Auf kleinen Rädern

Aus dem Haus bin ich bei Spätsommerwetter. Kaum bei der nahen Post angekommen ist es auf einmal wieder Hochsommer. Sobald die Wolken der Sonne Platz machen, wird es schwül. Nach einem Letzte Dinge-Einkauf vor dem morgigen Flug nach Hamburg hänge ich nun Leckeis essend auf einer Parkbank unweit meiner Wohnung. Halbschatten. Das neue Buch, für die Reise gekauft, lockt.
Eben rollen zwei Jungs, fünf und sechs schätz ich mal, um die Ecke. Der kleinere auf Rollerblades, der größere auf einem Skateboard. Rollen? Na ja, so richtig rollt es noch nicht und schon landet der Kleine auf dem Po. Da nutzen die besten Handschoner nix. Schon will er weinen, besinnt sich aber schnell, dass er ja nicht mit der Mama unterwegs ist, sondern mit einem Kumpel oder großen Bruder. Weinen ist eh nur was für Bubis, das weiß doch jeder. Er dreht sich um und steht auf. Stapft zum nahen Zaun wie unsereins in Skischuhen. Der Große überholt ihn und schon rollen, stapfen und verschwinden sie wieder aus meinem Blickfeld.
Hinfallen, aufstehen. Fehler machen. Dürfen. Weitergehen. Kinder machen es uns vor. Gut, ab und zu eine Träne darf sein, wenn’s denn wirklich irgendwo weh tut und nicht nur um Mitleidfischen geht.
Schon drehen sie ihre zweite Runde um den Häuserblock. Diesmal rollt der Kleine an mir vorbei. Ja, jetzt rollt er bereits. Zwar ringt er noch um Gleichgewicht, balanciert aus, doch nur so findet er heraus, wo seine Mitte ist und lernt, ohne darüber nachzudenken, etwas wichtiges fürs Leben.
Schnitt.
Es ist Abend. Ich backupe Daten, Bilder- und Textordner, vom Rechner auf die externe Festplatte, wie ich es von Zeit zu Zeit mache. Vor dem Urlaub immer. Zur Sicherheit. Damit mein Rechner auch ein paar entspannte Urlaubstage genießen kann.
So sortiert wie heute Abend habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. Ist sicher auch die Vorfreude auf das morgige Wiedersehen mit dem Liebsten. Nach über vierzehn Wochen hat sogar das Packen, das ich sonst nicht wirklich mag, Spaß gemacht. An die kleinen Jungs auf den kleinen Rädern musste ich dabei denken und wie wir Dinge fürs Leben lernen. Und was wirklich zählt. Auch dass es nicht schlimm ist, wenn ich etwas nicht dabei haben sollte – solange es nicht der Akku und das Ladekabel sind, die ich vergessen würde, natürlich nur.
Wie lernen wir, wie finden wir heraus, was wir wollen und was wirklich zählt? Ist es Erfahrung, Konditionierung, Programmierung gar? Glaubenssätze lernen wir durch Wiederholung sagen die PsychologInnen und Verhaltensforschenden. So wie alles. Problematische Glaubenssätze – sagt Hirschhausen (siehe letzter Blogartikel) – lassen sich am besten durch unsern neuen Erkenntnissen entsprechende Glaubenssätze überschreiben. Denn nicht alles, was wir glauben, tut gut. Nicht alles, was wir glauben, ist wahr – obwohl es wirkt. Und nicht alles, was wir glauben, müssen wir bis ans Ende unseres Lebens glauben. Die noch recht neue Wissenschaft der Positiven Psychologie setzt genau da an: es gilt neue Wege des Denkens und im Verhalten zu entdecken.
Ob ich mal wieder Rollerblades fahren sollte?