schön hässlich

Ein klein bisschen fürchte ich manchmal jenen Tag, da mir nichts mehr zu sagen oder zu schreiben einfällt. Denn, ich gebe es zu, ein klein bisschen fürchte ich die Leere.

Nein, nicht jene Stille, die mehr ist als die Abwesenheit von Geräuschen und Betriebsamkeit und die mit friedlichen Gefühlen einher geht. Denn habe ich jene Stille erst erreicht, hat sich meine Furcht bereits aufgelöst.

Ich fürchte mich wohl eher immer wieder ein wenig vor der Brücke dazwischen. Vor dieser Loslösung vom Lärm und Aktivität. Vor diesem Weg über die Brücke, diesem Weg durch den engen Tunnel, diesem Weg von da nach dort … nicht mehr hier, noch nicht da. Irgendwo dazwischen. Schweben. Kriechen. Sein im Nichts zwischen zwei Nichts. Keine Sicherheiten.

Wie die Trapezkünstlerin, die durch die Luft fliegt. Ihre einzige, fragile Sicherheit ist der Glaube an die eigene Fähigkeit, die ausgestreckten Hände zu ergreifen, die im richtigen Moment am richtigen Ort auftauchen werden. Noch aber fliegt sie. Noch sieht sie die Hände nicht. Und bevor sie dies konnte – fliegen und vertrauen gleichermaßen –, fiel sie tausendundeinmal ins Netz. Übte so in den eigenen Fall zu vertrauen. Und ins Netz, das trägt. Vertrauen ins eigene Scheitern. Ein Leben lang üben wir es, jenes Vertrauen in uns selber. Fallen und aufstehen. Weitergehen. Darum fürchte ich mich wohl nur ein ganz kleines bisschen vor der Leere. Und dies ist auch nicht wirklich schlimm. Ich weiß ja längst, wie aufstehen geht.

Apropos Stille und Leere: Das Buch von Jón Kalman Stefánsson, Das Knistern in den Sternen, ist genau das Richtige für spätherbstliche Schweige- und Lesestunden auf dem Sofa, wenn draußen die Flocken tanzen.

Der längst erwachsene Erzähler erinnert sich in an seine Kindheit. Glasklar ist seine Sprache, lyrisch, und voller Bilder und Andeutungen. Wir befinden uns im Island der Siebzigerjahre. Erst vor kurzem ist die Mutter gestorben. Der Vater, ein einfacher Mann, Maurer von Beruf, ist von heute auf morgen wieder liiert. Eines Tages ist die schweigende Frau einfach da, steht auf und kocht Hafergrütze. Die notabene weder Vater noch Sohn mögen. Das Synonym für Fremdheit.

Die Macht des Schweigens

Das Schweigen der Frau ist ein weites Meer, das man nur schwer überwinden kann. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Essen. Papa räuspert sich am Abend und lobt das Wetter. Papa räuspert sich am Sonntag und verkündet, er brauche eine neue Wasserwaage. Papas Räusperer sind kleine Steine, die das Meer verschluckt, seine Worte Vögel, die unstet über der Meeresoberfläche flattern und in der Ferne verschwinden. Manchmal nickt die Frau mit dem Kopf und man glaubt, sie habe eine Rede gehalten. Es hat wirklich eine besondere Bewandtnis mit diesem Schweigen. Ich komme langsam auf den Gedanken, es könne manchmal ganz gut sein, zu schweigen. Mir dämmert allmählich, Schweigen verleihe einem Macht. Also gehe ich in einen neuen Tag hinaus und schweige; die anderen Jungen weichen vor meinem Schweigen zurück. Da kommt der fiese Frikki, der schon elf ist und mindestens drei Jungen pro Tag verprügelt. Er packt mich, dreht mir den Arm um und spuckt mir in die Haare, ich aber blicke ihn nur unbewegt und schweigend an. Völlig verwirrt lässt er mich los. Ich nehme mir vor, viele Tage lang zu schweigen. Das Schweigen ist eine Eisenkeule. Der Teufel erhebt sich mit seiner schrecklichen Fratze aus dem Boden. Ich aber stampfe ihn mit meinem Schweigen zurück in die Erde.

Ein Buch über die Einsamkeit, über die Spurensuche, über das, was war, das, was ist und das, was kommt. Ein Buch voller Bilder und existentielle Themen. So beiläufig und zugleich eindringlich erzählt, dass es mich von der ersten Zeile an gefangen nimmt. Geschrieben in einer Sprache, die der Hässlichkeit mit Metaphern, die so schön sind, dass sie beinahe schmerzen, entgegensteuert.

Solltet ihr also eines Tages länger nichts von mir lesen, kann es also gut sein,

a.) dass ich, Stefánssons Buch lesend, in den Winterschlaf gefallen bin,
b.) dass ich nach Island ausgewandert bin,
c.) dass mir nichts mehr zu schreiben einfällt oder (am wahrscheinlichsten)
d.) dass ich verreist bin (26.12. – 2.1.) und kein Internet habe …

Schön und hässlich sind ganz nahe beieinander. Aus dem gleichen Material. Wie Glück und Unglück. Hatten wir auch schon. Wer mir das nicht glaubt (und alle anderen auch), gucke sich dies hier an. Etwas vom schönsten, das ich in der letzten Zeit gesehen habe. Oder vom hässlichsten?

[youtube=http://www.youtube.com/watch?v=518XP8prwZo]

3 Kommentare zu „schön hässlich“

  1. Dein Text hat es in sich, Sofasophia! Oh ja, die Angst der Trapezkünstlerin vor dem Griff ins Leere – irgendwie kennen wir ihn, ohne je am Trapez geschwungen zu haben…

    Und auch die virtuose Sandanimation ist etwas, was einen stark berührt.

    Danke für beides.

    P.S. Was du auch machst in der nächsten Zeit, es wird folgerichtig sein.

    Mit liebem Gruss,
    Quer

  2. liebe quer
    ich danke dir für deine zeilen …
    folgerichtig schreibst du. ein wort, das ich mir wie honig auf der zunge zergehen lasse. folgerichtig, wie die sandbilder, die sich stetig ändern. folgerichtig wie die jahreszeiten, die sich ablösen …
    zur richtigen zeit am richtigen ort loslassen und zupacken. das wünsche ich dir und mir und uns allen.
    herzlich, s,

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert