Das Vergehen der Tage

Elf Tage dreht sich die Welt jetzt schon ohne dich, lieber Freund, so, wie sie das schon immer getan hat. Sie hat noch nie angehalten, wenn jemand gestorben ist, wie könnte sie auch? Müsste sie nicht dauerhaft anhalten, da doch immer irgendwo jemand stirbt; und müsste sie dann nicht ständig hüpfen, wenn jemand geboren wird?

Immer stirbt irgendwo jemand. Junge Menschen und ältere. Gesunde und kranke, mit und ohne Schmerzen, plötzlich oder langsam, ohne oder mit Abschied; und mit oder ohne geliebte Menschen in der Nähe. Einsame Menschen sterben ebenso wie Menschen, die viele Lieblingsmenschen haben.

Und immer schlüpft irgendwo jemand hinaus in die Welt. Kleine Menschen, die sehnlichst erwartet werden und solche, die niemand geplant hat. Als ließe sich das Leben planen. Arm und reich, gesund und krank, mit oder ohne Haare, kleine Menschen mit beschädigten Herzen. Geboren werde sie alle, und alle sind sie darauf angewiesen, dass sich jemand um sie kümmert, damit sie nicht verkümmern.

Wir müssten immerfort weinen und lachen, trauern und uns freuen, Abschiede und Anfänge feiern.

Statt dessen lassen wir die Tage werden und vergehen; und füllen sie mit Dingen, von denen wir glauben, dass sie getan werden müssen oder dass wir sie tun sollten und mit solchen, die wir tun wollen. Und das ist gut so.

Als du auf der Intensivstation lagst, vom Hals an abwärts gelähmt, begann meine Uhr anders zu ticken.

Du hast mir einen neuen Blick auf Leben und Sterben ermöglicht. Einen neuen Blick auf Leid und Schmerz auch. Auf Freundschaft und Verbindlichkeit, auf letzte Bitten und auf Dankbarkeit. Und natürlich auch, auf das was bleibt. Auf Materie, die jemand hinterlässt und auf jene Dinge, die unsterblich sind.

Nein, ich glaube nicht mehr an ein Danach, aber ich glaube an Verbindungen, an Erinnerungen, und ich glaube an Freundschaft.

Ich glaube an das Leben. Auch wenn es vielleicht nur dem Tod abgetrotzte Zeit ist.
Ich danke dir, lieber Freund.