
Mit der PhotoFunia-App die Welt sehen …

Fallmaschen & Herzgespinste

Während ich das Klo schrubbe, will mir der Gedanke – die Frage vielmehr – nicht mehr aus dem Kopf, warum wir nie wirklich ankommen werden.
Haben wir nämlich ein Ziel erreicht, eine Sehnsucht erfüllt, einen Traum oder auch nur ein Bedürfnis gestillt – jene Arbeitsstelle erhalten, diesen Mann oder jene Frau gefunden, diese oder jene Lebensumstände wie Wohnung oder Auto gegen Geld getauscht – sind wir nicht etwa am Ziel. Oder dauerhaft glücklich. Und die Zufriedenheit ist auch bloß eine temporäre. Ziel ist definitiv kein Synonym zu Glück, und umgekehrt ebenfalls nicht.
Glück, wunschloses vor allem, ist wohl das am schwersten zu findende Gut. Nix neues.
Wie die Welt wohl aussähe, wenn wir zufrieden wären und ob Evolution nur auf der Basis und als Folge von stetiger Unzufriedenheit möglich ist?, frage ich mich, während ich die Badewanne nachspüle.
Ich poliere den Spiegel, lächle mir trotz Halsweh zu und beschließe, zufrieden zu sein. Einfach so.

Ich ertappe mich, wie ich – wenn ich auf der Smartfon-Tastatur einen Text bearbeite – immer mit dem gleichen Finger ein Wort oder einen Satzteil wiedereinfüge, mit dem ich ihn zuvor an einem anderen Ort ausgeschnitten habe. Das geschieht bei Touchscreen-Tastaturen durch Berührungen mit den Fingerspitzen. Die Wörter, die Buchstaben, so fühle ich, sitzen, wenn sie ausgeschnitten sind, eine Weile in meiner Fingerbeere. Logischerweise in jener Fingerbeere, mit der ich sie ausgeschnitten habe.
Meine Fingerspitze ist am Smartfon meine Maus. Denn auch die Maus zwischenspeichert Wörter, Sätze und Links. Richtig, auch Links. Wenn ich ab Browser eine Webadresse kopieren will, tue ich das vornehmlich mit dem Mittelfinger. Und es ist – natürlich! – auch wieder der (gleiche) Mittelfinger, mit dem ich den Link in die Mail setze. Bei Blogtexten ist es interessanterweise meistens der Zeigefinger. Der rechte.
Ich frage mich, wo meine Maus ihre Geheimnisse zwischenspeichert. Und noch was möchte ich gerne wissen: Lässt sie die Wörter, Sätze und Links wirklich wieder frei? Oder bleiben diese vielleicht ein klein bisschen – sagen wir mal in komprimierter Form – irgendwo im Innern der Maus zurück? Wie eine leise Erinnerung? Was würde mir die Maus, wenn ich sie denn fragen und sie reden könnte, alles erzählen? Weiß sie oder erinnert sie sich bloß?
Nicht auszudenken, wie das erst mit meinen Fingerspitzen sein muss. Vielleicht werde ich nach zehn Jahren iFonschreiberei ganz dicke Fingerbeeren haben. Oder Blutstau. Vielleicht sterben sie gar ab, meine Fingerspitzen? Oder kommt es drauf an, was sie schreiben?
Besser ich lese noch ein bisschen. Das scheint mir nicht gar so gefährlich wie schreiben zu sein.
Der erste Satz ist immer am schwierigsten. Und der letzte auch. Beim Bloggen ebenso wie bei Bewerbungsbriefen. Im Leben und beim Sterben auch. Anfänge und Übergänge – herausfordernd. Neuanfänge sowieso – trotz des ihnen innewohnenden Zaubers, wie Hesse so schön schrieb (Stufen).
Den ganzen Abend habe ich an meinen Bewerbungsunterlagen gefeilt, sie auf den neuesten Stand und in online-taugliche Form gebracht. Die vielen Bewerbungen, die in den letzten Tagen meinen Schreibtisch überfluteten, haben mich inspiriert. Ein schönes Dossier zu gestalten, braucht Zeit. Ausschlag zu diesem ganz und gar spontanen Akt, mich derartig auf meine berufliche Zukunft vorzubereiten, gab das Zwischenzeugnis, das mir mein Scheff heute überreicht hatte. Ich habe beim Lesen fast geweint vor Rührung.
Die würde ich echt sofort anstellen, sagte ich und deutete auf die Zeilen, die mein Scheff über mich geschrieben hatte. Die ist ja richtig gut, die Frau. Wir grinsten. Von mir aus darfst du gerne bleiben, meinte er schließlich. Zur Antwort zuckte ich nur die Schultern.
Warum bloß zieht es mich denn immer weiter?
(Eine Frage, die ich mir nach Vormittagen wie heute nicht stelle. Die superprovisorische und sich immer wieder ändernde, aber für heute geltende Antwort lautet: Ich hasse Stress. Und heute Vormittag war einfach alles nur stressig. Außerdem hatte ich – was nur alle zehn Jahr vorkommt – mal wieder verschlafen. Weil ich zu spät ins Bett gegangen und zuvor lange mit Irgendlink telefoniert hatte …)
Ich sammle noch immer Erfahrungen, sage ich Stunden später zu meiner Freundin C (2). Alles, was ich unterwegs auf meinem Weg lerne, ist ein weiteres Puzzleteil. Wir philosophieren über die Lebensreise und träumen uns so reich, dass wir nicht mehr für Geld arbeiten gehen müssen, sondern nur noch unseren künstlerischen Neigungen und Passionen gemäß leben können. Little-F. tanzt derweilen zu Kristofer Åström und wir Frauen genießen es, auf dem Sofa Tee zu trinken und so dem Novemberblues ein Schnippchen zu schlagen.
Den Winter finde ich zwar im Voraus jedes Mal ganz furchtbar schlimm, aber wenn er dann da ist, arrangiere ich mich ziemlich gut mit ihm. Die Gegenwart ist immer irgendwie okay, meinte Kollegin S. neulich.
Zu C (2) sage ich, dass mehr die Angst vor der Angst das Leben schwierig macht, als die Angst vor etwas konkretem und dass ich mir deshalb ganz viel Mut zum mutig sein wünsche. Mut um mein Ding zu finden und zu tun.
Wir ziehen Tarotkarten. Wow, sage ich, ich Glückspilzin. Ich freue mich auf meine Zukunft. Und über das Jetzt auch.
Einen Brötchen-Job werde ich aber wohl trotzdem brauchen, denke ich. Und darum peppe ich meine Bewerbungsunterlagen auf. Doch falls jemandem da draußen ein Geldesel über den Weg läuft, könnte es womöglich meiner sein. Bitte schickt ihn, nachdem ihr ihn gefüttert, gestriegelt und gestreichelt habt, weiter zu mir. Ich werde gut zu ihm schauen. Versprochen.
Da ist dieses Bedürfnis, diesem seltsamen Bürotag einen kreativen Farbtupfer zu verleihen. Es kratzt an meiner Innentüre. Heißt mich, den Laptop einzuschalten. Drängt mich an den Schreibtisch.
Kreativ und farbtupfig? Nach so einem Tag? Wie denn – und was bitte schön? Soll ich denn einfach etwas über diesen Tag schreiben? Wen interessiert das schon?
Laut Statistik wird mein Blog ziemlich rege gelesen. Rege ist relativ, aber rege heißt auch, dass ich doch nicht einfach so drauflos schreiben kann. Rege heißt, dass ich etwas geistreiches, seelenfütterndes, kreatives, witziges oder zumindest bewegendes schreiben muss.
Doch wer will schon lesen, dass ich heute unter anderem meine sieben potentiellen Nachfolgerinnen telefonisch einladen durfte? Wen da draußen interessiert es, dass nächste Woche sieben Frauen, die bis anhin nichts mit mir zu tun hatten – und ich mit ihnen ebenfalls nicht –, nächste Woche mein Büro anschauen und sich vorstellen werden, wie es sein könnte, ab nächstem April hinter diesem Schreibtisch zu sitzen. Dass ich drei Favoritinnen habe, macht die Sache für mich nicht leicht. Ich will doch unbelastet an den Gesprächen teilnehmen und meinen Scheff gut beraten können. Jene Frau soll meine Stelle bekommen, denke ich, die am besten ins Team passt. Und die sich da auch wirklich wohl fühlen wird. Auch soll sie sich heraus- aber nicht überfordert fühlen, ihre Aufgaben lustvoll bewältigen und dabei ein ausgeglichenes Lebensgefühl haben. Und sie muss unbedingt mit einer großen Portion Humor gesegnet sein, um die Launen des Scheff relativieren können. Und vor allem sollte sie – besser als ich – auch mal Nein sagen können. Besser? Nein, sie darf nicht besser sein als ich, sonst werde ich ja keine Lücke hinterlassen. Hm. Aber schlechter darf sie auch nicht, sonst hätte ich ein schlechtes Gewissen.
Ich muss grinsen. Einzigartig sind wir doch alle und die eierlegende Wollsau, die dazu noch Frischmilch liefert, gibt es nicht. Zum Glück. Die Unentbehrlichkeitsfalle ist eine jener Illusionen, die ich nicht erfüllt sehen will. Mein Büro wird auch ohne mich weiterexistieren. Mit Kollegin K. habe ich heute Nachmittag eine halbe Stunde statt zu arbeiten über unsere selbstwachsenden Arbeitsberge philosophiert und über die Paradoxie, die der Satz „Überstunden abbauen“ beinhaltet. Zumal es ja gerade die Arbeitsberge sind, die Überzeit entstehen lassen. Doch bauen wir sie ab, in dem wir blau machen, wachsen die Berge und wir produzieren zurück im Büro erneut Überstunden, um die alt-neuen Arbeitsberge abzutragen. Ein Perpetuum mobile der anderen Art. Eine Abwärtsspirale. Der Anfang vom Burnout. Ressourcenmangel überall. Da ist viel Arbeit zu tun. Und da wären auch viele Menschen, die auf Arbeit warten. Stellensuchende. Doch da ist kein Geld für faire Löhne. Die Pensen erhöhen würde ebenfalls Abhilfe schaffen, doch auch dazu ist kein Geld da.
Für mich, die ich bereits auf dem Sprungbrett stehe, sind solche Überlegungen bereits ein bisschen unscharf. Lieber träume ich. Vom einfachen Leben und auch ein bisschen davon, mich eines Tages von meiner Alltagskunst ernähren zu können. Wäre ich bloß mutiger. Ich schlucke leer. Wie gestern, als ich per Mail erfuhr, dass ich wieder bei einem Geschichtenwettbewerb gewonnen habe. Mit 24 anderen Autorinnen und Autoren zusammen. Und dass ein weiteres Buch – diesmal mit einer etwas längeren Geschichte von mir – im Januar erscheinen wird.
Na ja. Kreativ war das alles jetzt nicht wirklich. Wie auch, nach so einem Tag. Dafür will ich jetzt die neue Seite auf diesem Blog noch füllen. Mein Who Is Who. Einfach für den Fall, dass hier jemand mitliest und sich für mein kleines Alltagsleben interessiert.
Erstes Bild: Schnappschuss von mir, mit PhotoFunia bearbeitet. Eine BildbearbeitungsApp, die witzige Bildmontagen, vor allem mit Porträts, erlaubt.

Zweites Bild: Ebenfalls mit PhotoFunia bearbeitetes Bild, das J. zeigt. Während seiner Ausstellung. Morgen um die Zeit ist mein Liebster bereits in St.-Jean-Pied-de-Port. Insch’allah.
(Sein Pilgerblog findet sich hier: http://irgendlink.de)

Logo, dass ich ihn gerne alive wiedersehen will.
Wie du dich als besserer Mensch fühlen kannst? Du sagst einfach zu deinen Mitmenschen: Ich lasse dir den Vortritt!
Das fühlt sich gut an!, sagst du. Grad so, als seiest du eine besserer Mensch.
Und ich? Ich gebe sie dir gerne, diese Gelegenheiten. Zum einen, mir den Vortritt zu lassen und zum anderen, dich danach als besserer Mensch fühlen zu können. So fühle ich mich auch gleich besser. Als besserer Mensch sozusagen. Und das nur, weil ich dir die Gelegenheit gab, mir Gutes zu tun, indem ich auf das Privileg, dir den Vortritt zu lassen, verzichtet habe. Hach, wie schön es doch ist, sich gemeinsam als bessere Menschen zu fühlen.
Manchmal sehe ich ihn geradezu, jenen Hyperlink zwischen meinen Gefühlen und meinen Gedanken. Und auch zwischen den Gefühlen und den Gedanken meiner Mitmenschen. Es ist diese stetige Übersetzung von Beobachtungen, Fakten, Wahrnehmungen, die wir durch den Filter unserer Lebenserfahrung fließen lassen. Die Essenz ist empathisches Sein. Nenn es Liebe. Von mir aus gerne. Denn damit ernennen wir Liebe zu mehr als einem bloßen Gefühl. Und auch zu mehr als einer auf Denkarbeit basierenden Entscheidung. Mehr und nicht nur die Summe der Einzelteile. Die Buchstaben A und B sind für sich nicht mehr als zwei Buchstaben, doch zusammengenommen bilden sie ein Wort. Eins sogar, trotz seiner Kürze, das mehrere Bedeutungen haben kann.
Unsere Welt ist ein einziges Netz, voll mit Metaphern. Doch halt! Jetzt will ich das Abendessen zubereiten. Gemeinsam mit J.. Mit reiner Denkarbeit kann ich das nicht tun. Auch durch die Kraft meiner Emotionen füllt sich der Topf nicht mit Wasser. Ein empathischer Gedanke – wir kochen uns etwas feines, das wir beide mögen – mündet in eine Handlung. So funktioniert Leben. Das ist der Punkt. Und ein weiterer Hyperlink im Gespinst des Lebens.
Alles, was an Materie von Nutzen ist, mag ursprünglich – will heißen, vor dem Gedanken, sich mittels Umsetzung der Idee bereichern zu können – aus Empathie oder zumindest aus einer Art Selbstliebe, Intuition oder Überlebensinstinkt entstanden sein. Das Ziel? Sich und anderen das Leben leichter zu machen. Ob das nun ein Koch denkt oder eine Korbmacherin, ein Bauer oder eine iPhone-Software-Entwicklerin, ist dabei einerlei.
Mit der Kunst, die nicht im materiellen Sinne nützlich ist, sondern der Ästhetik, Harmonie und unserem Bedürfnis nach Verarbeitung und Ausdruck entspringt, ist es vielleicht gar nicht so anders. Die Künstlerin ist eine, die und der Künstler ist einer, der sich und anderen das Leben schöner machen will.
Genau diese Hyperlinks zwischen Denken, Fühlen und Handeln sind es, die das Leben lebenswertvoll machen.
(letzte Woche im Tessin verfasst)
Wer kennt, ohne zu können, ist ein Theorist, dem man in Sachen des Könnens kaum trauet; wer kann, ohne zu kennen, ist ein blosser Praktiker oder Handwerker; der echte Künstler verbindet beides.
ist von Johann Gottfried Herder und habe ich heute hier gelesen: Coopzeitung, Editorial.
Wird es nun immer so weiterregen?, gedacht, als ich mein Fahrrad am Mittag vor meinem Wohnhaus abgeschlossen hatte.
Was ist denn das?, gemurmelt, als ich den roten Umschlag auf dem Küchentisch sah.
Oh, gejubelt, als ich begriff, dass mir J. einen Abschiedsgruß auf den Tisch geschmuggelt hat. Wie doch ein paar liebevolle Zeilen einen grauen Tag erhellen können. Als würde die Sonne scheinen.
Nach den Ferien zurück ins Büro zu kommen, ist nie lustig. Der Papierberg in meinem Postfach, den ich auf meinen Schreibtisch transferiere, ist beeindruckend, doch der Stapel auf dem Tisch meines Scheffs ist schwer zu toppen.
Neunzig Bewerberinnen werden wir unglücklich machen, sage ich um fünf Uhr zu ebendiesem, nachdem ich alle Kandidaten- und Kandidatendaten erfasst und Bestätigungsmails verschickt hatte. Dafür machen wir eine glücklich. Eine!
Soll ich mich jetzt für die eine, die meine Nachfolgerin wird, freuen oder soll ich mit den anderen, denen ich absagen muss, weinen? Na ja, geweint habe ich heute genug. Gleich zweimal. Ein bisschen nachdem ich J. zum letzten Mal gedrückt hatte und mit dem Rad ins Büro gerollt war. Das zweite Mal, als mir mein Scheff von der unheilbaren Krebskrankheit der gemeinsamen Kollegin M. erzählt hatte. Keine Frau aus unserer Bürogemeinschaft, doch eine, die wir beide sehr gut mögen und die eine unglaublich tolle, wohltuende Art hat, mit Menschen umzugehen. Die Weißkittel geben ihr noch ein halbes Jahr.
Es trifft immer die Guten, murmelte ich hilflos. Wir saßen uns betreten und betroffen gegenüber. Es ist ja nicht der Tod, den ich so schrecklich finde. Im Grunde glaube ich ja, dass der Tod gar nicht mal so schlecht ist. Die Kehrseite des Lebens. Das Gegenstück. Das Problem mit ihm ist nur, dass wir eigentlich nie fertig gelebt haben werden. Das Ding mit der Unzeit. Weil es doch für uns alle immer noch dies und jenes zu tun, zu lassen, zu erleben geben wird. Immer. Für jene, die dableiben, ist der Tod ebenfalls ein Problem, denn Verlust tut weh. Dennoch ist der Tod nicht böse. Er ist einfach und ich gestehe, dass ich bisweilen mehr Angst vor dem Leben als vor dem Tod habe. Und hatte. In Bezug auf Materie, Gesundheit und das Älterwerden.
Feierabend. Zuhause wartet ebenfalls ein fetter Poststapel – die Post der letzten Woche –, den ich noch nicht zu sichten gewagt hatte. Drei Haufen mache ich: Zeitungen. Rechnungen. Bettelbriefe. Letztere und erstere kommen quergelesen ins Altpapier.
Gutes Material zum Feuermachen, denke ich. Wenn wir noch im Rustico wären. Die Rechnungen hätte ich auch gerne verfeuert oder zumindest, wie im Geschäft, kontiert und zur Zahlung an die zentrale Buchhaltung weitergeleitet. Wäre schön irgendwie.
Hach, die vielen Bettelbriefe aber auch! Nie werde ich gegen sie immun sein. Zuweilen öffne ich sie gar nicht erst, weil ich die Gesichter der abgebildeten hungrigen Kinder schlecht ertragen kann. Und das Gefühl der diesem Anblick folgenden, allumfassenden Hilflosigkeit ist auch kein tolles. Gedanken an meine Arbeitsstelle im Flüchtlingszentrum – ist schon acht Jahre her oder so – flackern kurz auf. Die Dankbarkeit der Kinder, wenn ich mit ihnen gemalt hatte: kaum waren die Papierbögen auf dem Tisch, platzen ihre kreativen Staudämme. Bilder drückten aus, was die Kinder fühlten – mehr als jedes Wort, das sie in gebrochenem Deutsch sprachen. Die Farben waren unsere gemeinsamen Buchstaben und die Figuren auf dem Papier ihre Gedichte und Geschichten. Aber ich schweife ab: Bettelbriefe.
Gäbe es keine Spenderinnen und Spender, hätte ich keine Arbeitsstelle, denke ich. Gäbe es keine Kriege und keine Flüchtlinge und keine Arbeitslosen, hätte ich ebenfalls keine Arbeitsstelle. Hm. Schmarotzerin ich?
Neunzig werden wir traurig machen, nur eine wird glücklich mit meinem Job. Hoffen können wir immer. Auch dass der Regen bald aufhört.
Ich weiß ja nicht, wie es andern geht, aber für mich ist Heimkommen aus den Ferien jeweils sehr ambivalent. Zum einen ist es schön, das eigene Klo zu benutzen, die Urlaubsüberbleibsel im eigenen Kühlschrank zu verstauen und auf dem eigenen Sofa zu sophieren, doch das Gefühl, dass die Urlaubzeit jedes Mal zu kurz ist, beschleicht mich spätestens dann, wenn ich die Schmutzwäsche in den Korb stopfe. Nicht dass ich meine Wohnung nicht mag, es ist die Rückkehr in den Alltag, der mir diesmal ganz schön an die Nieren geht.
Doch zum Glück ist Irgendlink noch da. Bis morgen früh. Bis ich ins Büro muss. *Grmpf* Der Große Abschied rückt unaufhaltsam näher. Ein letzter Ausflug steht auf dem Programm, ein bisschen Jakobsweg in Berns Umgebung. Wo doch die Sonne so herzlich lacht und uns nach draußen lockt.
Der Große Abschied … ein Kehrreim seit Tagen. Im Hinterkopf irgendwo. Der Große Abschied vor Irgendlinks geplanter einmonatiger Pilgerreise auf dem Jakobsweg.
Wie war doch gleich dieser Traum heute Nacht? Statt den traditionellen Pilgerpässen, in welche die Pilgerinnen und Pilger unterwegs ihre Stempel sammeln, um sich beglaubigen zu lassen, dass sie diese Strecke auch wirklich zurückgelegt haben, stehe neu in jeder Pilgerinnenherberge ein PC. Jede und jede Bußfertige auf dem Weg nach Compostella habe seit Beginn der Reise ein eigenes Account und logge sich allabendlich ein um die Tagesetappe ins Netz zu laden. Wo die Lieben zuhause dann mitverfolgen können, wo die Wallfahrenden gerade festhängen. Auf besagter Website habe es Rubriken wie „Erwachsene allein“, „Erwachsene in Kleingruppen bis 4 Personen“, „Erwachsene in Gruppen ab 5 Personen“, „Kinder unter 10 Jahren in Begleitung von Erwachsenen“ … Der Sinn der Sache hat sich mir leider im Traum nicht so ganz erschlossen. Statistik vermutlich. Erfassen der Etappenlänge in Bezug auf die Begleitung. Erfassen der Anzahl Bußfertiger. Big Brother Jakobus und Papa Roma lassen grüßen? Technik gut und recht, doch wie viel virtuelle Öffentlichkeit ein Pilger und eine Pilgerin brauchen, soll jede und jeder für sich selbst entscheiden.
Die einen wie Irgendlink – und ich übrigens ja auch – mögen es, live von ihren Reisen zu berichte. In seinem Fall wird sich das allerdings auf seinem Blog niederschlagen und nicht auf irgendeiner zentral geführten Website. Ich hoffe, dass dieser Traum Traum bleibt. Pilgern ist etwas ganz persönliches. Weg ist Weg und ob das Ziel Ziel ist, entscheidet jede und jeder selbst.
Weißt du, meine Motivation ist die Freiheit, jederzeit aufhören zu können, sagt mein Liebster beim Spätstück, zwischen Spiegelei und Joghurt. Recht hat er.