Abgehakt

Fünfe grad sein lassen? Leider nicht. Der Sigrist der Kirche von L. konnte es nicht lassen, auf der Tafel, die die Nummern der Lieder anzeigt, die falsch aufgehängte Fünf umzudrehen. Dabei war es gerade sie gewesen, die mir Mut zur Unvollkommenheit zugeblinzelt hatte.

Vor dem heute endlich stattfindenden literarischen Gottesdienst – StammBlogLesende wissen wie sehr ich im Vorfeld daraufhin gelitten und mich über meine Zusage nachträglich geärgert habe – trafen Pfarrer H. und ich uns nochmals zum definitiven Soundcheck mit dem Mikrofon. Noch einmal las ich meine Texte und noch einmal musste ich mir von ihm sagen lassen, dass ich undeutlich lese, dass ich die Endsilben verschlucke undundund. Doch diesmal nahm ich es mit mehr Humor als bei der Leseprobe vor einigen Wochen. Was hatte ich denn wirklich zu verlieren?

J., der zu meiner moralischen Unterstützung mitgekommen war, war genau dies. Seine Anwesenheit half mir, mein mentales Gleichgewicht zu bewahren und mich dem Strom, den ich vor ein paar Monaten bejaht hatte, hinzugeben. Noch am Morgen hatte ich zu ihm gesagt: Ich gehe einfach nicht hin! Im Brustton halbherziger Überzeugung allerdings nur.

Und nun saß ich also da, auf meinem Platz in der hintersten Reihe, von wo aus ich einen ersten lyrischen Text vortragen sollte um nachher in der vordersten Reihe Platz zu nehmen. Saß und nahm das Dröhnen meines Herzschlags wahr. Hörte die Kirchenglocken verhallen. Ließ mich vom Eingangsspiel auf dem Flügel einlullen und vergaß dabei beinahe, dass ich nicht in einem Konzertsaal war. Und dass ich jetzt dran war. Jetzt.

Irgendwie geht alles gut. Das Lesen macht sogar irgendwie Spaß, ich gestehe es. J. nickt mir ermutigend zu, als ich wieder meinen Platz neben ihm einnehme und wir bringen Predigt, Lieder und das ganze Brimborium hinter uns. Im anschließenden Apéro, bei Zopf, Käse und anderen Leckereien, lasse ich mich auf das eine oder andere ermutigende Gespräch ein und erfahre dabei, dass meine zweiteilige Geschichte offensichtlich den einen und anderen Menschen berührt hat. Und gehört wurde. Und verstanden.

Riesiger Felsblock, der mir vom Herzen fiel. Große Erleichterung. Und auf einmal große Müdigkeit. Und ich kann endlich wieder tief durchatmen.

4 Kommentare zu „Abgehakt“

  1. boooaah, super. immer was wunderbares, wenn die innere schweinehündin berta (oder wie deine heißt) überwunden wurde. wie wenn eine kaktusdame ihre stacheln eingefahren hätte:-)
    beifall!
    gruß von sonia

  2. Toll, meine Liebe, gratuliere. Das war erst der Auftakt. (…).
    Wann, wenn nicht in uns höchst forderndem „Setting“, werden wir mehr gefördert?
    Es ist schön, dass du gehört wirst. Und verstanden wirst. Botschaften zu Leuten bringst, die sonst nicht von dir berührt werden könnten.
    An der Stelle: gibts diesen Text hier zu lesen?

    Mit Herzgruss, Rébecca

  3. hey sophasopie, bin auch erleichtert für dich dass du es hinter dich gebracht hast und freue mich mit dir über die schönen feedbacks! habe mitgelitten:) und? findest du, es hat sich gelohnt? hast du denn sinn entdeckt?;)
    liebe grüsse
    die, die den mut für eine lesung noch sucht und sich übrigens gerade seeehr eingehend überlegt, am novemberschreiben teilzunehmen;) (danke übrigens für den hinweis!)

  4. @wildgans
    meine hat noch keinen namen. oder alle? kakteenstacheln? hm, ja, das kommt irgendwie hin!

    @rébecca
    was du mir da eingebrockt hast, gäu?! na, ja, saat gut, alles gut hiess ja das thema! und nun gilt ernte gut, alles gut? we’ll see!
    den text hier reinstellen? hm. könnt ich eigentlich …

    @aramatique
    ja, mach doch beim nov.schreiben mit! verlieren kannst du nix! und von wegen lesung … *mutmach* wenn ich ehrlich bin, haben alle meine bisherigen lesungen eigentlich schon spass gemacht. wenn nur die blanken nerven jeweils nicht wären! aber wir sind ja hier, um erfahrungen zu sammeln. irgendwie. unter anderem!

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