Tickende Uhren

Die Stoppuhr läuft. Ich habe sie gestartet, nachdem ich mein smartes Telefon, auf der sie wohnt, geweckt habe, denn heute bin ich selbst noch ohne Wecker erwacht. Nun läuft sie und zählt die Sekunden und Minuten, die ich brauche um wach zu werden (ähm …), um Tee zu kochen und derweilen die Rollläden hochzukurbeln (drei Minuten), um kurz meine Blogs zu checken (zehn Minuten), um Yoga zu üben (dreizehn Minuten) und um mich zu duschen (sieben Minuten mit anziehen). Die restlichen siebzehn Minuten der Stunde, die vergeht, bis ich bereit bin, das Haus zu verlassen, versickern irgendwo im Niemandsland. Ungezähmte Zeit, die mir genauso wichtig ist wie die morgendliche Dusche. Nichts ist mir morgens so kostbar wie wilde Zeit. Sinnlose und absichtslose Zeit zum Sein.

Eine Stunde bevor ich das Haus verlasse werde, wird morgen früh also mein Wecker klingeln. Er wird mich zu einer Zeit wecken, zu der ich seit über zwei Jahren noch mindestens zwei Stunden weitergeschlafen habe. Eine Frühaufsteherin war ich nur als Kind. Seit über dreißig Jahren kämpfe ich mit Weckern und frühen Morgenstunden, kämpfe gegen die Windmühlen der Normalität, der Nullachtfünfzehn-Gesellschaft. Obwohl ich ganz viele Menschen kenne, die ebenfalls jeden Morgen nur schlecht aus den Federn kommen, bleibt in dieser Gesellschaft alles beim Alten. Obwohl es sogar Studien gibt, die belegen, dass der durchschnittliche menschliche Körper – ab Pubertätsalter – in den frühen Morgenstunden aus biologischen Gründen nicht wirklich hochtourig laufen kann. Dass er Zeit braucht, bis er warm gelaufen ist. Dass erst so ab halb neun mit effektiven Leistungen zu rechnen ist. Gut zu wissen, aber …

Unsere Gesellschaft ist leistungsorientiert und will immer mehr. Mehr herstellen, erreichen, konsumieren, haben. Der Mensch expandiert, was möglich ist (das Unmögliche bestimmt auch schon bald) und würde am liebsten den Tag verlängern. Nein, ich mag das nicht werten. Wir verdanken unsern Lebensstandard dieser Arbeitsmoral. Und wir verdanken ihn anderen beinahe mittellosen Gesellschaften, die anders funktionieren als wir und deshalb für sehr wenig Geld sehr viel für uns arbeiten müssen. Ganze Gesellschaften, die abhängig von uns sind … Eine neue Art Sklavenhandel.

Ich habe mir in meinem Leben immer Arbeitsstellen gewünscht (und sie auch gehabt), wo meine Arbeit darauf hinzielte, die Welt im kleinen ein wenig lebenswerter zu machen. Meine neue Arbeitsstelle, die ich morgen antreten werde, hat dieses Ziel ebenfalls. Unsere Zielgruppe sind Menschen, die – wie ich bis vor kurzem – langzeit-arbeitslos sind. Mit vom Kanton geförderten Angeboten, bei denen es um den Menschen mit seiner ganzen Persönlichkeit geht, soll ein Weg zurück in die Normalität gefunden werden – was immer sie ist. Dieses Projekt kenne ich durch meine frühere Arbeitsstelle bei diesem Hilfswerk, von damals, als ich in Bern gelebt habe. Immer geht es diesem Hilfswerk um die Integration von Menschen, die irgendwo durch das Netz gefallen sind. Gut und schön. Doch noch schöner wäre es, wenn es die Arbeit von Hilfswerken gar nicht brauchen würde.

Ohne Kriege, keine politischen Flüchtlinge. Ohne Schuldenfallen und ohne Korruption, keine Ausbeutung, keine Armut, keine Armutsflüchtlinge. Ohne … kein … (Nein, ich kann die Welt nicht retten …) Wir alle könn(t)en miteinander viel verändern, viel bewirken. Einzig gegen Tsunamis, Vulkane, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen sind wir machtlos.

Der Gedanke, dass ich eine sinnvolle Arbeit verrichten werde, wird mir morgen früh beim Aufstehen helfen. Hoffe ich. Sinnstiftende Arbeit motiviert.

0 Kommentare zu „Tickende Uhren“

  1. bei mir hilft die freiwilligkeit. manchmal stehe ich um fünfe früh auf, manchmal noch früher, manchmal aber auch erst kurz vor neun. ich möchte, was ich tue, freiwillig tun, dann fällt es mir vergleichsweise leicht. und ja, auch zu diesen „christlichen“ (?) zeiten bin ich voll leistungsfähig. wenn ich arbeiten muss (dauerspät), wird das zwar abends hart, aber geht, irgendwie 🙂 (hoffe, du bist gut aus dem bett gekommen?)

    1. danke ja, bin sogar vor dem wecker wach gewesen, nach sieben stunden schlaf wie ein stein.
      ich kann abends ewig arbeiten, wenn nötig, aber morgen (mit ausnahmen) braucht mein kreislauf lange. ich komme mit dem cortisol und adrenalin nicht gut klar, baue es sehr langsam ab. bin dann immer unter strom.
      als ich mal paar jahre in der behindertenbetreuung/-pflege arbeitete, begannen wir um sieben. da wurde ich allmählich deswegen krank (schlafstörungen). jetzt muss ich so früh zum glück nur wachwerden und zugfahren! im büro komm ich dann (hoffentlich) wach an … 🙂

  2. uiii, jetzt schon? ich dachte du hättest noch einen Monat! Nun denn … da kann ich nur hoffen, dass du gut aus den Federn gekommen bist und dass der Job dich nicht auffrisst!
    Dein Text sagt es … die moderne Form des Sklavenhandels … dafür würde ich dich jetzt gerne umarmen-

    und tue es hiermit ganz virtuell – big hug to you
    and good day, good way
    Ulli – ich brauche übrigens zwei Stunden am Morgen für mich, egal wann ich raus muss oder will … aber ich bin ja auch schon älter, lach

    1. ne, kein monat mehr. vorbei mit freiheit. snieff. ich bin ziemlich geschafft vom ersten tag, besonders von der reise hin und zurück und vom pausenlosen mit-menschen-sein. da muss ich mich erst wieder dran gewöhnen. aber es war schön, so willkommen geheissen zu sein. du brauchst zwei stunden? bräuchte ich eigentlich auch. oder drei. aber früher als 6:15 aufstehen (also regelmässig) geht gar nicht. grmpf.
      danke fürs mitgefühl und die umarmung. tut gut.
      🙂

  3. Ich kann das gut nachfühlen, denn ich bin auch ein so genannter „Morgenmuffel“, obwohl ich nicht muffelig bin, wenn ich früh raus muss, brauche ich aber auch meine Zeit um im Tag anzukommen. Abends dagegen (bzw.nachts) finde ich kein Ende, kann dann auch schon mal freiwillig Nachtschichten durcharbeiten.

    Ich wünsche dir Erfolg und auch Freude bei der neuen Arbeit, denn wenn das dabei zu finden ist relativieren sich die störenden Begleitumstände. 🙂

    Liebe grüße, szintilla

    1. über deinen input mit der freiwilligkeit hab ich heute viel nachgedacht, als ich abends nach halb acht endlich zuhause war. ich muss das zugfahren „neu besetzen“, muss ihm den geschmack des schlimmen nehmen, es als freizeit betrachten. und immerhin muss ich am morgen um diese zeit ja noch nicht arbeiten, sondern kann von a nach b fahren.
      danke! 🙂

  4. „wilde Zeit. Sinnlose und absichtslose Zeit zum Sein.“ Das gefällt mir gut und ich kann es nur unterstreichen, ich brauche morgens auch viel Zeit für mich, bis ich so richtig in die Gänge komme. Kann mir gar nicht mehr vorstellen, dass ich früher jahrelang um sechs aufstehen musste, grrr!
    Dir wünsche ich, Soso, dass du es gut hinbekommst mit den neuen Zeiten und wünsche dir Freude in deinem neuen – und sinnvollen – Job!

    1. ich hoffe auch, dass ich es hinbekomme. ich sehne mich schon jetzt wieder nach meiner freiheit zurück. aber von etwas muss ich ja leben. miete zahlen und so weiter. so kann, insch’allah, mein geschäft ganz organisch nebenher wachsen und eines tages kann ich vielleicht, wie du, davon leben? on verra.
      dankeschön!
      🙂

  5. Du hast ja auch schon mal davon gesprochen, mal in die Nähe des Jobs zu ziehen. Jetzt erst mal einen guten Anfang und nette Mitarbeiter!

    1. die mitarbeiterInnen sind alle sehr feine leute, wie es mir nach einem ersten tag scheint.
      mit umziehen überstürz ich sicher nichts, aber die option besteht schon, falls das mit der stelle klappt (was ich annehme).
      danke!

  6. wünsche dir viel Glück für deine neue Arbeitsstellen und dass es dir jeden Tag Freude macht dorthin zu gehen !
    Ich musste bis vor kurzem jeden Tag 4.30 Uhr aufstehen, um den Tag in Ruhe beginnen zu können und rechtzeitig bei der Arbeit zu sein. Jetzt kann ich immerhin 1 Stunde länger schlafen..das ist doch was 🙂

    habe leider daheim immernoch kein Internet (manche Mühlen mahlen sehr langsam 😉 ) – deswegen bin ich nur wenig im Blog und habe lange nichts mehr schreiben können….
    ..aber irgendwann….

    1. dankedanke, für die guten wünsche. oh, du musst immer noch sooo früh auf!? au weia! da wünsch ich dir einen guten umgang damit!
      und dass du bald wieder online sein kannst!
      herzlich, soso

  7. Ja, viel Glück bei Deiner neuen Arbeitsstelle. Was das Aufstehen betrifft: Die Menschen sind unterschiedlich. Ich stehe gerne früh auf (auch wenn ich es nicht immer schaffe), gehe spät ins Bett und pflege den Mittagsschlaf (sofern es geht, meist geht es). Und wenn ich früh aufstehe und es mir gelingt, sinnvolle Dinge zu tun, wie zu zeichnen, einfach nur Zeitung zu lesen oder sonstwas, was mir gefällt, dann starte ich schön in den Tag und es geht mir gut. Schlafe ich bis 10 und fange dann erst mit irgendwas an, dann habe ich das Gefühl, von nichtvorhandener Zeit abhängig zu sein (was natürlich auch Quatsch ist, aber nichtsdestotrotz ein unleugbares und bestimmendes Gefühl). Vor 112 Jahren hab ich mal ne Ausbildung gemacht und musste um 7 Uhr mit der Arbeit beginnen (und es war grade zu Beginn ausgesprochen dröge), da bin ich dann immer um 5Uhr30 aufgestanden, um alleine in der Küche bei meinem Frühstück zu sitzen und eine halbe Stunde in Ruhe in meinem gerade aktuell zu lesenden Buch zu lesen. Damit hatte ich das Gefühl, meinen Tag nicht verplempert zu haben, egal was da noch an Drögheit noch kommen wollte. Bis denn!

    1. willkommen hier, lieber klaus!
      ich gestehe, dass ich jene leute beneide, die am morgen locker aufstehen.
      während meiner ausbildungen vor 113 jahren war das aufstehen schon eine qual. ich brauche drum sehr viel schlaf, werde schnell aufgekratzt, wenn das nicht klappt.
      ich hoffe nun, dass ich mit der kombination 50%-stelle und selbständig eine gute balance finde mit arbeit, kohle und ruhe.
      das undefinierbare gefühl, zeit zu verplempern habe ich meinerseits eher, wenn ich früh aufstehen muss und mir die zeit nicht zum schlafen zur verfügung steht … 😉

  8. Liebe Soso, ich werde morgen in Gedanken fest bei dir sein! Spätestens wenn ich aufstehe, was etwas später sein wird als bei dir, denn ich habe diese Woche noch Urlaub. Auf jeden Fall wünsche ich dir viel Glück mit allem, was jetzt auf dich zukommt. Es ist ein tolles Projekt, und du bist die Richtige dafür.

    Viel Erfolg!!!

    1. liebe anhora, dieses morgen war gestern 🙂 – aber morgen geht es weiter und deine gedanken freuen mich natürlich auch dann.
      genieß die englischen tage!
      herzlich, soso

  9. Wer lesen kann, ist im Vorteil! Ich wunderte mich noch, dass du mitten in der Woche anfängst mit dem neuen Job, die Datumsanzeige deiner Beiträge ist irgendwie so „andersrum“ und ich hab nicht richtig hingesehen. Ich hoffe, du hast den Anfang positiv erlebt und dass es eine interessante Stelle ist für dich!

  10. Du brauchst ein iPad, um die Zugzeit zu nutzen! Oder ein gutes Buch. Ich steh normalerweise auch um 6h auf, damit ich mittags früher heim kann, falls nachmittags Übersetzungen zu machen sind. Man gewöhnt sich daran. Viel Freude bei der Arbeit wünsch ich dir jedenfalls. Die erste Woche hast du ja fast schon geschafft!

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