Ein bisschen dreckiger …

Meistens stelle ich hier Bücher vor, die ich mag. Weil ich sie mag. Wenn das, was mir gefällt, überwiegt, hat ein Buch Chancen, in meinem Blog vorgestellt zu werden. Als Vielleserin (bei durchschnittlich zwei Büchern pro Woche) kann ich allerdings nicht jedes Buch vorstellen, sorry. Was ich auch nicht kann, ist ein Buch ohne kritischen Blick zu lesen. Nein, ein Buch muss nicht perfekt sein, um mir zu gefallen, doch es muss mich überzeugen. Ich muss dem Autor, der Autorin die Geschichte glauben, denn auch fiktive Geschichten müssen wahr sein. Inhaltlich konstruiert wirkende und allzu perfekt gestrickte Geschichten sind mir suspekt. Wie zum Beispiel jene von Hanns-Josef Ortheils Das Verlangen nach Liebe.

Meine nachfolgende Kritik erhebt nicht den Anspruch, eine klassische Literaturkritik zu sein, eher ist es eine inhaltliche Annäherung. Oder Auseinandersetzung. Ein Verriss gar?

Kurz und gut: Ich nehme dem Autor diese Geschichte nicht ab. Schon beim Lesen fragte ich mich ernsthaft, ob der Schriftsteller je eine Liebesbeziehung hatte. Eine längere, meine ich. Keine Ahnung. Ich werde nachher mal im Internet forschen, denn – zugegeben – viel weiß ich nicht über Ortheil. Ja, ich gestehe es, mich stört die Idealisierung der Liebe, wie sie vom Ich-Erzähler Johannes und somit natürlich vom Autor selbst impliziert wird. Nicht, dass Liebe nicht idealisiert werden darf, das nicht. Ich mag romantische Gedichte sehr, zum Beispiel, oder auch Momentaufnahmen glückseligen Liebesausdrucks in Textform. Dennoch nehme ich Ortheil diese Geschichte nicht ab. Die Figuren sind zu ideal, die Umstände sind zu ideal, die Zufälle sind zu ideal und die Dialoge sowieso.

Am meisten aber stolpere ich über etwas anderes: über die subtile Botschaft, die den roten Faden dieses Buches bildet. Ich unterstelle Ortheil, mit seiner Geschichte implizieren zu wollen, man könne nur einmal lieben, einmal eine große Liebe leben, sich nur einmal einem andern Menschen von ganzem Herzen hingeben oder zumindest, dass das das Ideal sei (meine Assoziation mit Freuds Theorie, die Frau könne nur auf eine Art einen richtigen Orgasmus erleben, ist so abwegig wohl gar nicht).

Der Plot? Judith, die erfolgreiche Kunsthistorikerin und Kuratorin und Johannes, der berühmte Konzertpianist sind aus beruflichen Gründen in Zürich und begegnen sich dort zufällig. Nach achtzehn Jahren Funkstille, die ihrem Beziehungsbruch nach acht Jahren gemeinsamen Lebens gefolgt war. Beider Liebe zueinander erwacht sofort wieder, war nie vergangen und eine behutsame Annäherung beginnt. Die beiden führen höchst wunderbare Gespräche über ihre Kunstprojekte und  tauchen vor allem tief in ihre gemeinsame Vergangenheit ein. Ein großes „Weißt du noch?“ beginnt und spricht von wunderbaren acht Beziehungsjahren, die abrupt endeten, als Johannes, früher von einer Konzertreise zurückgekehrt, Judith in flagranti bei einem einmaligen Liebesabenteuer mit einem finnischen Arbeitskollegen erwischt. Klischeehafter könnte der Bruch nicht sein, dachte ich, aber nun gut. Krank vor Kummer wendet Johannes sich ganz und gar von Judith ab und geht auf ihre Versöhnungsversuche in keiner Weise ein. Er widmet sich nur noch seinem Pianospiel und wird somit auch immer besser. Seine Agentin Tanja sorgt dafür, dass er ein disziplinierter Künstler wird, der für seine Kunst lebt und nur hin und wieder – mal mit ihr, mal mit andern Frauen – ein wenig sexuelle Zerstreuung erlebt. Johannes ist kein unglücklicher Mensch, das nicht, doch die Sehnsucht nach Judith, die er vergessen geglaubt hatte, bricht beim Wiedersehen geradezu aus ihm heraus. Er verliert kurz den Boden unter den Füßen, doch letztendlich wird nun sein Spiel noch besser und die wunderbaren Gespräche mit Judith inspirieren ihn zu neuen Konzertideen. Auch Judith wird von der neuen alten Liebe überwältigt und kann sich ein Leben ohne ihn nicht mehr vorstellen. Sie lässt sich unmitterlbar für die aktuelle Ausstellung von seinen Ideen inspirieren. Dass es am Rand der Geschichte auch zwischen Anna, Judiths Assistentin und Johannes knistert und natürlich immer wieder neu zwischen Johannes und Tanja … na ja, für mich ist das ein bisschen zu viel des Guten. Ein eitler Ich-Erzähler, denke ich, der es genießt, von attraktiven Frauen bewundert zu werden … Wer kann es ihm verargen?

Die wunderbare und wunderbar erzählte Geschichte endet natürlich mit einem wunderbaren Happyend und ich muss gestehen, dass ich Geschichten lieber mag, die ein bisschen dreckiger sind. Echter, glaubwürdiger.

Bis zur Stelle, wo die Agentin Tanja, die im Internet Judiths Liebensleben recherchiert und dabei auf mindestens drei Männer (sooo viele?!) in Judiths Biografie gestoßen ist, Johannes mit ihrem Wissen konfrontiert, ertrug ich das Buch ziemlich gut. Doch ab dort schluckte ich immer mal wieder leer. Judith, das Flittchen? Johannes erschütterten die neuen Informationen und so ließ er Judith keine Ruhe, bis er alles über ihre Männer wusste, was er zu wissen müssen glaubte. Dass die drei Beziehungen in den letzten achtzehn Jahren eher Zweck- als wirkliche Liebesbeziehungen gewesen seien und dass sie sich nie wieder in einen andern Mann verliebt habe, sagt sie Johannes schließlich sehr deutlich. Okay. So soll es denn sein. Dennoch. Ich glaube diese Geschichte nicht. Zwar kenne ich auch einige Paare, die schon ewig und einen Tag zusammen sind, doch die waren eben in dieser Zeit immer zusammen, nie getrennt, schon gar nicht achtzehn Jahre. Wenn man jedoch so viele Jahre eigene Wege geht, wie kann es dann sein, dass man niemandem begegnet, der das Herz nicht ein wenig schneller schlagen lässt?

Kurz und gut: Ich kann mir nicht vorstellen, dass man – bei einer solchen Biografie – nur einmal geliebt hat. Man kann mehrere Menschen lieben, mehrere Partner, mehrere Partnerinnen. Ich weiß es, denn ich habe es erlebt. Und alle meine Lieben waren wahr und echt. Jede Liebe war wie eine erste Liebe. Non, je ne regrette rien …

Jede Liebe ist anders, hat andere Grundfarben, hat andere Formen, andere Dimensionen, ist unvergleichlich, gleicht somit nur sich selbst und ist ohne Vorbild.

Und noch nie in meinem früheren Leben habe ich so geliebt wie jetzt, wie heute, weder mit diesen Ressourcen noch mit diesen Gedanken. So ist für mich jede Liebe eine erste Liebe. Eine ewige Liebe. Die aktuelle Liebe sowieso.

Natürlich gibt es auch Gutes zu sagen über dieses Buch: Ortheil erzählt toll. Ich mag seine philosophischen Exkurse, seine Beschreibungen von Menschen, Orten, Stimmungen, ich bin begeistert von seiner Beobachtungsgabe und seiner Wortwahl. Weil ich Zürich kenne, dort selbst gelebt habe, bin ich ihm wie selbstverständlich durch die vertrauten Straßen gefolgt. An den See. Der Limmat entlang. Durchs Niederdorf …

Wer glückliche Liebesgeschichten mag, soll dieses Buch unbedingt lesen. Denn eins ist es wirklich: sehr schön.

0 Gedanken zu „Ein bisschen dreckiger …“

  1. Ich mag deine Besprechung sehr, vor allen Dingen auch deine eigenen Anmerkungen rund um die Lektüre. Ich glaube, das Ortheil ein schwieriger Autor ist. Ich habe bisher nur „Das Kind, das nicht fragte“ von ihm gelesen, das auch zwiespältige Gefühle in mir hinterlassen hat. Aufgeben möchte ich meine literarische Beziehung zu Ortheil aber noch nicht, als nächstes versuche ich mich an „Die Erfindung des Lebens“. 🙂

    1. ich habe sonst auch nur das Kind, das nicht fragte gelesen. das hat mir gut gefallen, wenn auch jetzt im nachhinein eine art parallele auftaucht. und eine ambivalenz. ich werde wohl zu einem späteren zeitpunkt wieder von ihm lesen, aber jetzt mal ortheil-pause machen. dein kompliment ehrt mich sehr. danke!

  2. Liebe Soso,
    vielen Dank für Deine Besprechung hier, die die unterschiedlichsten Gefühle und Gedanken in mir ausgelöst hat. Zum einen schätze ich Ortheil als einen Autor, von dem ich bereits einige, mich sehr ansprechende Romane gelesen habe. Dieses hier habe ich mir vor einigen Jahren im Antiquariat gekauft, froh, einen mir noch gänzlich unbekannten Ortheil günstig erstanden zu haben. Das Buch habe ich nach wenigen Seiten weggelegt. Ich fühlte mich beim Lesen von dieser unfassbaren Liebe und Begegnung erschlagen, mich umklammerte ein Gefühl des Versagens, nicht so wunderbarst lieben zu können wie das der Ich-Erzähler von sich glaubt. Ich habe das Buch nicht weitergelesen.
    Eine Weile dachte ich, dass Ortheil Johannes von etwas erzählen lässt, dass er selbst allzu kritisch findet.
    Herzlichen Dank, liebe Soso auch für diesen Artikel, ich freue mich auf weitere Besprechungen von Dir,
    liebe Grüße, mb

    1. hey, dass es dir ähnlich ging, finde ich grad sehr spannend und beruhigend. ich dachte beim lesen ständig, ich sei im falschen film. du machst mir jedenfalls mut, doch noch andere bücher von ortheil zu lesen. welches könntest du mir zur „traumaauflösung“ 😉 denn empfehlen?
      danke fürs feine feedback!

  3. 😉
    Mein erstes Buch von ihm war „Agenten“. Mir hat es sehr gut gefallen, daher las ich später dann auch „Die geheimen Stunden der Nacht“ und „Im Licht der Lagune“. Auch „Venedig“ hat mir gut gefallen. Über „Jean Paul“ hat er eine Biographie geschrieben.
    Aber: das Leben kann auch wunderbar sein, ohne diese Bücher gelesen zu haben … 😉
    Nicht, dass das Trauma noch verstärkt wird ..
    Liebe Grüße!

    1. Okay, also Trauma war ja augenzwinkernd gemeint … Ich schreib die Bücher in meine Liste (im Phone) und wenn ich mal dem einen oder andern über den Weg laufe, werde ich es nicht von der Bettkante stossen. Danke herzlichst für die Tipps!!!

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