Keine Frage, am liebsten verbringe ich meine Zeit mit meinem/n Lieblingsmenschen – alternativ mit mir allein. Am zweitwichtigsten ist mir jene Zeit, in der ich meinen eigenen Ausdruck finde, schreibenderweise zum Beispiel. Nächstwichtig ist jene Zeit, in welcher ich Eindrücke des Alltags oder kulturelle Anlässe – Filme, Bücher oder Inputs aus anderen Medien – wahrnehme, sammle und verdaue … Natürlich sind mir auch weitere Dinge wichtig, doch ohne die drei genannten Säulen, ohne diesen für mich nährenden Umgang mit meiner Lebenszeit, kann ich mir mein Leben nicht glücklich vorstellen.
Zeit ist mein kostbarstes Gut. Zugleich die größte Illusion. Unfassbar, nicht besitzbar, unbeschreiblich.
Gestern Abend, nach einem inspirierenden Telefongespräch mit Irgendlink, wo wir unter anderem über Prioritäten schwadroniert hatten und über die Konflikte, die entstehen können, wenn a.) die Arbeit einem die goldene (Frei)Zeit auffressen will und b.) die Bedürfnisse nach Zeit für soziale Belange und Zeit für den eigenen Ausdruck und die eigene Kunst sich in den Schwanz beißen – nach eben jenem Gespräch habe ich mutig Andreas Altmann aufgeschlagen.
Organspende war das Thema des aufgeschlagenen Kapitels auf Seite 77/78. Nicht schön, nein, aber sein Quantensprung zur Idee der Zeitspende dafür umso mehr. Jenen Menschen, die ihre Lebenszeit mit herumhängen totschlagen – was für ein Wortspiel! – könnte er doch ebendiese Zeit, solange sie noch lebt, abkaufen. Zumal sie ja diesen Zeitgenossen so lästig zu sein scheint. Sinnierte er. Wäre doch ein gutes Geschäft. Für beide Seiten.
Natürlich war mein Angebot frivol. Aber sein Leben versaufen, verdösen, verplappern, verglotzen, verwarten? Ist das nicht anrüchig? Nicht die Mutter aller Sünden, nicht die eine unfassbare Todsünde?
(Andreas Altmann, Sucht nach Leben, Dumont 2009)
und einmal saß ich da und verglotzte einige minuten und schaute auf ihn, andreas altmann, wie er saß und sprach in irgendeiner talk-show. solch eine stimme hatte ich mir nicht vorgestellt, auch nicht eine solche zartzittrig verlebte gestalt, die irresten straßen der welt im kopf…bei ihm las ich über einen platz in chicago, nachts, neben einer tankstelle – so authentisch, wie ich es vorher bei z.b. miller oder kerouac noch nie gelesen hatte…da denkt jemand meine gedanken. oder deine. oder j`s. JA.
Witzig – ich hatte genau dieses Buch gestern und heute in den Händen, allerdings nicht auf diesen Seiten. Aber wer weiß – vielleicht habe ich ja danach gesucht?
Ja, der Tod lauert in belanglosen Gesprächen, in sinnentleerten Tätigkeiten, in jedem „ach wenn doch der Tag nur bald rum wäre“ … irgendwie so scheint es mir zu sein.
Aber schwieriger noch finde ich Euer „a)“: das Gefühl, die Arbeit stiehlt mir meine Zeit, das Warten (das von außen aufgezwungene) stiehlt sie mir, die äußeren Zwänge stehlen sie mir. — Nein, so will ich das nicht sehen, dann verpasse ich tatsächlich mein Jetzt (das voller Arbeit ist, übrigens). — In Russland habe ich viel erfahren und gelernt dazu: alles ist Lebenszeit – auch Wartezeit, auch Arbeitszeit, wenn ich sie nur dazu mache. Dennoch: schwierig, manchmal.
…
Ich glaube, ich werde an meinem letzten Ferientag jetzt dem Herrn Altmann etwas Zeit einräumen 😉
Lieben Gruß
Uta
@wildgans: so gehts mir ständig, während ich das buch lese. gefährliche texte, sie nähren meine sehnsucht. hm … soll ich mir da nicht stattdessen wünschen, dieses buch nie entdeckt zu haben? 😉
@rebis: natürlich hast du recht. die „perspektive a.)“ ist ja auch nur eine temporäre, die hoffentlich nicht chronisch wird. im grunde mag ich ja meinen job. nur ist es eine tatsache, dass ich – hätte ich genug geld – nicht arbeiten „müsste“ um ein erfülltes leben zu leben. aber natürlich ist auch das bei der arbeit erlebte JETZT ein erfülltes JETZT … hach, leben ist so spannend …
liebe grüsse und gute altmann-lektüre euch beiden
d.
Hach, ja, wirklich spannend. Und Sehnsüchte – och – ich glaube, ich lebe lieber MIT solchen Büchern. Sehnsüchte nähren auch …
Gerade wenn das Leben oft (und vielleicht immer?) durch Arbeit und Dinge, die ich mir so nicht freiwillig von der großen Theke auswählen würde, bestimmt bleibt. Äußerlich davon bestimmt. Und innerlich – muss da Spagat sein? Der mich zerreißt? Nein: besser es als Wandeln sehen zwischen den Welten – beides in sich vereinen.
(Ein Wunschtraum dieses zu können, ein tägliches Übungsfeld …)