Zuhausegefühle, aber in schwedisch | #kursnord

Ljusdal ist größer als wir dachten, stellen wir fest, als wir gestern Morgen die Stadt wieder verlassen. Am Abend hatten wir noch überlegt, zwei Nächte zu bleiben, doch die Landstraße Nummer 84, die nah am Zeltplatz entlangführt, ist doch recht laut. Nicht unbedingt nachts, aber morgens ging es früh los. Zuerst jedoch galt es, endlich unser Minigolfturnier weiterzuführen. 

Vor drei Jahren hatten wir nämlich damit angefangen. Seither gilt: Keine Reise ohne Minigolf. Daheim spielen wir das ja nie, es hat also diesen herrlichen Geruch von Ferien an sich, dieses Spiel. 

Tagesformabhängig gewinne mal ich, mal gewinnt er. Gestern war er dran. Ich scheiterte vor allem an der letzten Bahn. Eine metallene Rampe, an deren Ende ein ballverschlingender Schlitz zu treffen war. Fast möchte ich das als Gleichnis für meine Angst vor finalen Schritten sehen.

Weiter Richtung Süd und Richtung West also. Über Landstraßen, über Schotterpisten. Die über dreihundert Kilometer, die auf einer Autobahn vielleicht in drei bis vier Stunden zu fahren wären, dauerten bei uns einen ganzen Nachmittag. 

Mit vielen Pausen. Fotopausen. Pinkelpausen. Einkaufpausen. Tankpausen. Und ja, gestern sogar mit einer längeren Badepause. Denn die Sonne knallte doch ziemlich aufs Autodach. Draußen waren es angenehme fünfundzwanzig Grad, plusminus, und wir fuhren inzwischen durch das Land der Seen – kaum hörte einer auf, fängt der nächste an –, der Wälder, der falunroten Gehöfte, die wie hingetupft in der löwenzahngelbgrünen Landschaft standen. Immer wieder mal Hinweisschilder zu Badeplätzen … und da: auf einmal tauchte der Richtige auf. Man merkt sowas. Ich wendete und fuhr ein paar Meter zurück. 

Herrlicher See, gemütlicher Platz. Wir allein. Zeit für ein Nickerchen. Wir haben schon eine Weile gedöst, als ein zweiter Wagen parkt und eine Familie aussteigt. Zuerst reden die Kinder laut, dann flüstern sie. Oh, sie haben gesehen, dass wir schlafen. Wie rücksichtsvoll!

Eine junge Oma, eine junge Mutter und zwei Kinder. Das Mädchen vielleicht elfjährig, der Junge vielleicht sechs oder sieben. Sie steuern sofort auf den Steg zu und setzen sich in Kleidern drauf. 

Mist, lache ich, grad wo ich ins Wasser wollte. (Ich bin da ja ein bisschen eigen und gehemmt, was meine Kaltwasserangst betrifft und brauche oft ganz lange, bis ich es wage, loszuschwimmen.) Wenn die es schaffen, dann schaffen wir es auch, sagen wir zueinander, und so ziehe ich mich um. Die sehen ja schließlich ganz nett aus und so. Auf einmal verlassen sie den Steg, gehen zur Umkleide und ich nutze die Gunst der Stunde und wate ins Wasser. Kühl, es ist kühl. Nicht kalt. Nein, einfach nur erfrischend kühl. Ein bisschen unter meiner Wohlfühlgrenze, ein bisschen über meiner Schmerzgrenze. Dennoch, es lockt. Gerade als ich das Wasser wieder zu verlassen entschieden habe, ist ja doch recht kalt!, kommt das Mädchen schrittweise über den Sandstrand ins Wasser. In ihrer Unterhose. Sie verhält sich ähnlich zögerlich wie ich. Wir grinsen uns verschwörerisch zu. Sie wagt es auch nicht. Inzwischen ist der Liebste erwacht und beschließt ebenfalls, sich umzuziehen.

Gemeinsam gehen wir ins Wasser, zögerliche Schritte der Angewöhnung. Nicht mehr draußen, noch nicht richtig drin, doch jetzt fühlt es sich nicht mehr so kalt an wie das erste Mal. Und auf einmal bin ich drin und es ist wunderbar und herrlich und erfrischend und ich möchte am liebsten nie mehr da raus.

Tue es aber natürlich irgendwann doch. Das Mädchen schaut uns staunend und ein bisschen neidisch zu, wie wir unsere Badegenussgefühle herausjubeln. Sie hat es noch immer nicht weiter als bis zu den Oberschenkeln geschafft.

Als wir uns an die Sonne, auf unsere Tücher, legen, schafft sie es. Ich bin richtig stolz auf sie, applaudiere ihr zu und sage zu Irgendlink: Vielleicht hat sie ja, wie wir, einen Deal gemacht: Wenn die es schaffen, gehe ich auch hinein. So machen wir doch alle irgendwie unser Tun von jenem der anderen abhängig. Na ja, nicht immer, aber manchmal. Oft unbewusst.

Schließlich fahren wir weiter und landen in vertrauten Orten. Falun, wo wir vor drei Jahren, als Irgendlink ans Kap geradelt war, ein Ferienhäuschen gemietet hatten. Später Ludvika, wo wir damals auf dem Weg von Örebro, unserem Treffpunkt damals, gezeltet hatten. Und auf einmal sind wir mitten in einer netzlosen Pampa und wollen doch einfach nur unseren Lieblingszeltplatz auf jener Reise von Örebro nach Falun, Uskavigården, wiederfinden. Einzig das GPS Kit weist uns in kartenlos die ungefähre Richtung, denn auf der Straßenkarte ist der Camping nicht verzeichnet. Doch plötzlich haben wir wieder Netz und auf einmal ist alles wieder vertraut. (Hier schrieb ich damals.

Dort haben wir eingekauft, weißt du noch?, schwatzen wir, und dort bin ich in den Bus gestiegen.

Und dann sind wir da. Unsere riesige Zeltwiese ist komplett frei. Nur ein paar andere Camper sind außer uns noch auf dem Gelände. Und da ist der See. Ähnlich warm wie der Badesee unterwegs. 

Warm ist es, als wir um zwanzig Uhr das Zelt aufbauen. Und die Nacht ist fast lau und am Morgen knallt uns die Sonne aus dem Zelt und jetzt, wo ich da sitze, liebäugle ich bereits mit einem erfrischenden Bad. Später. Erstmal frühstücken. Und Minigolf – die Revanche.

Vielleicht gegen Abend dann weiter nach Örebro, wo die Kunst lockt und das Spaßbad und der Campingplatz, an welchem wir mit Ray, unserm schottischen Freund, damals zusammensaßen. Mal schauen. Auch noch eine Nacht hierbleiben, läge drin.

Ach, und eigentlich wollte ich ja noch über uns Menschen und unsere Bedürfnisse, Schwächen und (Un-)Zulänglichkeiten schreiben, über die echten und über die uns von außen aufgenötigten und darüber, dass letzlich alle menschgemachte Infrastrukturen – Toiletten, Einkaufstempel, Krankenhäusere etc. – auf die einen aufgebaut sind (was ich okay finde), aber aus den anderen, den künstlich erzeugten – Sicherheits- und Jugendwahn zum Beispiel –, Profit schlagen.

Aber ach, die Schönheit dieses Augenblicks hier am See, am Tisch, inmitten all des Grüns, Wildgänsekrächzen im Hintergrund, macht. mich so gegenwärtig und die Versuchung, alles Mühsame einfach auszublenden, ist  unwiderstehlich.

Erstmal Tee trinken.

Tagesbildercollage