeln sind Geocaches. Caches 1-6 hatte ich per Geocaching-App gesucht, sie fehlen deshalb auf dem Bild.

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Bild 3: In einigen Caches waren – so oder ähnlich wie hier – die Koordinaten eines weiteren Caches versteckt.
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Bild 4: Einer der vielen Caches, die wir heute gesichtet haben.
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Bild 5: Mein gutes altes Rad beim Cache 9, dem Unauffindbaren.

Sonne, See und so

Im nahen Wald der erste Cache: Dort fanden wir heute Vormittag das Paradies. Ohne Keksefabriken lebt es sich ganz wunderbar. Stille.
Später eine zweite, für einmal erfolglose Cacherunde im Örkelljung’schen Industriegebiet. Samt dufter Keksfabrik nebenan. Wer wohl Caches an solch desperaten Orten versteckt?
Schließlich radeln wir zehn Kilometer nordwärts. An einen der vielen Seen der Umgebung. Als hätten wir keinen vor der Haustür …
Sonne. Herrlich weiches Wasser. Die perfekte Temperatur. Sandstrand. Mensch, was willst du mehr? Ich tanke Kraft und spüre, wie meine Lebensgeister zurückkehren. Den Alltag verdränge ich eimmal mehr fast perfekt … Carpe Diem!
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Erstes Bild: Irgendlink loggt den Geocache im Paradies.
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Zweites Bild: Am Badesee.
(Beide Bilder sind unbearbeitet. Dazu fehlt mir hier die Muße)

Örkelljunga

Hier waren wir schon mal!, sagt Irgendlink. Da vorne kommt rechts eine Kirche, links ein Parkplatz.
Wir haben nach Meerbad, Dusche und Frühstück das Zelt abgebaut und Norrkiven und seine Küste verlassen. Südlich der Hallandsås, dem Gebirgszug, den wir vor Tagen beradelt haben, besuchten wir eine Dauerausstellung, die den jahrzehntelangen Eisenbahntunnelbau durch besagtes Gebirge illustriert. Spannend.
Später, nach einem Picknick in einem Friedhofpavillon, der geradezu zum Faulenzen drängt, beschließen wir, uns einen nicht allzu weit entfernten Zeltplatz mit Seeanschluss zu suchen. Fahrrichtung südsüdöstlich, so dass wir ab übermorgen den Rückweg ohne Stress in zwei Etappen anpacken können.
Auf dem Weg nach Örkelljunga schließlich J.s Déjà-vu.
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Die Kirche steht da, wo er gesagt hat und an die Landschaft erinnere ich mich möglicherweise, doch diese ist austauschbar. Felder, Wälder, Straßen. Hier, auf dieser Route, sind wir letztes Jahr nordwärts gefahren, immerhin das weiß ich noch. Die Route habe ich noch ungefähr im Kopf. Aber diese Kirche? Nein, sorry, keine Erinnerung. Auf dem iPhone finden wir Bilder von der nahen Umgebung und ans Baden und Geocachen ernnere ich mich sogar noch detailliert, doch die Kirche? Hm. Okay, auch sie ist austauschbar. Weißer, schlichter Bau, großer Friedhof.
Bin ich übersättigt, reizüberflutet? Oder war ich es letztes Jahr? Jetzt eher nicht. Ich fühle mich sogar seit ein paar Tagen so ausgewogen wie schon lange nicht mehr. Die Sonne tut das ihre. Die Natur, das Meer, die Einfachheit des Alltags mit seinen Eckpfeilern wie Frühstück, Abendessenkochen und Abwaschen sowie den täglichen Abwechslungen lassen den Alltag zuhause zuweilen vergessen. Die neuen Eindrücke und Erfahrungen legen sich quasi in die vorhandenen Regale und Schubladen.
Doch da sind auch Träume – so viele, wie schon lange nicht mehr, da der Unterwegs-im-Zelt-Schlaf leicht ist. Träume, die von mir Antworten fordern: Wohin bin ich unterwegs und wie? Welche Arbeit passt wirklich zu mir?
Ich sehe mich schreibend. Dennoch ist da zuweilen die Angst, dass mir eines Tages der Stoff ausgehen könnte. Wohl eine unbegründete Angst. Ich hatte sie auch vor dieser Reise. Wie wird dich das Livebloggen dieses Jahr anfühlen? Als schlechter Abklatsch von letztem Jahr, als Wiederholung – die Reise ebenso wie das Bloggen? Unbegründete Angst. Das Leben ist alt-neu-immer-wieder-anders. So kann sich eine Reise nicht wiederholen, selbst wenn wir die gleiche Strecke (Polarkreis – zurück) wiederholt hätten. Das Leben ist immer wieder anders. Nicht mal das heutige Meerbad war gleich wie das gestrige. Selbst ähnliche oder gleiche Erkenntnisse unterscheiden sich je nachdem, in welcher Verfassung sie uns antreffen. Oder in welcher Schublade sie heute liegen.
Und wir? Wir liegen heute – für ein bis zwei Nächte – in Örkelljungas Campinggefilden: direkt am Hjälmsjön, der über zwanzig Grad warm ist. Nebenan, im Minizelt, wohnen ein geselliger Däne und seine zwölfjährigen Tochter, die eine Woche lang Schonen per Rad bereisen.
Ein schöner Platz, günstig, mit WiFi sogar. Das Passwort – ohne Zeitlimit – haben wir für zwanzig Kronen gekauft. Dennoch mach ich jetzt Schluss für heute 🙂
Morgen womöglich noch mehr Gedanken, warum wir vertraute und bekannte Orte brauchen, und Wiederholungen.

Miniuniversen

Große Welt im Kleinformat. Auf dem Camping Norrviken wird ebenso geliebt und gestritten wie zuhause.
Neben uns ein junges Paar im Wohnwagen. Zu jung, als dass es deren eigener Wohnwagen sein könnte. Das Auto vielleicht, der Wohnwagen nicht. Ob er ihren Eltern oder seinen gehört, ist egal. Sie sind hier zuhause. Fernseher im Vorbauwohnzimmer. Comedyshow gestern Abend. Dazwischen Gelächter und Gekicher bei den Pointen, die auf Schwedisch so vorhersehbar klingen wie auf Deutsch.
Auf der andern Straßenseite jenes ältere Paar mit dem Großbildschirm, dessen Bilder wir durch die transparente Seitenwand des Vorzeltes sehen können, wenn wir im Zelt liegen.
Daneben neue Zeltcamper. Gestern angereist, nachdem die junge Familie mit den zwei süßen, kleinen, blonden Mädchen, die um halb sieben mit ihrem Geplapper den ganzen Campingplatz geweckt haben, der ansonsten friedlich bis halb neun im Schlummer liegt, um halb acht das für eine Nacht aufgebaute Zelt schon wieder abbauen und losfahren. Die neuen sehen nach Hierbleiben aus. Gut. Dürfen sie von mir aus. Die machen keinen Lärm.
Schräg vis-à-vis wird zuweilen gezankt. Gestern Vormittag ziemlich lautstark.
Ist sie die Böse oder er?, unke ich beim Frühstück. Klassisches älteres Paar. Vor dem Wohnwagen mit Vorzelt ein Sichtschutz-Gartenzaun, der leider nicht vor Gezänkelärm schützt. Gestern Abend, wie wir friedlich an unserm Holztisch Gemüse schippeln, streiten sie schon wieder. Ich stehe und sehe ihn am Tisch sitzen. Mit Zeitung. Sie wuselt rum. Er motzt sie an. Sie kontert. Es klingt bei ihm wie Warum-hast-du-schon-wieder? und bei ihr nach Nun-fang-nicht-wieder-von-vorne-an!
Wie konnte es mit uns beiden bloß so weit kommen?
, fragen sie sich nachts im Bett. Falls sie mit solcherlei Fragen nicht längst schon aufgehört haben.
Und hier wir. Grünes, zehnjähriges Igluzelt mit Vorzeltchen. Mittelklasseauto mit deutschem Kennzeichen. Zwei Menschen Mitte vierzig, die ihr Essen auf den Kochern am Boden zubereiten.
Sie leben im Schmutz!, wie Irgendlink uns zu beschreiben beliebt. Uns und andere ZeltcamperInnen. Campende zweiter Klasse, die sich weder Wohnwagen noch Wohnmobil leisten können. Sieben Zelte stehen heute auf dem ganzen Zeltplatz.
Jeder und jede braucht jemanden, auf den oder die sie oder er runter schauen kann!, sage ich gestern auf dem Rückweg, nachdem wir radelnd den ausschließlich FußgängerInnen vorbehaltenen Båstader Park durchquert und dabei schräg beäugt worden sind. Nur wir haben leider niemanden zu belächeln oder zu kritisieren. Oder wie wärs mit jenen, die mit ihren schnittigen Elektrorädern über den Zeltplatz düsen? Nö, die beneide ich höchstens. Hmmm.
Schnitt
Alles Gute zum Geburtstag, liebe Schweiz. Erster August schon wieder. Und mal wieder ohne mich. Feuer. Feuerwerke. Ansprachen. Siebenhundertzwanzig Jahre alte EidgenossInnenschaft. Proscht Nägeli und alles Gute, dir morgenrotes, angeschwärztes Heimatland meins.
Schnitt.
Die Sonne scheint mir auf Rücken und Nacken. Vor mir in hundert Metern Luftlinie das Meer. Da wollen wir hin. Gleich. Baden. Nachher ein Ausflug auf die Katzensch…insel im Westen der Landzunge. Vielleicht. Oder was anderes. Und noch eine fünfte Nacht hierbleiben. Es wird mit jedem Tag schwieriger, einen guten, gut eingelaufenen Platz gegen einen neuen, unbekannten einzutauschen.
Schnitt.
Das Meerbad war königlich. Achtzehn Grad ungefähr. Doch erstmal drin war es einfach nur wohltuend.
Mit Blick auf ein paar weidende Kühe – neben mir ein Leuchtturm, Fyren genannt – schreibe ich diese Zeilen. Die winzige Insel, außerhalb Torekovs, ist gar nicht so klein wie gedacht. Zwei bis drei Kilometer misst sie schon und die vielen Leute haben sich gut auf ihr verteilt. Die einen wandern, andere baden, dritte bloggen. Mein Liebster tigert mit der Nikon und dem iPhone herum und findet wunderbare Bilder.

Båstad again

Die Idee, nach Findung eines offenen Internetzes an den Båstader Strand oder an einen kleinen Badesee zu radeln besteht noch immer.

Aber nach einem Abstecher ins Turistbyro das weder WiFi noch einen Gäste-PC hat, uns dafür aber den Wetterbericht von hier und von Schweden verrät, finden wir mitten im Ort ein offenes Netz. Dort habe ich vorhin den gestrigen Artikel hochgeladen. Nun, auf einer Parkbank sitzend, sind wir wieder im städtischen Bibliotheksnetz. Ob Bloggen diesmal geht, wird sich noch zeigen.

Das Wetter bleibt wie es ist. Meist sonnig, ab und zu Schauer, Wolken, Gewitter. Gut! Wir werden wohl an der Westküste Südschwedens bleiben. Mal schauen. Morgen weiterfahren ist so der aktuelle Plan.

Faszinierend dieses Tourinest hier. Menschen überall. Rausgeputzte Geschäfte. Hübsche, saubere Straßen, liebevoll gebaute Häuser mit Vorgärten. Bilderbuchschweden so weit das Auge sieht. Doch wichtiger als Wetter und schöne Umgebung ist mir, mit meinem Lieblingsmenschen unterwegs zu sein. 🙂

Abkürzungen und Umwege

Samstagabend im Zelt. J. ist unter der Dusche. Nachher werden wir kochen. Karottencurry zu Basmatireis. Aus Karotten, die wir am Wegrand gekauft haben.

Müde hänge ich im Zelt. Die heutige Tour war zwar „nur“ achtzehn Kilometer lang, doch auch heute, wie gestern, haben wir einige Höhenmeter – auf und ab – bewältigt.

Zum Glück kennen wir die Konsequenzen unserer Entscheidungen nicht im Voraus, denke ich irgendwann auf dem Rückweg.

Nach den ersten vier Kilometern (fünf davon bergauf!) konsultierten wir die Karte unserer Urlaubsregion. Sollen wir nach Torekov radeln und von dort per Fähre auf eine kleine Insel, wie beim Frühstück angedacht – dabei vielleicht mit vielen Leuten mit dem gleichen Ziel auf die Fähre gepfercht? Oder aber Richtung Meer und von dort am Ufer entlang Richtung Zeltplatz radeln? Wegen der eher langen Route nach Torekov entscheiden wir uns für den etwas kürzeren Küstenweg, der zur Wanderstrecke mit dem schönen Namen Skåneleden gehört.

Direkt am Meer halten wir Siesta. Picknick. Ich bade meine Füße und fühle mich sehr ruhig. Die Sonne zeigt sich, herrliche Wolkengebilde bedecken sie zeitweilig, ein stetiger Wind treibt unten wie oben Schabernack.

Hier, am Ende der Welt, komme ich zur Ruhe.

Später radeln wir in westlicher Richtung den Wanderweg entlang, was mal besser, mal schlechter geht. Zumindest bis mein Sattel die Fassung verliert und hintenab kippt, was das Fahren ziemlich mühsam macht. Wir müssen jedoch eh die meiste Zeit zu Fuß voran, da der Weg eben primär für Wandernde angelegt ist. Entsprechend steil und steinig ist er, rot-weiß wäre er in der Schweiz markiet, als Bergweg.

Wie im Berner Oberland!, sage ich denn auch. Einmal mehr. Seit unserer letzjährigen Reise an den Polarkreis, der Küste Norwegens entlang, ist dies unser runing gag. Ein Synonym gleichsam für die Schönheit einer Landschaft. Hier stört eigentlich nur das endlose Meer unsere oberländische Illusion. Stell dir einfach vor, das da wäre der Thunersee, meint J. aufs Meer zu unserer Rechten deutend. Naaa ja … 🙂

Vor uns taucht ein Ausflugsrestaurant mit Hotel auf. Pause. Ich frage an der Rezeption nach Imbusschlüsseln. Minuten später repariert J. meinen geknickten Sattel. Glücklich bringe ich das Schlüsselset zurück an die Theke.
It works!, sage ich, worauf die junge Dame am Tresen mein Lächeln herzlichst erwidert und Yeah! sagt. Daumen hoch! Freude, die über die nötige Professionalität hinaus geht und mich herzlich berührt.
Nach Danish Nougat-Eis verlassen wir diese Erholungsinsel, um das Abenteuer des Jahres zu bestehen. Was wir allerdings da noch nicht einmal ahnen.

Wären wir wohl wieder die Bergstraße vom Morgen zurückgeradelt, wenn wir gewusst hätten, was uns erwartet? Auch um dieser Steigung zu entrinnen, hatten wir uns nämlich als Rückweg für diese vermeintliche Abkürzung am Meer entlang entschieden. Müßige Frage. Klares Nein. Auch nach den Strapazen, Dramen und Gefahren unseres Rückweges sind wir irgendwie froh, dass wir uns so und nicht anders entschieden haben. Wie oft im Leben ziehe ich den Umweg vor.

Zuerst eine krasse Aufwärtssteigung von ungefähr dreißig Grad, bei der sich mein mit Korb und Rucksack bestücktes Rad zwischen Steinen verkeilt und ich nicht mehr ohne J.s Hilfe freikomme. Später ein immer schmaler werdender Waldweg. Dann taucht der Engel (oder ein Teufel?) in Person eines älteren Einheimischen aus dem Nichts auf und empfiehlt uns, bei einer Verzweigung, an der wir rechts aufwärts weitergewandert sind, dringend, nicht diesen, also den oberen Weg zu gehen, da dieser immer schmaler werde und mit dem Rad später kaum begehbar sei.

Der untere Weg sei zwar auch sehr gefährlich, aber immerhin schöner. Wir sollen gut aufpassen, es gehe sehr steil bergab. Unten sei ein Steinstrand und später fänden wir einen radgängigen Weg bis zur Landstraße.

Wir bedanken uns und steigen langsam und vorsichtig den schmalen, dornigen und steinigen Pfad abwärts. Meine Beine werden zerkratzt und ich fühle mich im Urwald. J. hat mit mir mein schweres Rad gegen sein leichteres getauscht. Es wird noch steiler und steiniger, sobald wir den Wald verlassen. Die Rutschgefahr ist groß, das Gefälle ebenfalls. Ich schliddere sogar ohne Rad, während J. auf der gefährlichsten Strecke beide Räder nacheinander hangabwärts transferiert. Was für ein Geschenk, dass er das für mich tut! Unten angekommen verschlägt es uns die Sprache.

Der Lohn für unsere Mühen: wunderschöne wilde Felsformationen. Sonne zwischen Wolkentürmen. Meerrauschen. Ja, wahrhaftig, dieser Weg ist wirklich schön. Wunderschön. Schöner als die von Autos befahrene Bergstrecke auf jeden Fall.

Bleibt die Frage, wie gefährlich und wie schön der obere Weg gewesen wäre! Unser Guide hatte auf den schmalen Pfad zu unseren Füßen gezeigt und gemeint das dieser, gegen die Fortsetzung, die uns bald erwarte, falls wir diesen Weg wählen würden, geradezu ein gediegener Highway sei. Na ja, der Abstieg ans Meer war ja auch nicht eben ein Zuckerschlecken.

Eins steht fest: Ohne die Wegbeschreibung unseres Guides wären wir gewiss nicht den Berg beruntergeklettert, nicht mit den Rädern jedenfalls. Wir wären umgekehrt und hätten das schönste Stück verpasst. Und die Moral? Tja … Die hat mit Unmöglichem zu tun, das irgendwie machbar wird, wenn wir es wagen. Oder etwas in der Art.

verfasst am 30.7.11, ca. 19:30

Vom Golfspielen und dem Leben

Da radeln wir heute bei bestem Wetter von Norrviken über Båstad landeinwärts und bergan. Heiß ist es. Im T-Shirt steigen wir Hügel um Hügel süd- und aufwärts. Ich frage mich, wie ich meine Meinung gebildet habe, Schweden sei flach. Okay, im Norden vielleicht und verglichen mit der Schweiz doch schon eher, aber – echt wahr! – die Steigungen hier sind nicht ohne. Zuweilen schiebt uns der Wind vorwärts, andernorts bremst er uns. Mal sehen wir Meer, mal weniger. Mal Wald, mal weite Felder. Alles ganz nahe beieinander, nur unterbrochen von roten Farbklecksen. Gehöfte in der Pampa.

Diese Gefühle von Weite und Wo-bin-ich-überhaupt? kenne ich seit meiner Kindheit. Mich in der Größe und Weite zugleich klein und unbedeutend und zugleich geborgen und sicher zu fühlen, ist mir vertraut. Wo immer ich bin, bin ich nicht mehr als ein kleiner Punkt im Universum. Die Welt wird um mich her mit mir zusammen klein und gegenwärtig, reduziert sich auf das, was ich hier und jetzt sehen und erfahren kann. Mein ganz persönlicher Lenbenskartenausschnitt.

Ist das Autofahren durch Schweden – eine eindrückliche Erfahrung ohne Frage! – mit einer Weitwinkelaufnahme vergleichbar, gleicht das Radfahren der Zoomeinstellung. Ich sehe radelnd mehr vom Land, bin näher dran, meine Welt wird größer – bei kleinerem Maßstab, bei kleinerem Ausschnitt. Ich nehme die Farben und Gerüche anders, intensiver wahr. Egal eigentlich wo ich – absolut gesprochen – in diesem Moment bin. Ach, und Wandern entspräche schließlich in dieser Analogie der Makrofotografie.

Eben haben wir eine Steigung erklommen und beschlossen, hier oben unsere kleine Futterpause einzuschalten. Was wir nicht wissen: die Bank, die wir im Aufstieg gesehen haben, steht inmitten eines Golfareal. Und von diesem sehen wir vorerst nur einen kleinen Ausschnitt.

Kleine Gruppen defilieren an uns vobei. Paare um die fünfzig vorwiegend. Die Männer fangen immer oben, gleich neben unserer Bank, zu spielen an, die Frauen erst bei der zweiten Abschlagstelle. Da ich von diesem Sport außer ein paar Klischees kaum etwas weiß, kommt mir dieses Prozedere beinahe mysteriös vor. Wird den Frauen hier weniger zugetraut? Oder wird ihnen gentlemanlike eine Schwierigkeit erlassen? Vielleicht hat es auch mit dem Grad des Handicaps zu tun, was – wenn ich meines Liebsten Erklärungen richtig verstanden habe – so viel bedeutet, das Golfspielende je nach Fähigkeitslevel einen bestimmten Schwierigkeitsgrad bewältigen müssen. Damit Schwächere und Stärkere zusammen spielen können.

Egal. Mein Ökoherz schlägt zuallererst immer ein wenig schräg, wenn ich inmitten schönster Wild- und Waldgebiete künstlich hochgezüchtete Rasenflächen fürs Golfen sehe. Und wenn – wie zum Beispiel in Spaniens Süden – das wenige, kostbare Wasser der Alpujarras, das eigentlich der im Gebirge lebende Bevölkerung zum Leben dient, zur Wässerung von riesigen Golfanlagen in Luxushotels abgezweigt wird. Dann. Na ja.

Wir sitzen auf einer Anhöhe. Der Wind pfeift uns kühl um die Ohren, doch wir verfolgen zunehmend fasziniert, wie die Leute ihre Bälle setzen und ihren Ritualen gemäß die Bälle abschlagen. Wo die Bälle landen, können wir kaum ausmachen. Die Gruppen kommen und gehen. Heitere Menschen grüßen uns allesamt mit freundlichen Hej, hej! und fast alle sagen noch etwas zu Wetter, Lage oder Golf. Nettes Volk hier.

Ich würde nicht mal die Kugel treffen!, sage ich, nachdem ich fast losgeprustet habe, als ein attraktiver, sportlich auftretender Mann in unserm Alter seinen Ball im angrenzenden Wald versenkt. Es ist zu hoffen, dass er kein Kaninchen getroffen hat. Er stöhnt laut auf und legt eine neue Kugel auf die Erde, die dann offenbar besser landet. Mein Lachen verkneife ich mir, ich könnte es nicht besser. An Ambitionen Golf zu spielen fehlt es mir. Ein Mangel, der zum Glück nicht weh tut. Dennoch faszinierend, den Menschen hier zuzuschauen, mit welchem Ernst sie bei der Sache sind. Wie fernsehen, sage ich. Und das tun wir wortwörtlich mit angestrengtem Blick, um die Dinger landen zu sehen. Like Television!, sagt einer der vorüberziehenden Männer grinsend.

Alles, was wir mit Hingabe und Leidenschaft tun, ist wahrer Gottesdienst, sagte einst ein weiser Mensch. Habe ich jedenfalls irgendwo einmal gelesen oder gehört. Geträumt vielleicht?

Golf spielen ist wie Leben, sage ich später zu J., als wir uns wegen eines kurzen Schauers in einem Wartehäuschen unterstellen. Oder ist Leben wie Golfspielen? Die einen haben die Begabung dazu. Sie kennen die Regeln, haben die Bewegungen verinnerlicht. Andere üben, mühen sich ab, kommen nicht weiter. Wieder andere verlieren den Ball … Diese Mischung aus Glück und Können, Windstärke und Physik und dem Zusammentreffen von Kraft auf Materie. Wie im richtigen Leben …

Schnitt.

Die einzelnen Blogsequenzen eines Livereiseblogs sind für sich gesehen quasi wertlose Schnipsel. Erst zusammengehängt vermögen sie eine zusammenhängende Geschichte zu erzählen. Jeder Ausschnitt ist quasi nur der isolierte Blick aus einem einzelnen Fenster eines Hauses. Ich bekomme damit kein umfassendes Bild meiner Umgebung. Erst zusammen mit den andern Aussichten aus dem gleichen Haus wird das Bild der Umgebung unfassend und vollständig. Doch selbst dann ist die sogenannte Vollständigkeit eine Illusion.

verfasst am Freitag, 29. Juli

Båstad

In der Båstader Bibliothek haben wir kostenloses Internet gefunden. Leider stürzt die Verbindung draußen immer mal wieder ab, aber dank der neuerdings fast störungsfrei funktionierenden WordPress-App kann ich ja erst offline schreiben und hinterher hochladen.
Der Ort hat mit seinem Hafen und der Strandpromenade etwas beinahe südländisch-martimes. Internationale Beschriftungen da und dort. Dazu REA, Ausverkauf. Sommerlich gekleidete Menschen. Sonne. Gewusel.
Vor dem ICA, in welchem J. unsern Lunch einkauft, während ich die Räder hüte, beobachte ich Menschen. Da der ältere Mann mit dem Rollator, der zur Parkbank schlurft. Das eine Auge abgedeckt. Was mich an den Thriller „Begraben“ von Elena Sender erinnert, den ich dieser Tage verschlinge. Hätte ich bloß mehr Bücher mitgenommen! Dort die alte Frau, die kaum mehr mit ihrer schwangeren Tochter Schritt halten kann.
Schnitt.
Heute Morgen nach dem Aufstehen waren beide Klos unseres Servicehauses besetzt, weshalb ich mir schon mal an den Außenspültrögen das Gesicht und die Hände wusch, um mir die Wartezeit zu verkürzen. Wie aus dem Nichts stand eine alte rüstige Frau neben mir und sagte auf Englisch, dass das hier nicht erlaubt sei, nur Geschirrspülen. Händewaschen aber nicht. Und Gesichtwaschen auch nicht! Und Zähneputzen schon gar nicht. Ooops, die muss mich gestern gesehen haben! Hilfe, die überwacht mich! Ich bin zu schlaftrunken und zu perplex um auch nur ein einziges Wort sagen zu können. Menschen, die ihre Zeit mit Überwachung totschlagen, tun mir irgendwie leid.
Später, beim Frühstück am Holztisch, der zu unserm Platz dazugehört, fachsimpeln Irgendlink und ich über den individuellen und irrationalen Ekelpegel. Während ich mich NICHT davor ekle, dass jemand im gleichen Becken Hände UND Geschirr wäscht, graust es mir vor Verpackungen im Zusammenhang mit rohen Lebensmitteln. Dafür kann ich im Wald problemlos ein heruntergefallenes Stück Käse aufheben, abputzen und essen.
Irrationalitäten bestimmen unser Leben. Warum mich laute Erwachsene mehr nerven als zapplige Kinder, ist auch so ein Rätsel. Prägungen, Mitbringsel aus der Vergangenheit. Erinnerungen sind die unbekannten Dateien unserer biologischen Festplatte.
Der Tee ist getrunken, wir brechen bald auf. Wir haben eine Weiterfahrt quer über die Landzunge geplant. Das Wetter meint es gut mit uns.
In eigener Sache: Ich freue mich immer sehr über eure Kommentare, erlaube mir aber ausnshmsweise, sie nur punktuell zu beantworten. Je nach Zeit und Verbindung. Danke fürs Mitreisen!