Von Zielen und Löchern

Fünf Löcher sollen geflickt werden. Zwei klitzekleine. Ohne Spritze. Die drei anderen sind alle oben rechts. Zwei kleine und ein großes. Unter einer alten Füllung. Die Spritze wirkt schon bald. Höchste Zeit, dass dieses versteckte Loch geflickt wird, sagt Frau R., es ist schon fast beim Nerv. Hoffentlich sind wir noch rechtzeitig. Ich kann nur nicken. Mit dem grünen Gummiding im Mund ist schweigen angesagt.

Es ist mein erklärtes Ziel, diese Behandlung so schmerzlos und unbeschadet wie möglich hinter mich zu bringen.
Und es ist mein Ziel, diesen Stuhl ohne Karies zu verlassen.

Ziele! Schon wieder! Alles was wir tun, verfolgt ein Ziel. Sogar was wir nicht tun, was wir vermeiden, folgt einem Ziel. Auch folgt jeder Gedanke einem Ziel. Stopp! Verwechsle ich jetzt da nicht Ziel mit Richtung, Ziel mit Weg? Das Ziel ist das Ziel, sagt Altmann, der schon oft von mir zitierte Reiseschriftsteller. Der Weg, der das Ziel sei, hält er für einen ziemlich zynischen Spruch. Abgedroschen dazu. Aus der von ihm dargelegten Perspektive muss ich ihm Recht geben. Andere Interpretationen sind allerdings ebenso wahr. Oder genauso falsch.

Das Vorrecht, mich so professionell und technisch ausgeklügelt behandeln lassen zu können, macht mich unerwartet dankbar, stelle ich fest, während ich dem Sirren des Bohrers lausche.

Das Ziel, die Zielstrebigkeit als Kontrast zur Absichtslosigkeit, sinne ich. Doch lässt sich ja auch Absichtslosigkeit zum Ziel erklären. Von buddhistisch gesinnten Mitmenschen zum Beispiel. Meditieren – sich zentrieren, in die Mitte kommen. Auch ein mögliches Ziel. Je länger ich über das Wort Ziel nachdenke, je mehr ich darüber meditiere, desto freundlicher wird es mir, desto mehr verliert es von seinem bisherigen Reizwort-Geschmack. Warum ich irgendwann angefangen habe auf Wörter wie Leistung, Erfolg, Karriere, Zielstrebigkeit und ähnliches allergisch zu werden, habe ich längst vergessen. Vielleicht weil ich sie mit spitzen Ellbogen assoziiere. Auch widerstrebt mir alles, was mit Übervorteilung anderer verwandt ist. Oder sein könnte.

Dennoch freue ich mich natürlich über Gelungenes, freue ich mich, dass ich in den letzten beiden Bürotagen ganz viele ToDos abtragen konnte, freue ich mich, dass die Arbeit zurzeit rund läuft und Spaß macht. Obwohl es aktuell so viel zu tun gibt.

Meine Lehr- und Wanderjahre – ähnlich jenen von Heidi, Johanna Spyris Protagonistin – sind noch lange nicht abgeschlossen. In einer nativen Kultur Nordamerikas – bei den Lakota, wenn ich mich nicht täusche – gilt der Mensch ungefähr ab fünfunddreißig Jahren als erwachsen. Das Umsetzen von Gelerntem geschieht immer wieder. Wir sind immer Lernende. Ich jedenfalls will immer Lernende sein und ich maße mir nicht an, zu behaupten, dass ich bereits fertig bin. Am Ziel. Zumal ich nicht weiß, was dies für mich heißt. Denn haben wir Ziele erst erreicht, verführen sie uns womöglich dazu, uns mit ihnen zufrieden zu geben. Und mit der Weitersuche aufzuhören. Hoppla … vielleicht geht es ja genau darum? Zu finden. Endlich. Vielleicht ist es ja das wichtigste aller Ziele, endlich am Ziel, endlich bei mir, endlich in meiner Mitte anzukommen …

Fertig. Wir haben es geschafft. Sie dürfen spülen!

Was einem auf dem Stuhl einer Zahnärztin, die notabene bei der Arbeit summt, alles so einfällt! Hach, endlich habe ich „meine“ Zahnärztin gefunden. So angenehm habe ich eine so happige Behandlung noch nie erlebt. Wäre da nicht das lahme Gefühl in der Backe, würde ich fast sagen, dass es Spaß gemacht hat.

3 Kommentare zu „Von Zielen und Löchern“

  1. Bin um einiges älter als Du, doch ich habs noch nicht geschafft, diesem reizenden Wort auch nur ein Stückchen seiner Allergene abzumildern.
    Dabei begegnet mir Ziel recht häufig und ich lass mich dann für eine Weile ärgern.
    Danke, mögen Deine Gedanken darum bei mir endlich auf fruchtbaren Boden fallen, wachsen und zu meiner Gefälligkeit gedeihen:-)
    Das Lernen und das Üben hört nie auf. Egal, wie alt man wird.
    Lieben Gruß

  2. liebste sophasophien,

    nein, nein, nicht mit 35, mit 53 sagen die Lakotas sind die Menschen erwachsen- nun ein kleiner Zahlendreher im Kopf, macht ja nichts, weil die Gedanken ja eben in jenem runden Kopf drehen dürfen und sie tun es, auch wenn ich es nicht erlaube … bei mir ist nun 53 fast vorbei und ja, ich bin erwachsen geworden in den letzten Jahren und dann doch wieder nicht, es gibt halt immer noch irgend etwas das erwachsen und was heil werden will, und das ist gut so!

  3. @gabriele: gutes gedeihen wünsch ich dir!
    @moosfrau: hach, dann hab ich ja noch 8 jahre und paar monate zeit! zeit zu kreisen und mich auf den kopf zu stellen, wenn mir danach ist. obwohl, das sollte ja auch drin liegen, wenn wir erwachsen sind. hoff ich doch! 😉

Antworte auf den Kommentar von Sofasophia Antwort abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert