Leisten, funktionieren und/oder Nichtstun

Da habe ich doch vorhin, noch im Zelt, einen Artikel in die Tasten gehackt, direkt in die WordPress-App, wie früher oft, und nun ist er weg. Einfach weg. Die ‚Entwurf im Offline-Modus‘-Funktion gibt es offenbar seit dem neuen App-Update nicht mehr. So doof. Seid gewarnt, ihr da draußen!

Zum Glück habe ich aber eine schlichte Schreib-App und da bin ich jetzt drin, werde klassisch mittels Copy-Paste bloggen und keine Risiken mit upgedateden Apps mehr eingehen. Der Einstieg ins Thema war zwar anders gedacht gewesen, doch eigentlich passt das hier auch irgendwie. Gehören nicht alle Erfahrungen irgendwie zusammen?

Wie wir gestern frühstücken, frage ich den Liebsten, ob für ihn diese Tage hier ebenfalls zur Tour zählen – oder doch eher nicht. Weil er ja streckenmäßig kaum vorankomme, pausiere, innehalte, sage ich – kurz und gut, da er ja im Toursinne weniger leiste. Und, nun ja, ich will halt auch wissen, ob er sich von mir und von unserer Ferienzeit ausgebremst fühle.

Ich trenne nicht. Das gehört alles zusammen. Das ist alles ein Ganzes, sagt er später, als wir Richtung Nährmutter ICA wandern.

Der nächte Laden, so haben wir an der Rezeption des Campingplatzes erfragt, sei zehn Minuten entfernt, links vom Kreisvortritt Richtung Norden. Zehn Autominuten – vermuten wir, machen den nächsten Weiler aus und peilen ihn als mutmaßlichen Einkaufsort an. Dahin gibt es sogar einen Wanderweg. Und was für einen! Schon bald stellt sich Ruhe ein, die Stille des Waldes umschließt uns, erinnert an die Pilgerwanderung vor einem Jahr. Ich fühle mich trotz allem auch sehr  müde – stelle fest, dass ich echt erholungsbedürfig bin. Die letzten strengen Monate bei der Arbeit melden sich aus allen Zellen. Ich keuche den Hügel hinauf und bin froh, in meinem eigenen gemächlichen Tempo gehen zu können. Was für ein Wald! Dafür hat sich die weite Reise aber gelohnt!, sage ich. Unser Bonmot, an dem wir vor Jahren auf der Reise an den Polarkreis an jeder schönen Ecke gemeißelt haben.

Im nächsten Weiler angelangt, erfahren wir, dass der Laden noch mindestens sechs Kilometer entfernt sei. Oh neiiin!, jammern wir theatralisch. Weil … hier gibts wohl keinen Waldweg und diese Straße hier ist befahrener als die andere und wir beide hassen Straßentippelei.
Lass uns trampen, schlage ich vor. Oder, sagt Irgendlink, wir wandern zurück und ich gehe später mit dem Fahrrad dahin?

Fünf Minuten – lass es uns fünf Minuten probieren, sage ich. Das letztmögliche Auto hält an. Ein Volvo. Der Fahrer kommt aus Leksand, wo wir vor Jahren das tolle Glockengebimmel und den Markt genossen haben. Er mag die Hitze, von der wir erzählen. Dass es heute um die vierzig Grad sei in der Schweiz, sagte ich. Er wolle, wenn er pensioniert sei, in Spanien ein Winterhaus kaufen.

Schließlich lädt er uns an einer Konsuminsel aus, bestehend aus ICA, Café, Pizzeria, Tankstelle und Busstation. ICA, du Nährmutter du! Wir schlendern durch die Regale, uns bewusst, dass wir alles nachher schleppen müssen, was wir kaufen. Reis, sage ich, ist eine gute Pastaalternative. Brot. Milch. Und Goodies, natürlich. Das muss einfach. Mindestens einmal pro Skandinavienaufenthalt. Dreißig, was sage ich? fünfzig!, Sorten Schleckzeug – von Gummidingern über Schockonussstückchen – stehen zur Auswahl. Tüten und Schäufelchen wie in alten Krämerläden. Nur halt in Selbstbedienung. Wir schlagen zu. Hauen rein. In der Tankstelle bekommen wir Rödsprit, wunderbar.
Siesta auf einer der Picnicbank-Inseln im Gelände. Muffin- resp. Donut-Pause. Er ist der Donuttyp, ich die Muffin. Was das wohl über uns aussagt?

Es gibt einen Bus, eine halbe Stunde später, der dahin fährt, wo wir in den Volvo gestiegen sind, findet Irgendlink heraus. Wir versuchen es dennoch zuerst mit trampen, haben aber diesmal kein Glück. Der Bus bringt uns zur Weggabelung und wir wandern den gleichen Weg durch den Wald zurück.

Was gut tut nach diesem kleinen bunten Konsumrausch eben.
Das Auf und Ab geht echt ganz schön in die Beine, merke ich. Die Wanderroutine ist noch nicht wieder da. Macht nichts. Wir haben es ja nicht eilig.

Auf dem Campingplatz ist es kurz vor Cafeteria-Schließung und wir schaffen es grad noch, eine Tasse Kaffee und eine Tasse Tee zu bekommen.

Glitzerlicht über dem See. Gewitterwolken. Märchenstimmung. Eigentlich wollten wir ja baden, doch es geht ein kühler Wind. Das Wasser ist vom gestrigen Regen auch wieder ein oder zwei Grad kühler … nun ja … später, nach einem Nickerchen machen wir einen auf Helden, schlüpfen in die Badeklamotten und gehen in den See. Ich nur ganz kurz, der Liebste, der sich ja abhärten muss fürs Nordkap, schwimmt eine kleine Runde. Zähneklappernd dusche ich heiß, froh über diese Möglichkeit hier.

Nach dem Abendessen (ja, richtig, keine Pasta!), heute gibt es Reis – dazu gebratenen Feta mit dreierlei Gemüse – suchen wir ein paar Geocaches, finden aber nur die Hälfte, dafür aber einen Ausschnitt des Bergslagsleden, eines 280 Kilometer langen Wanderweges, den wir irgendwann mal wandern wollen.

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Unterwegs sagt Irgendlink: Lass uns noch einen Tag länger hierbleiben. Einfach mal nichts tun. Nichtstun. Gar nicht so einfach, denn Bloggen ist ja auch nicht nichtstun. Und Bilder bearbeiten, Karten gestalten auch nicht.

Die -Tour ist ja eine Kombination aus dem allem, und darum ist auch ein scheinbarer, zumindest örtlicher Stillstand kein Stillstand. Ich bin eine Kunstmaschine, ich kann nicht nicht kunsten, sagte Irgendlink einst. Künstler haben nie Pause, ist auch so ein Satz aus seinem Mund. Stimmt.

Darum zählen auch diese Tage hier und auf dem Weg nach Falun, sogar die Tage in Falun dazu. Sie nähren die Kunstmaschine, damit sie nachher wieder frisch gestärkt ans Nordkap radeln kann. Ähm, er natürlich, er, der Mensch, der Künstler, eine Maschine ist er nämlich nicht. Eine Maschine hat kein Herz.

2300 Kilometer seien es, auf dem Sverigeleden, und wenn er jeden Tag – ohne Pause – so um die siebzig bis achzig Kilometer fahre, könne er es bis Ende August schaffen bis ans Kap, denkt er laut.

Und wenn auch nicht – es ist, wie es ist. Und das ist gut so.

Camping-Impressionen

Nachts eine Stille, die von nichts außer meinem Tinitus gestört wird. Ich bin kurz erwacht, weil ich mich gedreht habe. Im Schlafsack, vor allem wenn er offen ist, muss beim Drehen ja immer das ganze Paket mitgedreht werden, weshalb das fast nicht ohne kurz zu erwachen geht. Im Winzig-Zelt muss zudem auch darauf geachtet werden, dass ich dem Liebsten nicht meine Füße und Arme in die Rippen stoße. In der richtigen Position angekommen, alle Beine und alle Arme wohlplatziert und der Kopf ebenfalls, wird mir bewusst, dass da draußen nicht das geringste Geräusch ist. Keins. 

Kein Vogel. Kein Auto. Kein Blätterrauschen. Keine Insekten. Nichts. Und wie immer in skandinavischen Sommer ist es nie wirklich total dunkel. Ich sehe einen winzigen Käfer an der Zeltwand und überlege mir, ob er sich der Endlichkeit und Sinnlosigkeit dieser Wanderung bewusst ist. Ob wir uns der Endlichkeit und Sinnloigkeit unserer Wanderungen bweusst sind. Der Müßigkeit aller Anstrengungen. Und ich frage mich, was unser Käfer wohl seinen Verwandten erzählen wird später. Wie der Ohrwurm gestern, der im Innenzelt von Örebro hierher mitgewandert ist. Er wird vermutlich nie mehr in Örebro sein. Ob Ohrwürmer Verwandtschaften pflegen? Ob sie Heimweh kennen? 

Sandmännchen kommt wieder vorbei und ich döse weg. Später muss Irgendlink mal kurz raus. Zurück kommt er mit ein paar Tweets auf der Zunge und er weckt darum sein Handy auf. Es ist halb fünf. Ich schlafe weiter. Der Schlaf und ich haben noch was vor miteinander, murmle ich. 

Diesmal träume ich von einer Klassenzusammenkunft, einer fiktiven, in meiner Heimat. Ich kann da genauso gut hin, sage ich mir, derweil Irgendlink in der Stadt ist und ich auf ihn warte. 

Da, schaut, sage ich später zu den Kolleginnen von einst, als der Liebste auftaucht. Er war beim Frisör, obwohl ich ihm doch normalerweise die Haare schneiden darf. Stolz erzähle ich den Kameradinnen, was er zurzeit so treibt. Dass er ans Kap radelt. 
Ich erwache mit einem Schmunzeln und betrachte den Schlafenden neben mir andächtig und staunend. Schlaf ist eine wunderbare Sache. Und obwohl das Zelt so klein ist und es gewiss komfortablere Unterkünfte gibt, möchte ich mit niemandem auf der Welt tauschen. Ich schlafe wunderbar in diesem portablen Zuhause.

Heute bleiben wir hier, in Uskavi, und werden eine Wanderung in den nächsten Ort mit Laden unternehmen. Eine gemütliche Zehn-Kilometer-Wanderung. Die Sonne scheint. 

Herz, was willst du mehr?

  

Uskavigården – Camperinnenträume werden wahr

Uskavigården – ein Ort am Ende der Welt. Kein Ort eigentlich, nur ein paar Häuser in der Pampa. Seeanstoß. Rasen. Ein paar Wege. Vielleicht 40 Caravan-Stellplätze und ein großer Platz für die Zelte. Leer bis auf einen Wohnwagen, der sich hierher verirrt hat. 

See- oder Meeranstoß: Das ist das Bild, aus dem meine Skandinavienträume schon immer waren. 

Es ist kurz vor halb vier als ich ankomme. Die zwei Busse, einer bis Nora, ein zweiter ab dort, haben mich durch eine stetig wilder und ländlich werdende, unbewohnte Landschaft hierher gebracht. Eine Minute, bevor ich aussteigen darf, setzt ein Platzregen ein. Die Sonne versteckt sich nicht, lacht über den Regen und verzaubert die Szene mit einem surrealistischen Glitzern in etwas Hollywoodeskes und so verlässt die Heldin mit geschultertem Rucksack den Bus, steht vor dem glitzerden Märchenschloss und bittet um Einlass. 

Für lumpige 120 Kronen gehört das alles ihr. Ähm, mir. Ich meine: Uns. Für eine Nacht. Doch wir dürfen gerne länger bleiben, sagt die Rezeptionistin.

Ich ziehe mir die schweren Schuhe aus, zippe die Hosenbeine auf Halbmast und wate durch den See. Kühl. 19 Grad schätz ich mal. Nicht so warm wie die Dschungelwelt „Lost City“, das Erlebnisbad mit den sechs gefährlichen Kreisch-Rutschen, das wir heute Morgen heimgesucht haben, weil es zum Eintritt des Örebroer Campings gehört.

Krasser Kontrast das! Örebro: Mondän, modern, animiert. 

Uskavigården: Natürlich, ruhig, überschaubar.

Beide haben Spielplatz und Minigolf, okay, sonst aber kaum Ähnlichkeiten. Den hier ich mag ich irgendwie lieber. Der Stille wegen. Kein Auto-Dauerrauschen. Wenn mal jemand vorbeifährt, hörst du es.

Ich mag beide Plätze (so ähnlich wie ich beide Lebensmöglichkeiten mag), aber der hier ist – nun ja – eher mein Ding. 

Gleich kommt Irgendlink. Er ist die 60 km hierher geradelt, während ich gemütlich im Bus und am See saß, später ein wenig gelesen und nun ein diese Zeilen hier getippselt habe.

Die Sonne hat die Gewitterwolken durchbrochen. Wunderbar das!

Später. Halb neun. Irgendlink ist um halb sieben rum hier gelandet. Frisch eingekauft hat er auch gleich noch: Gemüse, Goodies, Früchte, Joghurtdrink und Co.

Wir erzählen, packen aus, bauen das Zelt auf und kochen. Herrlich, diese Ferienroutine, dieses Vertraute, wo und wann immer wir zusammen unterwegs sind.

Nun sind wir vom Regenschauer ins Zelt geflüchtet. Platzregen aus blau-grauem Himmel. Gemütlichkeit ist in der kleinsten Hütte, heißt’s doch so schön.

  

Toller Tag das!

Rote Fäden

Es gibt so Themen, sagte Irgendlink gestern vor dem Einschlafen, schon mit Schlaftrunkenheit in der Stimme, diese Themen kleben an uns. Andere kommen aus dem Nichts wollen gesehen werden und werden viel zu oft ignoriert. Weil wir zu faul sind, über sie nachzudenken oder gar über sie zu schreiben.

Ja, rote Fäden habe ich viele. Die Sache mit dem Flow ist so einer – ein Thema wie ein Refrain. Ich suche den Flow, ich lebe ein bisschen für ihn. Insbesondere für den Schreibflow.

Roter Faden? Nun ja, über das Schreiben kann ich schon nicht mehr als roten Faden schreiben, ein rotes Gewebe ist es längst. Auch die punktuellen Themen gibts bei mir zuhauf. Doch selbst sie sind Verwandte meiner roten Fäden, ahne ich.

Glimpflich nennt Irgendlink unsere heutigen und gestrigen Arbeitserfolge. Dinge, die wir zusammen tun wollten und sollten, solange es noch geht. Die linke Lampe meines Autos ist durchgebrannt. Ich kann zwar vieles, vieles selbst reparieren sogar, aber vieles kann Irgendlink besser. Noch besser geht es allerdings zusammen. Im Handbuch lese ich, während er rumwerkelt um an die Lampenapperatur zu kommen, dass man den Kühlergrill rausziehen soll. Klasse Tipp, danke Handbuch! Nun kommen wir wunderbar an die Lampensache heran und ich kann das Birnchen einsetzen. Teamwork. Ich mag es.

Auch für die Access-Sache für die Webseite an der Arbeitsstelle, für die ich zuständig bin – nämlich ein entsprechendes Plugin finden, installieren und verstehen –, hätte ich alleine doppelt oder dreimal so lange gebraucht. Zusammen finden wir einfache Wege: Ich probier mal so, was meinst du? Mach mal so, funktioniert das?

Glimpflich also. Gut. Dennoch ist da Angst. Wie wird es diesmal sein, drei Monate ohne den Liebsten meinen Alltag zu leben – während er mit dem Fahrrad ans Nordkap kurbelt und andere, eigene Ängste und Sorgen vor sich herschiebt. [Weniger diesmal um mich (kein depressiver Schub in Sicht) als um seine Eltern, denen der große Garten, den mein Liebster mehr und mehr übernommen hat, langsam aber sicher zu groß ist. Es muss!, sagen sie; und ich ahne, dass es auch gut so ist.]

Seine Sorgen gelten auch den Finanzen (ein bisschen) und der Sinnhaftigkeit einer Radtour von Süddeutschland ans Nordkap.

Stell dir vor, Liebster, wie du am Montag losradelst, nachdem du alles erledigt hast. Wie nach und nach alle Sorgen von dir abfallen und auf einmal ist er wieder da, der Flow! Selbst wenn dich niemand unterstützt, selbst wenn niemand die geplante Zeitungsartikelserie über deine Reise liest, selbst wenn niemanden deine Blogartikel oder Tweets interessieren: du tust das trotz und vor allem für dich. Du sammelst dabei neue Erfahrungen, erfährst neue Perspektiven, lernst neue Menschen kennen, denkst neue Gedanken und fühlst neue Gefühle. Es ist dein Leben. Und der Sinn ist das Reisen an sich, das Unterwegssein.

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