tempi passati

Die Wahl zwischen Auto und Zug war nicht einfach. Pro Eisenbahn sprachen schlussendlich mit wenig Vorsprung die zu erwartenden sinnlichen Erfahrungen. Und das ökologische Gewissen. Kleine Ablasshandlung. Wo ich doch sonst so viel Auto fahre. Denn im Gegensatz zu den meisten andern Menschen finde ich Zugfahren und öffentlichen Verkehr ziemlich anstrengend. Als würde ich in diesen großen Kutschen irgendwo lecken. Inzwischen kann ich – mp3-Playerseidank! – zum Glück die viele Eindrücke, Düfte Geräusche, Energien, die da jeweils auf mich niederprasseln, ziemlich gut handhaben, doch gab es Zeiten, wo ich meiner spezifischen Sensibilitäten wegen praktisch öv-untauglich war. Temporäre Soziophobikerin, die ich bin.

Zürich HB. Eine SMS von J., der bedauerlicherweise nicht mit von der Partie ist. Die Arbeit, der Arme! Doch zum Glück hat er dabei viel Spaß.

Ich verlasse den Bahnhof über die hinteren Treppen, um mir erstens den Rummel in der Bahnhofhalle zu schenken und zweitens, weil ich mich dort gleich mehr so fühle, als sei ich auf dem Heimweg nach Höngg. Kleine legale sentimentale Selbstverarschung. Am Sihlquai steigen nämlich nur die Hiesigen ein. Bilde ich mir jedenfalls ein. Und die Ex-Hiesigen. Ich atme Zürich ein. Mein Zürich. Hach, ich liebe diese Stadt. Auch. Ich bin eine Stadtpolygamistin. Und ich liebe es, aufs 13er-Tram zu warten, während ich darüber sinniere, wieso ich wohl auch in Bern an der Linie 13 wohne.

Bremsen quietschen. Nein, dieser Lärm stört mich nicht. Ich liebe ihn. Er klingt nach Heimkommen. Ich steige ein. Tue einheimisch. Tue zürcherisch. Grinse vor mich hin. Komme mir vor, als sei ich nur eben ein paar Wochen, meinetwegen ein paar Monate, auf Reisen gewesen, um nun wieder heimzukommen. Ein letztes Mal in die alte WG. M., mein lieber Freund und Weggefährte würde Höngg nach sage und schreibe fünfundzwanzig Jahren verlassen. Der Liebe wegen. Nicht weit weg würden die beiden wohnen, doch weit genug, nicht mehr Stadtzürcher geschimpft werden zu können.

Das Tram ruckelt und bremst. Limmatplatz. Die Pforte zum Chreis Cheib. Ein Mann mit unglaublich verkrüppelten Gliedmaßen steigt ein. Ich kann nicht anders, ich muss hinschauen, verstohlen nur. Mitleid im Bauch, das ich nicht wirklich haben will. Ich wünsche ihm, diesem Mann, Menschen, die ihn, seinen Kern, sehen und liebhaben. Die sich nicht vom entstellten Körper irritieren lassen. Frage mich, ob ich dazu in der Lage wäre. Es summt um mich her. Geschichten. Wortfetzen. Auf einmal ist das alles nicht mehr anstrengend, sondern inspirierend. Wie Altmann sinngemäß sagt: Geschichten sind überall. Musst bloß hinhören. Und hinsehen.

Das Tram leert sich. Endlich meine Station. Wie heimkommen. Ich atme tief, das Grinsen in meinem Gesicht hat sich festgesetzt. Den kurzen Weg zum alten Haus gehen. Alt im doppelten Sinn. Im Treppenhaus der vertraute Geruch. Nirgends riecht es so und nirgends – außer in meiner aktuellen Berner Wohnung – habe ich mich als Bewohnerin längerfristig so wohl gefühlt wie hier. Viele Treppenstufen später falle ich in offene Arme. Küsse da und dort. Wie schön, sich wiederzusehen!

Ach, du auch hier? Wann war das gleich? Letztes Jahr? Vor zwei, vor drei Jahren? Sofort werden da und dort – denn nach und nach treffen alte Kumpels und Freundinnen auf – die alten Fäden aufgenommen und weitergesponnen. Als wäre keine Zeit vergangen. Ist auch nicht. Zeit ist ja eine Illusion, wie wir alle wissen. Und Chronologie ein Hohn. Wir leben auf der Spirale. Darum, so diskutiere ich mich P., können wir unsere Zukunft zuweilen träumen. Will heißen, darum kann wahr sein, was wir zuweilen von unserer Zukunft träumend voraussehen. Was heißt denn da Zukunft? Alles ist jetzt. Zum Glück können wir heute auch ohne die früheren psychedelischen Fahrzeuge Bewusstseinserweiterungen erleben. Ach, was waren das Zeiten! Ich sag nur Fliegenpilze und Psylos … Grass flüstere ich nur ganz leise. Mensch soll Vergangenes ruhen lassen – obwohl, alles ist ja jetzt. Eigentlich.

P. erlebt die Weiten des Bewusstseins in seiner Musik. Oder beim Malen. Ausdruck ist, sage ich, immer eine Bewusstseinserweiterung. Und er erzählt mir von jenem Mann, der luzide träumend um die ganze Welt reisen kann. Und was jener Mann anschließend erzählt, lässt sich sogar verifizieren. Wow, denke ich. Auf diese Weise wäre um die Welt reisen ja ganz günstig. Und einfach. Schade, dass sich in der luziden Traumwelt keine Kameras einsetzen lassen.

Wir stehen irgendwann im Kreis um M.s Laptop. In seinem Büro. Mein früheres Zimmer. Im Kreis um den neuen Götzen warten wir, bis das alte Teil (was? schon achtjährig?) endlich betriebsbereit ist. Internet Explorer, spöttle ich, mit DEM Browser arbeitest du? Aha, darum geht’s so langsam!
Browser? Was is denn das?,
fragt er zurück. Er spielt, wie oft, den Konsumverweigerer und Technikbanausen. Zehn Leute im Kreis um einen kleinen Laptop?
Hey, Leute, sage ich, wisst ihr noch? Früher saßen wir auch im Kreis. Aber im Tipi. Und heute? Wie tief wir doch gesunken sind! Alle prusten.

So wird geblödelt und gelacht. Und diskutiert. Leute gehen, andere kommen und es wird zwischendurch so ruhig, dass ich mir endlich M.s und S.‘ Indienbilder angucken kann. Vom letzten Sommer. Wow. Himalaya! Bilder, die mein Herz schneller schlagen lassen. So viel Schönheit. So viel Klarheit. Dazu die Geschichten. S. erzählt von Aufstellern und Ablöschern. Von Klöstern und von Guesthäusern, von Schmutz und von klarer Luft. Und ganz besonders von jenem Raum mit der fast greifbaren Energie, in dem ein Erleuchteter zwölf Jahre meditiert hat. Ihr Gesicht leuchtet. Die Reise nährt sie noch immer. Was wohl aus jenem Erleuchteten geworden ist?

Irgendwann setzt P. Spaghettiwasser auf. S. macht Cinque Pi.. Wir sitzen und essen und lachen. Wie früher. Freunde sind jene Menschen, die über die gleichen Sachen lachen können, begreife ich. Und die sich über die gleichen Dinge empören. Alle sind wir älter geworden, doch alle sind wir ähnlich älter geworden.

Brottorte und Banana-Split lassen die alten Zeiten noch einmal aufleben. Volle Bäuche. Strahlende Gesichter. Wie wenig es braucht, um sich gut zu fühlen. Irgendwann wird es Zeit zum Aufbruch. Meine Freundin M. und ich fahren mit dem 13er zum HB und genießen dort die gemeinsame kurze Wartezeit. Mitternacht. Mein Zug fährt minutengenau. Illusion namens 00:00.

Zwei Frauen, ältere (älter als ich, meine ich), sitzen im Abteil vis-à-vis. Würde ich nur ihre Stimmen hören, stellte ich mir zwei junge Frauen vor. Doch als unten, vom WC her, unmissverständliche Geräusche erklingen, die in mir latent Brechreiz auslösen (nicht nur, weil ich zu viel Spaghetti und Vanilleeis mit heißer Schokolade intus habe!), kichern die beiden wie Teenies. Also so was habe ich mein ganzes Leben lang noch nie gehört, sagt die eine. Die andere nickt. Ich auch nicht.

Schön für Euch, denke ich. Und: Was für eine kleine Welt, in der ihr beiden wohl leben müsst. Noch mehr Illusionen.

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