Am Anfang war die Liste

Und die Liste war bei mir. Und die Liste war ich. Und auf ihr steht alles, was ich tun will. Soll. Muss. Darf. Die Sache mit der Anwendung irgendwelcher Prioritäten vergesse ich immer. Eigentlich zählt für mich, beim Abtragen von Listen, fast nur das eine Kriterium: die Zeit. Obwohl. Wenn ich es mir so überlege. Wieso lasse ich mich eigentlich von Deadlines, diesen Todesgrenzen, so viel Stress machen? Was meinte noch der Liebste heute Morgen am Telefon? Man sollte sich auf die Dinge konzentrieren, die man tun will. Stimmt ja. Aber. Zwei Herzen in jeder Brust.

Was meinte doch gestern der Stadtführer, den wir für unsern Personalanlass gebucht hatten und der uns höchst Spannendes über die mittelalterlichen Bräuche „unserer“ Stadt erzählte? Erst mit der Einführung von Kutschen seien serpentinenartige Straßen zur Bewältigung der Steigung gebaut wurden. Davor, zu Fuß und zu Pferd, wurden die Steigungen sozusagen auf dem kürzesten und somit steilsten Weg genommen. Was mit dem Aufkommen von Kutschen aber nicht mehr so einfach war, und vor allem sehr unbequem. Was ich sagen will? Unzufriedenheit macht kreativ. Alles, was uns das Leben heute erleichtert, wurde erschaffen, weil jemand über bessere, bequemere Abläufe und Lösungen nachdachte. Nenns Evolution.

Vorgestern, im Büro, habe ich die Batterie unserer Wanduhr gewechselt, weil mich der Blick auf die Uhr jedes Mal irritierte (und ich erschrocken feststellte, wie oft ich auf die Uhr schaue). Stehengeblieben zeigte sie immer Viertel nach drei. Zwar hatte sie eine Minute pro Tag recht (und eine des Nachts), doch das genügte mir nicht. Kaum hatte ich auf der Rückseite der Uhr die neue Batterie eingelegt, suchte ich nach dem berühmten Zahnrädchen, um sie zu richten (nein, nicht ver- und auch nicht beurteilen wollte ich sie, auch nicht hinrichten, einfach nur die richtige Zeit – was immer sie ist – einstellen). Vergeblich suchte ich die ganze Uhr ab, als ich auf einmal feststellte, dass der Sekundenzeiger, schneller als ihm von den ErfinderInnen der Zeit, zugedacht war, losrannte. Auch Minuten- und Stundenzeiger gaben alles und nach drei Tagen ungefähr (so lange hat die Uhr wohl geruht) hatten sie genug und zeigten endlich jene Zeit an, die iPhone und Rechner als die Richtige definierten – während im richtigen Leben nur ein paar Minuten vergangen waren. Könnte ich das doch auch, vor allem, wenn ich zu viel um die Ohren habe: einfach vorwärtsspulen. Die Dinge würden natürlich schon erledigt, keine Angst, doch sie wären viel schneller Vergangenheit. Alles Unangenehme könnte – schwupps – vorwärtsgetimt werden.

Wie wir gestern Nacht, noch zu acht, nach dem Personalanlass auf der Treppe vor dem Pfadiheim stehend Grappa und Tabak zusprechen – so viele Nichtmehrrauchende, die hin und wieder rauchen, wie gestern habe ich schon lange nicht mehr erlebt –, begreife ich: Es sind die Ausnahmen, die in aller Regel die Regeln des Lebens aufmischen. Die angenehmen vor allem.

Viel später, im Bett, überlege ich, ob ich noch ein Kapitel Buch lesen mag. Will. Soll. Ich entscheide mich dagegen. Denke, schon fast eingeschlafen, dass ich hoffentlich eines Tages zwischen zwei Büchern sterben werde. Oder zumindest am Ende eines Kapitels. Bloß nicht mitten im Wort. Und bitte erst, wenn die Liste …

Seltsame Träume. Was sagte Kollegin A. neulich über Büroklammern, als wir über die Wohlstandsgesellschaft philosophierten? Dass alle sich im Umlauf befindlichen Büroklammern auf der ganzen Welt für alle reichen würden. Für immer und ewig. Eigentlich. Nur sind sie nicht immer am richtigen Ort und darum werden stets neue produziert.
Gute Nachricht an alle BüroklammerfabrikantInnen dieser Welt – oder schlechte: es braucht euch nicht mehr! Träume ich. Wars der Grappa?

Vom Mittelalter, das unsere Stadtführung dominiert hat, purzeln meine Gedanken auf einmal ins letzte Jahrhundert. Und geografisch nordwärts. Ich liege eine Weile wach. Bilder tauchen auf, die wir am letzten Sonntag im Petrihaus Zweibrücken, dem heutigen Stadtmuseum und früheren Wohnhaus, gesehen haben. Noch so eine spannende Führung, die wir da erleben durften. Am meisten beeindruckt haben mich jedoch die Erzählungen über der Himmelbergsstollen. Ein vergessener Stollen (eine geheime Stadt unter der Stadt), der im zweiten Weltkrieg, als fast ganz Zweibrücken einer Bombardierung zum Opfer gefallen und großflächig zerstört worden war, einen großen Teil der nicht evakuierten Bevölkerung gerettet hatte.
Wo waren dein Papa und deine Großeltern damals?, raunte ich dem Liebsten zu. Dass sein Papa aufs Land gebracht worden war, flüsterte er zurück, über die Großeltern wisse er nichts Genaues. Was wäre, wenn?

Ob ich angesichts des Todes auch noch Listen schreiben würde. Um nichts für drüben zu vergessen. Und ob ein Leben hier und jetzt ohne Listen einfacher wäre?

(Jetzt muss ich aber in die Bibliothek, das Buch zurückbringen, sonst …)

0 Gedanken zu „Am Anfang war die Liste“

  1. Listen sind gut um den Überblick zu behalten und nichts aus den Augen zu verlieren, dennoch arbeite ich sie nach dem Lustprinzip ab, es sei denn sie beinhalten Punkte, der bei Nichtabarbeitung zu echten Katastrophen führen würde. Für all diesen „Kram“ wäre ein Zeitraffer eine wirklich tolle Idee, den wünsche ich mir auch. Alles MUSS ganz schnell erledigen können, um dann ganz viel Zeit für die schönen Dinge zu haben, das wäre wirklich gut.

    Das BGE wäre auch eine tolle Sache, es würde vieles entspannen, vieles entzerren und jede Menge Kreativität und Innovation freisetzen. Jedenfalls
    denke ich mir das so. Ob das Wunschtraum bleibt oder Wirklichkeit wird, da werden wir uns überraschen lassen müssen, angeblich wird es bei allen Parteien inzwischen diskutiert. Bis dahin bleibt alles wie es ist, wir schreiben Listen und wünschen uns Zeitraffer. 🙂

    Liebe Grüße ins Wochenende, Szintilla

    1. in der schweiz läuft fürs bedingungslose grundeinkommen eine volksinitiative, die bei genug stimmen zur volksabstimmung führen wird! hoffe, wir werden es schaffen.
      danke für deine zeilen und auch dir ein tolles wochenende
      herzlich soso

    1. entspannen? leider ist meine liste dafür noch zu lang. aber die dinge, die nun noch drauf stehen, sind dinge, die ich mag. die muss-dinge sind fast alle abgehakt. 🙂
      auch dir ein schönes wochenende
      herzlich, soso

  2. Aha!!! Also doch „meine“ Stadt! 😉 Das heisst „meine“ Stadt ist eben noch ein bisschen mehr die Hauptstadt, wo ich aufgewachsen bin und heute ganz in der Nähe eines Deiner Lieblingsrestaurants arbeite. Wenn ich zurück bin aus Griechenland, wo ich mich auf zwei Wochen Jorgos Canacakis freue, lade ich Dich mal zum Zmittag ein! Aber jetzt muss ich mir diese Zeit auch erst noch verdienen und merkwürdigerweise werden die Listen immer länger… :-O Sehr viel muss…

    1. also „unsere“ stadt meint: da wo die meisten von uns arbeiten. gefühlsmässig ist die hauptstadt auch mehr „meine“ stadt. doch „unsere“ stadt ist eben auch sehr hübsch und hat sich uns vorgestern von ihrer schönsten seite gezeigt.
      mit jorgos habe ich einst ein ausgesprochen intensives seminar erlebt. vor bald zehn jahren.

      mittagessen in bu? ja gerne. melde dich einfach, wenn du willst. nicht musst.
      🙂

  3. Liebe Soso,
    mir gefällt sehr was Du hier schreibst, und wie Du es beschreibst. Und mit den Listen geht es mir recht ähnlich wie szintilla.
    Und das noch: Das bedingungslose Grundeinkommen wäre auch für Deutschland aus meiner Sicht die richtige Lösung. Aber wir sind leider unglaublich viel weiter von der Umsetzung entfernt.

    Danke liebe Soso, Euch ein schönes Wochenende,
    liebe Grüße auch von dm, mb

    1. danke für dein kompliment, liebe mb. mich freuts, wenn mein geschreibsel „ankommt“ und verstanden wird.
      ich hoffe, dass wir menschen es eines tages schaffen, der arbeit eine ihr angemessene stellung zu geben. die aktuelle ist meines erachtens überhöht.

      auch dir und dieter ein tolles, erholsames restweekend und liebe grüsse, soso

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