getroffen

Es ist Herbst. Sie schießen wieder. Männer! Männer und Motoren! Männer, Motoren und Straßen. Kann das gut gehen?  … in solchen Klischees zu baden, meine ich natürlich … 😉

Nichts böses ahnend, radle ich meine Straße entlang. Richtung Büro. Der erste Schuss trifft mich am Unterschenkel. Gleich darauf einer am rechten Knie. Hey, Mann, pass doch auf!, sage ich. Hören tut er mich nicht. Er trägt Ohrenschützer und ist sich der Gefahr, in der seine Mitwelt schwebt, höchstens am Rand bewusst. Er fräst in Gedanken versunken weiter, ungeachtet der spitzen Steine, die er aufwirbelt. Die Motorsense, mit der er den Grasstreifen zwischen Straße und Radweg bearbeitet, zwischen den Beinen. Potenz der etwas anderen Art. Eben so doof, diese Erfindung, wie der Laubbläser. Als ob es effizienter wäre, mit Luft Laub zu stapeln, als mit einem Laubrechen. Beppo, Momos Straßenkehrer, kommt mir in den Sinn. Schritt – Atemzug – Besenstrich. Und auf einmal ist die ganze lange Straße gekehrt.

Geihts no?, frage ich. Nicht den mähenden Mann von der Straße, nein, doch die Männer, die in solchen Dingen das Sagen haben. Denn das müssen Männer sein. Geihts no? Da reden alle von Klimaerwärmung und C02-Senkung, doch unter dem Strich tun sie nicht. Tun wir nichts. Null Komma gar nichts, wie meine Arbeitskollegin M. bei jeder unpassenden Gelegenheit sagt. Dabei wäre es a.) gesünder, b.) klimaverträglicher, c.) ungefährlicher und d.) lärmfreier, wenn die Männer vom Straßendienst statt Motorsensen richtige Sensen gebrauchen würden. Und, wo wir dabei sind, auch gleich richtige Laubrechen statt den Bläsern. Und natürlich würden wir alle mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren!

Geihts no? – Auch so ein Ausdruck, der zum Grundwortschatz potentieller Bernheimsuchender gehört. Und auch ‚geihts no?‘ ist – wie äuä – multifunktionell. Siehe gestern. Es heißt sowohl ‚Spinnst du?‘ als auch ‚Danke! Was für eine schöne Überraschung! Damit hätte ich nicht gerechnet!‘ Die eigentliche Bedeutung lässt sich nur am Klang heraushören. Und am Glitzern der Augen.

Ja, ja, Bern und seine sprachliche Besonderheiten!

Ach, und übrigens … Hier gibt es ihn noch, den Majestatis Pluralis, den der Rest der Welt als ausgestorben betrachtet! Chöitr mr säge, wo‘s düregeiht zum Bahnhof?, fragt jemand einen ortskundigen Menschen, wenn er sich verirrt hat. Nicht ‚können Sie mir …?‘, sondern ‚könnt ihr mir …?‘. Niemand sagt hier Sie. Höfliche Anrede gleich Ihr.

Dennoch … ich mag natürlich auch viele andere Dialekte. Büündnerdütsch zum Beispiel. Oder wolliserdütsch, obwohl ich davon höchstens die Hälfte verstehe und bei ‚schi chuunt ai‘ an englisch denken muss, obwohl das bloß bedeutet, dass sie auch kommt. Lozärnerdütsch mag ich ebenfalls mit seinen rüdig-derben Ausdrücken.

Mit baaseldiitsch und den Ostschweizer Dialekten habe ich wenig am Hut, obwohl ich ganz liebe Freundinnen und Freunde, die so sprechen, habe.

Doch auch bayrisch gefällt mir, denn so spricht Luisa. Dann mag ich auch schwäbisch. Pfälzisch. Hamburgisch. Berlinerisch. Hach, diese Vielfalt! Gut hinhören, mit dem Herzen! … und auf einmal wird jede Sprache zur Offenbarung. Und zur Übung in Toleranz.

Na ja, Toleranz hin oder her: Wäre es denn nicht einfach schöner, die Berner Straßenkehrer hätten richtige Sensen und Laubrechen?

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EDIT: Eben als ich vorhin auf Veröffentlichen geklickt habe, ging draußen der Lärm los. Na? Was wohl? Das Gärtnerteam bläst Laub! *grmpf*