Reisealltag

Unterwegs irgendwo zwischen Bureå und Nordmaling an der nordschwedischen Ostseeküste, wo wir gestern Abend unser Zelt aufgeschlagen haben, hüpfte ich per iFon durch die Blogtexte der letzten zwölf Tage. Wann waren wir noch in …? Wo war gleich dieser Typ mit …?

Irgendwie erstaunlich, wie viel sich in so wenige Tage packen läßt. Ich bräuchte wohl nach dem Urlaub gleich noch ein paar Tage Urlaub, um alle Erlebnisse und Eindrücke, all die Bilder und Gedanken zu sortieren und mich zu synchronisieren. Bloggen ist gute Medizin, mich zu sammeln. Mit dem hoffentlich positiven Nebeneffekt, dass sich unsere treuen BlogleserInnen daheim ein paar Minuten (aus dem Büro oder wo immer ihr grad seid) in den hohen Norden wegbeamen und ein bisschen mitreisen können *Richtung-Süden-wink*.

Item. Die Handgriffe sind eingespielt als wären wir schon Jahre zusammen unterwegs. Am Zeltplatz einparken, das Zelt auspacken, die Himmelsrichtung bestimmen (Osten gleich Eingang, denn Regen kommt von Westen), das Innenzelt aufbauen, das Außenzelt drüberziehen. Während Irgendlink die Heringe in den Boden drückt, hole ich die Schlafmatten aus dem Auto und öffne deren Ventile, damit sie sich vollsaugen können. Dann die Schlafsäcke packen, die wandern subito ins Zelt. Schließlich kommen die Vorratskiste, die beiden Kocher und die Picknicksdecke zum Einsatz. Gemüse und Salat schippeln wir gemeinsam, uns ergänzend. Ebenso abwaschen. Im Zelt hat inzwischen auch jedes Ding seinen Platz.

Auch die Tage gleichen sich. Zuerst kochen und trinken wir Kaffee und Tee. Geduscht wird davor, danach oder am Abend. Später, beim Frühstück, wenn andere die Zeitung lesen, wird gebloggt. Der Abbau folgt in umgekehrter Reihenfolge. Eingespielt die Choreographie auf der Bühne der Campingwelt. Fließende Bewegungen.

Routine – seltsam, wie schnell sie sich einstellt. Nein, ich finde sie nicht negativ. Vermutlich brauchen wir sie, um nicht von all dem täglich Neuen überflutet zu werden, um im Neuen Vertrautes zu haben.

Denn Neues gibt es wahrhaftig genug. Landschaften, die sich zwar ähneln, doch immer wieder neu sind, Gesprächsthemen von philosophisch bis verrückt, natürlich, und Städte, Dörfer, Weiler, Seen und Wälder, in denen wir immer wieder anders versteckte Geocaches finden.

Struktur, Form … Was mir im Alltagsalltag manchmal eher lästig ist, finde ich hier notwendig um im Meer der Unendlichkeit von Raum und Zeit nicht zu ertrinken.

In der Nähe eines Stausees nahe Umeå, wo wir vergeblich nach einem Cache gesucht haben.

Nach einem Bad im Pool fühle ich mich erholt, liege an der noch milden Sonne und trinke Tee. Schönes Leben.

Bureå

An der Ostsee. Nach langer Fahrt durch die unendlichen Wälder reihten wir uns gestern Abend in die Check-In-Schlange des Skellefteåer Camping ein.

„Wollen wir wirklich hier bleiben?“ Beide waren wir müde, es war schon um acht Uhr rum und seit Norsjö waren wir durch zeltplatzloses Hinterland gefahren. Wildzelten wäre ja eigentlich auch gegangen, doch das hieße suchen. Und finden. Den Tag hatten wir mit Cachen, einer kleinen Stadtbesichtigung (Malå) und natürlich mit Kilometerfressen verbracht. Angenehme Müdigkeit und Hunger. So viel Betrieb und Trubel wie hier roch anstrengend.

„Wollen wir wirklich hier bleiben?“ Der nächste Camping war auf der Straßenkarte zehn Kilometer südlich eingezeichnet. Bureå. Praktisch an der Ostsee. „Fahren wir weiter!“

Here we are. Die Nische für die Zelte liegt direkt am Fluss. Unsere finnischen Nachbarn sind schon weg, nun sind wir alleine hier. Wie gestern überlegen wir uns, eine weitere Nacht zu bleiben. Morgen in einer Woche sollen wir zurück sein. Es gilt, die Reststrecke durch sieben zu teilen, um Stress am Schluss zu vermeiden.

Die ewigen Mahlströme der Zeit. Und der Straßen. Ihnen können wir nicht entrinnen. Nicht mal hier in der schwedischen Unendlichkeit.

Im Rückspiegel die Straße Nummer siebzehn

Im Lappenland campen. Frühstück an einem gedeckten Picknicktisch. Diskussionen über die weitere Route. Einen weiteren Tag hierbleiben? Weiterfahren? Ins Samenmuseum hier in der Nähe wollen wir auf alle Fälle … alles weitere wird sich ergeben.

Bilder von den Fährhäfen und auf den Fährschiffen an der norwegischen Westküste …

  • Slagnäs

    Auf dem letzten Bild unten ein Kartenausschnitt der heutigen Tagesetappe.

    Wir haben uns bereits kurz nach vier Uhr auf einem Camping, den ein Münchner führt, eingecheckt. Wifi – darum die vielen Bilder. Beide waren wir faul, träge, schlapp. Nach einer reichlichen Siesta vertreten wir und jetzt ein wenig die Füße.

    Hüttencamp am Polarkreis

    Unterwegs …

    Der See hier in der Nähe …

    Mahlstrom

    Der letzte Abschnitt der Siebzehn ist Vergangenheit. Zwei Fährenfahrten und ein langer Straßenabschnitt nach Bodø, unterbrochen durch das Finden dreier Caches. Auf der ersten Fähre plötzlich die Stimme des Kapitäns. Unruhe macht sich breit, alle stürzen sich mit ihren Kameras nach draußen. Wir hinterher, im Mahlstrom der Masse. Dramatische Stimmung. Aha, der Polarkreis! Exakt bei N 66.33 steht eine Skulptur am Ufer der Insel, die wir passieren. Der iFon-Kompass bestätigt es. Mir ist ganz pathetisch zu Mute: was für ein historischer Augenblick!

    Immer weiter fahren. Den Weg vollenden. Reisen heißt fließen, den Flow finden, dem eigenen, dem gemeinsamen Rhytmus folgen. Den eigenen Mahlstrom finden.

    Bei einer der letzten Brücken auf der Siebzehn, der Saltstraumenbrua, finden wir den letzten Cache des Tages und in Norwegen: den größten Mahlstrom der Welt. Riesige Wassermassen strudeln. Das Bild zeigt einen Blick ins Maschinenhaus neben dem Fluss.

    Kurz vor Bodø nehmen wir die Straße gen Osten, heißt Schweden, und überqueren nach acht Uhr irgendwann die Grenze. Die Hoffnung, dem Dauerregen zu entrinnen, erfüllt sich nicht. Wir beschliessen darum, eine Hytter zu mieten und finden – noch immer knapp oberhalb des Polarkreises – eine kleine, die auch preislich passt. Ca. dreißig Euro.

    Mitten im Niemandsland. Aus dem Fenster der Blick auf den See. Die Sonne scheint wieder, noch zaghaft, doch sie lässt hoffen … Wir fahren heute weiter Richtung Ostsee, südwärts … Immer im eigenen Takt, immer im eigenen Strom.

    In eigener Sache: Herr Irgendlink (irgenlink.de) und ich schreiben unsere Blogs meist gleichzeitig und ohne Absprache, sodass sie sich inhaltlich zuweilen überschneiden. Egal …

    Viel Spaß euch da unten im Süden beim Mitreisen.

    Am ‚Polarsirkelen‘, ein Haus

    Bevor wir die zweitletzte der viele Fähren auf der Route siebzehn nach Bodø nehmen, übernachteten wir hier auf der Insel in Hilstad (oder so) bei Kilboghamn. Für einmal mit einem festen Dach über dem Kopf. Eigentlich hatten wir an eine Hytter gedacht und waren darum dem Wegweiser zum Strand gefolgt. Na ja, die gezeigte Hütte war zwar billig, aber, na ja, eher ein Hüttchen. Neben dem Hochbett ne knappe Hand breit Platz zum Kochen. Als die Lady mein enttäuschtes Gedicht sah, zeigte sie uns ihre Einliegerwohnung. Da haben wir nun gehaust. Meine Reiseerschöpfung sei normal, meinte J.. Wenn man bedenkt, wie viele Kilometer und Klimawechsel wir in nur neun Tagen erlebt haben, kein Wunder, dass du so müde bist. Der Gute! Nicht alle sind eben so flexibel und belastbar wie er.

    „Plötzlich, eine neue Landschaft“ heißt ein Bildband über diese Strecke, die wir von Stjørdal nach Bodø zurücklegen. Steht es im Fährenfahrplan. Plötzlich Komma eine neue Landschaft, sagen wir deshalb eins ums andere Mal, da diese Strecke uns tatsächlich immer wieder neue Landschaften, Eindrücke und viele Aahs und Oohs beschert.

    Gestern Morgen bestiegen wir auf Cachesuche einen Berg, der diesen Namen auch wirklich verdient hat. Einsetzender Regen und die Tatsache, dass meine guten alten Sportschuhe nicht mehr ganz dicht sind, überzeugten uns dann, nach einer Dreiviertelstunde, den Rückweg anzutreten. Auch Pläne aufgeben darf sein. Im nächsten größeren Ort stellte sich uns ein Sportladen in den Weg. Leichte Wanderschuhe zwinkerten mir zu: Kaufen! Ich konnte ihnen einfach nicht widerstehen, denn sie passen wie angegossen.

    Auf der Siebzehn liegen einige Geocaches, die uns zum Innehalten einladen und mich meine neuen Treter testen lassen.

    Später, auf der Fähre, klart es auf. Die nächsten paar kurzen Stunden hoffen wir, das schlechte Wetter hinter und gelassen zu haben. Dem ist leider nicht so. Es wird immer kälter, feuchter und windiger und wir – ich wohl ein bisschen mehr als mein Liebster – wünschen uns ein paar feste Wände um uns rum. Ein warmes, trockenes Nestchen. Here we are!

    Heute wollen wir endlich Bodø erreichen. Von dort aus geht’s dann zurück nach Schweden an die Ostsee. Südwärts.

    Regen auf mein Dach

    „Abendgelb und Morgenrot gibt ein nasses Frühstücksbrot“ – wie recht mein Vater doch hatte!

    Als wir uns um Mitternacht endlich von der noch immer nicht im Meer versunkenen Sonne verabschiedet hatten, hatte ich noch gehofft die erwähnte Bauernregel gelte nur in unseren Breiten. Nichts da. Ein paar Stunden später prasselt es ans Zelt. Tja.

    Wie froh ich bin, dass es hier diese hübsche kleine Küche hat. Ein Dach über dem Kopf. Es prasselt an die Scheiben und wir zögern den Zeltabbau hinaus. So können wir noch möglichst lange Wifi benutzen, mit andern Reisenden, die zum Abwaschen herkommen, Routen und Reisetipps austauschen und Tee trinken.

    Und abwarten. Wohin auch immer wir fahren, Skandinavien ist voller Überraschungen.

    Im Glücklichmodus

    Im Prospekt, den uns die Camping-Frau heute morgen in Overhalla mitgegeben hat, heißt es, der Kystrikveien, jene Strecke von Steinkjer nach Bodø, sei einer der schönsten der Welt. Las ich ein paar Minuten nach dem ich zu Irgendlink gesagt hatte, dass diese Landschaft hier so ziemlich alles zuvor gesehene toppe.

    Zahllose Fjorde, Birken- und Mischwälder, Landwirtschaftszonen –
    nahtlos geht alles ineinander über. Selbst die Häuser sehen aus, als seien sie hier gewachsen. Es ist der westlichste Teil Nordnorwegens, die Straße Nummer 17, auf der wir seit gestern Abend nordwärts fahren. Und gefahren werden. Wie klein ich mich in dieser unendlichen Landschaft fühle!

    Es ist Sonntagabend und wir warten auf die dritte Fähre des Tages: Forvik – Tjøtta. „Inselhüpfen“ nennt sich diese Fortbewegungsart … J. hat Kaffee geholt und wir diskutieren, ob wir allenfalls gar hier campieren oder ob wir heute noch weiterfahren sollen. Unser morgiges Etappenziel ist Bodø. Dort entscheiden wir neu über die weitere Strecke.

    Womit wir beim Thema wären: Wählen, entscheiden … ein spannender Prozess, der allein nicht einfach und mit wachsender Gruppengröße immer herausfordernder wird. Wie können möglichst viele Bedürfnisse erfüllt werden? Wo kann ich Kompromisse eingehen? Wo muss ich aufpassen, nicht zu überfordern, doch auch nicht überfordert zu werden? Das richtige Maß finden zwischen Rücksicht nehmen und sich selbst dabei nicht verlieren. Ein Balanceakt in jeder menschlichen Gemeinschaft – auf Reisen besonders spannend. Wie froh ich bin, dass wir zwei so ähnliche Bedürfnisse haben.

    Später. Noch immer Sonntagabend. Irgendwo nördlich von Tjøtta, wohin uns die Fähre gebracht hat. Eine klitzekleine Insel mit dem genialsten Camping, den wir bisher hatten. Lage super, Infrastruktur mit Gratis-Wifi ebenfalls! Dazu mückenfreie Zone! Vor uns die seit Stunden untergehende Sonne. Nach halb elf und noch immer 20 Grad. Nur schon dafür hat sich die lange Reise gelohnt!

    On the road …

    Da sind wir, schon fast am Polarkreis!

    Auf der dritten Fähre …

    Sicht von der Veranda neben unserem Zelt …

    If Hell is so beautiful …

    … how beautiful must be Heaven?“, entfuhr es mir, als wir gestern Nachmittag unsern vierten Cache des Tages gefunden hatten. Dazu waren wir einem kleinen Wanderweg gefolgt und auf einem Felsvorsprung gelandet. Weitsicht vom feinsten: unter uns Hell, Stjørdal in der Nähe. Dahinter das Meer, Fjorde … Zurück beim Auto, beim Bahnhof, dies hier entdeckt (siehe Bild).

    Zuvor hatten wir, ebenfalls auf Geocache-Suche, das Dörfchen Selbu entdeckt, waren dort ZeugIn einer norwegischen Trauung geworden und hatten das dortige Heimatmuseum heimgesucht. Ein Besuch lohnt sich sehr. Wirklich bestrickend, ähm bezaubernd!

    Beim Picknickeinkauf danach habe ich endlich die für mich ideale Therapieform gefunden (siehe Bild).

    Der kälteste Tag seit langem sei gestern gewesen, hatten wir erfahren – um die 15 Grad – während in Deutschland, so hörten wir, 39 Grad gemessen wurden.

    Heute soll es hier 26 Grad werden. Gut so. Auf dem Camping Bjøra bei Overhalla, irgendwo nördlich von Namsos, lassen uns heute morgen sogar die Mücken in Ruhe. Welch Wunder!!!

    Die Weiterreiseroute ist offen. Nordkapp wird immer unrealistischer, da die Straßen hier keine schnellen Geschwindigkeiten zulassen und es zudem je nördlicher desto kälter wird. Und je mückiger ebenfalls! Mal gucken. Vielleicht wenden wir nächstens oder fahren auf die Lofoten, wie es uns vorhin unser Zeltnachbar empfohlen hat. Am Mittwoch ist spätestens Umkehren angesagt.

    Die Landschaft? Ein bisschen wie im Berner Oberland, wenn ich das mal so sagen darf. Aber viel weniger dicht besiedelt. Manchmal fahren wir halbstundenlang ohne andere Autos oder Siedlungen zu sehen. Mir gefällt’s.

    Von Heringen und andern Fischen

    Einigermassen übernächtigt trinke ich meinen Frühstückstee. Kurz nach zehn ist’s und wir sitzen wegen der Mücken im Zelt auf dem Camping in Stugudal. Zwischen drei und sieben Uhr hat’s so sehr gestürmt, dass ich stundenlang wachgelegen bin. So fest, dass Irgendlink, der gestern Abend optimistisch nur das Minimum an Zeltheringen in den Boden gesteckt hatte, todesmutig aus dem Zelt kroch um weitere Zeltnägel zu stecken und sämtliche Seile zu spannen. Genau gesagt kroch er dazu zweimal raus, denn beim ersten Mal war er noch immer (zu?) optimistisch und steckte nur einige wenige in den weichen Boden. Doch als das Zelt dann noch immer wie ein Boot hin- und her wippte, beschloss er, auf Nummer sicher zu gehen. Siehe da: das Schaukeln ließ nach.

    Tja, Sicherheit und Abenteuer, Vernunft und Neugier gehen auf einer Reise oft eine seltsame Synthese ein. Sie rangeln sich zuweilen, ergänzen und beraten sich und finden meist einen guten Weg. Scheitern inbegriffen.

    Urlaubsreisen heißt nämlich auch nicht alle Caches zu finden, die wir anpeilen – in Røros waren einfach zu viele Muggel (Nicht-Geocachende) vor Ort -, bei lebendigem Leibe von Mücken verzerrt und verzehrt zu werden (beinahe jedenfalls) oder sich mit den Folgen einer sich selbst geöffnet habendes Glas Fisch und deren Flüssigkeit in der Vorratskiste auseneinander zu setzen. Reisen heißt flexibel zu sein, Schäden zu minimieren, zu reagieren. Sorgt das Leben für Ausgleich? Denn nach den Cache-Misserfolgen
    fanden wir später auf der Durchreise – auf einer Passhöhe hier in der Nähe – einen der Caches mit der schönsten Weitsicht (siehe Bild).

    Und nichtsdestotrotz ist es wieder Morgen geworden. Regnen tut’s nicht mehr, der Wind ist erträglich und die Sonne trocknet das Zelt wieder. So what?

    Ach ja, noch was: auch ich kann Zeltheringe „montieren“, natürlich … doch mein Liebster kann sowas einfach echt viel besser. Besonders nachts um halb vier, wenn es stürmt!